Ausstellung zum Architektursommer erhitzt Gemüter

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Sie hat schon für heftige Diskussionen geführt, die Ausstellung zum Architektursommer 2015 mit ihren Plänen zur Maaraue. Jetzt ist die Ausstellung in der Ortsverwaltung für Mainz-Kastel und Mainz-Kostheim zu sehen, und bei der Eröffnung gingen auch gleich die Emotionen hoch. „Arroganz“, „von oben herab“ – den Architekten schlug eine Menge Unmut entgegen. Allerdings hatten sich die eine Dame und zwei Herren über die brisante Situation vor Ort ganz offensichtlich nicht erkundigt….

Architekten vor den Plänen für die Maaraue - Foto: gik

Die drei vom Architektursommer: Peter Bitsch, Stefanie Austmeyer und Vorsitzender Achim Hupfauf – Foto: gik

Der Architektursommer Rhein-Main entstand nach eigenen Angaben „auf Initiative freier Architekten, Kulturschaffender und der Politik“, er will Debatten über Architektur, Freiraumgestaltung und Stadtentwicklung anstoßen und deren Aspekte „in vielfältigen Veranstaltungen zum Thema Baukultur beleuchten, diskutieren und hinterfragen.“

Ideen für eine regionale Identität

Der Architektursommer Rhein-Main sei aber „mehr als nur eine Veranstaltung zum Thema Architektur und Städtebau“, vielmehr sei er ein „internationales und kulturelles Netzwerk verschiedenster Akteure zu betrachten, die sich für nachhaltigen Städtebau und Gebäudeplanung einsetzen.“ Und es gehe dabei auch um die Entwicklung der jeweiligen Stadt, um das Bild der Region und die Entwicklung einer regionalen Identität. Könnt Ihr alles nachlesen auf der Internetseite zum Architektursommer 2014.

2011 fand zum ersten Mal ein gemeinsamer Architektursommer der Städte Darmstadt, Frankfurt, Offenbach und Wiesbaden statt. Ziel damals: „Städteübergreifende Kooperationen auf kulturellem Gebiet zu intensivieren, regionale Architektur- und Städtebauprojekte zu reflektieren.“ Jetzt wisst Ihr Bescheid 😉

Urbane Visionen für eine „Region im Fluss“

Sky Brücke für die Maaraue - Foto: gik

Eine Sky Brücke für die Maaraue soll es 2015 geben – Foto: gik

Was aber für Aufregung gesorgt und regelrecht Misstrauen gesät hat ist, dass der Architektursommer im Jahr 2014 ausgerechnet zum Thema „Region im Fluss“ einen Workshop veranstaltete. Und der widmete sich – Ihr habt es ja bereits bei Mainz& gelesen – ausgerechnet der Entwicklung „urbaner Visionen“ im Angesicht von „städtischem Brachland und vergessener Orte“ – so kam dann die Maaraue zu dem Label als „unentwickelte Brache“, was bekanntlich für Gelächter und Protest sorgte.

Denn natürlich geht es bei all dem – Ihr ahnt es schon – um die Lesselallee, jene Allee mit 74 mehr als einhundert Jahre alte Kastanien, die Ordnungsdezernent Oliver Franz (CDU) und sein Ordnungsdezernat unbedingt fällen wollen. Und weil der offizielle Grund für die Fällung – ein Befall der Allee mit dem Wurzelpilz Phytophtora – immer lauter und von immer mehr Experten infrage gestellt wird, hat längst die Suche nach dem „wahren“ Grund begonnen. Kein Wunder.

