Historische Korridorstraße oder Boulevard mit Bäumen? – Architekturprofessor Hädler stellt Konzepte für die LU infrage

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Die Ludwigsstraße Ecke Große Langgasse in Mainz: viel Beton, wenig Grün - Foto: gik

Welche Funktion hat die Ludwigsstraße im öffentlichen Raum? Es war die Gretchenfrage, die der Mainzer Architekturprofessor Emil Hädler da vergangene Woche im Mainzer Rathaus mal eben so in den Raum stellte. Hädler stellte die Grundsatzfrage: Wie wollen die Mainzer ihren wichtigsten Boulevard im Herzen der Stadt nutzen? Die Straße, wo Fastnacht, Feste wie die Johannisnacht und Großevents wie der Tag der Deutschen Einheit stattfinden. Der Haken nämlich: Durch die derzeitigen Planungen der Stadt und der Investoren an der LU würde ein neues Einkaufszentrum bis zur Vorderkante der Pavillons rücken. Damit stelle sich aber die Frage: „Will man die Korridorstraße – oder einen grünen Boulevard wie jetzt?“, betonte Hädler, und stellte gleich auch klar: „Beides wird man nicht haben können.“

Die Ludwigsstraße Ecke Große Langgasse in Mainz: viel Beton, wenig Grün - Foto: gik

Domblick adé? Ein Neubau mit vorgezogener Front würde diesen Blick zunichte machen, warnt Architekturprofessor Emil Hädler. – Foto: gik

Die Bürgerinitiative Ludwigsstraße hatte zu einer Diskussion unter dem Motto „Wie sieht die Zukunft der Ludwigsstraße aus“ geladen, gekommen war auch die halbe Stadtspitze: Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD), Wirtschaftsdezernent Christopher Sitte (FDP) und Bauderzenentin Marianne Grosse (SPD) stellten sich den Fragen der rund 70 Besucher – viel Neues gab es dabei aber nicht: Die Stadt sei derzeit dabei, mit dem neuen Investor und Eigentümer, der Baugesellschaft Dirk Gemünden, „einen groben Rahmen abzustecken“, sagte Oberbürgermeister Ebling und betonte: „Wir verhandeln noch nicht.“

Stadt wartet auf Vorstellungen des Investors, eigene städtebauliche Forderungen unklar

„Wir brauchen noch Vorstellungen des Investors“, sagte Baudezernentin Grosse, auch müsse die Stadt „schauen, was wir an städtebaulichen Forderungen haben.“ Die Stadt könne relativ schnell in ein Bebauungsplanverfahren einsteigen, alles, was darin nicht geregelt werden könne, könne ein städtebaulicher Vertrag festlegen – Grosse nannte dabei explizit die Größe der Verkaufsfläche, den Anteil der Gastronomie, aber auch „wer da reinkommt.“ Einer im Saal dürfte da genau seine Ohren gespitzt haben: Seniorchef Dirk Gemünden höchstpersönlich saß während der Veranstaltung im Saal und hörte interessiert zu.

Er hörte auch, wie Ebling sagte: „Investoren sind alle gleich.“ Zwar sei der Herr Gemünden „persönlich viel netter, aber in der Struktur nicht viel anders“ als der vorherige Investor Otto, Eigentümer der Firma ECE, die bekanntlich an der Ludwigsstraße eine große Shoppingmall bauen wollte. Im Gegensatz zu ECE habe Gemünden „ein Interesse daran, dass in Mainz etwas passiert“, sagte Ebling, „ob das auch einfacher ist in den Verhandlungen, werden wir noch sehen.“

So sieht der vorläufige Plan des neuen Investors Gemünden an der LU aus. – Foto: gik

Grosse betonte ferner, der Stadt sei die städtebauliche Aufwertung der Ludwigsstraße als dritter Pol des Einzelhandelskonzeptes neben Römerpassage und Brand wichtig, „wir haben die Chance, städtebaulich weiter zu kommen.“ Wie das allerdings passieren soll, darüber scheint in der Stadtspitze keine genaue Vorstellung zu herrschen. Die bisher im Rahmen der Verhandlungen mit ECE verabschiedeten Konzepte sehen allerdings ein Vorziehen des Gebäudekomplexes bis zur Ludwigsstraße und eine Aufstockung der vorderen Gebäudeteile auf 12,50 Meter vor, die Pavillons würden ebenso verschwinden wie die Plätze dazwischen.

