Nachtflugverbot in Frankfurt franst aus: 2018 negatives Rekordjahr mit 1.098 nächtlichen Verspätungslandungen nach 23.00 Uhr

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Es war eines der Top-Ärgernisthemen des Jahres 2018: Immer wieder brummten nach 23.00 Uhr Flieger über Mainz und Rheinhessen in Richtung Frankfurt, obwohl sie eigentlich nach 23.00 Uhr gar nicht landen durften. Sie taten es trotzdem: 1.098 nächtliche Verspätungslandungen nach 23.00 Uhr zählte das Hessische Verkehrsministerium nun in einer Jahresstatistik zusammen. Hauptverursacher: die irische Billigfluglinie Ryanair, die im Jahresschnitt für und 30 Prozent aller Verspätungslandungen verantwortlich war. Doch auch Condor, Lufthansa und TUIfly mischten fleißig mit. Die gute Nachricht: Im Dezember gingen die Verspätungen deutlich zurück auf „nur“ noch 22 Verspätungslandungen. Zu den 2018 eingeleiteten 160 Verfahren gegen Piloten der verspäteten Maschinen gibt es unterdessen kein einziges Ergebnis.

Wenn es Nacht wird über Frankfurt, kehrt am Himmel noch lange keine Ruhe ein…. – Foto: gik

„Man möchte meinen, Ryanair und Co. haben den Schuss immer noch nicht gehört, offenbar prallt die Kritik wegen des unnötig verursachten Lärms an ihnen einfach ab“, schimpfte die Mainzer Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner (Grüne) angesichts der verheerenden Bilanz des Jahres 2018: 1.098 Verspätungslandungen, im Jahr davor waren es noch 775 gewesen. Trauriger Höhepunkt: der Juni mit 203 Verspätungslandungen, aber auch Mai (185), Juli (159) und August (124) schlugen mit erheblichen Mengen zu Buche. Das sei ein „neuer, sehr trauriger Rekord“ beim Bruch des Nachtflugverbots, kritisierte Rößner auf Anfrage dieser Zeitung.

Das sei ein „untragbarer Zustand, der abgestellt werden muss“, schimpfte die Chefin der Linksfraktion im hessischen Landtag, Janine Wissler. Die Fluggesellschaften müssten endlich dazu gebracht werden, die 23-Uhr-Deadline ernst zu nehmen, das Nachtflugverbot dürfe nicht weiter „ausfransen“. Eigentlich dürfen Flugzeuge am Frankfurter Flughafen zwischen 23.00 Uhr und Mitternacht nur in Notfällen landen, das so genannte Nachtflugverbot war das wichtigste Zugeständnis an die Region für den Ausbau des Flughafens mit der Nordwestlandebahn. Doch seit der Flughafenbetreiber Fraport sein Geschäft für Billigfluglinien öffnete, explodierte die Zahl der Verspätungslandungen.

Mit diesem Plakat rief die Mainzer Initiative gegen Fluglärm im September zur Montagsdemo am Frankfurter Flughafen auf.

Unrühmlicher Spitzenreiter bei den verursachenden Airlines war 2018 denn auch die irische Billigfluglinie Ryanair: Die Iren waren im Jahresschnitt für 31 Prozent der verspäteten Landungen nach 23.00 Uhr verantwortlich. Nach einer Auswertung des Internetportals Airliners sorgte Ryanair im Januar 2018 gar für fast 60 Prozent der Verspätungen, im April waren es 50 Prozent und im Dezember noch immer 27,3 Prozent. Aber auch andere Airlines sorgten für Lärm in der Nacht: Der Ferienflieger Condor verursachte 19,6 Prozent der Verspätungslandungen, die Lufthansa 16 Prozent und der Billigflieger TUIfly 11,2 Prozent.

Das Hessische Verkehrsministerium wirft denn auch besonders diesen Fluglinien vor, die Verspätungen durch zu eng getaktete Flugpläne zu verursachen oder billigend in Kauf zu nehmen. Insgesamt 160 Verfahren wurden deshalb beim Regierungspräsidium Darmstadt 2018 eingeleitet. In keinem einzigen Verfahren liegt bisher ein Ergebnis vor. Bei solchen Ordnungswidrigkeitsverfahren seien die Beschuldigten anzuhören, anschließend müssten deren Angaben geprüft und bewertet werden, rechtfertigte das Ministerium auf Anfrage von Mainz& die lange Verfahrensdauer: Das sei vor allem bei der Materie der Verspätungslandungen sehr aufwändig.

Tatsache ist auch: Nach dem derzeitigen Recht können Ministerium und Regierungspräsidium nur gegen die einzelnen Piloten vorgehen, nicht aber gegen die Fluglinie. Hessen hatte deshalb Ende 2018 im Bundesrat eine Initiative zur Änderung des Luftverkehrsgesetzes gestartet. Damit soll sich künftig dass Verfahren wegen Verstößen gegen die Nachtflugbestimmungen direkt gegen die Luftverkehrsgesellschaften richten können, statt gegen den jeweiligen Piloten.

