„Es kann sich etwas ändern in der Stadt“ – Kämpfernatur, Wissenschaftler, Millionär: Nino Haase will OB von Mainz werden

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Er ist gerade einmal 35 Jahre jung, gehört keiner Partei an, hat keine Verwaltungserfahrung – und doch will Nino Haase am 27. Oktober Oberbürgermeister von Mainz werden. Die CDU hat den parteilosen Chemiker zu ihrem OB-Kandidaten gemacht – wer ist der Mann, der sich anschickt, die Mainzer Politik grundlegend aufzumischen? Mainz& hat Haase schon lange beobachtet und ihn immer wieder bei Veranstaltungen der Bürgerinitiative Gutenberg Museum getroffen. Klar ist: Haase ist ein ungewöhnlicher Mensch, er ist ein „Typ“ mit einem klaren Kompass, jemand, der sich nicht verbiegen lässt. Bei der Nachthemdensitzung des KCK am Freitagabend trug er natürlich Nachthemd – mit dem Kung Fu-Hasen Bugs Bunny darauf.

Der 35 Jahre alte Nino Haase will OB von Mainz werden. – Foto: Haase

Vor zehn Jahren rang Nino Haase schon einmal einen Titanen nieder, Stefan Raab hieß der damals, der Entertainer mit dem unbändigen Ehrgeiz galt als kaum zu bezwingen. Erst im allerletzten Spiel, am Billiardtisch, schaffte Haase den entscheidenden Punkt – drei Millionen Euro nahm der Student damals bei „Schlag den Raab“ mit nach Hause. Nun macht sich der inzwischen 35 Jahre alte Chemiker erneut an eine Mammutaufgabe: „Ich will der erste parteilose, gewählte Oberbürgermeister von Mainz werden“, sagt Haase.

Haase ist nicht Mitglied einer Partei, er hat weder Partei- noch Verwaltungserfahrung, trotzdem nominierte die CDU Anfang der Woche als ihren Kandidaten für die OB-Wahl am 27. Oktober. Der Schritt erinnert an die Freiburger OB-Wahl, wo die SPD mit dem parteilosen Martin Horn antrat – und dieser den Grünen Oberbürgermeister Dieter Salomon aus dem Amt fegte. Man wolle mit einem Kandidaten jenseits von Parteiengeklüngel frischen Wind in die Stadtpolitik bringen und „die Menschen für etwas Neues begeistern“, sagte die Mainzer CDU-Chefin Sabine Flegel zur Begründung. Wer ist der Mann, der von sich selbst sagt: „Ich glaube, ich kann die Menschen wieder für Politik begeistern?“

Aufgewachsen ist Haase im hessischen Obertshausen im Landkreis Offenbach, doch geboren wurde er am 14. April 1983 in Dresden – fünf Jahre vor dem Fall der Mauer. „Ich war der Staatsfeind“, sagt Mutter Karina Döbert-Haase trocken. Die heutige Chemielaborantin sitzt für die CDU im Stadtrat von Obertshausen, 1984 wurden sie und ihr Mann, ein Ingenieur, von der DDR ausgebürgert. „Ich hatte einen Ausreiseantrag gestellt“, erzählt Döbert-Haase im Gespräch mit Mainz&, das passte dem DDR-Regime nicht. „Das System schränkte mich in meiner Meinungsfreiheit ein, in so einem System wollte ich nicht mehr leben“, berichtet Döbert-Haase. Elf Monate alt war ihr Sohn Nino, als die Familie ausgewiesen wurde. „Er hat die ganzen Ängste und Anspannungen der Mutter mitbekommen“, sagt sie.

Nino Haase bei der Bekanntgabe seiner Kandidatur mit (von links) der Mainzer Wirtschaftsdezernentin Manuela Matz (CDU), seiner Mutter Karina Döbert-Haase und seiner Lebensgefährtin Mandy. – Foto: gik

Die Familie flüchtete nach Obertshausen, hier wuchs Nino auf, zwei Geschwister kamen noch hinzu. Schwester Sabrina ist Journalistin, der jüngere Bruder Robert studiert Physik und spielt in der Rugby-Nationalmannschaft, erzählt Nino Haase stolz. Auch er selbst war früher leidenschaftlicher Rugby-Spieler, spielte für Mainz in der 1. Bundesliga – die Lust am Raufen merkt man ihm auch in anderen Bereichen an.

