Mainzer Mobilität verwendet Glyphosat auf Straßenbahngleisen – Grüne wollen Mainz Glyphosatfrei machen und kritisieren Deutsche Bahn

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Es war Ende November 2017, als die Europäische Union Dank der Zustimmung Deutschlands die Zulassung des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat um fünf Jahre verlängerte – es folgte ein enormer Aufschrei: Umweltschützer und Verbraucher waren entsetzt, vielfach wurde ein Komplettverbot in Deutschland für das Totalherbizid gefordert. Die Welle rollt indes längst: 110 Kommunen bundesweit arbeiten laut BUND bereits komplett oder in Teilen pestizidfrei auf ihren Grünflächen. In der Stadt Mainz tut dies das städtische Grünamt bereits seit 2013 – doch die Mainzer Mobilität setzt Glyphosat weiter zum Freihalten von Straßenbahngleisen ein. Das erfuhr Mainz& auf Anfrage. Und noch ein anderer Verkehrsakteur setzt Glyphosat gleich tonnenweise ein: Die Deutsche Bahn behandelt mit dem Pflanzengift ebenfalls ihre Gleisanlagen. Die Grünen wollen dies nun ändern – und schrieben einen offenen Brief an Bahnchef Richard Lutz. Auch die Flächen in Mainz sollen endlich komplett Glyphosat-frei werden.

Aktion „Glyphosat stoppen“ der Grünen. – Foto Grüne

Das Totalherbizid Glyphosat ist seit Jahren hochumstritten, weil das Pflanzengift generell alles Grün rund um die Nutzpflanzen vernichtet. „Nachweislich schädigt es die Artenvielfalt und ist somit eine Bedrohung für Insekten und Vögel“, heißt es in dem offenen Brief der Grünen an die DB-Spitze. Studien der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge ist Glyphosat zudem wahrscheinlich krebserregend, dazu können Herbizide Allergien auslösen. „Pestizide sind schlichtweg Gifte, die gemacht sind, um Pflanzen oder Insekten zu töten“, sagt Corinna Hölzel vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) im Gespräch mit Mainz&. Auch für den Menschen sei das nicht eben gesund: „Pestizide sind oftmals krebserregend oder hormonell oder neurotoxisch wirksam“, sagt die Expertin.

Besonders gravierend sind aber die Auswirkungen in der Pflanzenwelt selbst: Pestizide und Herbizide wie Glyphosat töteten nicht nur das „Unkraut“, sondern die Artenvielfalt vieler Blühpflanzen gleich mit, sagt Hölzel. Das habe Auswirkungen auch auf Insekten – gerade in diesem Sommer zeigten Studien, dass die Zahl der Insekten in Deutschland in den vergangenen Jahren drastisch gesunken ist. Verantwortlich machen die Umweltschützer dafür den rapide gestiegenen Einsatz von Pestiziden und Herbiziden.

Plakat der NABU-Aktion „Glyphosat stoppen“ im Jahr 2016. – Foto: NABU

Auch in Städten kann das zum Problem werden: Städte und Gemeinden setzen häufig Pestizide ein, um Straßen, Wege sowie Spiel- und Sportplätze frei von Kräutern und Gräsern zu halten. Die Pestizide gelangten oft in die Kläranlage, warnt der BUND. So könnten die giftigen Substanzen „die Böden und unser Wasser belasten, das ist auch ein Kostenfaktor für die Allgemeinheit“, sagt Hölzel: „Die Kosten für die Reinigung zahlt der Steuerzahler.“

Tatsächlich hat sich bereits eine Gegenbewegung formiert: 110 Kommunen bundesweit verzichten laut BUND bereits komplett oder in Teilen auf Pestizide auf ihren Grünflächen, manche davon seit Jahren. „Wir haben Städte, die sind seit 25 Jahren pestizidfrei, etwa Saarbrücken oder Eckernförde“, sagt Hölzel. In Mainz arbeitet das städtische Grünamt bereits seit 2012 pestizidfrei, 2013 verzichtete die Landeshauptstadt auch auf Glyphosat. „Ich habe das damals durchgesetzt“, erinnert sich die grüne Umweltdezernentin Katrin Eder im Gespräch mit Mainz&, auch in den Gewächshäusern der Stadt werde auf alle Pestizide verzichtet.

