Keine goldenen Wasserhähne: Neuer Bischof Kohlgraf stellt neues Bischofshaus vor – Loriot in der Küche und Schumann am Flügel

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Der designierte Bischof sitzt etwas schüchtern auf dem kleinen Sofa aus dem 18. Jahrhundert, ein Erbstück. „Es muss noch gemütlicher werden“, sagt Peter Kohlgraf und guckt sich noch etwas verloren in dem leeren Zimmer um. In einer Altbauwohnung im 3. Stock in der Domstraße 12, der kleinen Gasse direkt hinter dem Dom, wird der neue Mainzer Bischof künftig wohnen. Am 27. August wird der Theologieprofessor im Mainzer Dom zum Bischof geweiht und dann sein Amt als Nachfolger des in Ruhestand gegangenen Kardinal Karl Lehmann antreten. Und weil Bischofsresidenzen seit dem legendären Limburger Bischof Tebartz-van-Elst ein heikles Thema sind, lud das Bistum am Donnerstag zur Besichtigung ins neue Bischofshaus. Ein Besuch bei einem, der gerne auf seinem Flügel spielt, Loriot-Fan ist und sich gesellschaftlich einmischen will.

Der designierte Mainzer Bischof Peter Kohlgraf auf der Türschwelle seines neuen Bischofshauses: Domstraße 12 in Mainz. – Foto: gik

„Für viele Leute war es die erste Frage: Na, hast Du auch eine goldene Badewanne?“, berichtet Peter Kohlgraf von den Reaktionen auf sein neues Bischofshaus. Seit „dieser Limburger Geschichte“ beschäftige das die Leute sehr – Kirche und Geld, das sei ja stets ein besonders heikles Thema, sagt der 50-Jährige. Die Limburger Geschichte – das waren die Bauexzesse des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van-Elst, der 2013 mit seiner luxuriös ausgeschmückten Bischofswohnung in Limburg bundesweit Schlagzeilen machte. Nun sitzt Kohlgraf mit verhaltener Miene auf seinem kleinen, antiken Sofa und sagt, er hätte ja nie gedacht, „dass mal so viele Journalisten mein Wohnzimmer sehen wollen.“

Das neue Wohnzimmer des designierten Bischofs steht in der Domstraße 12, jener kleinen Gasse voller Altbauhäuser direkt hinter dem Dom, die die Mainzer im Volksmund gerne „das kalte Loch“ nennen. „Hier zieht es einfach immer“, sagte Architekt Herbert Geib, der für den Umbau des Hauses verantwortlich war: Das vierstöckige Haus wurde von April bis jetzt komplett saniert. Rund 700.000 Euro investierte das Bistum in das Bischofshaus, die Kosten wären ohnehin angefallen, sagte Domdekan Heinz Heckwolf: Vor zwei Jahren, im August 2015, brannte der Dachstuhl komplett aus, ein Schwelbrand verursacht durch defekte Kabel. Das ganze Haus war durch Brand und Löschwasser in Mitleidenschaft gezogen worden und stand seither leer.

Nein, es gibt keine goldene Badewanne und auch keine goldenen Wasserhähne: Badezimmer im neuen Bischofshaus in Mainz. – Foto: gik

So wurde das unscheinbare Altbau-Reihenhaus zur neuen Residenz für den neuen Bischof: Am Osterdienstag hatte Papst Franziskus den 50 Jahre alten gebürtigen Kölner Theologieprofessor zum Nachfolger von Kardinal Karl Lehmann ernannt. Lehmann war Pfingsten 2016 an seinem 80. Geburtstag in den Ruhestand gegangen, der inzwischen 81-Jährige soll in der eigentlichen Mainzer Bischofsresidenz am Bischofsplatz wohnen bleiben. Man habe dem inzwischen doch ziemlich gebrechlichen Lehmann einen Umzug nicht zumuten wollen, verriet Heckwolf Mainz&.

