Biancas Blick auf Mainz: Gegen Rechts in de‘ Bütt – die Fastnacht bleibt frei! – Offener Brief von „Guddi“

Alles&, Narretei & andere Mainzer Spezialitäten, Rathaus & andere Skandale 1 443

„Ihr seid selber schuld, dass ihr verleumdet und bedroht werdet, wenn ihr solche Reden haltet“ – reagieren wir jetzt so auf rechte Angriffe gegen Fastnachter? Genau das kritisiert Hans-Peter Betz alias „Guddi Gutenberg“, der Fastnachter erhielt in dieser Saison Drohbriefe wegen seiner klaren Worte gegen Rechts. Was den „Guddi“ aber am meisten stört: Fastnachts-Kollegen meinten dazu, das komme eben davon, wenn man mit dem Holzhammer statt dem Florett agiere. Betz hat dazu einen absolut lesenswerten offenen Brief veröffentlicht. „Die Meinungsfreiheit“, sagt „der Guddi“ da, „ist nicht teilbar.“ Betz und Andreas Schmitt bekamen in den vergangenen Wochen Drohbriefe mit Beilagen von AfD-Flyern und Botschaften der sogenannten „Identitären Bewegung“. Mainz& hat schon am 10. Februar dazu Stellung genommen – mit „Biancas Blick auf Mainz“. Wir müssen das gerade mal ergänzen.

„Was darf Satire?“, haben wir gefragt, als fanatische Islamisten vor zwei Jahren die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo angriffen, die Antwort war: „Alles!“ Zwei Jahre später haben Hass und Fanatismus die Stimmung so vergiftet, dass immer mehr Schranken fallen – und nun sogar Fastnachter für ihr freies Wort angegriffen werden. Hans-Peter Betz bekam einen Drohbrief, weil er sich in seiner Rede als „Guddi Gutenberg“ klar gegen rechtsextremistische Tendenzen aussprach. Mit in dem Brief: Flugblätter der Alternative für Deutschland (AfD). Und „Obermessdiener“ Andreas Schmitt bekam einen Brief, in dem es hieß: „Geb‘ acht du fette SPD-Sau, wir kriegen dich noch dran.“ Unsere Meinung dazu ist klar: Wer gegen die freie Rede hetzt, will die Demokratie zerstören – das lassen wir uns nicht gefallen! Betz und Schmitt natürlich auch nicht – deshalb, aus aktuellem Anlass, noch ein „Biancas Blick auf Mainz“ Extra: Gegen Rechts in die Bütt – die Fastnacht bleibt frei!

 

Karikatur Bianca Fastnachtsbeichte gegen Rechts kleiner

 

Der SWR hatte von den beiden Drohbriefen in seinen Online-Nachrichten berichtet. Demnach erhielt Betz kürzlich einen anonymen Brief , in dem er als Volksverhetzer bezeichnet wird. Auf zwei Seiten vertrete der anonyme Absender extrem rechtslastige Positionen, berichtet der SWR, dem Brief hätten AfD-Flugblätter beigelegen. Unterzeichnet worden sei der Brief mit „Viele Mitbürger“ – und es heiße dort vieldeutig: „Wir beobachten Sie.“ Betz zeigte sich unbeeindruckt, ebenso Schmitt, beide kritisieren in ihren diesjährigen Vorträgen scharf antidemokratische und rechtspopulistische Tendenzen. Schmitt zeigte sich laut SWR „empört, dass es noch Menschen gebe, die in der Zeit von 1933 bis 1945 offensichtlich stecken geblieben seien.“ Man müsse „laut und deutlich sagen, dass diese in der Gesellschaft nicht die Mehrheit haben.“

Mainz bleibt Mainz 2017 - Obermessdiener nah

Furioser Obermessdiener: Andreas Schmitt teilt in diesem Jahr massiv gegen braune Tendenzen und Möchtegern-Diktatoren aus – Foto: gik

Es ist natürlich kein Zufall, dass gerade diese beiden Zielscheibe rechter Angriffe werden: Schmitt wird in seiner Rolle als „Obermessdiener“ von Jahr zu Jahr politischer und kritischer und spricht sich dabei immer deutlicher explizit gegen braune Tendenzen aus. Und Betz nimmt schon seit Jahren als „Guddi Gutenberg“ politische (Fehl-)Entwicklungen spitzzüngig aufs Korn, mit klarer Haltung und Kommentaren. Besonders beeindruckend: Sein Statement vor zwei Jahren zu dem Massaker an den Zeichnern von „Charlie Hebdo“: Damals setzte Betz eben gerade als Gutenberg, also als Erfinder der modernen Druckkunst und damit als Pionier der Verbreitung des freien Wortes, ein starkes Zeichen der Solidarität von seinem Sockel – was Ihr hier bei Mainz& nachlesen könnt.