Mainz ist damit Vorreiter: Nur vier Kommunen in Rheinland-Pfalz widmen sich dem Thema Pestizidfreiheit, im Nachbarland Hessen sind es sechs – in Nordrhein-Westfalen zählt der BUND hingegen 15. Die Karte der BUND zu pestizidfreien Kommunen beruht auf den Eigenangaben der städtischen Ämter, aufgenommen wird auch wer nur teilweise giftfrei arbeitet. Manche Kommunen wollten ihre Buchsbaumgärten weiter chemisch behandeln oder sähen etwa bei historischen Rosengärten die Notwendigkeit, sagt Hölzel: „Das wollen wir nicht bestrafen, wir wollen den Prozess anregen und auch erste Schritte belohnen.“

Plakat der BUND-Aktion „Gemeinsam gegen Glyphosat“. Die Grünen würden den Einsatz des Totalherbizids gerne auch auf landwirtschaftlichen Flächen der Stadt Mainz verbieten. – Foto: BUND

In Mainz wollen die Grünen nun noch einen großen Schritt weiter gehen: Mainz solle komplett Glyphosatfrei werden, beschloss die Mitgliederversammlung der Mainzer Grünen Mitte Dezember 2017. Künftig sollen auch private Unternehmen, die Aufträge von der Stadt zur Pflege von Grün-, Sport- und Verkehrsflächen erhalten, vertraglich zu einem Pestizidverzicht verpflichtet werden, fordert die Partei, die im Mainzer Rathaus gemeinsam mit SPD und FDP regiert. Brisant für die Koalition ist aber vor allem dieser Teil des Beschlusses: Auch beim Abschluss neuer Pachtverträge für landwirtschaftliche Flächen der Stadt wollen die Grünen einen vollständigen Verzicht der Pächter auf glyphosathaltige Mittel.

Das ist keine Bagatelle: Rund 85 Hektar Ackerflächen der Stadt Mainz sind zurzeit an Pächter vergeben – die biologische Bewirtschaftung ist dafür bisher kein Kriterium. Die größten Flächenmengen liegen in Ebersheim (Hektar) und in Bretzenheim (5,1 Hektar), außerdem in den rechtsrheinischen hessischen Gebieten Kastel (9 Hektar), Kostheim (4,8 Hektar) und Ginsheim (4,9 Hektar). Die Pachtverträge werden meist auf unbestimmte Dauer geschlossen, sind aber jährlich zum Jahresende kündbar, teilte Wirtschaftsdezernent Christopher Sitte (FDP) in einer Anfrage im Stadtrat im November 2017 mit. Zuständig ist das FDP-geführte Dezernat – von hier wäre wohl auch der meiste Widerstand gegen eine Glyphosat-Vorschrift zu erwarten.

Ein Komplettverbot von Glyphosat und anderen Pestiziden müsste wohl der Stadtrat beschließen, ob es dafür eine Mehrheit gäbe, ist unklar. Kommunen, sagt Hölzel, hätten ein wichtige Vorbildfunktion: „Wenn die es schaffen, auf Pestizide zu verzichten, hat das Signalkraft auch an die Verbraucher und Hobbygärtner.“ Genau deshalb habe der BUND vor fünf Jahren das Projekt „Pestizidfreie Kommune“ ins Leben gerufen, als Motivationsprogramm. Bundesweit wird nach Angaben des Naturschutzbundes NABU auf etwa 40 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland Glyphosat eingesetzt und zwar rund 3.800 Tonnen reinen Glyphosat-Wirkstoffs. Fast 50 Tonnen davon werden an nicht-berufliche Nutzer verkauft wie zum Beispiel Hobbygärtner. Bundesweit sind über 90 glyphosathaltige Mittel zugelassen. Bei einer repräsentativen Umfrage des NABU im Oktober 2017 sprachen sich 61 Prozent der Deutschen für ein sofortiges Glyphosat-Verbot in privaten Gärten und städtischen Anlagen aus.

Glyphosat ist ein Produkt der Firma Monsanto und wird im Einzelhandel gerne unter dem Namen Roundup verkauft. – Foto: NABU/ Eric Neuling

 

Aber selbst wenn die Stadt auf ihren gesamten Flächen auf Glyphosat verzichten würde – einen Akteur gäbe es immer noch: Die Mainzer Stadtwerke – jetzt „Mainzer Mobilität“ – setzen das Umweltgift immer noch ein – auf ihren Straßenbahngleisen. Zum Freihalten der Schottergleise würden das Herbizid Flazasulfron sowie Glyphosat verwendet, sagte das Unternehmen auf Mainz&-Anfrage. Bei Schottergleisen gebe es dazu „keine sinnvollen bzw. wirtschaftlichen Alternativen“, hieß es weiter. Die Mittel würden zudem von der Dienstaufsicht ADD sowie vom Umweltamt der Stadt Mainz genehmigt.

