Der Meteorit von Mainz – Ausstellung der AAG erzählt Astronomiegeschichte – Vortrag Schott am 1. Juni

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Sternwarte, antiker Himmelsglobus und ein Meteorit – Mainz hat eine lange und spannende Astronomiegeschichte. Wusstet Ihr das? Die erzählt seit Ende April eine Ausstellung im Mainzer Rathaus: „Mainz blickt ins All – Gestern, Heute, Morgen“ heißt die Schau der Astronomischen Arbeitsgemeinschaft (AAG) Mainz. Zu sehen sind fantastische Sternbilder, große Teleskope, der älteste erhaltene Himmelsglobus – und Teile des Meteoriten von Mainz. Mainz aus kosmischem Blickwinkel sozusagen. Und am Samstag, den 3. Juni, könnt Ihr um 11.00 Uhr eine exklusive Führung durch die Ausstellung erleben, danach gibt es einen Solargrafie-Workshop der AAG mit Lochkamera-Basteln und Camera Obscura-Effekt. Mainz blickt eben ins All 😉 Und am 1. Juni könnt Ihr im Rathaus einen Vortrag von Ralf Jedamzik von der Schott AG über die Produktion von Spiegeln für das Extremely Large Telescope in Chile erleben. Hingehen!

Jan-David Förster von der AAG mit einem Stück des Meteoriten von Mainz auf dem Dach der alten Sternwarte. – Foto: gik

1852 stieß ein Landwirt an der Pariser Chaussee beim Pflügen auf einen ungewöhnlichen Brocken: Etwa so groß wie ein Fußball, aber enorm schwer – 1,8 Kilogramm. Scharfkantig war der Brocken und ungewöhnlich schwarz. Erste Untersuchungen in einem Labor in Wiesbaden ergaben schnell: Die Kanonenkugel stammt aus dem All – es ist ein Gesteinsbrocken mit Eiseneinschlüssen, wie es ihn auf der Erde nicht gibt. Der Meteorit von Mainz war damals eine Sensation, nun sind Teile von ihm erstmals in Mainz in einer Ausstellung zu sehen.

„Das Besondere an dem Mainzer Meteoriten ist sein Alter“, sagt Jan-David Förster, langjähriger AAG-Vorsitzender und Macher der Ausstellung. Das Geschoss aus dem All stammt nämlich aus dem Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter und entstand vor 4,56 Milliarden Jahren, gemeinsam mit dem Sonnensystem. „Vor etwa 50 Millionen Jahren muss der Mainzer Meteorit von einem größeren Asteroiden abgeplatzt sein“, sagt Förster, seither irrte die Kugel durchs All. „Man weiß das, weil der Meteorit ab dann kosmischer Strahlung ausgesetzt war“, erklärt Chemiestudent Förster, das hätten Messungen am Mainzer Max-Planck-Institut gezeigt. Die Reise des Himmelskörpers verlief quer durchs Innere des Sonnensystems, wann das Geschoss die Erde erreichte, ist nicht ganz klar. Von einem Meteor spricht man übrigens, so lange das Geschoss noch im All unterwegs ist, nach Einschlag auf der Erde wird es dann zum Meteoriten.

Fragment des Mainzer Meteoriten aus der Nähe. Typisch ist das dunkle Material mit kleinen Eiseneinschlüssen. – Foto: gik

„Vor etwa 30.000 Jahren könnte der Meteorit hier in Mainz eingeschlagen sein“, sagt Förster. Gefunden wurde er auf einem Acker an der heutigen Pariser Straße, ganz in der Nähe des Mainzer Gautors, die Gegend war 1852 noch nicht bebaut. Ob der Meteorit beim Einschlag nur Tiere erschreckte oder auch ein paar Steinzeitmenschen, ist nicht bekannt – immerhin war das Mainzer Becken vor 30.000 Jahren wohl schon besiedelt.

„Es muss ein enormer Knall gewesen sein, das wäre nicht unbemerkt geblieben“, sagt Förster. Wahrscheinlich war der Meteorit insgesamt auch größer als das 1,8 Kilogramm schwere Stück und zerplatzte beim Aufprall in der Atmosphäre in viele Teile. „Die Legende besagt, es könnten noch weitere Teile im Mainzer Boden liegen“, sagt Förster schmunzelnd. Allerdings ist die Gegend an der Pariser Straße heute dicht bebaut, weitere Funde unwahrscheinlich.