Betz und Schmitt geißeln Nazis und Lügner – und werden dafür angegriffen

In diesem Jahr nimmt Betz weniger denn je ein Blatt vor den Mund, nennt Nazis Nazis und die AfD „die Bremsspur in der Unterhose Deutschlands“. „Dunkel-Deutschland wird immer dunkler“, sagt der „Guddi“ und sagt zu den rechten Pöblern in Dresden am Tag der Deutschen Einheit 2016: „Das waren nicht alles nur Deppen, da waren auch ein paar ganz normale Arschlöcher dabei.“ Europa lebe seit 72 Jahren in Frieden und Freiheit, „das sollten wir uns nicht kaputt machen lassen“, mahnt der „Guddi“ – „weder von braunen populistischen Kanalratten, noch von strenggläubigen Dattelbaumschüttlern mit Detonationshintergrund.“

Vom Publikum in den Fastnachtssälen gibt’s dafür donnernden Beifall und stehende Ovationen – ebenso für Andreas Schmitt: Der nennt die AfD „Dummbeutel“ und betont, „vom Gauland zum Gauleiter ist es gar nicht so weit.“ – „Lieber Schlambes im Keller als Nazis im Haus“, konstatiert der „Obermessdiener“ im politischsten Vortrag seiner Karriere und  schreibt dem türkischen Demokratie-Killer Erdogan ins Stammbuch: „Wer die Wahrheit Lüge nennt, ist ein Verbrecher“, sagt Schmitt: „Das sag ich so laut, wie ich nur kann,/ Du Pinocchio vom Bosporus, und jetzt zeig mich an.“

Betz: Meinungsfreiheit ist nicht teilbar

Guddi Gutenberg 2015: Je suis Charlie – Foto: gik

„Wer draufhaut muss auch einstecken“, lässt sich dazu Rüdiger Schlesinger, in der Bütt als „Red-Akteur“ aktiv, von der Allgemeinen Zeitung zitieren, wer „intelligent und humorvoll kritisiert“, bringe die Botschaft auch rüber, er selbst setze eher „auf die subkutane Art“, Politik und Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Auch eine ganze Reihe anderer Redner – darunter „Till“ Friedrich Hofmann – machen laut AZ-Artikel die Form der Rede für die Reaktionen verantwortlich, reden vom „Florett“ statt „Holzhammer“ und empfehlen „die geschliffene Form des Ausdrucks“ statt „Populismus“.

Betz äußerte sich dazu gegenüber Mainz& „tief enttäuscht“: „Der macht da populistischen Scheiß‘ – das hör ich nicht zum ersten Mal“, sagte Betz, „ich hätte eher erwartet, dass man sagt: Moment mal, das freie Narrenwort muss geschützt werden.“ Tenor der Kollegen sei, „das kann mir nicht passieren“, das sei ein gewaltiger Irrtum, warnt er: „Wenn Leute wie die AfD an die Macht kommen, dann ist das erste, was abgeschafft wird, das freie Wort – das müsste denen doch klar sein.“ Die Türkei mache es ja gerade vor, mit der Haltung „Allen wohl und niemand weh“ komme man da nicht weiter. „Meinungsfreiheit ist nicht teilbar“, betont Betz, „sie ist nicht zu unterteilen in spitze Feder und Holzhammer.“ In einem offenen Brief hat sich Betz an die Kollegen gewandt, wir dokumentieren den unten im Wortlaut.

Solidarität und empörte Reaktionen von Dreyer und Ebling

Die Nachricht von Drohbriefen gegen Rechts löste aber auch umgehend Solidaritätsbekundungen aus: Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) äußerte sich persönlich auf Facebook, sie verurteile diese Drohungen und Beschimpfungen: „Die Mainzer Fastnacht ist eine politisch-literarische. Sie hält Politik und Gesellschaft den Spiegel vor und muss frei von Zensur sein.“ Auch Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) versicherte prompt Schmitt seine uneingeschränkte Solidarität: Schmitts Vorträge seien „humorvoll, politisch kritisch und treffend, sie sind erstklassig.“ Das Gegenteil gelte für die Beschimpfungen, denen er sich ausgesetzt sehe. „Die Fastnacht ist frei, sie will unterhalten und die Gegenwart kritisch beleuchten“, betonte der OB.

