Große Narretei beim GCV: Närrisch-verdreht, grandios-grantelnd und weinselig-römisch

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Römische Narrencohorte - Foto: gik

Der Narr ist ja jemand, der „närrische“, also verdrehte, einfältig-überzeichnete Dinge tut, und mit seinen Späßen den „Normalen“ den Spiegel vorhält. Narrenfreiheit nennt man die Art der Rede, die auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen muss – und genau so ist die Sitzung des Gonsenheimer Carnevals-Vereins in dieser Kampagne: zutiefst närrisch. Da wird dem Volk aufs Maul geschaut, Grantlern der Spiegel vorgehalten und den Politikern die Leviten gelesen. Garniert mit viel Musik, Schwung und närrischen Römern – es war mal wieder ein Fest in der Turnhalle in Gunsenum.

Sitzungspräsident Grom mit Narrenstandardte

Narren im Zeichen Roms – GCV-Sitzungspräsident Sebastian Grom – Foto: gik

Der Gonsenheimer Carnevals Verein, sagte Sitzungspräsident Sebastian Grom, sei „der tollste, innovativste, bescheidensten“ aller Vereine – und schon waren wir mitttendrin in der Narretei. Denn in Gonsenheim nimmt man nicht nur andere auf die Schippe, sondern gerne und oft auch sich selbst – respektlos, humorvoll und bissig.

Mehr Frauen auf die GCV-Bühne!

Und so hat „Bühnenmanagerin“ Lea Heymann zu Beginn der Sitzung denn auch alle Hände voll zu tun: Der Büttenschieber bringt die Eule der Eiskalten Brüder, der Stimmungssänger liebt Finthen – es geht schief, was schief gehen kann. Aber natürlich ist auch das nur Narretei und die Sitzung verläuft wie am Schnürchen. Und wir finden, Frau Heymann sollte künftig eine größere Rolle auf der Bühne spielen – wenn der GCV einen Fehler hat, dann diesen: Es steht keine einzige Frau auf der Bühne. Außerhalb des Balletts jedenfalls.

Ist die Füsiliergarde erst mal abmarschiert, geht es Schlag auf Schlag: Die singenden Fleischworschtathleten Benny Scholian und David Geis heizen den Saal für Protokoller Martin Krawietz auf, und der setzt gleich ein erstes großes Ausrufezeichen: „Wer aus dieses Bütt hier spricht, scharf kritisiert, jedoch nicht hetzt“, beginnt Krawietz und ist damit mitten im Thema.

Das Narrenwort ist frei!

Was darf der Narr, was darf Satire? Es ist das Megathema dieser Fastnachtskampagne, und der GCV-Protokoller springt mit seinen ersten Versen mitten in dieses Thema: „Noch geht es uns allen ja sehr nah, was jüngst dort in Paris geschah, wo die Kritik man mit Bedacht, im wahrsten Sinne mundtot macht.“ Und Krawietz stellt die Kernfrage, die seit den Anschlägen auf das Pariser Satiremagazin Charlie Hebdo die Narrenszene bewegt: „Drum frag ich mich ziemlich ernüchtert: Sind wir als Narren eingeschüchtert?“ Guddi Gutenberg Je suis Charlie

In Köln haben sie ihren Motivwagen zu Charlie Hebdo zurückgezogen, in Mainz sagen sie zur Einschüchterung Nein. Martin Krawietz tut es mit deutlichen Sätzen: „Nein, sag ich, es bleibt dabei, das Narrenwort ist und bleibt frei!“ Und das Publikum dankt es ihm mit lang anhaltendem Beifall.

Guddi und Charlie

Noch einmal wird Charlie Hebdo an diesem Abend eine Rolle spielen: Bei Hans-Peter Betz alias „Guddi Gutenberg“. Der gibt nicht nur den Selbstmordattentätern einen mit, sondern findet auch die Geste überhaupt zum Thema der Meinungs- und Pressefreiheit. Wir müssen das hier jetzt einfach mal schreiben – sorry Guddi! – weil es unglaublich anrührend ist und manchen im Saal zu Tränen rührte – wer sich die Spannung für die Fernsehsitzung erhalten will, sollte den nächsten Absatz überspringen…

Betz jedenfalls hat seinen traditionellen Schlusssatz mit dem Denkmal und dem Sockel geändert, er klettert auf seinen Sockel, und sagt nur drei Worte: Je suis Charlie. Und dann steht die Symbolfigur Gutenberg, Erfinder des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, DER Wegbereiter des freien Wortes dort oben und hält das schwarze Schild mit den weißen Buchstaben hoch – und dem Saal fehlen die Worte.