Also musste ein neues Bischofshaus her – mit der Domstraße 12 wandelt Kohlgraf auch gleich auf historischen Spuren: Hier wohnte bereits Bischof Albert Stohr nach dem Zweiten Weltkrieg, auch Kardinal Hermann Volk wählte das Haus als seinen Ruhesitz. Der frühere Domkapellmeister Mathias Breitschaft wohnte hier ebenso wie diverse andere Bistumsmitarbeiter. Nun wurden Böden, Wände, Decken und Fenster sowie die veraltete Haustechnik erneuert, zwei schmucklose Einbauküchen,  zwei moderne Bäder.

Rund 380 Quadratmeter stehen dem neuen Hausherrn künftig zur Verfügung: Im Erdgeschoss und im 1. Stock sind die Dienstzimmer mit Büros und Empfangsräumen, auch eine der Einbauküchen für die Bewirtung von Gästen ist hier eingebaut. In einem großen Büro im 1. Stock wird Kohlgraf künftig arbeiten, rund 100 Kisten mit Büchern warteten darauf, ausgepackt zu werden, verrät er. Die Wände sind noch leer, auch Möbel fehlen noch. Seine Privatwohnung liegt im 3. Stock, rund 100 Quadratmeter stehen ihm hier für den persönlichen Gebrauch zur Verfügung. Sein Schlafzimmer mag der neue Bischof nicht zeigen, „ich schlafe aber nicht auf einem Nagelbrett“, sagte er trocken.

Doch Extravaganzen wie goldene Wasserhähne sucht man hier vergeblich: Modern, aber schlicht ist die Einrichtung gehalten, lediglich bei der Farbe der Wände hab er ein Votum abgeben dürfen, verrät Kohlgraf – sie sind in schlichtem hellgelb. In einer kleinen Vitrine haben alte Bücher und einige Heiligenbilder ihr Zuhause, zwei Kreuze harren der Aufhängung, beides seien Familienerbstücke, verrät Kohlgraf: Eines habe der zweite Mann der Oma aus Ostpreußen mitgebracht, das andere stamme von seiner Tante, ein Erbstück der Vaterseite. „Über die Ästhetik kann man streiten, aber man hängt an solchen Familienstücken“, sagt Kohlgraf. Nebenan im Zimmer, auf einem alten Sideboard, stehen Bilder von Kohlgrafs Eltern sowie seinem vier Jahre älteren Bruder.

Peter Kohlgraf an seinem Yamaha-Flügel in seiner neuen Bischofswohnung in Mainz. Und ja, er hat auch gespeilt. – Foto: gik

Der neue Bischof ist gebürtige Kölner, der Sohn eines Maurermeisters und einer Krankenschwester, wuchs zwischen Betonmischmaschine und Krankenhaus-Nachtschichten auf. Als er 12 Jahre alt war, starb der Vater, die Mutter musste arbeiten gehen – Sohn Peter verbrachte manche Nacht mit ihr im Krankenhaus. Zum Priesterberuf habe ihn vor allem die Erfahrung in der Kirchengemeinde gebracht, erzählt er Mainz&, aber auch Priester, die er getroffene habe, hätten ihn geprägt. Kohlgraf studierte in Bonn Theologie, promovierte dort auch, wurde 2012 Professor für Pastoralseelsorge in Mainz. „Ich arbeite mit Menschen und für den lieben Gott – es gibt nichts Schöneres“, sagt er.

Er selbst sei ein Stadtmensch, sein Domizil im rheinhessischen Partenheim mit dem Landleben eigentlich eine Ausnahme gewesen, verrät er, und dass er sich darauf freue, wieder „mitten im Getümmel“ zu leben. „Ja, ich koche auch selbst“, verriet Kohlgraf den Journalisten, er experimentiere gerne mit frischem Gemüse. Das hat er künftig direkt vor der Haustür: Wenige Schritte entfernt, auf dem Mainzer Wochenmarkt. Gemütlich sei sein Partenheimer Heim gewesen, klein und verwinkelt, sein Lieblingsplatz dort ein gemütlicher Kachelofen, verrät Kohlgraf – und schaut sich ein bisschen wehmütig in den neuen Räumen um: Leer ist es noch in der Bischofsresidenz, viele Kisten stehen unausgepackt herum.

