„Luftverschmutzung ist Gesundheitsrisiko Nummer eins“ – Wissenschaftler bekräftigen mit neuen Studien Gefahren durch Stickoxide und Feinstaub

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Mitten in der Debatte über Stickoxide und Grenzwerte, bekräftigen führende Wissenschaftler die Gesundheitsgefahren durch Luftschadstoffe. 8,8 Millionen Menschen sterben pro Jahr weltweit vorzeitig durch den schädlichen Einfluss von Luftschadstoffen, sagt Atmosphärenchemiker Jos Lelieveld vom Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie. Alleine durch Feinstaub seien es in Deutschland mehr als 120.000 Todesfälle im Jahr: „Luftverschmutzung ist damit schädlicher als schlechtes Wasser und eines der Top 5- Risiken weltweit.“ Und auch die Karlsruher Toxikologie-Expertin Andrea Hartwig bekräftigte am Freitag auf einer Tagung in Mainz: Stickoxide sind ein schädliches Reizgas, die Gesundheitsgefahren gut dokumentiert – der Grenzwert von 40 Mikrogramm sei wichtig und werde weiter benötigt. Auch auf den Vergleich zu höheren Grenzwerten am Arbeitsplatz ging Hartwig ein.

Wie gefährlich sind Luftschadstoffe wie Autoabgase, Feinstaub, Stickoxid? Hochgradig, sagen Wissenschaftler: Luftverschmutzung sei die Gesundheitsgefahr Nummer eins. – Foto: gik

Jos Lelieveld ist einer der führenden Atmosphärenchemiker und Professor des renommierten Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie. Im Oktober 2018 veröffentlichten er und sein Team eine Studie mit neuen Berechnungsmodellen für die Auswirkungen von Feinstaub auf die Gesundheit, die Ergebnisse sind alarmierend: Rund 2,8 Millionen Herzattacken und 1,4 Millionen Hirnschläge werden demnach jedes Jahr weltweit durch Luftschadstoffe ausgelöst. Dazu kommen 1,2 Millionen Lungenerkrankungen, 1,2 Millionen sonstige Krankheiten, 470.000 Fälle von Lungenkrebs und 1,2 Millionen akute Atemnotssyndrome bei Kindern.

Die MPI-Studie, die noch nicht in einem Fachblatt veröffentlicht wurde, konzentrierte sich vor allem auf Feinstaub, die winzigen Luftpartikel entstehen bei allen Verbrennungsprozessen, auch aus Flugzeugmotoren, in der Industrie und bei Kaminfeuern. Ein großes Problem sei das in Ländern wie China und Indien, sagte Lelieveld, aber nicht nur: Auch in Deutschland sei Feinstaub für mehr als 120.000 frühzeitige Todesfälle verantwortlich. „Es gibt eine kausale Verbindung zwischen Feinstaub und Erkrankungen“, betonte der Wissenschaftler, und das gelte auch für Lungenentzündungen, chronische Bronchitis, erhöhten Blutdruck, Diabetes und sogar Demenz. Mit den neuen Modellen errechneten Lelieveld und Team auch die Zahl von 8,8 Millionen frühzeitigen Sterbefällen durch giftige Luftschadstoffe neu – früher ging man von rund 5 Millionen vorzeitigen Sterbefällen aus.

Vorzeitige Todesfälle und verlorene Lebensjahre durch Luftschadstoffe in Europa pro Jahr – die Grundlage für die Karten sind neue Berechnungen des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz. Die Ergebnisse präsentierte MPI-Chef Jos Lelieveld am Freitag in Mainz. – Foto: gik

Die Methoden, die Sterblichkeit abzuschätzen, seien seriös und seit Jahren von Wissenschaftlern entwickelt, die Grundlage seien „Millionen von Probanden weltweit“, betonte Lelieveld am Freitag auf dem Symposium der Akademie der Wissenschaften in Mainz. Die sogenannte Gefährdungsrate werde von 41 Kohortenstudien in 16 Ländern abgeleitet, diese Daten seien bei den alten Prognosen nicht verfügbar gewesen. Die Probanden würden jahrelang begleitet und untersucht, „wir wissen, wann die Menschen sterben und wie sie sterben“, unterstrich Lelieveld, „da wird nicht geschummelt, das ist nicht manipulierbar.“

Früher habe man die Sterblichkeitsdaten auf dem Vergleich mit Passivrauchen oder Rauchen begründet, jetzt aber gebe es „eine robuste Datenlage“, erklärte Lelieveld. Zwar seien die Unsicherheiten bei den Hochrechnungen weltweit groß, „das macht die Zahlen aber nicht weniger brisant“, betonte er. Die Hochrechnungsmethode sei übrigens exakt dieselbe, mit der auch Todesfälle durch Rauchen und Passivrauchen berechnet würden, deshalb seien Aussagen wie die der 100 Lungenärzte kürzlich „einfach Unsinn“. Die Ärzte rund um den Lungenarzt Dieter Köhler hatten in einem Papier unter anderem behauptet, in ihren Praxen sähen sie zwar Tote durch Rauchen, durch Luftverschmutzung jedoch nie.

