@1914tweets: Tweets aus dem Ersten Weltkrieg (€)

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Der erste Weltkrieg ist in diesen Tagen in aller Munde, genau 100 Jahre ist es her, dass das erste große Morden begann, weltumspannend und unter Einsatz modernster Technologie. 1914 zogen die jungen Soldaten noch voller Freude (!) in den Krieg, die „ehrenvolle“ Aufgabe vor Augen, das Vaterland zu verteidigen. Das käme heute niemandem mehr in den Sinn, möchte man sagen – und doch tun junge Salafisten, Anhänger der radikalen Islambewegung, genau das in diesen Tagen. Das Thema Krieg, es ist so aktuell, wie lange nicht mehr, erschreckenderweise. Und das zeigt: Man darf niemals nachlassen mit der Erinnerung und dem Gedenken – zur Abschreckung.

Eine ungewöhnliche Art und Weise, die Stimmung von 1914 und damit die Gründe für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges nachzuvollziehen, bietet sich ausgerechnet auf Twitter. Ja, der Kurznachrichtendienst ist längst viel mehr als ein Ort, anderen Leuten vom Morgenkaffee zu erzählen 😉

Twitter ist heute der Dienst, über den sich Nachrichten am schnellsten und am weitesten verbreiten, und einer macht sich das für die Geschichtsaufklärung zunutze: Dirk Baranek, Online-Journalist und Spezialist für Soziale Medien aus Stuttgart. Im Januar startete Baranek den Twitter-Account @1914tweets und twittert seither Meldungen, als wäre es 1914, nicht 2014… Mainz&-Gründerin Gisela Kirschstein hat Baranek im Juni interviewt und empfiehlt: Folgen!

„Paris. Sensation im Parlament. Seit einem Tag amtierendes rechtsliberales Kabinett Ribot verliert mit 306 zu 262 Stimmen heikle Abstimmung.“ Es ist der 12. Juni 1914, und in Frankreich wackelt die Regierung. In wenigen Wochen, am 28. Juli 1914, wird Österreich-Ungarn Serbien den Krieg erklären, und damit eine Kettenreaktion auslösen, die zu einer der schlimmsten Zäsuren der Menschheitsgeschichte führte: dem Ersten Weltkrieg. 17 Millionen Menschen werden am Ende tot, die Dimensionen des Krieges völlig verändert sein.

Screenshot 1914 Tweets im August 2014 - Foto: gik

Screenshot 1914 Tweets im August 2014 – Foto: gik

Alexandre Ribot, erst am 9. Juni zum Präsident des Ministerrats gewählt, „verlässt nach Abstimmungsniederlage sofort die Kammer, um über weitere Schritte zu beraten. Demission wahrscheinlich“, berichtet der nächste Tweet. Und zuvor hatte Ribot betont, die Finanzsituation sei „verheerend, es muss gehandelt werden.“ Eine intakte Militärstruktur sei notwendig „für ein militärisches Gleichgewicht in Europa.“

Die Tweets auf dem Kurznachrichtendienst Twitter lesen sich, als wäre es nicht 1914, sondern 2014, und das ist gewollt: „Ich tue so, als würde ich 1914 twittern“, sagt Dirk Baranek, Online-Journalist und Spezialist für Soziale Medien aus Stuttgart. Seit Anfang des Jahres twittert der Journalist die Ereignisse des Jahres 1914 in täglicher Abfolge, 1.870 Tweets hatte er bis Mitte Juni schon veröffentlicht.

Projekt gegen Verlust des historischen Bewusstseins

„Es gibt eine a-historische Betrachtung der Gegenwart ohne zu verstehen, woher Entwicklungen eigentlich kommen“, sagt Baranek im Interview mit der FNP. Er versuche, „den Leuten ein historisches Rucksäckle mitzugeben, dass sie einordnen können, was da passiert“, sagt der Schwabe. Baranek wollte aber auch eine neue Art der historischen Vermittlung, die gleichzeitig „fundiert, kompetent, professionell“ sein sollte. Und weil Baranek seit vielen Jahren ein Twitter-Vorreiter ist, startete er das Projekt „1914Tweets“.

Screenshot 1914Tweets Schlagzeilen aus 1914 - Foto: gik

Schlagzeilen aus dem Jahr 1914 in moderner Form – Foto: gik

Seither widmet der 55-Jährige jeden Tag ein bis zwei Stunden dem Geschichtsprojekt, die Wochenenden nicht mitgerechnet. Baranek ist studierter Historiker, das Hintergrundwissen hat er, eine Stange neuer Fachliteratur hat er gelesen. Seine Tweets entwickelt er mit Hilfe von digitalisiertem Archivmaterial, bis zu 30 historische Zeitungsausgaben wertet Baranek aus, aus Frankreich, Spanien, Österreich, Deutschland und den USA.