Jan-David Förster mit dem Modell des Radioteleskops von Parkes, Australien. – Foto: gik

Für die Wissenschaft entpuppte sich der Mainzer Meteorit als wenig spektakulär: Der Stein sei ein sogenannter L-Chondrit mit einem Eisengehalt von 20,8 Prozent, also ein „Low Iron“-Meteorit. Der Name rührt von den Silikat-Einschlüssen im Stein her, von diesen Brocken gebe es viele auf der Erde, sagt Förster. Und so geriet der Meteorit denn auch lange in Vergessenheit, verschiedene Stücke landeten in Museen in aller Welt: Wien, New York, Straßburg – das größte Stück liegt mit 202 Gramm im indischen Kalkutta. Die Sammlung eines Forschers fand einst samt dem Meteoritenstück den Weg ins dortige Naturkundemuseum.

Nur etwa 800 Gramm des Mainzer Meteoriten seien erhalten, was aus dem restlichen Kilo geworden sei, wisse man nicht, berichtet Förster. Nicht auszuschließen, dass Fragmente noch in Schubladen schlummern – tatsächlich fand erst jetzt, wie Mainz& exklusiv erfuhr, das Naturhistorische Museum in Mainz ein Stück des Meteoriten in seinem Archiv. Am Donnerstag wird es mit drei anderen Teilfragmenten erstmals wiedervereinigt, damit ist in der Ausstellung die größte Ansammlung des Mainzer Meteoriten seit dem 19. Jahrhundert auf einem Fleck zu sehen.

Ältester erhaltener Himnmelsglobus und Parkes-Radioteleskop

Die alte Mainzer Volkssternwarte auf dem Turm der Anne-Frank-Schule in Mainz am Naturhistorischen Museum. – Foto: gik

Doch die Ausstellung zeigt noch viel mehr: Den ältesten erhaltenen Himmelsglobus zum Beispiel, einen Astralglobus aus der Zeit zwischen 150 und 220 nach Christus, aus der Römerzeit also, der sonst im Römisch-Germanischen Zentralmuseum gehütet wird. Oder das Modell des Radioteleskops des australischen Parkes-Oberservatoriums, das 1960 von den Gustavsburger MAN-Werken gebaut wurde.

Das Teleskop mit einem Antennendurchmesser von 64 Metern war lange das größte bewegliche Teleskop seiner Art in der südlichen Hemisphäre, 1961 wurde es errichtet, die Teile von der MAN mit dem Schiff in Richtung Australien verschifft. Die AAG aber besitzt noch ein Modell des Teleskops, zu sehen in der Ausstellung. Bis heute ist Mainz eine Stadt von Teleskopspezialisten: Der Spezialglashersteller Schott lieferte bereits 1903 den ersten Teleskopspiegelträger aus und baut bis heute Spiegelteleskope für Observatorien in aller Welt, darunter Spiegel für das Very Large Teleskope in Chile.

Mainzer Volkssternwarte Anziehungspunkt für Hunderttausende

Förster in der jetzt leer geräumten Kuppel der alten Mainzer Volkssternwarte mit offenem Dach. Von hier blickte Mainz jahrzehntelang in den Nachthimmel. – Foto: gik

Und natürlich geht es in der Schau auch um die Mainzer Volkssternwarte: 1961 wurde die Astronomische Arbeitsgemeinschaft Mainz (AAG) gegründet, mehr als 50 Jahre lang leitete sie die Mainzer Sternwarte, die sich früher auf dem Turm der Anne-Frank-Schule mitten in der Mainzer Innenstadt befand. Die 1962 eröffnete Sternwarte mit ihrer markanten Kuppel war jahrzehntelang Anziehungspunkt für die Mainzer und Ausgangspunkt für zahllose Vorträge und Seminare in Sachen Himmelswissenschaften. „Astronomie ist ein super Transportmittel für die Vermittlung von Wissenschaft“, sagt Förster.