Wer keine Antwort auf eine einfache Frage nach dem Warum gibt, muss sich nicht wundern, wenn nach Antworten dort gesucht wird, wo es am Schmutzigsten wird: beim Geld. Denn ob Ihr es glaubt oder nicht: Mainz& hat am Mittwochabend noch mal die Frage nach dem „Warum“ des Fällens gestellt – und schon wieder keine Antwort bekommen. Einfach gar keine. Und das macht einfach unglaublich misstrauisch, erst Recht eine Journalistin mit sehr ausgeprägtem Gespür für Ungereimtheiten 😉

Ufo, Sterne-Restaurant, Flussberg

Aber zurück zum Architektursommer und seinen Visionen für die Maaraue, bei denen eben auch ein Bebauung – vorkam. Mainz& hat sich nämlich die Pläne mal angeschaut, und siehe da: eine Bebauung der Maaraue ist da eigentlich gar nicht vorgesehen, sieht man mal von dem einen Ufo-artigen kreisrunden Gebilde ab, das ja schon Schlagzeilen machte.

Vorschlag Maaraue mit Restaurant - Foto: gik

Maaraue mit Sterne-Restaurant – Foto: gik

Insgesamt haben sich vier renommierte Architekturbüros Gedanken zur Maaraue gemacht, ein Brainstorming in Architektenform sozusagen. Da räumt eines der Büros die Maaraue einfach nur mal ein bisschen auf, ergänzt ein „Sterne-Restaurant“ und einen Landschaftspark – fertig. Ein anderes Büro setzt in seiner Spielerei einen Flussberg auf die Maaraue, ein kegelförmiges Gebilde, begrünt, mit einer Treppe hinauf zu einer Aussichtsplattform in der Mitte. Thema: Sich vom Hochwasser umspülen lassen. Ah ja.

„Es geht um Baukultur, nicht um bauliche Maßnahmen“

Ihr merkt schon: die Ideen sind nicht wirklich konkrete Baupläne, und vor diesem Hintergrund  wird es dann auch glaubhaft, dass Architekt Peter Bitsch am Mittwochabend betonte, es gehe doch „um Baukultur, nicht um bauliche Maßnahmen“, und es gehe auch gar nicht um die Maaraue, sondern um „Kulturtransfer“ und „Visionen“. Letzteres war natürlich völlig missverständlich, ging es doch bei den Visionen ganz konkret um die Maaraue – aus Laiensicht. Da waren wir dann bei dem Punkt, wo die Emotionen hochgingen, weil sich die Kostheimer – aus ihrer Sicht völlig zu Recht – auf den Arm genommen fühlten.

Doch Bitsch erklärte Mainz& später, Ziel der Arbeiten sei vielmehr gewesen, Verbindungen zwischen den Polen Offenbach und Wiesbaden in der Region zu schaffen, die Region als Ganzes zu stärken und neue Potenziale sichtbar zu machen. „Wir wollten uns neue Felder suchen“, ergänzte seine Kollegin Stefanie Austmeyer. Und Achim Hupfauf, Architekt und Vorsitzender des Kultursommer-Vereins Wiesbaden, erläuterte salopp, es sei doch wirklich unspannend, Visionen für die fertige Wilhelmstraße in Wiesbaden zu entwickeln – ein freier Raum wie die Maaraue sei da doch ungleich spannender.

„Maaraue? Das waren wir selbst“

Double Helix Maaraue - Foto: gik

Vorschlag Doppel-Helix-Struktur – Foto: gik

Dass sich der Architektursommer völlig zufällig dem Thema Leben am Fluss widmet, können wir zwar immer noch nicht recht glauben, allerdings liegt das Thema ja nun wirklich in der Bauluft – Mainz bebaut ja nun gerade nach dem Winterhafen auch den Zollhafen, und auch in anderen Städten boomt das Thema Leben am Wasser. Die Architekten betonten jedoch steif und fest und wiederholt, das mit der Maaraue hätten sie sich selbst ausgedacht, „das waren wir selbst“, wie Bitsch es formulierte.

Dazu passen in der Tat die Architekten-Visionen: Ein Büro sieht da die Rhein-Main-Region als „“Archipelago“ mit lauter „Inseln“, die wie an einer Perlenschnur aufgereiht sind. Ein berühmter Stadtarchitekt spielt mit der Figur der Doppel-Helix-Struktur unser aller Zell-DNA und entwirft Überschwemmungsbuchten, die sich mit Wirtschaftsbuchten entlang des Mains abwechseln – auch auf der Maaraue, wo das irgendwie gar nicht logisch erscheint.