Der neue Mainzer Bischof Peter Kohlgraf in seiner neuen Wohnung mit Bildern und Möbelstücken. – Foto: gik

An der Wand lehnt ein Koffer, ein Tenorsaxophon sei darin, verrät Kohlgraf, auch Klarinette spiele er, „das habe ich sogar richtig gelernt.“ Prunkstück im Wohnzimmer ist aber fraglos der große Yamaha-Flügel, auf Bitte der Journalisten nimmt Kohlgraf auch daran Platz. Die Noten seien doch noch gar nicht ausgepackt, wehrt er sich und gibt dann doch ein kleines Stück aus den „Kinderszenen“ von Robert Schumann zum besten. In einer Band habe er mal Klavier gespielt, erzählt Kohlgraf, und dass er auch jede Menge Kölner Karnevalslieder könne. „Das Mainzer Repertoire“, sagt er noch, „muss ich mir erst noch draufschaffen.“

Dass der Kirchenmann voller tiefgründigen Humors steckt, merkt man an jeder Ecke. In der Küche warten Loriots Frühstücksei und ein Schild mit der Aufschrift „Bless this Mess“ aufs Aufhängen. Am Flügel spielt der designierte Bischof inzwischen „Hänschen klein, ging allein“ und erzählt, er werde keine klassische Haushälterin und auch keinen Kaplan beschäftigen. „Ich finde, die jungen Leute gehören in die Gemeinden“, sagt er fest, und dass er auch Jugendlichen zeigen wolle, dass Kirche viel mehr zu bieten habe, als die oft dächten. Einmischen wolle er sich, sagt Kohlgraf noch, auch inhaltlich zu Themen der Gesellschaft. Die Integration werde sicher ein wichtiges Thema sein, ethische Themen in der Medizin weitere. „Die Frage nach einer christlichen Identität, das wird ein Thema für den Bischof sein“, sagt Kohlgraf: „Wenn ein Thema relevant ist, werde ich mich dazu auch zu Wort melden.“

Loriot-Fan ist er auch… Die Schilder in der neuen Einbauküche von Peter Kohlgraf im Mainzer Bischofshaus. – Foto: gik

Geduldig beantwortet er die tausend Fragen der Journalisten. Aus dem Fenster geht der Blick direkt auf den Dom, hinten hinaus wartet eine kleine Terrasse in einem noch sehr schmucklosen Gärtlein auf den neuen Bischof. Unter dem Dach, in einem kleinen Raum, entsteht eine winzige Kapelle, direkt nebenan: ein spartanisch eingerichtetes Gästezimmer. Hier habe Kohlgraf die erste Nacht in dem neuen Domizil verbracht, „seit heute ist jetzt auch sein eigenes Bett da“, verrät Architekt Geib. Hat der neue Bischof eigentlich Hobbys, außer der Musik? „Fahrradfahren“, sagt er spontan, das wolle er in Mainz auch weiter pflegen: „Wenn jemand mit einem schwarzen Fahrrad an Ihnen vorbei fährt, schauen Sie genau hin“, rät er.

Info& auf Mainz&: Die Bischofsweihe von Peter Kohlgraf findet am Sonntag, den 27. August 2017, ab 13.00 Uhr im Mainzer Dom statt und wird von einem Fest der Begegnung flankiert. Mehr dazu findet Ihr in diesem Mainz&-Artikel, unser ausführliches Porträt über den neuen Bischof lest Ihr hier. Am Dienstag legte Kohlgraf bereits seinen Amtseid auf die Verfassung in der Staatskanzlei ab – mehr dazu findet Ihr hier. Ein kleines Video zu Bischof Kohlgraf am Flügel findet Ihr übrigens auf der Mainz&-Facebookseite. Und natürlich haben wir auch eine kleine Fotogalerie für Euch: Voilà – das neue Bischofshaus!

 

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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