Die neuesten Zahlen und Fakten legten hingegen nah, dass der Einfluss der Umweltverschmutzung eben noch deutlich schlimmer als zuvor schon vermutet, sagte Lelieveld: Rund 790.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr durch Luftschadstoffe errechnete das MPI allein in Europa. Etwa 14 Millionen Lebensjahre so gingen durch den schädlichen Einfluss von Feinstaub pro Jahr in Europa verloren, sagte Lelieveld, durch Rauchen seien es 7,2 Millionen. Damit verliere jeder Europäer im Schnitt 2,2 Jahre seiner Lebenserwartung – in den USA sind es hingegen nur 1,6 Jahre, in Australien 0,8 Jahre, in China hingegen 4,1 Jahre.

Ursache für die 124.000 vorzeitige Todesfälle in Deutschland durch Luftschadstoffe und die globale Sterberate – Berechnungen des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie um Professor Jos Lelieveld. – Foto: gik

Auffällig auch: In Westeuropa hat Deutschland damit die schlechteste Rate an verlorenen Lebensjahren, in Frankreich, Spanien, Italien, Großbritannien und insbesondere in Skandinavien sind die Zahlen deutlich besser. In Deutschland, sagt die MPI-Studie, sind Luftschadstoffe für 124.000 vorzeitige Todesfälle verantwortlich – 20 Prozent davon durch Verkehr verursacht, 8 Prozent durch lokale Energieanlagen und 45 Prozent durch Ausdünstungen der Agrarindustrie. „Luftverschmutzung“, betonte Lelieveld denn auch, „ist ein echtes Gesundheitsproblem.“

Und genau das sei der Sinn geltender Grenzwerte, betonte Andrea Hartwig, Biochemikerin und Professorin am Karlsruher Institut für angewandte Biowissenschaften: Grenzwerte sollten Schädigungen verhindern, „eben bevor jemand tot umfällt.“ Hartwig ist Vorsitzende der sogenannten MAK-Kommission, die auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse Grenzwerte für Schadstoffe vorschlägt. „Die Umweltverschmutzung gehört zu den größten Risikofaktoren für erhöhte Krankheitsanfälligkeit und vorzeitige Mortalität“, betonte auch Hartwig am Freitag in Mainz – und dazu gehöre auch das für Fahrverbote relevante Stickoxid.

„Stickoxid ist ein Reizgas, bei dem Salpetersäure gebildet wird, die zu irritativen Effekten beim Menschen führen kann“, sagte Hartwig. Kausale Effekte auf Lungen- und Asthmaerkrankungen seien „gut begründet.“ Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass Atemwegssymptome bei asthmatischen Kindern durch Stickoxide verstärkt würden – und genau das sei der Grund für die Weltgesundheitsorganisation gewesen, den Grenzwert für Stickoxide auf 40 Mikrogramm zu legen.

Der Vergleich mit Grenzwerten, die für Arbeitsplätze gelten, sei dabei nicht sinnvoll: „Ja, es stimmt, die Arbeitsplatz-Grenzwerte sind viel höher“, sagte Hartwig. Arbeitsplatz-Grenzwerte nämlich würden für gesunde Personen im arbeitsfähigen Alter angesetzt, die sich acht Stunden am Tag in den Räumen aufhielten. Die allgemeinen Grenzwerte aber sollten vor allem Kinder, alte Leute und Menschen mit Vorschädigungen schützen, die gebe es am Arbeitsplatz nicht. Zwar sei die Schadstoffbelastung in Deutschland rückläufig, auch bei den Stickoxiden – gelöst sei sie aber noch nicht, sagte Hartwig. Und gerade in Städten und in „verkehrsnahen“ Lagen gebe es noch immer „Spitzen an Luftverschmutzung“. Der geltende Grenzwert von 40 Mikrogramm sei deshalb sinnvoll und richtig.

Info& auf Mainz&: Über die Gefahr durch Feinstaub und vor allem durch Ultrafeinstaub, insbesondere in Zusammenhang mit Flugverkehr, hat Mainz& schon mehrfach berichtet – nachlesen könnt Ihr das etwa in diesem Artikel auf Mainz&. Die Debatte um Stickoxide, Grenzwerte und das umstrittene Papier von Lungenarzt Köhler könnt Ihr hier bei Mainz& nachlesen. Mehr zur Messung von Stickoxiden, Luftmessstationen und dieser Debatte findet Ihr hier bei Mainz&.  Mehr zu Professor Jos Lelieveld findet Ihr hier im Internet, mehr zu seiner Studie über die unterschätzte Gefahr von Luftverschmutzung könnt Ihr hier nachlesen.

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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