Das blaue Wunder von Mainz – Wie St. Stephan zu den Chagall-Fenstern kam

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„Entartete“, „unwerte“ Kunst – so nannten die Nationalsozialisten Kunst und Künstler, die nicht ihrer Ideologie und ihrem Weltbild vom arischen weißen Übermenschen entsprachen – oder die von jüdischen Künstlern erstellt wurden. Zu ihnen gehörte auch der weltberühmte Maler Marc Chagall. Nie wieder wollte der nach dem Holocaust und den Verbrechen der Nazis für Deutschland arbeiten – und dennoch schuf Chagall zwischen 1978 und 1985 neun Fenster für die Mainzer Kirche St. Stephan. Die neun Kunstwerke in leuchtendem Chagall-Blau sind das größte zusammenhängende Kunstwerk, das der Maler auf deutschem Boden schuf. Wie es nach Mainz kam, erzählen wir Euch in diesem Artikel – es ist ein Wunder der Versöhnung und deshalb genau die richtige Geschichte für einen 27. Januar in Zeiten des wachsenden Hasses.

Im Dezember 1976 trifft ein Brief in Mainz ein: Chagall arbeite am ersten Fenster für St. Stephan. Für Klaus Meyer muss dieser Augenblick wie ein Wink vom Himmel gewesen sein: endlich, endlich trugen seine jahrelangen Bemühungen Früchte. Es würde wahr werden, was der Pfarrer der Mainzer Stephanskirche sich erträumt hatte: Fenster von Marc Chagall für seine Kirche. „Es ist ein Wunder, und ich durfte mitspielen“, sagte Mayer einmal der Autorin dieser Zeilen.

Montsignore Klaus Mayer, hochbetagt, vor den Chagall-Fenstern in St. Stephan - Foto Bistum Mainz

Montsignore Klaus Mayer, hochbetagt, vor den Chagall-Fenstern in St. Stephan – Foto Bistum Mainz

Als Mayer im Mai 1965 sein Amt als Pfarrer der katholischen Kirche St. Stephan in Mainz antrat, war die kleine gotische Hallenkirche aus dem 13. Jahrhundert noch immer stark vom Zweiten Weltkrieg mitgenommen: Glocken, Westturm, Langhaus, Chor, alles war verloren oder stark zerstört, natürlich auch die großen gotischen Fenster.

Mayer bekam zwei Bücher über Chagall in die Finger – und war sofort elektrisiert: Nur er komme für die neuen Fenster der Kirche infrage, beschließt der Priester. Es muss wie eine innere Verbindung zwischen zwei Menschen gewesen sein, die eine ähnliche Geschichte verbindet: Beide – der Künstler und der Pfarrer – sind jüdischer Abstammung, beide werden von den Nazis verfolgt, beide widmen ihr Leben Gott und der Verkündung seiner Botschaft.

Gotische Fenster, zum Himmel strebend - die Kirche St. Stephan in Mainz - Foto: gik

Gotische Fenster, zum Himmel strebend – die Kirche St. Stephan in Mainz – Foto: gik

Erster Brief im Frühjahr 1973

Es beginnt mit einem Brief im Frühjahr 1973. Mayer wagt es, den damals bereits 86 Jahre alten Künstler anzuschreiben und ihm von seiner Vision zu berichten: blaue Chagall-Fenster für St. Stephan. Die Antwort kommt aus Chagalls Glaskunstatelier in Reims: „Haben Sie es eilig?“ Mayer hatte nicht. Fünfeinhalb Jahre, 54 Besuche und zahlloser Briefe bedurfte es für die Vollendung der blauen Vision.

Mayer lockte Chagall auch mit der Geschichte: ein Zeichen deutsch-jüdischer Versöhnung sollten die Fenster sein, eine Hommage an Gutenbergs ersten Druck der Bibel zumal, die Chagall in Glas verewigen sollte. Einfach war es keineswegs: Eine deutsche Kirche auf deutschem Boden – das war ein Problem. Nie wieder, hatte sich der selbst von den Nazis verfolgte russisch-stämmige Jude Chagall nach dem Holocaust geschworen, nie wieder wollte er für Deutschland arbeiten.

Chagall sagte nicht Ja – aber auch nicht Nein

Doch Mayer blieb hartnäckig. Im April 1974 flog er das erste Mal zu Chagall an die Cote d’Azur, ein Video mit Aufnahmen vom Innenraum von St. Stephan im Gepäck. Chagall sagte nicht Ja – aber auch nicht Nein. Im Sommer 1976 dann hätten ihm mit Gottes Fügung Chagall und seine Frau Wawa „ihre Freundschaft geschenkt“, berichtet Mayer. Im Dezember 1976 trifft ein Brief in Mainz ein: Chagall arbeite am ersten Fenster.

Es war der Durchbruch: Insgesamt neun Fenster schuf Chagall für die deutsche Kirche, sein größtes zusammenhängendes Glaskunstwerk an einem Ort, fast 180 Quadratmeter groß. Am 23. September 1978 wurde das erste Chagall-Fenster mit der „Vision vom Gott der Väter“ St. Stephan übergeben, das letzte nur wenige Monate vor Chagalls Tod im März 1985. Unmittelbar nach der Fertigstellung des ersten Fensters machte sich Chagall erneut an die Arbeit – es entstanden die beiden flankierenden Mittelfenster mit der „Vision der Heilsgeschichte“, am 15. September 1979 wurden sie eingeweiht.

