Mainzer Johanniskirche war vor 100 Jahren eine reich geschmückte Jugendstil-Kirche – Alter Dom birgt Überraschungen – Grabungen werden Ende 2018 eingestellt

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Seit fünf Jahren graben sie sich in der Mainzer Johanniskirche weit in die Geschichte von Mainz zurück, nun geht die archäologische Arbeit langsam dem Ende zu: Zum Jahresende werden die Archäologen in der Johanniskirche ihre Arbeit beenden, sagte Stadtkirchenpfarrer Gregor Ziorkewicz gegenüber Mainz&. Die baubegleitenden Maßnahmen gingen aber weiter, doch die große Grabungsarbeit werden dann beendet sein. Es waren auch so schon fünf Jahre voller archäologischer Sensationen und Entdeckungen: Alter Dom von Mainz, Kirche aus der Merowingerzeit, römische Fundamente und mehr als 100.000 Grabungsfunde – die heute so unscheinbare Johanniskirche war einst die große Bischofskirche von Mainz. Die jüngste sensationelle Entdeckung: Die Johanniskirche war einmal eine Jugendstil-Kirche, gestaltet vom Darmstädter Friedrich Pützer.

Die Johanniskirche im Juni 2017: Ein Grabungsfeld mit offenem Fußboden und vielen alten Mauern. – Foto: gik

2013 wollte die Evangelische Kirche eigentlich nur eine neue Fußbodenheizung einbauen, es wurde der Auslöser für einen beispiellosen Grabungsmarathon: Fünf Jahre lang gruben sich die Forscher drei Meter tief in den Fußboden und entkernten den schlichten Kirchenbau am Ende komplett. Kirchenschiff, Orgelempore, Innenausstattung – einfach alles fiel dem Eifer der Forscher zum  Opfer. Das hatte natürlich gute Gründe: die Johanniskirche förderte eine Sensation nach der anderen zutage. Der schlichte Kirchenbau war einst die große Bischofskirche von Mainz, der Alte Dom der Stadt – und die wohl größte frühmittelalterliche Basilika nördlich der Alpen.

Spätestens im ausgehenden Frühmittelalter, so wissen die Forscher heute, stand hier ein Bau mit 40 Metern Länge und 30 Metern Breite, für die damalige Zeit ein wahrhaft monumentaler Kirchenbau. Seine Fundamente reichten bis zurück in die Römerzeit, Mauerreste, Pfeilerfundamente und Fußböden zeugen dann von frühmittelalterlichen Baumaßnahmen im 4. bis 6. Jahrhundert – bis heute lassen sich frühe Rundbogenfenster in den 1.500 Jahre alten Mauern der Johanniskirche nachweisen. Denn bis heute ist der mittelalterliche Bau in seinem Kern erhalten, haben sich Grundriss, Länge, Breite und Höhe des Baus nicht wesentlich verändert. Und so ist die Johanniskirche heute eine der wenigen erhaltenen Kirchen aus der Zeit der Merowinger und des frühen Christentums.

Die Johanniskirche als Jugendstil-Kirche: So gestaltete der Darmstädter Architekt Friedrich Pützer Anfang des 20. Jahrhunderts St. Johannis. Rekonstruktion und Copyright: Architectura Virtualis nach den Zeichnungen Otto Linnemanns.

Hier wirkte um 750 herum Bonifatius, der „Apostel der Deutschen“, als Erzbischof von Mainz, hier krönten seine Nachfolger 1002 König Heinrich II. und später 1024 Konrad II. zu deutschen Königen. Die Basilika dürfte reich geschmückt gewesen sein – und blieb es über die Jahrhundert hinweg. Noch im 14. Jahrhundert war sie ein wahrer Prachtbau, im Kirchenschiff gefundene Austernschalen und Boulekugeln, Destillierapparte und Zierstücke belegen den Reichtum noch im Hochmittelalter. Aus der Gotik stammen ein bunter Mosaikfußboden und eine prächtige Lettneranlage. Immer wieder wurde die Johanniskirche umgebaut und umgestaltet – und das blieb auch bis in unsere Zeit so.

Die neueste Sensation: die Mainzer Johanniskirche war Anfang des 20. Jahrhunderts ein reich verziertes Jugendstilkunstwerk, gestaltet vom Darmstädter Architekten Friedrich Pützer. Von 1906 bis 1907 verwandelte Pützer die Johanniskirche in eine Jugendstil-Kirche: Er verlegte Orgel, Kanzel und Altar in die Mittelachse, die Wände wurden mit Jugendstil-Ornamenten in den typischen Farben blau und grün verziert. Besonders beeindruckend: eine reich verzierte Kassettendecke aus Holz im großen Kirchenschiff.