Schlagfertig, wortgewandt und inhaltlich ausgesprochen sattelfest – so erlebten die Mainzer ab 2017 Nino Haase. Haase hatte sich der Bürgerinitiative Gutenberg Museum angeschlossen, die sich gegen den Erweiterungsbau auf dem Liebfrauenplatz, gleich neben dem Dom wandte. Es war Haase, der der Bewegung maßgeblich mit Schwung verlieh. Haase zerpflückte die Argumente der Stadtverwaltung, zeigte die enormen Lücken in Museumskonzept und Finanzierungsplan auf – und er entwickelte gemeinsam mit Mitstreitern Gegenkonzepte: Eine Aufstockung des Schellbaus, eine Bibel-Schatzkammer im Bestandsgebäude, die Bronzefassade als prägendes Element am Schellbau. Dass die Stadt mit Hilfe des Bibelturms Millionen an Spenden für ein erweitertes Gutenberg-Museum einwerben könne, hinterfragte Haase von Anfang an. Stattdessen schlug er eine Fundraising-Kampagne für das Museum vor, die BI entwickelte ein Vermarktungskonzept für Mainz als Gutenberg-Stadt – Gehör bei der Stadt fanden sie nicht.

Schon im Zuge der Bibelturm-Debatte warf Haase der Stadtspitze und den Bibelturm-Befürwortern Arroganz und Überheblichkeit gegenüber den Bürgern vor. „Man hat Menschen über 50 pauschal als Ahnungslose mit Hang zum Rechtspopulismus beleidigt“, kritisiert Haase, „das kann so nicht weiter gehen.“ Ein Oberbürgermeister müsse sich vor seine Bürger stellen und dafür sorgen, dass sie nicht beleidigt würden, sagt er heute, noch immer empört, und nicht „den Bürger als Störer des politischen Handelns begreifen.“ Wenn man die Menschen und ihre Kompetenzen und Ideen hingegen mitnehme, „kann man in Mainz Projekte verwirklichen, wovon wir nicht mal zu träumen wagen“, sagt Haase.

Nino Haase mit Thomas Mann, dem Begründer der BI Gutenberg Museum, und Plakaten gegen den Bibelturm. – Foto: gik

Am 15. April 2018 lehnten die Mainzer den Turmbau mit der überwältigenden Mehrheit von 77,3 Prozent ab. Man habe in dem Wahlkampf deutlich gespürt, „dass eine Blase nicht mehr weiß, was Mehrheitsmeinung in dieser Stadt ist“, sagt Haase. Nach der Entscheidung sei er, so erzählt es Haase, von vielen Seiten angesprochen worden, ob er nicht sein Engagement in der Politik fortführen wolle, auch von Unternehmern, betont er. „Die Energie, die ich da letztes Jahr gespürt habe, hat mich zum Nachdenken gebracht“, sagt Haase.

Viele Menschen hätten beim Bürgerentscheid die Hoffnung bekommen, „dass sich danach etwas ändert“, sagt Haase, „die aktuelle Stadtspitze um OB Ebling ist auf dem besten Weg dahin, die Menschen zu enttäuschen.“ Schon gleich nach dem Ergebnis des Bürgerentscheids hatte Haase wiederholt betont, die BI habe eine Verantwortung für die von ihr angestoßene Entwicklung. Am Montag sagte er: „Man hat den Menschen ein Versprechen gegeben, dass sich etwas ändern kann in dieser Stadt, genau das möchte ich tun.“

Dabei hatte Haase mit Politik ursprünglich gar nichts am Hut: Von 2002 bis 2008 studierte er Chemie an der Universität Mainz, arbeitete zwei Monate lang am renommierten Kernforschungsinstitut CERN in Genf am Compass-Forschungsmodul mit. Seine Diplomarbeit schrieb Haase am Max-Planck-Institut für Polymerforschung in Mainz im Bereich organische Halbleiter, bis heute arbeitet er an seiner Doktorarbeit. Ein Rundfunkvolontariat im lokalen Sender Antenne Mainz absolvierte er zwischendurch, moderierte die Morgenschiene.

Nino Haase bei der Ankündigung seiner Kandidatur zur OB-Wahl in Mainz. – Foto: gik

Er wisse, wie es sei, zwei Jahre lang morgens um vier Uhr aufzustehen, sagte Haase bei der Ankündigung seiner Kandidatur: „Ich habe Erfahrungen, die niemand hat, der direkt nach dem Studium eine Parteikarriere machte.“ Dazu gehört auch Erfahrung in der Wirtschaft: Im Januar 2017 wurde Haase Teil der Geschäftsführung des Mainzer Startups Thesius, eine Online-Plattform für Dissertations-Themen. Das Unternehmen wurde Anfang 2018 verkauft.

