„Hier ist Gefahr im Verzug“ – Große Mengen giftiger Ultrafeinstaub beim Frankfurter Flughafen in Raunheim gemessen – Experten schlagen Alarm

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Atmen Bewohner rund um den Flughafen jedes Jahr das Zigfache der Silvesterbelastung an Ultrafeinstaub ein? Ja, sagen Joachim Alt und Wolfgang Schwämmlein von der Initiative gegen Fluglärm in Mainz, und berufen sich auf Messungen des Landes Hessen: Die Werte seien exorbitant hoch, hier sei „Gefahr im Verzug“ – Bevölkerung und Mediziner müssten dringend gewarnt werden. Schwämmlein und Alt sind keine Unbekannten in der Materie Ultrafeinstaub: Schon 2015 hatten die beiden Ingenieure wochenlang eigene Messungen in Sachen Ultrafeinstaub rund um den Frankfurter Flughafen durchgeführt – und sie hatten damit die Politik aufgeschreckt. Seit Herbst 2015 wird nun an der offiziellen Messstation des Hessischen Landesamtes für Umwelt auch Ultrafeinstaub gemessen, nun erkämpften sich Alt und Schwämmlein den Blick in die ausführlichen Messergebnisse. Und was sie dort fanden, lässt sie nun Alarm schlagen: Ultrafeinstaubmengen von bis zu 100.000, ja sogar 500.000 Partikel pro Kubikzentimeter Luft. Mainz& liegen die ausführlichen Ergebnisse exklusiv vor, wir haben mit Alt und Schwämmlein gesprochen, und wir haben nachrecherchiert.

Joachim Alt und Wolfgang Schwämmlein mit ihren Auswertungen der Messergebnisse in Raunheim. – Foto: gik

Es war kurz vor Silvester, als Experten des Umweltbundesamtes vor wahren Feinstaub-Exzessen warnten: Ausgelöst durch Silvesterfeuerwerk würden rund 4000 Tonnen giftigen Feinstaubs freigesetzt, das seien 15 Prozent der Menge, die Autos und Lkw im ganzen Jahr erzeugen, warnten die Experten. „In Raunheim“, sagt Wolfgang Schwämmlein, „haben die Bewohner praktisch jeden zweiten Tag Silvester – und zwar in dreifacher Höhe und über Stunden hinweg.“

Das Problem mit Feinstaub kennen Wissenschaft und Medizin seit Jahren: Die winzigen Rußpartikel entstehen bei Verbrennungsprozessen, etwa durch Autoabgase, aber auch in der Industrie, sie können ins Lungengewebe eindringen und in die Bronchien – und dort heftige Entzündungen verursachen. Was aber Wissenschaft und Medizin erst jetzt so langsam zu entdecken beginnt, ist die Gefahr durch Ultrafeinstaub: Das sind ultrafeine Partikel, die kleiner als 100 Nanometer sind. Ultrafeine Partikel entstehen primär bei Verbrennungsprozessen im Verkehr und in der Industrie, aber auch in Triebwerken von Flugzeugen, und was hier heraus kommt ist 1000 mal kleiner als „normaler“ Feinstaub.

Weil die Staubteilchen auch ultraleicht sind, bleiben sie schwebend in der Luft – und können vom Menschen eingeatmet werden. Feinstaubpartikel werden in der Regel gewogen, für sie gibt es Grenzwerte und Gegenmaßnahmen. Ultrafeine Partikel aber können wegen ihres fehlenden Gewichts nicht gewogen werden, sie werden deshalb gezählt. Einen Grenzwert für ultrafeine Partikel gibt es nicht, ein üblicher Wert etwa durch Straßenverkehr liegt bei 10.000 Partikel pro Kubikzentimeter Luft.

Ultrafeinstaubbelastung in Raunheim im Jahr 2017 mit Flugbetrieb (rote Kurve) und ohne Anflugbetrieb (blaue Kurve). – Grafik: Alt/Schwämmlein

 

„Während des Landesanflugs über Raunheim lagen die hier gemessenen Konzentrationen an ultrafeinen Partikeln im Jahr 2017 selten unter 20.000 Partikeln pro Kubikzentimeter Luft, in Hochzeiten waren es sogar über 145.000 Partikel“, sagt Joachim Alt. Alt ist gelernter Nachrichtentechniker, gemeinsam mit Schwämmlein maß er bereits im Herbst 2015 deutlich erhöhte Konzentrationen von Ultrafeinstäuben rund um den Frankfurter Flughafen. Schwämmlein ist Diplom-Ingenieur und Werkstoffwissenschaftler, war lange in der Auftragsforschung tätig, unter anderem bei Asbeststudien für das Umweltbundesamt.