Beeindruckende Kassettendecke im Jugendstil in der Johanniskirche nach Umgestaltung durch Friedrich Pützer. – Rekonstruktion und Copyright: Architectura Virtualis

Diese jüngste Entdeckung machten die Forscher jedoch nicht im Fußboden der Kirche, sondern in einem Archiv in Frankfurt: in den Unterlagen des Frankfurter Glasmalers Otto Linnemann fanden sich farbige Entwürfe für die Johanniskirche. Linnemann führte gemeinsam mit seinem Bruder Rudolph die Malereien in der Johanniskirche aus, die Kunsthistorikerin Bettina Schüpke entdeckte die Zeichnungen nun im Rahmen ihrer Doktorarbeit bei der Erforschung des Linnemann-Archivs. Mehr als 150 Entwürfe Linnemanns enthält das Archiv, sein Atelier entwarf Glasfenster, Wandmalereien und Kirchenausstattungen. „Es war damals dass führende Atelier für Historismus und Jugendstil“, sagt Ziorkewicz. Viele Werke seien im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, auch in Mainz.

„Die Entdeckung der Pläne ist eine ganz tolle Sache“, sagte Grabungsleiter Guido Faccani dieser Zeitung. Pützer habe in der Johanniskirche noch einmal sein Wiesbadener Programm umgesetzt, und das in ausgezeichneter Qualität. „Das ist eigentlich verrückte ist: Pützer ist einfach weg“, sagte Faccani weiter, von der Jugendstil-Gestaltung sei nichts mehr vorhanden.

Heute ist die Johanniskirche ein eher schmuckloser, nüchterner Bau, doch ihre Mauern reichen bis zurück ins frühe Mittelalter – eine der ältesten christlichen Großkirchen Deutschlands. – Foto: gik

Der Grund: Im Zweiten Weltkrieg wurde auch die Johanniskirche von Bomben getroffen, in der Nacht vom 11. auf den 12. August 1942 brannte sie komplett aus. Die gesamte Jugendstileinrichtung, die Orgel und auch das gotische Westchorgewölbe gingen verloren. Beim Wiederaufbau in den 1950er Jahren machte der Architekt Karl Gruber aus der Johanniskirche einen nüchternen, schlichten Kirchenraum mit Betonung des gotischen Stils.

Schüpkes Arbeit machte es nun möglich, die bisher nur durch Schwarz-Weiß-Fotografien dokumentierten Malereien der Johanniskirche farblich zu rekonstruieren. „Ein typisches Element aus der Zeit des Jugendstils sind zwei Pfauen an der Langhauswand“, erläuterte Schüpke im September in Mainz. Auch im Gewölbe des Chors tauchten Pfaufedern auf – Naturmotive waren beliebt bei den Künstlern des Jugendstils. Und der Pfau galt als Symbol ewigen Lebens.

Marc Gellert vom Darmstädter Spezialinstitut Architectura Virtualis rekonstruierte Linnemanns Entwürfe am Computer und übertrug die Zeichnungen auf die Modelle, so entstand die Johanniskirche virtuell wieder in ihrem Jugendstil-Glanz. Auch „die atemberaubende Kasettendecke“ können Besucher künftig bei Gruppenführungen mithilfe von 3D-Einsatz bestaunen, verspricht Ziorkewicz. Am Tag des Offenen Denkmals war das bereits der Fall, dort wurde auch ein beeindruckender Film zur Baugeschichte der Johanniskirche präsentiert.

Wie die unglaubliche Kirchengeschichte von St. Johannis in Zukunft erhalten und präsentiert wird, ist noch unklar. Das Stadtdekanat betont, die 1.400 Jahre lange Kirchengeschichte soll sich auch künftig im Kirchenraum spiegeln, ein Konzept dazu ist noch in Erarbeitung. Vier Millionen Euro haben die Ausgrabungen bereits verschlungen, der Neuaufbau dürfte weitere Millionen kosten. Bis zum Jahresende soll nun im Westchor der Kirche eine Plattform eingezogen werden, damit der Kirchenraum für die evangelische Gemeinde wieder nutzbar wird, sagte Ziorkewitz: „Es ist der Beginn des Wiedereinzugs in die Kirche.“

Info& auf Mainz&: Den Film zur Baugeschichte haben wir leider nicht im Internet gefunden (wer einen Link kennt – nur her damit!), aber auf der Internetseite der Stadtkirchenarbeit von St. Johannis gibt es eine ausführliche Dokumentation der Baugeschichte, der Grabungen und ihrer Ergebnisse. Dazu hat sich inzwischen auch ein Freundeskreis gebildet, der die Ausgrabungsarbeiten unterstützt – und der wiederum hat eine schöne Webseite mit vielen Videos zu den Grabungen in St. Johannis ins Leben gerufen – genau hier. Wir erzählen Euich die Geschichte des Alten Doms von Mainz hier bei Mainz& – und die Forschungsergebnisse Stand Ende 2017 genau hier. Besichtigen kann man die Johanniskirche reguläre derzeit nicht, Pfarrer Gregor Ziorkewicz organisiert aber gegen Spenden Führungen für geschlossene Gruppen – wie es geht, steht hier.

 

 

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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