Barockes Neutor, Festungsmauern und mysteriöse Steinkugeln aus dem Mittelalter

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Wenn einer in Mainz eine Grube gräbt, dann fällt bekanntlich ein Römerschiff heraus – Ihr kennt ja den Spruch. Nun, derzeit gräbt das Land Rheinland-Pfalz am alten Südbahnhof ein riesiges Loch – direkt neben dem Römerschiffmuseum entsteht das neue Archäologische Zentrum für Mainz. Und in der Baugrube wurden seit November 2015 gleich reihenweise Funde gemacht: Das alte Neutor aus der Barockzeit, unzählige Mauern der Festung Mainz – und mysteriöse Steinkugeln aus dem Mittelalter. Und es geht weiter – spätere Römerschiff-Funde nicht ausgeschlossen….

Archäologisches Zentrum - Baugrube komplett mit Hütchen

Baugrube mit Hütchenspiel: Gelb sind Mauern der frühen Festung, grün Mauern aus der Barockzeit, blau von der Bundesfestung – Foto: gik

Seit November 2015 wird in dem Areal zwischen dem Museum für Antike Schifffahrt, der alten Neutorschule und der Rheinallee eine riesige Baugrube ausgehoben: Hier soll bis Ende 2019 das neue Archäologische Zentrum entstehen. Es war eine unendliche Geschichte bis zur Realisierung, doch 2020 soll dann endlich das Römisch germanische Zentralmuseum aus dem Kurfürstlichen Schloss an das südliche Ende der Altstadt ziehen.

In dem rund 51,4 Millionen schweren Neubau sollen Büros, aber auch Restaurierungswerkstätten, eine umfangreiche Bibliothek und ein wahres Forschungszentrum entstehen – das RGZM ist auch Leibniz-Forschungszentrum für Archäologie. Auch die Landesarchäologie soll hier einmal einziehen und eigene Ausstellungsflächen bekommen: Von den insgesamt rund 14 500 Quadratmetern Nutzfläche sollen rund 3000 Quadratmeter einer neuen großen Dauerausstellung gehören, samt Sonderausstellungsbereich von etwa 500 Quadratmetern, einem Vortragssaal, ein Forum sowie dem Platz vor dem Gebäude, auf dem künftig aktuelle Forschungsergebnisse präsentiert werden sollen.

Archäologisches Zentrum - Mysteriöse Steinkugeln aus dem Mittelalter

Myteriöse Steinkugeln aus dem Mittelalter: Wozu dienten sie wohl? – Foto: gik

Mauern der Bastion Catharina

Die Archäologen graben also gerade unter ihrem eigenen künftigen Zuhause – vielleicht sind sie deshalb so gründlich 😉 Denn in der nun schon mehr als sechs Monate dauernden Grabungszeit wurden Mauern über Mauern freigelegt: Das Areal steht „mitten in der Mainzer Festungsgeschichte“, sagte Landesarchäologin Marion Witteyer am Montag bei der Vorstellung der Funde.

Die große Festung auf dem heutigen Zitadellengelände hatte nämlich einen Vorbau, die Bastion Catharina. Sie gehörte zum ersten Festungsring um Mainz und lag gemeinsam mit der Bastion Nikolaus unmittelbar am Rheinufer, als Vorbau der großen Festung auf der Zitadelle. Gut möglich, dass von den Mauern der Bastion Catharina einst auch Schiffe auf dem Rhein unter Beschuss genommen wurden, sagen die Archäologen, schließlich liegt die Mainmündung fast gegenüber – wenn man sich das Gebäude von DB Cargo wegdenkt.

Mysteriöse Steinkugeln aus dem Mittelalter

Und das galt offenbar nicht nur für die Festungszeit: Direkt am Museum für Antike Schifffahrt stießen die Archäologen aus Reste aus der Frankenzeit und dem frühen Mittelalter: Mauerreste sowie acht runde Steinkugeln, jede etwas größer als ein Kopf. Was das sein könnte – die Experten stehen vor einem Rätsel. Die Gebilde erinnern klar an Kanonenkugeln, waren sie vielleicht steinerne Kugeln für Katapulte? Vielleicht war hier einmal eine Geschützstellung in frühen Zeiten, oder ein Pulvermagazin, mutmaßt Grabungsleiter Thomas Dederer. Teile einer Kanone fanden die Archäologen ebenfalls.

Archäologisches Zentrum - Straßenpflaster aus dem Mittelalter

Straßenpflaster 14.-16. Jahrhundert aus der Vilzbach – Foto: gik

Direkt daneben legten die Forscher jedenfalls ein Straßenpflaster aus Sandstein-Flusskieseln frei, aus dem 14. bis 16. Jahrhundert. Ab 1294 stand hier die Original-Vilzbach, ein Mainzer Stadtteil aus kleinen Häuschen und Handwerkerbetrieben. „Hier müsste die Zollgasse verlaufen sein“, sagte Witteyer.