Aber zum Glück gibt es ja noch die Hände, und die danken Betz mit donnerndem Applaus, der gar nicht enden will. Und Mainz& zieht den Narrenhut und verneigt sich tief.

Putin zum Humor-Praktikum eingeladen

Aber natürlich bekommt auch die „normale“ Politik ihr Fett weg: GDL-Gewerkschaftschef Claus Weselsky, Brandstifter Wladimir Putin, der Pegida „Mummenschanz“, die CSU und ihre „Zuhause Deutsch sprechen“-Aktion – es war wirklich genug los im vergangenen Jahr. „Er verkennt hier Maß und Ziel, und außerdem hat er kein‘ Stil“, schickt Krawietz in Richtung Weselsky, und Russlands Präsident Putin lädt er zur Fastnacht ein – zum Humor-Praktikum.

Überhaupt reimt sich Krawietz so spritzig durch sein Protokoll, da kriegen der Till und der Bajazzo langsam richtige fernsehtaugliche Konkurrenz… Fürs Fernsehen taugt in diesem Jahr ganz besonders das Handtuchballett: Die Parade bunter Handtücher hatte das GCV-Ballett ja bei den närrischen Kammerspielen zum 11.11. erstmals auf die Bühne gebracht – es war so toll, dass die Mädels unbedingt noch einmal in der Fastnachtssitzung ran mussten.

Handtuch-Ballett oder schon Burka

Handtuchballett oder schon Burka? – Foto: gik

Narrenmund tut dem Sitzungspräsidenten gut

„Das ist nicht die Showtanzgruppe aus Saudi Arabien“, merkte Sitzungspräsident Grom süffisant an, wie überhaupt der junge Mann an der Schelle einen enormen Qualitätssprung hinlegte: Klangen Groms Moderationen im vergangenen Jahr noch hölzern-steif, sorgt er in diesem Jahr mit witzig-spitzigen Sprüchen und trockenem Humor eins ums andere Mal für Lacher im Publikum. Groms Geheimnis: „Ich habe dieses Jahr nichts mit hoch genommen“, verriet er Mainz&. Will sagen: Grom moderierte frei und verließ sich auf seinen Narrenmund – gut so!

In der Turnhalle ging es nun Schlag auf Schlag: Christoph Seib zieht als Fimvorführer, der seine Filme phantomimisch darstellt, alle Register und legt eine sensationelle Performance mit erstklassiger Schauspielerei hin. Und dann kann der Mann auch noch singen und sorgt mit sanften Balladen für Gänsehaut im Publikum – unglaublich.

Narrenspiegel musikalisch und Gunsenumerisch

Becker am Kiosk

Rudi Hube als Becker am Kiosk, mit Sohn Achim Hube – Foto: gik

Peter Beckhaus hält als „Schiggolo“ den verzweifelt Alternden so was von einen Narrenspiegel vor, großes Kino mit leisen Tönen. Und wenn man von Narrenmund spricht, darf einer nicht fehlen: Rudi Hube glossiert als „Herr Becker“ am Kiosk seines Sohnes Achim Hube die Gonsenheimer Gesellschaft und zieht Schlagzeilen durch den Kakao. „Politiker“, sagt der Mund des Narren, „sind wie Tauben: Sind se unten, fressen se dir aus der Hand, sind se obbe, wirste beschissen.“

Pilotenstreik und Russen-Macho Putin, Papst Franziskus (der Lob für seine Vatikan-Schelte erhält), Bayern-Boss Uli Hoeness im Gefängnis, die WM und Fifa-Chef Sepp Blatter – es gibt nichts, was „Gutenberg“ Betz nicht aufspießt. Bissiger und spitzer noch als im Vorjahr kommt der Gutenberg daher, aber das werdet Ihr ja in der Fernsehsitzung selbst sehen 😉

Fritz Falters Fastnachtsrede und grantelnder Greeb-Arsch

Apropos Fernsehsitzung: Als heiße Kandidaten für die Fernsehbühne gelten beim SWR auch das kongeniale Duo Martin Heininger und Christian Schier. Die mimen in diesem Jahr den Fastnachts-Motivationstrainer Tim Wälzer und seinen tumben Schüler Fritz Falter – und schießen ein Feuerwerk an Witz, Kalauern und Persiflage ab, unglaublich. Das Publikum bog sich vor Lachen und flehte um Gnade 😉 Und natürlich durfte Musik in der Nummer und der Hähnchengrill am Ende nicht fehlen, bevor gnädig der Vorhang zur Pause fiel.