Hädler: Neubau würde Domblick vom Schillerplatz aus verschwinden lassen

Ein solcher Neubau „würde den Domblick vom Schillerplatz aus verschwinden lassen“, machte Architekt Hädler klar, der freie Blick auf den Dom vom Fastnachtsbrunnen aus, sei einst von Mainzer Stadtplanern so konzipiert und umgesetzt worden. „Wie viel Inszenierung des Domblicks wünscht man sich eigentlich vom Schillerplatz aus?“, fragte Hädler und forderte: „Da ist eine Entscheidung notwendig.“ Überhaupt mahnte der Professor für Altbaugestaltung und Baukonstruktionsgeschichte explizit an, sich die gestalterischen Linien der Ludwigsstraße bewusst zu machen – und plädierte eindringlich für ein „Gesamtkunstwerk“ aus einem Guss.

Geschaffen worden nämlich sei die Ludwigsstraße einst von Napoleon als Korridorstraße: Eine „brutal durch die Stadt geschlagene Schneise“ nach dem Vorbild vieler französischer Boulevards, ein „axialer Durchbruch durch ein Stadtquartier“, erklärte Hädler. Ein Baumbestand sei in diesem Konzept nicht vorgesehen, „historisch steht da nie ein Baum“, betonte der Experte. Würde die Raumkante des neuen Einkaufszentrums bis an die Straße vorgezogen, entstehe genau eine solche Korridorstraße mit einer vergleichsweise engen Straßenflucht und ohne Bäume – ganz nach historischem, französischem Vorbild.

Konzept luftiger Boulevard mit Pavillons würde durch Korridorstraße aufgegeben

Blick vom Schillerplatz in die Ludwigsstraße im März 1965: Die Umsetzung des Pavillon-Konzepte. – Foto: Hans Armster

Nach dem zweiten Weltkrieg hingegen habe die Stadt Mainz ein anderes Konzept verfolgt: Das eines luftigen Boulevards mit Bäumen und einer Platzstruktur, hergestellt durch die Pavillons. „Die asymmetrische Gestaltung der Gebäude gab erstmals einen Blick auf den Dom frei“, sagte Hädler. Und dieser „Konsens des Boulevards mit Pavillons“ sei „über die Jahrzehnte hinweg immer wieder bestätigt worden.“ Städtebauliche Wettbewerbe in den Jahren 1991 und 1996 hätten etwa wieder mit der Pavillonstruktur gearbeitet, „das wird erst in Frage gestellt durch das Projekt ECE“, betonte der Architekt: „Zum ersten Mal sprechen wir davon, die Gebäudekante wieder nach vorne zu rücken zum Korridorkonzept.“

Gleichzeitig wolle man aber diese Rückkehr zu dem französischen Konzept nur für einen begrenzten Bereich zwischen der Weißliliengasse und dem Gutenbergplatz umsetzen, kritisierte Hädler – der Bereich zwischen Weißliliengasse und Schillerplatz solle hingegen bleiben, wie er sei. Das aber werde ein Mischmassch aus architektonischen Konzepten entstehen lassen, warnte Hädler – städtebaulich sei das nicht zu empfehlen. Die LU sei aber stets auf den Schillerplatz ausgerichtet gewesen mit Palais „Bassenheimer Hof“ als Endpunkt – „so war das konzeptioniert.“

Fastnacht, Johannisnacht, große Events – in einer Korridorstraße?

Doch eine Diskussion über Städtebau finde in Mainz gar nicht statt, klagte der Architekturprofessor: „Wir reden nicht über irgendein Grundstück – wir reden über die LU!“ Die sei eigentlich eine städtebauliche zusammenhänge Figur als Gesamtkunstwerk, zudem müsse sich die Stadt überlegen, welche Funktion der Boulevard in Zukunft erfüllen solle: „Wie kann man sich die Feste in einer Korridorstraße vorstellen: Fastnacht, Tag der Deutschen Einheit, die Johannisnacht?“, fragte Hädler: „Welche Funktion hat die LU im öffentlichen Raum? Wird es mit den Bäumen nicht zu eng?“

Feuerwehr und Polizei hatten bereits vor Jahren gewarnt, die LU als Korridorstraße werde etwa am Rosenmontag viel zu eng für die Menschenmassen, es würden Fluchtwege fehlen. Derzeit seien die Wege hinter den Pavillons für die Rettungskräfte unverzichtbar, fielen die weg, drohe der LU gar eine Einschränkung der Besucherzahlen – der Rosenmontagszug auf der LU ohne Publikum?

