Piktogrammkette für Radfahrer statt Radweg – Stadt Mainz gewinnt Deutschen Fahrradpreis

Alles&, Rathaus & andere Skandale, Verkehr & andere Baustellen 0 1122

Kleine Piktogramme, große Wirkung: Für eine kreative Lösung in Sachen Radverkehr hat die Stadt Mainz jetzt etwas überraschend den Deutschen Fahrradpreis gewonnen. In der Mainzer Oberstadt hatte die Stadt nämlich im Juni 2016 eine Kette von Piktogrammen einfach auf der Straße anbringen lassen, um so deutlich zu machen: Hier ist Fahrradfahren erwünscht. Entlang der Goldgrube und der Göttelmannstraße verläuft eigentlich auch ein Radweg, der aber so marode ist, dass Radfahrer ihn nicht mehr benutzen müssen. Mit den Piktogrammen stellt die Stadt nun klar, dass Radler die Fahrbahn nutzen dürfen und sollen. Die Jury des Deutschen Fahrradpreises fand das so nachahmenswert, dass es dafür den ersten Platz gab.

Piktogrammkette auf der Fahrbahn statt Radweg: Damit gewann die Stadt Mainz gerade den Deutschen Fahrradpreis. – Foto: gik

Was viele Autofahrer nicht wissen: Die Straßenverkehrsordnung lässt den Radfahrern bereits seit 1997 die Wahl, ob sie den Radweg oder die Fahrbahn nutzen wollen. In der Mainzer Oberstadt wurde bereits vor zehn Jahren die Radwegebenutzungspflicht aufgehoben, auch weil die Radwege neben der Fahrbahn in einem sehr schlechten Zustand sind – eine Berg- und Talfahrt ist nichts dagegen… Im Juni 2016 markierte die Stadt dafür auf 2,5 Kilometern Länge einfach die Fahrbahn mit einer Kette von Rad-Piktogrammen, markierte Kreuzungen besonders und schuf an Ampeln Radschleusen  vor den Autos.

Der große Vorteil: Radfahrer sind so im Straßenverkehr sichtbar, gerade auch vor Autofahrern, und verschwinden nicht länger hinter Bäumen und parkenden Autos. Viele Unfälle zwischen Rad- und Autofahrern passierten nämlich beim Rechtsabbiegen, betont Verkehrsdezernentin Katrin Eder (Grüne), weil Autofahrer Radfahrer auf separaten Radwegen oft nicht wahrnähmen. Bleibe der Radfahrer im Blickfeld der Autofahrenden, könnten Unfälle deutlich reduziert werden. Mit der bundesweit bislang einmaligen Piktogrammkette werde ein klares Signal gesetzt, dass das Fahrrad auf der Fahrbahn erwünscht sei.

Die Fachjury des Deutschen Fahrradpreises lobte das als kreative und einfache Maßnahme, für Klarheit im Straßenverkehr zu sorgen und Konflikten vorzubeugen. Mainz habe das Problem der Sichtbarkeit mit einfachen Mitteln kreativ, wirkungsvoll und flexibel gelöst, lobte die Jury, und damit eine auf andere Städte gut übertragbare Lösung vorgelegt. Damit kam Mainz unter 33 Bewerbungen der Kategorie „Infrastruktur“ auf den ersten Platz. Insgesamt hatten sich weit über 160 Kommunen mit Projekten für den Deutschen Fahrradpreis beworben, der in drei Kategorien vergeben wurde: Infrastruktur, Service und Kommunikation.

Den 1. Preis in der Kategorie Service gewann die Konstanzer Transportrad Initiative nachhaltiger Kommunen (TINK), die durch ein kostengünstiges Mietsystem Transporträder zur Verfügung stellt und seit Sommer 2016 schon mehr als 4.500 Anmietungen verzeichnete. Den 1. Platz in der Kategorie Kommunikation belegte die Heidelberger Aktion „#WoParkstDuDenn?“ eine Denkzettel-Aktion gegen auf Radwegen parkende Autofahrer. Beworben hatten sich Städte auch mit Radwegekonzepten, Radboxen zum Fahrradparken oder auch mit Aktionen wie das Öffnen von Einbahnstraßen für Radfahrer in die Gegenrichtung – was es in Mainz bereits seit gut zehn Jahren gibt.

Piktogramm mit Pfeil, daneben rote Kreuzungsmarkierung – mit einfachen Mitteln große Wirkung für die Sichtbarkeit von Radfahrern erzielt. – Foto: gik

 

Die Mainzer Piktogrammkette mutete da vergleichsweise klein an, ihr großer Vorteil: Sie sparte enorm Geld, Platz und Parkplätze. Hätte sich die Stadt nämlich für einen eigenen Radfahrer-Schutzstreifen auf der Fahrbahn  entschieden, hätten dafür Parkplätze wegfallen müssen, „das wollten wir vermeiden“, erklärte Eder. Eine Sanierung des maroden, parallel verlaufenden Radwegs hingegen hätte Millionen gekostet, auch hierbei hätten die Parkplätze weichen müssen. Für die Kette von Piktogrammen in kurzer Abfolge hingegen investierte Mainz ganze 8.500 Euro, dabei wurden auch Kreuzungsbereiche besonders gekennzeichnet und Aufstellzonen für Radfahrer an Ampeln vor den Autos umgesetzt.

„Die Bedeutung des Fahrrads wächst stetig“, betont die Dezernentin, die sich die Förderung des Radverkehrs als umweltfreundliche Alternative zu Auto und Bus ganz oben auf ihre Agenda geschrieben hat und sich über den Fahrradpreis natürlich riesig freute. Schon jetzt würden in Mainz 20 Prozent der Wege mit dem Rad zurückgelegt. „Diesem Trend wollen wir Rechnung tragen und eine gute und sichere Verbindung durch die Oberstadt anbieten“, sagte Eder. Auch in Mombach wurden übrigens bereits Piktogrammketten eingesetzt, dort bisher auf rund 450 Metern Länge. Die Wirkung der Piktogrammkette wird von der Bergischen Universität Wuppertal und der TU Dresden durch Vorher-Nachher-Zählungen sowie Befragungen begleitet.

Allerdings verband die Jury ihre Würdigung auch noch mit einer deutlichen Mahnung: Die von Mainz verwendeten weißen Rad-Zeichen stünden „nicht im Einklang mit der Straßenverkehrsordnung“, hieß es streng – die in weiß gehaltenen Piktogramme erweckten nämlich den Anschein, als handele es sich um offizielle Verkehrszeichen. Das seien die Piktogramme aber nicht, sondern lediglich „ein nicht amtlicher Hinweis, der allen Verkehrsteilnehmern zugute kommt.“ Die Stadt möge deshalb doch bitte künftig eine andere Farbe wählen – weiß und gelb seien der Straßenverkehrsordnung vorbehalten.

Info& auf Mainz&: Mehr zum Deutschen Fahrradpreis mit vielen interessanten Ideen und Anregungen zum Radverkehr in Deutschland findet Ihr auf dieser Internetseite. Zur Würdigung von Mainz und den anderen beiden Preisträgern geht es hier entlang.

 

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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