Schlagzeilen aus jenen Tagen 1914

„Meine Tweets sind eigentlich die Schlagzeilen, die in jenen Tagen die Presse beherrschten“, sagt Baranek. Aus den Zeitungsberichten macht Baranek eine Meldung einen Tag früher, getwittert wird die zu dem Zeitpunkt, an dem das Ereignis vor genau 100 Jahren geschah. „Ich breche das zum Teil auf die Minute herunter“, sagt Baranek. Die Tweets funktionierten, weil Twitter eine emotionale Bindung auslöse: „Das ist jetzt, wie ich hier im Bus sitze, vor 100 Jahren tatsächlich passiert.“

2.387 Twitterer folgen derzeit dem Account @1914Tweets, Baranek nennt das eine große Verantwortung. Einen falschen Tweet habe es noch nicht gegeben, sagt Baranek, das Projekt habe aber durchaus kontroverse Diskussionen in der Fachszene ausgelöst. Historisches in heutige Sprache gefasst und in nur 140 Zeichen transportiert – darf man das? Baranek zuckt mit den Schultern. „Es ist ein Versuch“, sagt er.

Fotos 1914tweets Franzosen und Marneschlacht - Foto: gik

Im August ist @1914tweets bei der Marneschlacht angekommen, Fotos und Grafik inklusive – Foto: gik

Twitter: Newsmaker, Geschichtsarchiv

Twitter entwickele sich ja eher zu einer weiteren Kulturform von Nachrichten, sagt Baranek, die berühmten Ich-trinke-jetzt-einen-Kaffee-Tweets seien meist nur ein Vorurteil. „Das mit dem Kurznachrichtendienst, das stimmt schon“, sagt Baranek. Per Twitter könne heute aber auch jeder zum Newsmaker werden: „Jeder hat das Potenzial, Weltgeschichte zu schreiben.“

Oder sie nachzuvollziehen. Kämpfe in Mexiko, Demonstrationen in den USA, Frauenrechtlerinnen in England – Baranek lässt seine Follower auch nachvollziehen, was die Menschen im Jahr 1914 bewegte. Das unglaubliche Ausmaß des Militarismus in der Gesellschaft wolle er transportieren, und die Klassenkämpfe jener Zeit: „Es macht unglaublichen Spaß, da im Zeug zu wühlen und das in Tweets zu packen“, sagt er. Das habe „einen gewissen Suchtfaktor.“

Erschreckend aktuelle Parallelen zu heute

Und so entsteht aus den vielen Kurznachrichten allmählich ein Mosaik einer Zeit, die so anders erscheint als unsere heute, und doch auch wieder nicht: „Berliner Tageblatt beschwert sich heute über dreisten #contenklau der Kollegen vom Dortmunder General-Anzeiger“, twitterte Baranek am 6. Juni, 1914 wohlgemerkt.

Im Juli startet @1914Tweets in die heiße Phase, die Julikrise, das Attentat in Sarajewo, die Kriegserklärung, und der Einmarsch der Deutschen erst in Luxemburg, nach in Belgien, alles dies wird Baranek nachvollziehbar machen. „Es gibt dann auch Tweets morgens um 5.00 Uhr, wenn die Deutschen die Grenze überschreiten“, sagt er. Moderne Technik macht auch das möglich. „Jetzt“, sagt Baranek, „geht’s ja eigentlich erst richtig los.“

Nachtrag: Am 8. September 2014 hatte @1914tweets mehr als 5.400 Follower. Veröeffentlicht wurden inzwischen mehr als 3.700 Tweets sowie 619 Fotos und Videos. Gerade widmet sich der Account der Marneschlacht zwischen Deutschen und Franzosen. Vor 9 Stunden lautete ein Tweet: „Zum 1. Mal in der Geschichte wird ein Flugzeug im Verlauf eines Luftkampfs von einem anderen zum Absturz gebracht.“

Am 7. September schreibt @1914tweets: „Im Hospital in Garms schreibt Georg Trakl Mitte OKT das Gedicht ‚Grodek‘.“ Trakl ist ein österreichischer Schriftsteller des Expressionismus, der bei der Schlacht von Grodek als Militärapotheker in dem Lazarett arbeitete, das später – wo Wikipedia – als eine der „Todesgruben von Galizien“ bezeichnet wurde. Trakl verkraftete das Grauen nicht – am3. November 1914 starb er an einer Überdosis Kokain an Herzstillstand. Mitte Oktober schrieb er folgendes Gedicht:

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen Und blauen Seen, darüber die Sonne #grodek #trakl (1/7)

Düster hinrollt; umfängt die Nacht Sterbende Krieger, die wilde Klage Ihrer zerbrochenen Münder. #grodek #trakl (2)

Doch stille sammelt im Weidengrund Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt, Das vergossne Blut sich, mondne Kühle; #grodek #trakl (3)

Alle Straßen münden in schwarze Verwesung. Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen #grodek #trakl (4)

Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain, Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter; #grodek #trakl (5)

Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes. O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre, #grodek #trakl (6)

Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz, Die ungebornen Enkel. #grodek #trakl (7/7)

Manuskript des Gedichtes „Grodek“ von Georg Trakl. pic.twitter.com/205LuKRTss

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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