Der BUND widerspricht, der Einsatz von Glyphosat und anderen Pestiziden sei eigentlich unnötig, heißt es hier: „Es gibt alternative Geräte, die Pflanzen abflammen“, sagt Hölzel. Auch Infrarot- oder Heißdampfgeräte erfüllten den Zweck, Pflanzen zu entfernen, ebenso eine Wildkraut-Kehrmaschine, die Wildkräuter mechanisch entfernt. Neue Geräte müssten zwar erst einmal angeschafft werden, hätten sich aber meist nach kurzer Zeit amortisiert.

Und auch für Gleiskörper gebe es Alternativen, betont Hölzel weiter: Heißdampfgeräte etwa arbeiteten mit einer Hitze von 100 Grad, die könnten eine Eisenschiene nicht beschädigen, sagt sie. Das Problem gebe es zudem nur bei Schottergleisen: „Viele Städte sind einfach weg vom Schotter und hin zu Gras gegangen“, sagt Hölzel, „das muss lediglich gemäht werden.“ Rasengleise wurden übrigens in größeren Flächen nach dem Bau der Mainzelbahn eingebracht – vor allem aus Schallschutzgründen.

Für die Deutsche Bahn dürfte das keine Option sein: 61.000 Kilometer Gleise besitzt die Deutsche Bahn, um die von Pflanzengrün frei zu halten wird auch hier Glyphosat eingesetzt. 2016 habe man insgesamt 70 Tonnen Glyphosat verwendet, teilte die Deutsche Bahn am Dienstag auf Anfrage Mainz& mit. Das entspreche allerdings nur 0,15 Prozent der in Deutschland pro Jahr insgesamt ausgebrachten Herbizidmengen und 0,1 Prozent der gesamten Pflanzenschutzmittelmengen, sagte eine Sprecherin auch gleich dazu.

Die Mainzer Mobilität setzt auf ihren Straßenbahngleisen Glyphosat zum Freihalten der Gleise von Pflanzen ein. Auf dieser Strecke am Ostergraben wächst aber inzwischen Rasen. – Foto: gik

Die Grünen sprechen hingegen von einer „beträchtlichen Menge“ und fordern nun in einem offenen Brief an Bahnchef Lutz, die Deutsche Bahn müsse ihren Glyphosat-Einsatz beenden. Der Brief ist eine gemeinsame Aktion aller Landtagsfraktionen der Grünen in Deutschland sowie von Grünen-Abgeordneten im Europaparlament und im Bundestag. Anlass ist eine Meldung aus Österreich: Dort kündigte der Chef der Österreichischen Bundesbahn (ÖBB) Mitte Dezember an, aus der Anwendung von Glyphosat aussteigen zu wollen.

Man suche intensiv nach Alternativen und sei dazu im engen Austausch mit Umweltorganisationen, sagte ÖBB-Chef Andreas Matthä der „Kronen-Zeitung“. Die ÖBB habe bereits in den vergangenen drei Jahren die eingesetzte Menge von Glyphosat auf 4,7 Tonnen halbiert. Man wolle „möglichst schnell und deutlich vor Ablauf der EU-Frist von fünf Jahren“ aus der Verwendung von Glyphosat aussteigen, sagte Matthä laut österreichischer Presseagentur APA.

„Wir erwarten, dass auch die DB ihren Beitrag für Umwelt und Artenvielfalt leistet und nach dem österreichischen Vorbild schnell auf die Nutzung von Glyphosat verzichtet“, forderte nun die rheinland-pfälzische Grünen-Landtagsabgeordnete Jutta Blatzheim-Roegler. Man wolle von der Deutschen Bahn wissen, welche Minderungsziele sich das Unternehmen gesetzt habe. Bereits 2009 setzte die Bahn einer Anfrage im Deutschen Bundestag zufolge 70 Tonnen Glyphosat ein, allerdings auf einer geringeren Gleisstrecke.

Bei der Bahn heißt es auf Anfrage, Glyphosat werde nicht in Schutzgebieten, über offenen Gewässern oder auf Brücken eingesetzt. Zudem habe die Einsatzmenge durch verbesserte Technik in den vergangenen Jahren reduziert werden können. Die Behandlung auf den Bahnstrecken erfolge einmal pro Jahr durch Fachfirmen. Die „Vegetationskontrolle“ sei aber „unverzichtbar“, sagte eine Sprecherin weiter: Derzeit stellten weder thermische noch mechanische Verfahren eine Alternative dar.

Info& auf Mainz&: Mehr zum Thema „Pestizidfreie Kommunen“ samt Übersichtskarte findet Ihr hier beim BUND im Internet. Die Umfrage des NABU zum Thema Glyphosat findet Ihr hier. Allgemeine Infos zum Thema Glyphosat und seine Folgen gibt es hier beim BUND.

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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