100. Montagsdemo am Frankfurter Flughafen

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Es ist ja schon irre, wenn man sich das so überlegt: Seit zweieinhalb Jahren finden nun am Frankfurter Flughafen Demonstrationen gegen die neue Nordwestlandebahn statt, und zwar jeden Montag. Das Terminal 1 wird dann für eine Stunde zwischen 18.00 Uhr und 19.00 Uhr zur Protestbahn, danach ist der Spuk wieder vorbei, kehrt das Terminal 1 wieder zur Normalität zurück, zu Reisenden mit Koffern und Routine am Flughafenschalter. Aber bringen die permanenten Demos denn überhaupt etwas? Mainz& hat nachgefragt.

Flugzeuge! Treiben den Michel in den Wahnsinn - Foto: gik

Flugzeuge! Treiben den Michel in den Wahnsinn – Foto: gik

„Wir werden mit unserem Motivwagen vom Rosenmontagszug dabei sein“, sagt Jochen Schraut, Vorsitzender der Bürgerinitiative gegen Fluglärm Mainz, und zählt auf, was die Demonstrationen gebracht haben: „Wir haben etliche Messstationen auf den Weg gebracht und etliche Gesundheitsstudien“, sagt Schraut, und auch das Nachtflugverbot zwischen 23.00 Uhr und 5.00 Uhr morgens würde es ohne die Proteste nicht geben.

Forderung: Neue Landebahn schließen

Natürlich aber reicht das den Protestierenden nicht, sei fordern eine Ausweitung des Nachtflugverbots auf 22.oo Uhr bis 6.00 Uhr morgens. Und sie wollen einen Lärmdeckel bei den Flügen in Frankfurt, einen Stopp der Planungen des Terminals 3. Die Hauptforderung aber lautet immer wieder: Die Nordwestlandebahn muss geschlossen werden.

Seit dem 21. Oktober 2011 hat sich das Leben in der Rhein-Main-Region geändert, und zwar völlig. An jenem Oktobertag wurde die neue Nordwestbahn am Frankfurter Flughafen eingeweiht, sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kam zur Eröffnung – und schwebte im Flieger ein. Die neue Bahn, sie ist der Sündenfall der Politik in Hessen. Viele hier in der Region haben noch deutlich das Versprechen der damaligen hessischen Landesregierung in den Ohren, nach der Startbahn West werde es keinen weiteren Ausbau des Frankfurter Flughafens mehr geben.

Mit Wut gegen den Lärmteppich

Seit dem 21. Oktober 2011 ist deshalb die Wut in der Region groß. Buchstäblich über Nacht wurden Gebiete in der Region mit einem Lärmteppich überzogen, der es in sich hat. In Flörsheim, Raunheim  und Hochheim gibt es nun bei Ostwind keine ruhige Minute mehr – und das gilt auch für die Mainzer Oberstadt. Hatten bislang Hechtsheim, Laubenheim und Weisenau unter dem Fluglärm gestöhnt, wurden nun auch die Mainzer Oberstadt, Bretzenheim, Marienborn, ja sogar die Altstadt und Teile der Neustadt mit Fluglärm zu kämpfen.

Überblick 99. Montagsdemo - Foto gik

Und sie demonstrieren und demonstrieren – hier zum 99. Mal – Foto: gik

Und auf einmal standen die Bürger auf, als wäre ein Schalter umgelegt worden. Nur wenige Tage nach Eröffnung der Landebahn fand in Mainz eine große Fluglärm-Demo statt, und die hatte Folgen. „Die Montagsdemos sind eigentlich da erfunden worden“, sagt Thomas Scheffler, Sprecher des Bündnisses der Bürgerinitiativen gegen den Fluglärm.

Vorbilder Leipzig und Stuttgart

Als Vorbild dienten natürlich die Leipziger Montagsdemos in der damaligen DDR, die den Fall der Mauer zur Folge hatten. Aber auch die Demonstrationen in Stuttgart gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 spielten eine Rolle.