Nun haben die beiden Experten der Mainzer Initiative für Fluglärm die Messdaten aus Raunheim für das Jahr 2017 unter die Lupe genommen, detailliert und im Fünf-Sekunden-Protokoll. Die Ergebnisse schockierten sie: „Die Werte sind hoch erschreckend, da ist Gefahr im Verzuge“, warnt Alt: „Wir erreichen hier an ganz normalen Flugtagen Werte, die zweifach oder dreifach über der Silvesterbelastung liegen, und zwar über viele Stunden hinweg.“

Vergleich Anzahl der ultrafeinen Partikel (blaue Balken) mit den Flugbewegungen (rote Balken) in Raunheim im Jahr 2017. – Grafik: Alt/Schwämmlein

Zwischen 20.000 und 100.000 Partikel seien hier an der Tagesordnung, sagt Alt, das zeigten die offiziellen Messkurven. Zum Vergleich: In der ersten halben Stunde nach Silvester 2016/2017 registrierten die Messgeräte in Raunheim einen Mittelwert von rund 46.000 Partikeln pro Kubikzentimeter Luft. 568 Mal sei dieser Silvesterwert im Laufe des Jahres 2017 in Raunheim überschritten worden – und einzelne Spitzenwerte reichten sogar bis zu 500.000 Partikel, sagt Alt: „Ich bin sicher, wenn Menschen das Einatmen, dass das zu gesundheitlichen Folgen führt.“ Bereits ein einzelnes Partikel könne Auslöser von schwersten Krankheiten sein, „bei 500.000 Partikeln hat der Organismus sofort Stress“, sagt Alt.

Wissenschaftler bestätigen das: „Erhöhte Konzentrationen von ultrafeinen Partikeln, etwa im dichten Straßenverkehr, führten bereits nach fünf Minuten bei den Probanden zu einer veränderten Herzvariabilität“, schreibt Annette Peters, Leiterin des Forschungsbereichs Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum in München in einer Studie im Jahr 2015. Peters hat in den vergangenen Jahren mehrere Studien zur Wirkung von ultrafeinen Partikeln auf die menschliche Gesundheit durchgeführt, das Ergebnis: Ultrafeinstaub wirkt erheblich gefährlicher als bislang angenommen. Die Studien legten vor allem einen direkten Zusammenhang mit Herzinfarkten nahe, die Partikel veränderten die autonome Regulation der Herzfunktion, schreibt Peters in einer Studie im Jahr 2015. Ultrafeine Partikel gelangten direkt in die Blutbahn, sowohl eine kurzfristig erhöhte Konzentration als auch eine Langzeitexposition erhöhten das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzversagen.

Ultrafeinstaubbelastung am 1. Januar 2017 in Raunheim. – Grafik: Alt/Schwämmlein

 

Auch Auswirkungen auf das vegetative Nervensystem wurden in Studien festgestellt, Mediziner vermuten gar einen Zusammenhang mit Diabetes und eventuell sogar Alzheimer.Dass Feinstaub Gift für Bronchien und Lungenbläschen ist, Ultrafeinstaub hingegen sogar bis ins Lungengewebe und in den Blutkreislauf gelangt, weiß man auch beim Umweltbundesamt. Die Folgen: Schleimhautreizungen, lokale Entzündungen in der Luftröhre, den Bronchien oder den Lungen und sogar Herzinfarkt durch Arterienverstopfung. Doch bisher sah man als Hauptverursacher für den giftigen Feinstaub den Autoverkehr, dass es einen Zusammenhang mit Flugzeugen geben könnte, wird seit Jahren vom Flughafen-Betreiber Fraport und dem Landesamt für Umwelt in Hessen in Zweifel gezogen: Das sei nicht bewiesen, heißt es dort

Warum also sollte der Flugverkehr die Ursache für die Raunheimer Werte sein? Die Messstation liegt direkt am Hallenbad, in 400 Metern Höhe überqueren hier die Flieger beim Landeanflug den Ort. „Das ist eine schlichte Wohngegend mit wenig Anwohnerverkehr“, sagt Schwämmlein: „Es gibt hier keinen anderen Verursacher, der morgens um 5.00 Uhr den Betrieb aufnimmt.“ Denn morgens, mit Beginn des Flugbetriebs „gehen die Werte schlagartig hoch, mit Drehung der Abflugrichtung sinken sie sofort“, sagt Alt.

Flugzeuge gefährden Ihre Lungen und Bronchien…. so sieht es jedenfalls die Initiative für Fluglärm in Mainz – deren Grafik das hier ist.

