Das Emma-Wunder: Ivana Seger und ihre Hündin Emma begleiten schwerstkranke Menschen auf dem letzten Weg

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Weihnachten ist die Zeit der Engel, doch auch in unserer ganz realen Welt gibt es sie: Menschen, die anderen zur Seite stehen in ihren schwersten Stunden, selbstlos, und immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Einen solchen Engel durften wir in diesem Jahr kennen lernen, oder eigentlich waren es zwei: Éin Engel in Menschengestalt –  und einer in Hundeform. Seit neun Jahren begleitet Ivana Seger mit ihrer Labradorhündin Emma schwerkranke Menschen auf ihrem letzten Weg. Vor einigen Wochen hatten wir das Glück, dieses besondere Team im Dienste der Menschen bei ihrer Arbeit begleiten zu dürfen. Erlebt haben wir Stunden voller Freude, Wärme und Zuversicht. Stunden, in denen todgeweihte Menschen wieder lächelten, wo Ruhe in die Herzen zurückkehrte und Frieden einzog. Und deshalb war uns klar: Das ist unsere Weihnachtsgeschichte 2017. Denn dort sprach der Engel zu den Hirten auf dem Felde: Es soll Frieden werden auf Erden.

Ivana Seger und ihre beiden Hunde-Engel: Die Labradorhündinnen Emma (links) und die dunklere Sissi im Hospiz Lebensbrücke in Flörsheim. – Foto: gik

Die schwerkranke Frau zittert am ganzen Körper, von beiden Seiten muss sie gehalten werden. Erst gestern war sie in das Hospiz Lebensbrücke in Flörsheim eingezogen. Hierher kommen Menschen, die nur noch wenige Wochen zu leben haben. Ganz vorsichtig und langsam betritt Emma den Raum, die sanfte Labradorhündin legt sich ganz ruhig auf den Boden – und das Wunder beginnt: Binnen Minuten entspannt sich die Atmosphäre im Raum. Die Gespräche drehen sich auf einmal um Hunde, Lebenserinnerungen, Urlaubsmomente. Es wird gelacht in diesem Haus des Sterbens. Nur Minuten später haben sich Körper und Gesicht der kranken Frau völlig entspannt, mit einem sanften Lächeln schaut sie auf die Hündin, kann nun alleine sitzen. „Ich bin total überrascht“, staunt der Ehemann, „sie hat völlig aufgehört zu zittern.“ Ivana Seger lächelt fein: „Das ist der Emma-Effekt“, sagt sie.

Seit neun Jahren hilft Ivana Seger schwerkranken Menschen mit ihrer Therapiehündin Emma, sechs verschiedene Einrichtungen betreut die Flörsheimerin im ganzen Rhein-Main-Gebiet. „Wir können ablenken, trösten, Freude schenken und die Menschen ein wenig vergessen lassen, wo sie sind“, sagt Seger, und immer passiere das Gleiche: Der Hund verändere die Atmosphäre, entspanne die Menschen. „Ich wusste schon vor 25 Jahren, dass ich eine Emma will“, sagt Seger lachend, als wir sie in ihrem Haus in Flörsheim treffen, einem schmucklosen Haus am Rande des Industriegebiets, direkt am Mainufer mit seinen ausgedehnten Wiesen. Das sei einfach wichtig, erzählt Seger, ihre Hundes bräuchten ausgedehnte Spaziergänge für den Ausgleich.

Es war vor 16 Jahren, als Seger ihren Wow-Moment hatte, wie sie es nennt: Die ausgebildete Altenpflegerin arbeitete damals in einer Psychiatrie mit depressiven Menschen. „Ich war sehr schockiert, welchen Leidensdruck diese Menschen haben“, erzählt Seger, „an viele Patienten kam ich überhaupt nicht dran.“ Neben dem Schwesternzimmer war eine Sitzgruppe, stets saßen hier fünf Patienten, meist wortlos versunken.

Ivana Seger mit Emma im Emma-Mobil. – Foto: gik

Eines Tages aber kam ungewöhnlich viel Bewegung in die Gruppe, „alle standen auf, liefen weg“, berichtet Seger. Ein Hund war zu Besuch gekommen, ein Golden Retriever. „Dieser Hund schaffte binnen zehn Sekunden etwas, was wir in Tagen, Stunden, Wochen nicht geschafft hatten: Die Patienten lachten, suchten das Gespräch, sprachen endlich über andere Dinge als ihre Krankheit“, sagt Seger: „Das war mein Aha-Moment.“