2018 war ein Jahr, in dem die Mainzer aufgrund der häufigen Ostwinde enorm viel Fluglärm ertragen mussten. – Foto: gik

Der hessische Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) forderte die Fraport nun erneut auf, die Entgelt für Verspätungen deutlich anzuheben, Verspätungen dürften sich nicht lohnen. Bürgerinitiativen gegen Fluglärm fordern ein Strafgeld von 10.000 Euro pro Verspätung. Auch Rössner sagte, es müsse den Fluggesellschaften „richtig weh tun“, diese dürften nicht länger Ausflüchte wie schlechtes Wetter oder zu voller Luftraum vorschieben – schließlich schafften andere Fluglinien es auch, pünktlich zu landen.

„Wir erwarten vom – offenbar auch zukünftigen – grünen Verkehrsminister Tarek Al-Wazir, dass er das Nachtflugverbot wieder herstellt“, forderte hingegen Wissler, nach fünf Jahren grüner Regierungsbeteiligung sei das Nachtflugverbot „durchlöchert wie nie zuvor.“ Al-Wazir betont derweil, er habe seit dem Frühjahr 2018 „einen hohen Kontrolldruck aufgebaut, und mit den jeweiligen Fluggesellschaften zahlreiche Gespräche zu erforderlichen Gegenmaßnahmen geführt.“

Der Druck wirke, unterstrich Al-Wazir: Im Dezember 2018 wurden „nur“ noch 22 Verspätungslandungen gezählt. Das entspreche wieder dem Stand vom Dezember 2016 und seien deutlich weniger als 2017, als 66 Verspätungen zu Buche schlugen. Allerdings räumte der Minister auch ein, die Entspannung hänge auch mit dem weniger dichten Winterflugplan und der bislang milden Witterung zusammen. „Es ist also zu früh für eine Entwarnung“, sagte Al-Wazir. Die Flugsicherungsorganisationen erwarteten, dass die Pünktlichkeit im Sommer wieder nachlasse. „Deshalb bleiben wir wachsam und gehen weiterhin jedem Verdacht auf Missbrauch der Nachtflugregeln konsequent nach“, betonte der Minister. Er erwarte weiter, dass die Fluggesellschaften in ihren Abläufen ausreichend Zeitpuffer einplanten, um auch bei Störungen die 23-Uhr-Grenze regelmäßig einhalten zu können.

Info& auf Mainz&: Wir haben mehrfach und wiederholt über die nächtlichen Verspätungslandungen in Frankfurt berichtet, unseren Bericht vom Juli 2018 etwa findet Ihr hier. Da erklären wir auch Hintergründe und Forderungen zur Abhilfe. Zahlen und Grafiken zur Auswertung der Verspätungen findet Ihr auch hier bei Airliners.de.

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

2 Kommentare

  1. Lucie Ludwig 14. Januar 2019 at 19:19 -  Antworten

    Tarek Al-Wazir erwartet also, daß die Fluggesellschaften in ihren Abläufen ausreichend Zeitpuffer einplanten, um auch bei Störungen „die 23-Uhr-Grenze“ regelmäßig einhalten zu können. Moment mal, waren nicht seit Jahren die Grünen mit der Forderung nach weniger Fluglärm mehrfach in den Wahlkampf gezogen? Und wollten sie nicht das (nicht etwa von der Politik, sondern von beherzten Bürgerinnen und Bürgern erstrittene) Nachtflugverbot sogar noch abends und morgens um je eine Stunde verlängern, so daß bereits zwischen 22.00 und 6.00 Uhr keine Flieger starten oder landen dürften? Und lehnten sie nicht auch die Baupläne für ein drittes Terminal in Frankfurt ab? Wurde nicht auch versprochen, daß es mit den Bündnisgrünen kein neues Terminal geben wird? Und muß man nicht den Eindruck gewinnen, daß Tarek Al-Wazir so augenscheinlicher Wahlbetrug weder als Ex-Landesvorsitzendem der hessischen Grünen noch als zuständigem Minister zu jucken scheint? Halten die Mainzer Bündnisgrünen Tarek Al-Wazir trotzdem weiterhin die Stange? Ist die Leisetreterei der Mainzer Bündnisgrünen gegenüber Tarek Al-Wazir nicht extrem würdelos angesichts der Schädigungen und des Leids, das Patienten der Uniklinik, sowie Mainzer Bürgerinnen und Bürgern durch gesundheitsschädlichen Fluglärm tagtäglich zugefügt wird?

    Mit freundlichen Grüßen

    Lucie Ludwig

    • Gisela Kirschstein 15. Januar 2019 at 0:21 -  Antworten

      Vielen Dank!!!

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