Nun also schickt sich der 35-Jährige an, den etablierten Amtsinhaber Michael Ebling (SPD) herauszufordern, wie schon beim Bibelturm. Haase weiß, worauf er sich einlässt, es gab damals massive persönliche Angriffe gegen seine Person. Gerüchte wurden gestreut, er habe sein Studium nie beendet, ihm wurde Nähe zur rechtsextremen AfD unterstellt. Haase kann darüber nur den Kopf schütteln: „Ich war, glaube ich, der erste, den die AfD auf Facebook geblockt hat“, sagt er dazu nur, „ich gehe mit ihrer Art und Weise, wie die über Menschen reden, nicht konform.“

Sogar Angriffe wegen seines Millionengewinns gab es. „Als ich die Fernsehshow gewann, hatte ich minus 400 Euro auf dem Konto“, sagt Haase gelassen. Eine Wohnung in Mainz hat er mal gekauft, er hat sie an eine WG vermietet. Er habe Menschen in seinem Freundeskreis, „die rumknapsen müssen und Menschen, die vermögender sind als ich.“ Haase lebt mit seiner Lebensgefährtin Mandy, eine Dozentin, in einer Mietwohnung, aus einer früheren Beziehung hat er einen elf Jahre alten Sohn.

Dass er keinerlei Verwaltungserfahrung hat, sieht Haase nicht als Hindernis: „Wir haben 4000 Mitarbeiter der Mainzer Verwaltung, die sehr gut ausgebildet sind und wissen, was sie tun“, sagt er. Als OB müsse er die Leitlinien für die Entwicklung der Stadt vorgeben, „nicht den Menschen vorschreiben, wie sie ihre Arbeit tun müssen.“

Das erste Plakat gibt es schon: Nino Haase will am 27. Oktober OB von Mainz werden. – Foto: gik

Haase geht es um unabhängiges Denken, um Ideen und ja, auch um Idealismus. „Der politische Wille zur Diskussion, zum Aufnehmen anderer Ideen, der ist momentan einfach nicht da, und dafür möchte ich einstehen mit meiner Kandidatur“, sagt er. Die Politik in Mainz sei „ein Flickenteppich“, die Dezernate arbeiteten nicht zusammen, die Verkehrswende werde mit dem Holzhammer gemacht. Es gebe keine Bestrebungen, neue Stadtteile oder Gewerbegebiete zu erschließen, in der Wirtschaftspolitik herrsche Stillstand, das marode Taubertsbergbad sei ein einziger Skandal. „Der einzige rote Faden, den wir hier aktuell erkennen, ist Missmanagement“, sagt Haase, und betont: „Das kann nicht der Anspruch sein für Mainz.“

Mainz brauche Sport und Kulturstätten mehr als Prestigebauten, ein Stärken der Ortsbeiräte und einen transparenten Führungsstil. Mainz sei hoch attraktiv und könne „bis 2030 eine führende Rolle im Rhein-Main-Gebiet spielen“, sagte Haase auf seiner ersten Pressekonferenz, „das können wir, aber es fehlt der politische Wille.“ Gerade als Parteiloser habe er die Möglichkeit, frei von Parteizwängen Ideen und Vorschläge zu prüfen und für die Stadt umzusetzen. „Ich glaube, dass ich in der Lage bin, viele Menschen neu mitzureißen“, sagt Haase. Eine Stadt zu führen, aktiv zu gestalten und nicht nur zu verwalten, betont er: „Ja, das möchte ich, ja das kann ich.“

Info& auf Mainz&: Mehr zur Ankündigung von Nino Haase, als Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl anzutreten, sowie zur Begründung der CDU, ihn zu nominieren, lest Ihr hier bei Mainz&. Wer noch einmal nachlesen will, wie Haase beim Bibelturm agierte und argumentierte – bittesehr, hier entlang.

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

1 Kommentar

  1. Joachim Brügel 3. Februar 2019 at 14:28 -  Antworten

    Zum Thema Fluglärm:
    Im Landeanflug werden mögliche Anflugwinkel zu wenig genutzt.
    Es wird über immer gleiche – sehr enge – Linien angeflogen.
    Dass es anders geht und durch diese nur wenige hundert Meter verschobenen Linien Lärm besser verteilt wird, zeigt sich jeden Tag bei Ostwind. Man kann beobachten, dass es eine Streuungsmöglichkeit von der Oberstadt über den Nordrand von Hechstheim bis über das freie Feld am südlichen Ortsrand gibt. Dieser wird nur von der dfs sehr wenig und nicht gerecht genutzt. Dabei ließe sich so Lärm verteilen und es ließen sich Anwohner entlasten.
    Die dfs ist hier sehr sperrig und antwortet zudem wochenlang nicht auf Anfragen.

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