Die Politik habe „erkannt, dass sich der Bürger nicht mehr einfach abspeisen lässt“, sagt Schraut stolz. Kurz nach der großen Demo in Mainz begannen die Montagsdemos am Flughafen – und das Besondere dabei: Sie halten bis heute an. An jedem einzelnen Montag seit Herbst 2011 packen die Protestierenden Plakate und Spruchbänder, steigen in Autos oder S-Bahnen, und bringen im Terminal 1 ihre Wut zum Ausdruck.

Mit Trillerpfeifen und Tröten gegen den Lärm

Es sind immer mehrere Hundert, meist sogar 1.000 Protestierende oder mehr. Sie versammeln sich in der Abflughalle, jemand hält eine Rede, dann zieht der Protestzug mit Tröten und Trillerpfeifen eine Runde im Terminal. Nur in den Schulferien setzen die Demonstrationen aus, dann aber hält eine Mahnwache die Stellung. An diesem Montag, den 19. Mai, findet das Spektakel zum 100. Mal statt – da kann Mainz& nur sagen: Respekt!

Wie hält man das durch? „Ich werde mit jedem Flugzeug, das über uns fliegt, daran erinnert“, sagt Schraut. Und wie er beschreiben auch Hunderte anderer das immer gleiche, nervende Szenario: Flieger, die in 250, 300 Metern Höhe – in Mainz 800 Meter Höhe – übers Haus donnern, Gärten, die nicht mehr zu benutzen sind, Kinder, die morgens um 5.00 Uhr weinend am Bett der Eltern stehen.

„Nach drei Tagen Lärm sind wir alle gereizt“

Kinderarzt Steffen Fischer mit Medizin - Foto Kirschstein
Kinderarzt Steffen Fischer mit „Medizin“ gegen Fluglärm – Foto: gik

Nach drei Tagen Fluglärm „sind wir alle in der Familie so richtig angespannt und gereizt“, erzählt Steffen Fischer, Kinderarzt in Hochheim und Bewohner der Mainzer Oberstadt. Im Terminal 1 demonstriert er im weißem Arztkittel und mit Traubenzucker als „Medizin“. „Ich suche gerade einen Zweitwohnsitz für die Ostwind-Tage“, erzählt er: „Der Lärm zermürbt.“ Seine Frau sei von dem Fluglärm so richtig krank geworden , „als das Unheil über uns herein brach“. Und dass es doch „eine Ironie“ sei, dass er als Arzt selbst durch fehlende Erholung krank werde. „Ich soll doch“, sagt Fischer, „dafür sorgen, dass die Leute nicht krank werden.“ In der Tat.

Zu einem markanten Kopf der Fluglärm-Proteste ist auch ein anderer Arzt geworden: Thomas Münzel, Kardiologe an der Mainzer Uniklinik, wird nicht müde, über die Flieger genau über der Uniklinik zu wettern. Es sei doch ein Unding, dass er unten Menschen behandele, die einen Herzinfarkt oder andere Stress-Krankheiten hätten – und übers Haus dröhnen derweil Flieger, die gerade wieder Stress verursachen.

Studien gegen Fluglärm

Und Münzel schimpft nicht nur, er handelt: Der Arzt hat bereits mehrere Studien darüber gemacht, wie Fluglärm auf den Menschen wirkt – und dass sich der Mensch an diesen Lärm eben nicht gewöhnt. Die Mainzer Uniklinik macht Münzel gerade zu einem Forschungszentrum in Sachen Lärm, und er hat erreicht, dass auf dem Dach der Uniklinik eine eigenen Fluglärm-Messstation eingerichtet wird.