Vorschläge zum Umgang mit Hochwasser

Das Thema Hochwasser werde ein wichtiges Thema der kommenden Jahrzehnte sein, sagte Bitsch, und musste dazu nur aus dem Fenster auf die sintflutartigen Regenfälle deuten – in der Tat. Und es sei eben auch Aufgabe der Architektur, sich über solche Entwicklungen schon einmal Gedanken zu machen und Ideen für den Umgang damit zu entwickeln.

Ganz im luftleeren Raum sind allerdings auch die Entwürfe nicht. „Wir würden gerne das eine oder andere 2015 realisieren“, sagte Austmeyer. Einen Flussberg auf der Maaraue zu realisieren wäre super, oder vielleicht die Sichelartige Brücke, die wie ein Skywalk über den Rhein ragen könnte. Das könne man auch provisorisch mit einem Gerüst bauen, „lieber noch würden wir das als permanente Struktur haben“, verriet sie.

Schwimmernder Ponton und Fähre für die Maaraue

Schwimmponton für die Maaraue - Foto: gik

Ein Schwimm-Ponton für die Maaraue 2015 – Foto: gik

Und auch zwei andere Ideen würden die Planer gerne für 2015 umsetzen: Ein Plantschbecken auf einem Ponton im Rhein, und eine Fährverbindung zwischen Mainz und der Maaraue. Den langjährigeren Mainzern unter uns fällt da natürlich gleich das legendäre „Schiffscheböötsche“ ein, das in der Tat mal Mainz mit der Maaraue verband – aber wegen mangelnder Rentabilität eingestellt wurde. Wozu Architekt Bitsch sagte, nur weil etwas mal nicht funktioniert habe, sei es doch nicht für alle Zeit vom Tisch. Also wir wären da sofort dafür 😉

Die Entwürfe seien „Ideen, die zum Nachdenken anregen“, sagte denn auch Ortsvorsteher Stefan Lauer (CDU) Mainz&, eine Realisierung sah er aber eher skeptisch. „Ich finde die Impulse wertvoll“, sagte auch Ronny Maritzen (Grüne), Vorsitzender des Umweltausschusses der Stadt Wiesbaden. Sich mit der Maaraue konstruktiv auseinander zu setzen, sei „richtig und gut“, denn „die Maaraue hat noch einiges an Potenzial.“

Allerdings, fand Maritzen, sei jetzt die Stadt Wiesbaden am Zuge, die müsse sagen, „was sie dort machen will“, und das zusammen mit den Bürgern angehen.Das würden sich wohl auch die Architekten wünschen, die bekannten nämlich, dass es für die Umsetzung ihrer Sommer-Pläne noch gar kein Geld gibt. „Wir wollen etwas Feiern“, sagte Austmeyer noch, „und zwar zusammen mit den Bürgern.“

Info& auf Mainz&: Die komplette Ausstellung „Lab 2014 – Region im Fluss“ könnt Ihr noch bis Samstag, 13. September, in der Ortsverwaltung Kastel/Kostheim am St. Veiter Platz 1 sehen. Die Ortsverwaltung hat montags von 8.00 Uhr bis 13.00 Uhr, mittwochs von 8.00 Uhr bis 12.00 Uhr und 14.00 Uhr bis 18.00 Uhr, sowie donnerstags von 7.00 Uhr bis 12.00 Uhr. Vielleicht habt Ihr ja mal einen halben Tag frei…. Macht Euch ein eigenes Bild!

Information zum Architektursommer 2015 gibt es unter www.asrm2015.de, mehr zur Historie und den Hintergünden findet Ihr unter www.asrm2011.de. Wer das Ganze verpasst, hat noch eine zweite Chance: Im September kommt die Ausstellung auch nach Mainz.

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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