Umso unverständlicher, dass ausgerechnet im Jahr der Wissenschaft in Mainz 2011 die Stadt den Beschluss fasste, die Sternwarte still zu legen. Brandschutzbestimmungen seien schuld, hieß es damals, der Turm habe keine ausreichenden Fluchtwege, nur noch maximal zehn Leute gleichzeitig dürften ihn betreten. Das aber war der Tod der Seminare, die die AAG mit Interessierten und Schulklassen durchführte – jahrzehntelang ohne irgendwelche Probleme. Im Fokus stand dabei nicht nur die Kuppel, sondern vor allem auch der Raum direkt darunter, rund 100.000 Besucher ließen sich hier, mitten in Mainz, von Sternenhimmel und astronomischen Besonderheiten faszinieren.

Neues Projekt Rheinhessen Sternwarte vor dem Aus

2012 kam dann das endgültige Aus, seither sind Kuppel und Raum verwaist. Die AAG plant inzwischen eine neue Sternwarte im rheinhessischen Stadecken – auf dem Pfadberg sollte neben der Stadecker Warte eine Sternwarte für ganz Rheinhessen entstehen. Doch der bereits fertig geplante Neubau steht kurz vor dem Aus, weil die Kreisverwaltung Ingelheim das Projekt derzeit blockiert. Mehr dazu lest Ihr hier bei Mainz&.

Phantastische und vielfältige Ausstellung „Mainz blickt ins All“ der AAG im Mainzer Rathaus, noch bis zur Museumsnacht zu sehen. – Foto: gik

Dabei waren die Rheinhessen, aber eben auch die Mainzer schon immer neugierige Forscher. Und das kann man sogar im All ablesen: Der Astronom Franz Kaiser, ein gebürtiger Wiesbadener, der zeitweise an der Mainzer Uni lehrte, entdeckte insgesamt 74 Kleinplaneten – Nummer 766 nannte er Moguntia, die Nummer 777 Gutemberga. Der Kleinplanet 2.981 trägt übrigens den Namen „Chagall“, zu Ehren des französischen Malers und Machers der blauen Fenster von St. Stephan, der Kleinplanet 8.058 den Namen Zuckmayer. Und dann ist da noch Asteroid Nummer 3.683 mit dem Namen Baumann – benannt nach dem Gründer der AAG, dem Mainzer Paul Baumann.

Info& auf Mainz&: Die Ausstellung „Mainz blickt ins All – Gestern, Heute, Morgen“ wird am Donnerstag, den 27. April, um 18.00 Uhr im Mainzer Rathaus im Foyer eröffnet und ist dann bis zum 14. Juni zu sehen. Flankiert wird die Ausstellung von mehreren Vorträgen sowie Führungen durch die Ausstellung, beim Museumstag am 10. Juni gibt es alle halbe Stunde eine Führung.

Am Samstag, den 3. Juni 2017, könnt Ihr um 11.00 Uhr eine ausführliche Führung mit Ausstellungsmacher Förster erleben, danach gibt es ab 12.00 Uhr einen Solargrafie-Workshop der AAG mit Lochkamera-Basteln und Camera Obscura-Effekt.

Besonderer Vortrag am 1. Juni 2017, 20.00 Uhr, von Ralf Jedamzik von der Schott AG über die Produktion des European Extremely Large Telescope in Chile: Auch das neueste Mega-Teleskop, das „weltgrößte Himmelsauge“, kann nicht auf die Schott-Spiegel aus dem Material Zerodur verzichten, Schott erhielt auch für dieses Teleskop den Auftrag für die Fertigung einiger Spiegelrohlinge mit einem Gesamtauftragsvolumen von 1,1 Milliarden Euro und 39,2 Meter  Spiegeldurchmesser. Dieser Großauftrag wird erst im Jahr 2024 abgeschlossen sein. Jedamzik, Mitarbeiter im Zerodur-Team der „Advanced Optics“-Abteilung der Schott AG, gibt einen Einblick in die Abläufe bei der Fertigung und zeigt bisher unveröffentlichtes Material. Ort: Mainzer Rathaus, Valenciazimmer, der Eintritt ist zum Vortrag ebenso frei wie zur Ausstellung. Informationen zur Ausstellung direkt findet Ihr hier, Infos zur AAG und ihren Sternwarten genau hier.

 

 

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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