Das närrische Grundgesetz: 11 Artikel für die Narrenfreiheit

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Am 11.11. wird ja ein Fenster zur Fastnacht aufgemacht, als Symbol dafür wird das Närrische Grundgesetz verlesen. Das gibt es tatsächlich: Es ist eine Hommage an das Grundgesetz unserer Republik, geht aber zurück auf die Verkündung der Menschenrechte in der Französischen Revolution. Die Verkündung, dass alle Menschen frei und gleich sind, war damals eine echte Revolution, die Mainzer Fastnacht wiederum hat ihre Wurzeln in eben jener Tradition, die auch das Recht zur freien Rede begründete. Im Närrischen Grundgesetz heißt es denn auch mit großem Ernst: „Alle Narren sind gleich, jeder Narr ist frei.“ Mainz& dokumentiert für Euch, was noch alles im Närrischen Grundgesetz steht.

... närrische Frauen in Rot... - Foto: gik

Närrische Damen am 11.11.2014 vor dem Osteiner Hof in Mainz, wo traditionell das närrische Grundgesetz verlesen wird – Foto: gik

Verkündet wird das Närrische Grundgesetz traditionell am 11.11. eines jeden Jahres um 11.11 Uhr, volle Gültigkeit hat es während der Fastnachtskampagne zwischen dem 1. Januar und Aschermittwoch. Die 11 närrischen Regeln sind nachdenklich, närrisch und erinnern die Obrigkeit daran, dass sich der Narr in seinen Rechten nicht einschränken lässt. In Zeiten, in denen die Meinungsfreiheit unter Beschuss geraten ist, wie lange nicht mehr, in denen in Netzwerken gegen freie Rede gehetzt wird wie noch nie, ist das eine wichtige Erinnerung.

Und so heißt es da auch: „Die Fastnachtsvereine (…) müssen unsere Fastnacht gegen Mucker und Philister schützen und dafür sorgen, dass die Narren dem Volk auf´s Maul schauen und des Volkes Meinung kundtun.“ Mucker und Philister sind übrigens Miesepeter, Stimmungskiller und Nörgler – und mit Volkes Stimme ist nicht Pegida gemeint, sondern die Stimme der Vernunft und des geerdeten Menschenverstandes. In diesem Sinne: ein dreifach donnerndes Helau!

Hier kommen die elf Gebote des närrischen Grundgesetzes:

Präambel
Unsere goldige Mainzer Fastnacht soll für alle nachfolgenden Generationen und für alle vorausgegangenen Generationen als das schönste, größte und auch älteste Volksfest erhalten bleiben. Wer an Fastnacht Feste feiert, der darf auch feste arbeiten.

Ein süßes Trio - Foto: gik

Alle Narren sind gleich! Gebietet das närrische Grundgesetz – Foto: gik

Artikel 1
Die Würde eines jeden Narren ist unantastbar. Jeder Mainzer Bürger ist zur Erhaltung der Narrenfreiheit aufgerufen. Alle, auch unsere Beamten, die Behörden und natürlich auch die Stadtverwaltung haben das närrische Treiben zu erdulden. Denn die Fastnachter lassen sich für ihre Narrheiten nicht bezahlen.

Artikel 2
Alle Narren sind gleich, ob Gardist oder Feldmarschall, ob Präsident oder Büttenschieber. Denn es ist ja nur ein Spiel, das zur 5. Jahreszeit aufgeführt wird. Doch auch bei einem Spiel hat jeder seine Pflichten. Es soll niemand wegen Humormangels benachteiligt oder wegen seiner Wichtigtuerei bevorzugt werden.

Artikel 3
Jeder Narr ist frei. Aber die Freiheit endet dort, wo des anderen Narren Freiheit beginnt. Die Narren wollen miteinander und nicht gegeneinander feiern.

Artikel 4
Jeder Narr und jede Närrin sollen ihre Fröhlichkeit nicht im Alkohol, sondern im gemeinsamen Erleben finden. Gelobt sei jeder Narr, der auch im nüchternen Zustand närrisch ist. – Prost!

11.11.2014 - Kleinste Garde von hinten

Gardist am 11.11. auf dem Mainzer Schillerplatz – Foto: gik

Artikel 5
Alle Gardisten, Büttenredner, Fahnenschwenker, Komiteeter, Schwellkopfträger, Fastnachtssänger, Liederdichter, Ballettmädchen, Scheierborzeler und Schnorrer stehen unter dem Kommando des Prinzen Karneval im Namen von Gott Jokus. Hierüber wacht das kritische Mainzer Volk durch regen Besuch der Sitzungen, der Bälle, der närrischen Umzüge und der Straßenfastnacht.

Artikel 6
Alle geborenen und alle gelernten Mainzer sollen sich während der närrischen Tage kostümieren und närrisch geben, auf dass die Tradition erhalten bleibt. Die Narrenflagge, mit der wir unsere Fenster und Straßen schmücken, ist rot-weiß-blau-gelb.

Artikel 7
Die Fastnachtsvereine, ob Garden oder Korporationen, müssen unsere Fastnacht gegen Mucker und Philister schützen und dafür sorgen, dass die Narren dem Volk auf´s Maul schauen und des Volkes Meinung kundtun.

Artikel 8
Das Nationalgericht ist „Weck – Worscht – Woi“. Denn Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Wir lassen uns auch das beste Essen nicht zweimal durch den Kopf gehen. Und wir trinken nicht mehr als unser Portemonnaie verträgt. Gott Jokus ist unserer Leber gnädig.

Zugplakettcher Weck Worscht und Woi 2016 - Foto Kirschstein

Weck, Worscht und Woi – das Zugplakettcher für 2016 – Foto: gik

Artikel 9
Der närrische Gruß vom 1. Januar bis zum Aschermittwoch heißt „Helau“. Er ist möglichst oft und laut zu rufen oder zu singen.

Artikel 10
Von Neujahr bis zum Aschermittwoch können alle Mainzer/Innen zu närrischen Diensten verpflichtet werden. Wer den Einsatz an Konfettikanonen oder Holzgewehren aus Gewissensgründen verweigert, kann einen Ersatzdienst als Büttenredner oder Sänger leisten, soweit dies dem Volk zuzumuten ist.

Artikel 11
Wir wollen uns nicht zu ernst nehmen. Denn jeder von uns ist nur ein kleiner Teil unserer Fastnacht. Miteinander wollen wir fröhlich sein. Es lebe die Fastnacht.

Und darauf: ein dreifach donnerndes HELAU!!!

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

1 Kommentar

  1. Werner Rahn 7. November 2015 at 11:59 -  Antworten

    In Artikel 5 sind es keine Schellkopfträger sondern Schwellkopfträger.

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