16 Jahre lang ging sie mit der Idee eines Therapiehundes schwanger, Seger arbeitete inzwischen mit Erfolg als Aerobic-Trainerin. Richtig glücklich war sie damit nicht: „Es fehlte das Soziale“, erzählt die 49-Jährige, „die Sportbranche ist schon sehr oberflächlich.“ Das Schicksal nahm die Sache schließlich in die Hand: Im Urlaub mit ihrem Mann lernte Seger ein Pärchen kennen, die neue Freundin fragte: „Kannst du dir vorstellen, im Hospiz zu arbeiten?“

Nein, sagte Seger instinktiv, ein Haus des Sterbens? Doch dann seien Worte gefallen wie „würdevoll, selbstbestimmt, keine Regeln“, „das hat mein Herz berührt“, sagt Seger. Zurück in Flörsheim bewarb sie sich, bei der Vorstellung im Hospiz in Smitten habe sie sofort gewusst: „Ich bin angekommen“ – und stellte doch eine Bedingung: „Ich komme mit Hund.“ Das Hospiz sagte Ja, gleichzeitig bekam die Hündin einer Freundin Welpen.

„Ich bin mit Hunden aufgewachsen, meine Eltern züchteten Schäferhunde“, erzählt Seger: „Wir hatten immer Welpen, deshalb kann ich die perfekt lesen“. Nach sechs Wochen Beobachtung und Tests hatte sie ihre Emma gefunden, mit neun Monaten begann das Training: Gezielt gewöhnte sie die Hündin an Geräusche und Menschen – und nahm sie mit ins Hospiz. Labradore seien für die Therapie perfekt, weil sie ausgeglichen seien, Menschen liebten und unheimlich gerne gestreichelt würden.

Viel Platz zum Austoben nach harter Arbeit: Sissi (links) und Emma mit Frauchen Ivana Seger zu Hause in Flörsheim. – Foto: gik

„Da war eine Frau, die hatte den leeren Blick meiner Oma“, erzählt Seger, „der Hund, dieses kleine Knäuel, veränderte alles: Körperspannung, Mimik, Blick, die Frau blühte völlig auf.“ Es war die erste Patientin, die mit Emma im Arm verstarb, 40 weitere sind bisher diesen Weg ebenfalls gegangen. „Es gibt die präfinale Unruhe, der Körper schüttet dann so viel Adrenalin aus, dass die Menschen einfach nicht gehen können“, sagt Seger, die zusätzlich eine Ausbildung als Palliativschwester machte.

So wie die kleine Emily. Die Sechsjährige wurde mit einem massiven Gendefekt geboren. Als ihr Ende kam, war sie gerade im Urlaub in Wilhelmshaven – der Hilferuf kam per Telefon. Ivana Seger setzte sich ins Auto und fuhr die weite Strecke – Emily starb mit Emma in den Armen. Immer wieder habe sie erlebt, wie die warme Präsenz ihres Hundes einen todkranken Menschen entspanne, auf einmal könne er loslassen, gehen, erzählt Seger: „Der Mensch stirbt in Ruhe und Harmonie, mit Emma baue ich eine Brücke.“

Inzwischen hat Emma, die schon neun Jahre alt ist, Unterstützung: Sissi ist zweieinhalb Jahre jung, hat gerade ihre Ausbildung zur Therapiehündin abgeschlossen – mit Bravour. Frauchen Ivana Seger hat im April den Verein „Tröstende Pfoten“ für ausgebildete Therapieteams mit Begleithunden gegründet. Die Nachfrage sei riesig, sagt Seger, die mehrere Hospize im ganzen Rhein-Main-Gebiet betreut, doch die Unterstützung fehlt.

Die Krankenkassen bezahlten ihre Dienste nämlich nicht, sagt Seger, von ihrer Arbeit leben kann sie nicht: „Ich könnte nicht einmal meine Stromrechnung davon bezahlen.“ Therapeutisches Reiten werde übernommen, nicht aber die Hilfe, die Emma bieten kann – warum, versteht Seger nicht: „Ich kriege von den Kassen nicht einmal eine Antwort.“ Dabei bestätigen auch Hospizleiter reihenweise, wie wichtig Emma für die Todkranken und vor allem auch ihre Angehörigen ist. Segers Wunsch fürs neue Jahr lautet denn auch: „Dass die tiergestützte Pflege staatlich gefördert wird, und dass noch mehr Krankenhäuser dafür ihre Türen öffnen.“ Denn die Emma, sagt sie noch, „ist einfach ein Geschenk.“

Info& auf Mainz&: Mehr über Emma und ihr Frauchen Ivana Seger könnt Ihr hier im Internet erfahren oder auf der Facebookseite Emma – Heldin auf vier Pfoten. Dort gibt es auch Möglichkeiten, Emma und Ivana Seger zu unterstützen.

Mainz& wünscht Euch allen ein friedvolles und wunderschönes Weihnachtsfest im Kreise Eurer Lieben!

 

 

 

 

 

 

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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