Pavillons, Bäume? Oder zurück zur ursprünglichen Boulevardform der Franzosen? – Foto: gik

BI LU kritisiert: Stadt will Plätze auf der LU ohne Ausgleich verkaufen

Hädlers Vortrag sei „ein Augenöffner“, sagte denn auch der Sprecher der Bürgerinitiative, Hartwig Daniels. Gemünden als Investor sei ein positives Signal, doch auch von dem erwarte die BI, „dass er sich an der historischen Bedeutung des Ortes orientiert.“ Hauptkritikpunkt der Bürgerinitiative ist weiterhin, dass auch mit den neuen Planungen an der Ludwigsstraße ein großer Klotz entstehen würde – und dass die Stadt die Plätze zwischen den derzeitigen Pavillons ohne Ausgleich verkaufen will. „Diese Plätze sind Gold Wert, hier geht kostbarer öffentlicher Raum verloren“, kritisierte Daniels.

Dass die Plätze derzeit unattraktiv seien, das habe doch die Stadt als Eigentümerin zu verantworten, „es sind Plätze der Stadt, die hätten instand gehalten werden müssen“, kritisierte Daniels. In den Leitlinien sei zudem damals festgelegt worden, dass die Plätze nur gegen Ausgleich an anderer Stelle weggegeben würden, von diesem Ausgleich sei nun aber nichts mehr in Sicht.  „Die Plätze sind ein unermesslicher Wert für die Bürger“, betonte Daniels, „wenn uns das einfach weggezogen wird, dann fühlen wir uns auch nicht mehr gebunden, einem Verkauf der Plätze zuzustimmen.“

„Mainz kann sich hier vor Touristen und Stadtplanern blamieren“

Rosenmontag auf der LU – künftig im Korridor? – Foto: gik

„Die Plätze sind doch die Morgengabe für den Investor“, kritisierte auch Gerhard Heck von der Bürgerinitiative, der Ausgleich solle in Plätze gesteckt werden, die es schon gebe – und nicht, wie ursprünglich versprochen, in neue Flächen innerhalb des Bauquartiers. Tatsächlich hatten OB und Dezernenten genau das zuvor bestätigt. Wirtschaftsdezernent Christophher Sitte (FDP) sagte zudem, die Stadt wolle die Plätze „ganz klassisch verkaufen“, weil ein Gegenwert durch Sachleistungen „immer ein Geschmäckle“ haben könne. Der Gutachterausschuss der Stadt solle in einem Gutachten den Wert der Plätze festlegen, „den wir nicht in einem großen Maße unterschreiten dürfen.“ Zudem sei die Stadt gehalten, jedes Jahr zwei Millionen Euro an Grundstücksverkäufen zu erzielen, um Schulden zu tilgen.

Architekt Hädler schlug denn auch am Ende einen Realisierung- und Ideenwettbewerb für die LU vor, das stieß bei der BI sehr auf Zustimmung. „Ich habe nie verstanden, warum woanders Wettbewerbe selbstverständlich stattfinden, aber hier, im Herzen von Mainz, soll nicht mehr diskutiert werden“, sagte Daniels. Dezernentin Grosse habe damals selbst gesagt, man habe mit den Leitlinien etwas in der Hand, um mit Investoren Tacheles zu reden, „davon ist nichts übriggeblieben.“ Die Gestaltung der LU aber sei eine Entscheidung für Generationen, „etwas wo sich die Stadt Mainz vor Touristen und Stadtplanern blamieren kann“, betonte Daniels noch, und fügte hinzu: „Ich vertraue auf Herrn Gemünden, Sie werden sich hier ein Denkmal setzen – so oder so.“

Info& auf Mainz&: Am 6. Dezember 2017 trifft sich die Bürgerinitiative Ludwigsstraße zu ihrem Jahresabschluss, dabei wird Architekturprofessor Emil Hädler seinen Vortrag über die Geschichte und Konzeption der Ludwigsstraße in voller Länge halten. Um 19.00 Uhr im Valencia-Zimmer des Rathauses. Mehr über die Vorstellung des neuen Investors Gemünden lest Ihr hier bei Mainz&.

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

1 Kommentar

  1. J. Acker 5. Dezember 2017 at 13:02 -  Antworten

    Es ist dringend notwendig, dass es für die Mainzer Innenstadt ein gesamtheitliches Konzept gibt. Sonst entstehen Insellösungen, die die Bedürfnisse der Stadt und deren Bürger nicht berücksichtigen.
    Da dieses Konzept nicht zu bestehen scheint, ist es dringend notwendig einen Ideenwettbewerb durchzuführen, der nicht nur die LU im Blick hat, sondern auch sonstige Innenstadt.

    Es ist Zeit, dass sich Mainz als Großstadt aufstellt und dem Mainzer Klüngel eine Absage erteilt!

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