Ja, es hat sich einiges getan durch die Proteste: Als die Politik merkte, dass die Proteste gegen die Landebahn eben nicht abebben würden, brachte sie Lärmschutzmaßnahmen auf den Weg. Zu wenige, sicher, aber doch wenigstens etwas. „Wir werden jetzt von der Politik einbezogen“, sagt Schraut: „Das ist ein großer Erfolg.“

Hochprofessionelle BIs

2.000 Mitglieder hat die Mainzer Bürgerinitiative inzwischen. Es gibt eine hoch professionelle Homepage, der Leser kann Lärm-Karten einsehen, sich Factsheets herunterladen und bekommt Anleitung für Fluglärmbeschwerden – samt Direktnummer zur kostenfreien Beschwerde-Hotline der Fraport. Experten in Sachen Lärm sind die Mitglieder der BI geworden, das Thema hat auch ihre Leben verändert: „Es ist eine wichtige Aufgabe geworden, da etwas zu erreichen“, sagt Schraut.

Plakat 100 Montagsdemo - Foto gik

Plakat 100 Montagsdemo – Foto gik

Am Montag wird es nun den großen Aufmarsch geben. Mehrere Tausend Menschen werden wohl kommen, eine ganze Reihe von Politikern haben sich angekündigt: Vertreter von SPD, Grünen und Linken aus Hessen, der Frankfurter OB Peter Feldmann und der Mainzer OB Michael Ebling (beide SPD). Auch die rheinland-pfälzische Umweltministerin Ulrike Höfken  (Grüne) will kommen.

Wird Tarek Al-Wazir ausgepfiffen?

Besonders spannend dürfte der Auftritt von Hessens neuem Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) werden: Wird Al-Wazir ausgepfiffen, werden ihn die Fluglärm-Gegner als Verräter sehen? Die versprochenen siebenstündigen Lärmpausen werden von vielen der Protestierenden als Feigenblatt gesehen. Der Lärm werde nur verschoben, kritisieren sie.

Doch immerhin: mit dem Grünen Al-Wazir ist auch ein neuer Ton ins hessische Verkehrsministerium eingezogen: Erstmals stehen Wirtschaftsfaktor Flughafen und Verlärmung der Region auf einer Stufe, als gleichberechtigte Seiten der selben Medaille. Und selbst Fraport-Stefan Schulte betonte vergangenen Freitag:  „Wir verstehen sehr wohl, dass der Flugbetrieb für viele auch eine hohe Last bedeutet. Wir müssen beide Seiten dieser Medaille im Blick behalten.“ Und dass nicht die Demos ihn ärgerten, sondern „dass wir nicht in der Lage sind“, schneller Lärm mindernde Maßnahmen umzusetzen. Hört, hört.

Offizielle Messstation der Fraport in Mainz

Eine Aktion unterstrich die Worte der Fraports-Chefs: Vergangenen Donnerstag wurde eine Fluglärm-Messstation in Mainz eingerichtet, und zwar eine offizielle der Fraport. Nun fließen erstmals auch Mainzer Daten in die offiziellen Messergebnisse der Fraport ein – das war lange überfällig. Damit gestehe die Fraport endlich ein, dass es auch in Mainz Fluglärm gebe, sagte Stadtsprecher Ralf Peterhanwahr gegenüber Mainz&: „Bisher hörte der Lärm für die Fraport ja am Rhein auf.“

Fazit: Es hat sich viel getan in der vergangenen zweieinhalb Jahren. Sicher nicht genug, aber liebe Demonstranten: Ohne Euch wäre gar nichts geschehen. Wie lange sie noch weiter demonstrieren werden? „So lange, bis unsere Forderungen erfüllt sind“, sagt Schraut. Und Dietrich Elsner, Vorreiter der Lärmmessungen, betont: „Wir haben Ausdauer, und noch mehr Ausdauer.“

Info& auf Mainz&: Die 100. Montagsdemo findet am 19. Mai ab 18.00 Uhr am Frankfurter Flughafen im Terminal 1 statt. Mehr Infos in Sachen Fluglärm findet Ihr bei der Initiative gegen Fluglärm Mainz und bei Lebenswertes Mainz.

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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