Der geheimnisvolle Mister Gutenberg – Neuer Gutenberg-Film porträtiert den Buchdruckerfinder als Geschäftsmann

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Er ist der berühmteste Sohn der Stadt Mainz und löste en passant mit seiner Erfindung eine Weltrevolution aus: Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg. Doch wie kam der Sohn eines Mainzer Patriziers zu der Erfindung einer Buchpresse mit beweglichen Lettern? Welche Detailprobleme musste er lösen und was trieb ihn eigentlich an? Diesen Fragen geht nun ein neuer Film des Kultursenders Arte nach: „Gutenberg – Genie und Geschäftsmann“ wird am Samstag erstmals im Fernsehen ausgestrahlt und diese Woche auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert. Die deutsch-französische Koproduktion nennt sich „Doku-Drama“, dokumentarischer Spielfilm wäre im Deutschen wohl passender: Mit filmischen Mitteln wird die Lebensgeschichte und die Entstehung der revolutionären Erfindung nachgezeichnet.

Darsteller Philippe Ohrel spielt im neuen Gutenberg-Film auf Arte den berühmten Mainzer Buchdrucker. Foto: Seppia

 

Johannes Gensfleisch wurde um das Jahr 1400 als Sohn des Mainzer Patriziers Friedrich von Gensfleisch geboren, und schon da beginnen die Probleme: „Wir wissen nicht viel über Gutenberg“, bekennt einer der Historiker im Film, „er ist wie ein Buch mit sieben Siegeln.“ Kein einziger Brief von Gutenberg sei erhalten, keine persönliche Unterschrift, „eigentlich ist es nicht einmal sicher, dass er irgendetwas erfunden hat“, sagt der Experte. Nun ja, das ist natürlich übertrieben: Die berühmten Gutenberg-Bibeln, seine Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, die Druckerpressen, all das lässt sich natürlich sehr wohl auf Gutenberg zurückführen, mit seriösen wissenschaftlichen Mitteln.

Dennoch legt der Film den Finger in eine Wunde: Direkte Berichte über Gutenberg gibt es nur sehr wenige, wie etwa den Brief eines hochrangigen italienischen Bischofs – dem späteren Papst Pius II. -, der einem befreundeten Kardinal enthusiastisch von Gutenbergs ersten Bibeldrucken berichtete, die er in Frankfurt auf einer Messe gesehen hatte. An solchen Quellen hangelt sich der Film entlang, vor allem an Gerichtsurkunden, die auch Gutenbergs Geschäftspartner und Projekte belegen.

Nachbau der berühmten Druckerpresse Gutenbergs im Gutenberg-Museum. – Foto: gik

1429 hatte Gutenberg nach einem Aufstand der Zünfte in Mainz fliehen müssen, fünf Jahre später taucht sein Name in Prozessakten in Straßburg auf – Gutenberg hatte einen Pilgerspiegel für die damals berühmte Aachener Pilgerfahrt erfunden. Seine Geschäftspartner fühlten sich von Gutenberg offenbar betrogen, doch das Gericht gab dem Mainzer Erfinder Recht. Auch ein anderer Vorfall belegt Gutenbergs Straßburger Zeit: Gutenberg ließ den Mainzer Stadtschreiber verhaften, um eine ausstehende Leibrente der Stadt Mainz für ihn einzutreiben. „Ganz schön frech“ nennt das der Film – die Macher beweisen damit allerdings nur ihre Unkenntnis der damaligen Zeit: Angehörige einer Stadt im Ausland für deren Versäumnisse haftbar zu machen, war Gang und Gäbe und ein legitimes Mittel.

Damit ist das Problem des Gutenberg-Films auch schon beschrieben: Autor des Films ist der Franzose Marc Jampolsky und der bekannte gegenüber Mainz&, er habe sich für den Film zum ersten Mal mit Gutenberg beschäftigt und offenbar auch mit der Zeit des Hochmittelalters. Er habe sich vorwiegend an den Ergebnissen des französischen Gutenberg-Forschers Guy Bechtel orientiert, sagte Jampolsky nach der Premiere im Gutenberg-Museum am Montagabend. Bechtels Werk stammt allerdings schon aus dem Jahr 1992, neuere Forschungsergebnisse – etwa, dass Gutenberg wahrscheinlich gar keinen Bart trug – bleiben da ebenso außen vor wie Gutenbergs Exil im Rheingau. Auch einen im Film dargestellten Prozess zwischen Gutenberg und seinen Mainzer Geschäftspartnern Johannes Fust und Peter Schöffer habe es so nie gegeben, sagt der Mainzer Buchwissenschafts-Professor Stephan Füssel – der Film nimmt sich auch aus dramaturgischen Gründen manch erzählerische Freiheit heraus.

Schublade im Gutenberg-Museum mit Drucklettern. – Foto: Gutenberg-Museum

 

Entstanden ist so ein sehr französischer Blick von außen auf den „Mann des Milleniums“. In Frankreich kenne zwar jeder Gutenbergs Namen, sonst aber wisse man wenig über ihn, sagte Jampolsky, deshalb habe er die Geschichte von Grunde auf erzählen wollen. „Wir haben uns an den gängigen Bildern zu Gutenberg orientiert“, sagte der deutsche Arte-Redakteur Peter Allenbacher gegenüber Mainz&, alles andere errege nur Erstaunen beim Publikum und lenke vom Thema ab. „Unsere Aufgabe ist, das Publikum über ein Thema zu informieren und es niveauvoll zu unterhalten“, betonte Allenbacher.