Närrischer Grantler Emrich mit Spiegel

Närrischer Grantler Michael Emrich – Foto: gik

Zweiter Teil, zweites Feuerwerk, viel Musik: Nico Spehner sorgt für Stimmung, Erhard Grom seziert als Pirat die Politik, muss sich allerdings für seine nicht besonders Frauen-netten Pointen manches uiuiui anhören… Wenn wir aber schon bei den Altmeistern der Narretei sind, darf einer nicht fehlen: Michael Emrich hält als nörgelnder Grantler – auf Gunsenumisch „Greeb-Arsch“ – den Leute unglaublich komisch den Narrenspiegel vor, spiekt mit dem Spiegel in das Fenster der feschen Nachbarin, fährt Auto und regt sich als 05-Fan auf – das ist ganz großes Narren-Kino.

Mainzigartiger Oliver Mager und hitverdächtige Römer

Von einem aber gilt es in dieser Kampagne (vorläufig) Abschied zu nehmen: Oliver Mager, die Gunsenheimer Antwort auf die singenden Dachdecker von Mainz, hat eine Narrenpause angekündigt. Vielleicht überlegt er es sich ja nochmal: Der Saal jedenfalls feierte und träumte mit „Konfetti in der Blutbahn“, „Du bist Mainzigartig“ und „Ich hab‘ mich verliebt, hab mich verliebt, in eine Stadt…“ Wie sollen wir nächstes Jahr ohne das auskommen?

Mainzer Melodien, vom Mädel, das am Rosenmointag geboren wurde – na, Ihr wisst schon: Margit Sponheimer. Zu deren Hits tanzte sich das GCV-Ballett durch ihren großen Auftritt, großartig. Doch den finalen und höchst närrisch-genialen Schlusspunkt setzten mal wieder die Schnorreswackler: Als Römer kommen sie dieses Jahr daher, bauen eine Baustelle – oder besser: viele.. – schunkeln am Knie des Rheins und verbuddeln ein Römerschiff für die Nachwelt. Schnorreswackler als Römer Ende

Und die Schnorreswackler lassen den Wein in Strömen fließen, natürlich nur den Rheinhessenwein, nicht den aus Argentinien 😉 Ihr A Capella-Medley gehört zum Besten, was sie je erfunden haben – Stichwort: „Schuld war nur der Weißburgunder“ -, eine tolle Liebeserklärung an die Weinstadt Mainz: „Was wäre das Leben ohne Wein, in Mainz am schönen Rhein?“ Gute Frage 😉 Und wir sind uns ziemlich sicher, dass es die weinseligen Römer auf die Fernsehbühne schaffen…

Und jetzt noch einmal zum Nach-Leben oder Mit-Gucken die Mainz&-Fotogalerie von der GCV-Sitzung. Viel Spaß dabei!

  • Sitzungspräsident unter der Narren-Standarte - Foto: gik
  • Süße Füsiliergarde - Foto: gik
  • Musikalische Fleischworschtathleten - Foto: gik
  • Starker Protokoller Martin Krawietz - Foto: gik
  • Herrlich schmieriger Schiggolo Peter Beckhaus - Foto: gik
  • Grandioser Filmvorführer Christoph Seib - Foto: gik
  • Herr Becker am Kiosk - Rudi und Achim Hube - Foto: gik
  • Ein echter Popstar, dieser Ercan Demirel - Foto: gik
  • Guddi Gutenberg Hans-Peter Betz in Hochform - Foto: gik
  • Noch Handtuchballett oder schon Burka? - Foto: gik
  • Von einem, der auszog, den Fastnachtsvortrag zu lernen - Foto: gik
  • Martin Heininger und Christian Schier in Hochform - Foto: gik
  • Pirat Erhard Grom entert die Bühne - Foto: gik
  • Sing's noch einmal, Oliver Mager - Foto: gik
  • Wenn der Grantler mit dem Spiegel zur Nachbarin... - Foto: gik
  • Im Auto wird der Granmtler zum echten "Greebarsch" - Michael Emrich - Foto: gik
  • 06131, tanzt das GCV-Ballett nach Margit Sponheimer - Foto: gik
  • Die närrischen Römer von den Schnorreswacklern - Foto: gik
  • Römer mit Jodler auf'm Fels - Foto: gik
  • Römische Narrencohorte - Foto: gik
  • Echtes Narren-Finale - das war der GCV 2015! - Foto: gik
  • Und vom Hallendach der Narr... - Foto: gik

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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