Detail eines Chagall-Fensters in St. Stephan - Foto: Bistum Mainz

Detail eines Chagall-Fensters in St. Stephan – Foto: Bistum Mainz

Mayer entkam selbst nur knapp den Nazis

Überzeugt wurde Chagall letztlich auch durch die Persönlichkeit und die Biografie des deutschen Priesters. Geboren wurde Mayer am 24. Februar 1923 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns, Spross einer alteingesessenen Mainzer Familie. Großvater Bernhard Mayer ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, als 1912 die prächtige Mainzer Synagoge in der Hindenburgstraße eingeweiht wird – und als sie 1938 durch die Nazis zerstört wird.

Mayers Vater floh 1941 nach Argentinien, seine christliche Mutter versteckt den „Mischling 1. Grades“ – so der Nazi-Jargon. 1933 lässt sie ihre Söhne taufen in der Hoffnung, sie so den Nazis zu entziehen, vergeblich. Der kleine Klaus macht nur unter Schikanen sein Abitur in Mainz und entgeht nur knapp der Deportation durch die Nationalsozialisten.

Nach dem Krieg wurde Mayer Priester, 1950 wird er im Mainzer Dom geweiht. Nach mehreren Stationen kam er 1965 nach St. Stephan – und blieb hier bis zu seinem Ruhestand 1991. Wobei Ruhestand definitiv das falsche Wort für den inzwischen 92-Jährigen ist: Seit der Einweihung des ersten Chagall-Fensters erläutert Mayer die Friedensbotschaft der Fenster in seinen Meditationen, bis heute. „Die Farben sprechen unser Lebensgefühl unmittelbar an, denn sie erzählen von Optimismus, Hoffnung, Freude am Leben“, sagte Mayer einmal.

Chor von St. Stephan mit drei Chagall-Fenstern - Foto: Agnete / Wikipedia

Chor von St. Stephan mit drei Chagall-Fenstern – Foto: Agnete / Wikipedia

Fast eine halbe Million Menschen hat er damit seither erreicht, 200.000 Besucher zählt die Stephanskirche pro Jahr. Seit dem Jahr 2000 ist der Kirchenraum nun komplett in das unirdische blaue Licht aus den Fenstern getaucht. Chagall konnte offenbar von seiner Vision nicht lassen. Obwohl schon hochbetagt, schuf er 1979-1980 die seitlichen Fenster des Ostchores mit dem Thema „Lob der Schöpfung“, am 19. September 1981 wurden diese Fenster der Kirche übergeben. Mit ihnen war das blaue Wunder des Ostchors vollendet.

Völlig überraschend schuf Chagall dann Ende 1982 – im 96. Lebensjahr – auch die Entwürfe für die drei großen, dreibahnigen Fenster im Querhaus. Am 11. Mai 1985 durfte die Kirchengemeinde diese letzten drei Fenster Chagalls in Empfang nehmen – kurz nach seinem Tod am 28. März 1985. Chagall selbst hat seine blauen Fenster in Mainz nie persönlich gesehen, doch seine Frau Wawa kam mehrmals nach Mainz.

Fenster von Charles Marq nach Skizzen Chagalls im nördlichen Querschiff - Foto: Bistum Mainz

Fenster von Charles Marq nach Skizzen Chagalls im nördlichen Querschiff – Foto: Bistum Mainz

Nach Chagalls Tod widmete sich Chagalls Schüler und Freund Charles Marq der Vollendung des Werks. Marq arbeitete zum Teil nach Original-Skizzen von Chagall, 19 weitere Kirchenfenster schuf er bis zum Jahr 2000 – eine Fläche von 213 Quadratmetern. Marq’s Fenster sind bewusst schlichter gehalten, sie sollen hinführen zum großen Werk Chagalls, zu seinen Visionen.

Damit wurde ein weltweit einmaliges Ensemble von 28 Fenstern vollendet das den Kirchenraum in ein unirdisches, mystisches Licht taucht – die einzigen Kirchenfenster, die Chagall je in Deutschland schuf. Das Wunder von Mainz, es trägt die Farbe blau. Die Mainzer übrigens haben ihre eigene Art der Verehrung – wie immer: St. Stephan heißt im Volksmund auch schon mal gerne St. Chagall.

Info& auf Mainz&: Termine der Chagall-Meditationen unter www.st-stephan-mainz.de. Eine DVD mit einer Chagall-Meditation ist in der Stephans-Kirche zum Preis von 14,90 Euro erhältlich. Eine der Originalskizzen von Chagall erwarb 2015 die „Stiftung St. Stephan“. Sie ist nun im Dommuseum des Bistums Mainz zu sehen, einen Bericht darüber lest Ihr hier auf Mainz&.

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

4 Kommentare

  1. Claudia Ehry 13. März 2015 at 20:35 -  Antworten

    Die Geschichte gefällt mir gut. Macht Lust, auch von Darmstadt aus die Kirche zu besuchen.

  2. Klaas de Jong 31. Mai 2017 at 18:46 -  Antworten

    Dies ist eine wunderbare Geschichte. Ich arbeite an einer Buch im niederländisch über die Reichspogrom 1938. Chagall mahlte als Antwort die Weiße Kreuzigung.
    Ich hab die St Stefan schon mal besucht aber erst jetzt ken ich die Hintergrunde.

    • Gisela Kirschstein 31. Mai 2017 at 19:29 -  Antworten

      Oh wie fein, das freut uns sehr! Und Mainz& wird ja sogar in den Niederlanden gelesen – wow! Liebe Grüße nach Nederlands!

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