Das tut der Film tatsächlich, beschreibt in schönen, atmosphärischen Bildern von Gutenbergs Wirken und gibt gleichzeitig gute Einblicke in die damalige Zeit: Das europaweite Netzwerk von Handel und Bildung, die aufkeimende Renaissance mit aufblühenden Universitäten, Papierfabriken im Elsass, das Denken in größeren Zusammenhängen. Als praktisch veranlagten Erfindergeist portraitiert der Film Gutenberg, als jemand, der in Straßburg die europäische Welt der Warenströme entdeckte, als umtriebigen Entwickler – und als gerissener Geschäftsmann. Letzteres allerdings wirft erneut Fragen auf: „Geschäftemachen“ war im hohen Mittelalter schlicht die Grundlage eines Broterwerbs.

Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks allein als Geschäftsinteresse darzustellen, wie es der Film phasenweise tut, dürfte zu kurz greifen: Mindestens zwölf Jahre lang entwickelte Gutenberg sein neues Druckverfahren, feilte intensiv an allen Komponenten – Geschäftssinn allein erklärt solch Hartnäckigkeit und Perfektionismus nicht. Am stärksten ist der Film, der in großen Teilen in Straßburg und Colmar gedreht wurde, denn auch, wenn er in die Details der Herstellung geht und den Aufwand beschreibt, der zur Produktion der Bibeln nötig war: zwei bis sechs Setzer, mehrere Druckstrecken gleichzeitig, 20 Druckgehilfen, 294 verschiedene Tintenmischungen, 232.000 Pressvorgänge. So wird die unglaubliche Leistung des Buchdruckerfinders greifbar – und das Genie Gutenbergs.

Druckseite einer Gutenberg-Bibel. – Foto: Gutenberg-Museum

„Er spürte sehr genau, das man im 15. Jahrhundert Neues entwickeln kann“, zitiert der Film einen Gutenberg-Forscher, und der Mainzer sei ein Mensch gewesen, der Gelegenheiten erkannt und ergriffen habe. „Er war seiner Zeit weit voraus“, würdigt ihn der Filml und lässt auch nicht aus, was Gutenbergs Erfindung auslöste: Eine Revolution der Verbreitung von Wissen in für die damalige Zeit atemberaubender Geschwindigkeit. Gutenberg selbst erlebte den Siegeszug seiner Erfindung jedoch nicht mehr: Seine letzten Jahre verbrachte er im Algesheimer Hof in Mainz, damals ein Stift für alternde Herren – auf seine alten Tage war der Buchdrucker noch zum Hofmann des Erzbischofs Adolf II. von Nassau ernannt worden, was ihm freie Kost und Logis einbrachte.

War Gutenberg verarmt, oder berühmt und wohlhabend? Die Forschung kann es nicht genau sagen – womöglich war er verarmt, aber berühmt. Am 3. Februar 1468 starb Johannes Gensfleisch genannt Gutenberg und wurde in der Mainzer Franziskanerkirche beerdigt. Die Kirche wurde allerdings später abgerissen, Gutenbergs Grab ist verschwunden – wie viele seiner Lebensspuren. Der Buchdruckerfinder bleibt in vielen Bereichen eine rätselhafte Gestalt der Geschichte, doch eines ist am Ende des Films ganz klar: ein Genie war der Mann aus Mainz in jedem Fall.

Info& auf Mainz&: Der Film „Gutenberg – Genie und Geschäftsmann“ wird an diesem Mittwoch um 11.45 Uhr im Kino der Frankfurter Buchmesse gezeigt. Im Fernsehen wird er erstmals am kommenden Samstag, den 14. Oktober 2017, um 20.15 Uhr ausgestrahlt. Eine Wiederholung gibt es am Sonntag, den 15. Oktober 2017, um 15.00 Uhr, ab Samstag ist der Gutenberg-Film dann aber auch in der Arte-Mediathek zu finden – allerdings nur 30 Tage lang. Einen guten Überblick über Gutenbergs Lebensdaten findet Ihr hier bei Wikipedia, ausführlich natürlich hier beim Gutenberg-Museum in Mainz.

Das Gutenberg-Museum ist natürlich auch auf der Frankfurter Buchmesse vertreten: Am Messestand P24 in Halle 4.1 liegt passend zum Gastland Frankreich das „Bateau livre“ von Arthur Rimbaud vor Anker: Das Gutenberg-Museum präsentiert in seiner neuen Sonderausstellung „Absolument moderne!“ multinationale zeitgenössische Positionen zu Rimbauds Gedicht „Das trunkene Schiff“. Am Messestand könnt Ihr die Geschichte der Druckkunst „live“ miterleben samt rekonstruierter Gutenberg-Presse natürlich. Und hier wird auch der neue Gutenberg-Film gezeigt – also nix wie hin!

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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