Mauerreste samt einem Brunnen gehörten zu einem Haus in der Vilzbach aus dem späten Mittelalter, der Brunnen wurde Ende des 15. Jahrhunderts verfüllt, erzählt Dederer. Ein paar Schritte weiter fanden die Archäologen fünf alte Brennöfen aus Mitte des 13. bis 14. Jahrhunderts, dazu Reste von Tonziegeln und Zierfliesen mit mehr als 100 verschiendenen Motiven.

Der Fund erfüllt Witteyer mit besonderer Genugtuung: „Man hat immer vermutet, dass hier Fliesen gebrannt wurden“, sagte die Archäologin. Es habe in Mainz einfach Ziegelproduktion samt Zierkacheln gegeben haben müssen, die vielen Barockpaläste mit ihren Fußböden seien ein klarer Hinweis darauf gewesen. Gefunden aber hatten die Forscher die Werkstätten und Öfen aber nie – bis jetzt.

Fotografie von 1894 des Neutors erbaut 1669

Das 1669 erbaute Neutor auf einer Fotografie von 1894 – Foto: gik

Fundamente des Neutors, Barockzeit

Und dann sind da noch andere schräg stehende Mauern samt einem Graben und Brückenkonstruktionen: Es ist das Neutor, ein altes Mainzer Stadttor aus der Barockzeit, dessen Fundamente die Forscher frei legten. Das 1669 erbaute Stadttor ersetzte das alte Bockstor, dessen genauen Standort die Forscher nicht kennen. Das Neutor stand schräg in einen Festungshügel eingebaut, davor war ein kleiner Platz, von dem eine breite Brücke über einen Graben führte.

„Man hat es ununterbrochen umgebaut“, berichtet Witteyer – auf einer Fotografie von 1894 ist es ausgerechnet mit Steinkugeln geschmückt (kann das Zufall sein?) und verfügte über ein größeres Tor und einen kleineren Zugang. Bis 1894 war das Neutor der südliche Stadteingang, doch zum 1. deutschen Bundesschießen wurde es abgerissen – wegen des zu erwartenden großen Verkehrsaufkommens.

Archäologisches Zentrum - Baugrube mit Fundamente Neutor

Fundamente der Neuros aus der Barockzeit – die Mauern mit den grünen Hütchen – Foto: gik

Vom 7. bis ins 19. Jahrhundert reichen die gefunden Mauern, die jüngsten gehören zur Bundesfestung in preußischer Zeit. Doch das wird noch nicht alles sein: Jetzt beginnt Grabungsphase zwei, die Archäologen werden noch einmal drei Meter tiefer graben. Und dann wird es richtig spannend – bisher nämlich haben die Archäologen die Schicht aus der Römerzeit noch gar nicht erreicht.

Archäologisches Zentrum - Grafik Bastion Catharina und Neutor

Grafik von dem Ausgrabungsgelände mit Bastion Catharina und Neutor – Foto: gik

Schon jetzt stießen die Ausgräber auf eine Mauer römischen Ursprungs, eine Schnalle von einer Schwertschneide aus dem 7. Jahrhundert wurde in ihrer Nähe gefunden, ein Nietenscheidenbeschlag von einem Sax, dem fränkischen Kurzschwert. Und die Forscher rechnen mit weiteren Funden aus der Frankenzeit – wie schon in der Vergangenheit in diesem Teil der Stadt. „Wir können auch der Frage nachgehen, wie alt die Vilzbach wirklich ist“, sagt Witteyer begeistert – bisher geht man vom 8. oder 9. Jahrhundert aus. Aber wer weiß?

Tatsache ist: Das Areal lag in unmittelbarer Nähe zum römischen Theater, einen Kultbezirk vermuten die Archäologen hier. Und der Bereich lag direkt am Rhein, der damals noch ein Stück weiter vorne floss. Am Rheinufer aber lagen Schiffe…. „Vielleicht finden wir ja noch ein Schiff…“, sagt Dederer sehnsüchtig, und flachst: „Wenn wir ein Römerschiff finden, können wir es ja gleich nebenan ins Museum schieben.“

Die aktuellen Funde allerdings werden dann nicht mehr zu sehen sein: Anfang August rücken die Bagger an, die Mauerreste aus der jüngeren Vergangenheit werden verschwinden. Nicht ohne gründlich dokumentiert worden zu sein natürlich: Das werde auch in 3-D geschehen, versprach Witteyer.

Info& auf Mainz&: Mehr zum Bau des neuen Archäologischen Zentrums findet Ihr hier beim RGZM.

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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