Luther rollt am Rosenmontag auf Motivwagen durch Mainz – Evangelische Kirche feiert Reformationsjubiläum

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Sonst sind sie eher Zielscheibe des Spotts im Rosenmontagszug, jetzt nimmt eine der beiden großen christlichen Kirchen erstmals selbst aktiv am großen Fastnachtsumzug in Mainz teil: Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau stellt erstmals einen Motivwagen. Darauf, natürlich: Martin Luther. Ein bisschen grimmig schaut der Reformator drein, in der Rechten einen Hammer, hinter ihm die Kirchentür, an die er soeben seine 95 Thesen angeschlagen hat, die nichts weniger als eine neue Religionsrichtung begründen sollten. Mit dem Motivwagen feiert die Evangelische Kirche das Lutherjahr 2017 – im Herbst ist Luthers Thesenanschlag genau 500 Jahre her.

Motivwagen Luther mit Bibel vorn

Bibel, Schreibfeder und Martin Luther – der Motivwagen der Evangelischen Kirche für den Mainzer Rosenmontagszug – Foto: gik

„Das ist ein Abenteuer“, sagte der Mainzer Dekan Andreas Klodt bei der Vorstellung des Motivwagens am Donnerstag in Mainz ziemlich aufgeregt: „Wir gehen mit dem Wagen raus auf die Gass‘ zu den Leuten, wie es auch Luther gemacht hätte.“ Luther, der stehe natürlich für Protestantismus, seine Bibelübersetzung legte den Grundstein für eine bodenständige, den Menschen zugewandte Religion. Luther sei aber eben auch ein Mann der Lebensfreude gewesen, sagte Klodt, „und so werden wir uns am Rosenmontag auch auf den Weg machen.“

3,40 Meter hoch ragt der Pappmaché-Luther auf dem Wagen auf, von seinem Hirtenstab baumeln die Mainzer Insignien Weck, Worscht und Woi. Dass Luther so ernst schaue, liege vermutlich daran, „dass die Flasche Wein noch zu ist“, sagte Klodt verschmitzt – der Reformator liebte speziell den Rheinwein aus Nierstein und Oppenheim. Am Bug des Wagens liegt die große, aufgeschlagene Bibel, auch eine Hommage an Johannes Gutenberg, dessen Buchdruck-Erfindung erst den Grundstein für die massenhafte Verbreitung von Luthers Thesen und Schriften legte. Dahinter steht eine moderne Bibel, Symbol für eine moderne Kirche, daneben: Schreibfeder und Tintenfass, die seien eine Anlehnung an Luthers Schreibstube auf der Wartburg bei Eisenach, erklärte Dieter Wenger – dort, wo Luther ein Tintenfass nach dem Teufel geworfen haben soll.

Luther auf Motivwagen hoch nah

Martin Luther, ernster Reformator – mit Weck, Worscht und Woi im Gepäck – Foto: gik

Den Wagen entworfen und gebaut hat natürlich der oberste Mainzer Wagenbauer: Dieter Wenger vom Mainzer Carneval Verein (MCV), seit 55 Jahren Herr der närrischen Motivwagen im Mainzer Rosenmontagszug. Wenger sei „eine Legende unter den Wagenbauern“, schwärmte Klodt, und er habe die Fastnachtslaien von der Kirche „ganz toll an die Hand genommen.“ Bilder von Luther und von seinen Statuen hätten er und sein Team gewälzt, verriet Wenger, am Ende entschied man sich für eine ikonographischen Luther, also einen mit hohem Wiedererkennungswert. „Die Leute am Straßenrand haben ja nur Sekunden um zu erkennen, was da auf sie zukommt“, erklärt Wenger, „da geht es um schnelle Wiedererkennung.“

Seit Mitte November werkelten Wenger und sein Wagenbauer-Team an dem Wagen, rund 35.000 Euro ließ sich die Evangelische Kirche das Sondergefährt kosten. Das Reformationsjubiläum sei ein höchst wichtiges Ereignis, sagte Präses Birgit Pfeiffer, „und wichtige Ereignisse werden im Rosenmontagszug glossiert.“ Deshalb freue sich die Evangelische Kirche sehr darauf, dass mit den Mainzern auf der Straße und den Zuschauern an den Bildschirmen zu feiern. Mit der Zugnummer 31 läuft der Luther-Wagen nämlich auch so weit vorne im Zug, dass er auch von der bundesweiten Fernsehübertragung noch erfasst wird.

Auf dem Wagen finden 22 Mitfahrer Platz, mit dabei werden neben Dekan und Präses auch bunt gemischt Mitarbeiter und Jugendliche sein. „Luther hat gesagt, es gibt ein Priestertum der Gläubigen, deshalb stehen wir auf dem Wagen alle auf einer Augenhöhe“, sagte Pfeiffer. Das sei statisch gar nicht so leicht umzusetzen gewesen, verriet Wenger, normalerweise hätten Fastnachtswagen für Aktive verschiedene Ebenen, „und ganz oben steht der Präsident.“ Dazu musste das 18 Meter lange Gespann noch eine Anforderung erfüllen: „Der Kopf vom Luther ist abnehmbar, die Kirche kann umgeklappt werden“, erklärt der Wagenbauer, „damit der Wagen unter den Brücken durchpasst.“

Motivwagen Luther mit Dekan und Wagenbauer Wenger

Gespannte Erwartung auf den Rosenmontag mit Luther-Motivwagen (v.l.n.r.): Dekan Andreas Klodt, Pressesprecherin Juliane Diel, Präses Birgit Pfeiffer und Wagenbauer Dieter Wenger. – Foto: gik

 

Denn Luther samt seinem Wagen sollen nicht nur am Rosenmontag, sondern auch den Rest des Reformationsjahres über zum Einsatz kommen, bei Umzügen und Veranstaltungen in der ganzen Republik. Für den Rosenmontag haben sich die Protestanten ebenfalls gut gerüstet: 1.000 Päckchen eigens angefertigter Luther-Bonbons, insgesamt eine Tonne, stehen als Wurfgeschosse parat. Das seien Apfel-Bonbons, verrieten die Protestanten, in Anlehnung an ein Zitat, das Luther zugeschrieben wurde: Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Dazu gibt’s für die kleinen Narren kleine Playmobil-Luther-Figuren und Kinderbücher mit der Geschichte der Reformation.

Hinter dem Wagen wird eine Posaunengruppe laufen – und dabei auch eigens für Fastnacht neu gesetzte Luther-Choräle intonieren, verriet Klodt. „Eine feste Burg ist unser Gott“ sei auch dabei, versicherte er noch. Und natürlich hat der Luther-Wagen auch einen Narren-Vers, gedichtet eigens für den Rosenmontagszug: „Seit 550 Jahr‘ gibt’s Protestanten/ weil Luthers Thesen Anklang fanden./ Der Mensch ist Sünde und doch frei,/ für manchen ist das Narretei./ Doch Luther lässt sich nicht beirren:/ Bibel, Weck, Worscht und Woi trotzt allen Wirren!“

Info& auf Mainz&: Mehr über Martin Luther, den Rebellen der Neuzeit, Bibelübersetzer und Weingenießer, und vor allem zum Programm des Lutherjahres in Mainz findet Ihr in diesem Mainz&-Artikel.

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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