Die beiden Ingenieure nahmen schlicht die offiziellen Messdaten aus Raunheim und legten sie mit offiziellen Flugdaten für dieselben Tage übereinander – für das ganze Jahr 2017. Das Ergebnis: In dem Augenblick, wo Flugzeuge ihren Landeanflug über Raunheim begannen, änderte sich das Bild der Kurven schlagartig. Die Anzahl der ultrafeinen Partikel stieg an, wenn Fluglärm war, und sie sank, wenn die Flieger ausblieben. „Der unmittelbare Vergleich zwischen Flugbetrieb und nicht Flugbetrieb zeigt einen deutlichen Unterschied“, sagt Alt ganz nüchtern

Und die Belastung halte genau während der neunzehn Stunden währenden Betriebszeit auf dem Flughafen an. „Es gibt immer eine deutliche Korrelation zum Flugbetrieb“, ergänzt Schwämmlein. An anderen Flughäfen wisse man zudem um den Zusammenhang: In Zürich wird etwa seit Jahren Ultrafeinstaub gemessen – als Ergebnis des Flugverkehrs. Und die Ergebnisse aus Frankfurt könnten auch andere Flughäfen betreffen: am 17. April findet genau zum Thema Ultrafeinstaub im Umfeld von Großflughäfen eine Workshop des Umweltbundesamtes in Bonn statt – auf der Grundlage der Frankfurter Messungen.

Das Landesumweltamt Hessen sieht indes bisher keine Gefahr und spricht von ganzen 16.700 Partikeln pro Kubikzentimeter Luft. „Das Landesamt für Umwelt bildet Jahresmittelwerte“, sagt Schwämmlein, dabei würden Tage mit Flugbelastung und Tage ohne Flugbelastung einfach gegengerechnet. „Die Konsequenzen für den Menschen aber liegen im Minutenbereich“, sagt er, „was macht dann ein Jahresmittelwert für einen Sinn?“

Alt und Schwämmlein 2015 mit den Ergebnissen ihrer damaligen Messungen zu Ultrafeinstaub in Mainz-Hechtsheim. – Foto: gik

 

Experten behaupteten zudem gerne, dass Ultrafeinstäube nicht am Boden ankämen, weil sie so leicht seien, beim Flugverkehr treffe das aber nicht zu, sagt Alt. Der Grund: Wirbelschleppen. Die Luftwirbel, die hinter jedem Flugzeug entstehen, wirbelten auch die Abgase aus den Flugzeugtriebwerken nach unten. „Das ist wie eine Ventilator unter der Decke“, sagt Alt und lasse sich durch die Messwerte nachweisen: „Die hohen Spitzen, das müssen die Wirbelschleppen sein.“ In Einflugschneisen sei der Effekt besonders hoch – wie eben in Raunheim

Schwämmlein und Alt fordern nun, die Politik dürfe das Problem nicht länger herunterspielen, die Menschen in den Einflugschneisen des Flughafens müssten aufgeklärt, Mediziner über die Werte informiert werden. Es brauche weitere Studien, und es müsse untersucht werden, ob es einen Zusammenhang mit Erkrankungen von Herz und Bronchien im Bereich von Anflugrouten gebe. Wenn Behörden schon vor Belastungen von 46.000 Partikeln warnten, dann seien Messwerte von 100.000 Partikeln „eine Riesendimension“, sagt Schwämmlein: „Das muss zum sofortigen Handeln zwingen.“

Info& auf Mainz&: Die gesamten Ergebnisse der Untersuchung von Alt und Schwämmlein könnt Ihr auch noch einmal nachlesen – bei der Initiative gegen Fluglärm in Mainz, genau hier. Alt und Schwämmlein haben ihre Ergebnisse auch in Kurzform zusammengefasst, das pdf dazu öffnet sich, wenn Ihr hier klickt. Auch ein Faltblatt zum Thema Lunge und Feinstaub gibt es hier zum Download. Wir wollen übrigens beileibe keine Panik verbreiten, aber wir halten die Messergebnisse in Raunheim für so gravierend, dass wir glauben: hier muss dringend aufgeklärt und gehandelt werden. Unseren Artikel von 2015 BI misst hohen Ultrafeinstaub am Flughafen findet Ihr hier. Die täglichen Messwerte für Ultrafeinstaub in Raunheim – und viele andere Messergebnisse – könnt Ihr Euch auch direkt ansehen: hier geht es zur Raunheimer Messstation mit den aktuellen Messwerten. Einfach in der Liste rechts „ultrafeine Partikel“ anklicken, dann öffnet sich ein eigenes Fenster mit den aktuellen Kurven. Geht zum Beispiel mal zurück auf den 30.3.2018 – da reichten die Werte bis knapp 65.000 Partikel pro Kubikzentimeter Luft. Die aktuellen Flugspuren des jeweiligen Tages könnt Ihr wiederum beim Deutschen Fluglärmdienst nachschauen.

 

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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