Auch im Netz schlugen die Emotionen hoch: „Narren, empört Euch“, schrieb ein Kommentator unter den Beitrag von Malu Dreyer: „Wenn sich diese (das haben wir mal weggelassen ;-)) mit ihren „postfaktischen Wahrheiten“ jetzt auch noch unsere politische Fastnacht vornehmen, reicht es.“ Braun habe „nichts in den Fastnachtsfarben verloren….. und für uns Büttenredner heißt es den Bleistift anspitzen und noch schärfer Kritik üben“, schrieb ein anderer User aus Idar-Oberstein – und er werde jetzt genau das tun und für seine Rede am Samstag eine eigene Passage für den Obermessdiener einbauen. „Jawoll, bitte jetzt unbedingt weiter die Stifte benutzen“, schrieb eine weitere Userin. Und wie schloss doch der Idar-Obersteiner Fastnachter: „Helau auf die Meinungsfreiheit!“

Info& auf Mainz&: Mehr zu unserer Karikaturistin Bianca Wagner erzählen wir Euch in dem Mainz&-Artikel Was eh‘ Glick! Mehr zur Fastnacht findet Ihr auf Mainz& unter der Rubrik Narretei& – viel Spaß dabei! Übrigens nahm Betz als „Guddi Gutenberg“ natürlich auch zum Massaker bei Charlie Hebdo Stellung – mit einer großartigen Geste. Wie genau, könnt Ihr hier bei Mainz& nachlesen.

Und hier der offene Brief von Hans-Peter Betz an die Fastnachtskollegen:

„Drohbriefe dank Populismus“

Neid und Missgunst auf Erfolge anderer in der Bütt sind in der Mainzer Fastnacht durchaus nicht selten. Das sind menschliche Reaktionen, die man als langjähriger Redner wegstecken kann. Das Gleiche gilt für Beschimpfungen von sogenannten besorgten Bürgern, die sich anonym zu Wort melden. – Geschenkt!

Was aber in dem AZ-Artikel vom 16.02.2017 passiert, hat eine andere Qualität. Das Recht auf freie Rede und freie Meinungsäußerung des Narren wird von Mitgliedern der eigenen Zunft in Frage gestellt. Anstatt das freie Wort in der Bütt zu unterstützen werden Inhalte der Reden von Andreas Schmitt und mir selbst als populistisch dargestellt und in die Nähe des Unflätigen gerückt. Redner, die sich in ihren Darbietungen gegen rechtspopulistische Tendenzen in unserer Gesellschaft abgrenzen, die rassistische und faschistische Tendenzen mit satirischen Mitteln angreifen, werden inhaltlich beurteilt und als „Holzhammer“- Reden zensiert.

Mainz bleibt Mainz 2017 - Guddi Gutenberg mit Zeigefinger

Hans-Peter Betz redet als „Guddi Gutenberg“ ein letztes Mal Klartext bei „Mainz bleibt Mainz“. – Foto: gik

Statt Solidarität zu zeigen, grenzt man sich ab. Der eine verweist auf seine geschliffenen Reime, der andere auf seinen „subkutanen“ Vortrag. „Wer draufhaut muss auch einstecken können!“, heißt es da. Grundsätzlich richtig, aber nicht in diesem Zusammenhang. Denn was schließt man aus diesen Äußerungen? Ihr seid selber schuld, dass ihr verleumdet und bedroht werdet, wenn ihr solche Reden haltet.

Merken die Kollegen eigentlich nicht, dass sie damit all diese Droh- und Schmähbriefe relativieren? Merken sie eigentlich nicht, dass sie am eigenen Ast sägen?

Leider sind für mich persönlich Äußerungen dieser Art nichts Neues. Ich habe das vor einigen Jahren als Folgen meiner satirischen Thematisierung der Wohnbauaffaire in noch viel perfiderer Form erfahren müssen.

Konkret Stellung zu beziehen ist halt nicht jedermanns Sache und kann auch nicht von jedem verlangt werden. Dass man aber ein wenig bei seinen Äußerungen nachdenkt, wenn das Grundrecht der Meinungsfreiheit attackiert wird, sollte man doch erwarten können.

Ich hoffe, dass braunes Gesindel nie mehr in der Lage sein wird, politische Macht auszuüben, denn ich kann mir im Augenblick nur schwer vorstellen, wie Mainzer Redner auf eine solch dramatische Situation reagieren würden. Mit geschliffenen Paarreimen? Nach jedem Vers einen artigen Diener vor den Herrschenden? Mit subkutanen Vorträgen, einem kleinen schnöseligen Liedchen dazwischen und zum Abgang ein paar galante Kratzfüßchen?

Die Fragen erübrigen sich. Wenn je wieder Despoten in Deutschland das Sagen haben, wird als erstes die freie Rede verboten sein, egal ob sie mit dem Florett oder dem Säbel vorgetragen wird.

Hans-Peter Betz

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

1 Kommentar

  1. Rosemarie Wojtyniak Freitag, 3. März 2017 at 12:51 -  Antworten

    Braun so wie die Haselnuss
    reden tun die doch nur Stuss
    Ich sag Euch deshalb grade
    Ich mag braun nur Schokolade

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