Naturschützer vom Mainzer Sand: Lieber Kompromiss statt Klage

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Seit mehr als vier Wochen ist nun die Schiersteiner Brücke gesperrt, und die Region diskutiert heftig über Ursachen und Hintergründe. Eines fällt dabei auf: den Naturschützern vom Mainzer Sand wird gerne die Rolle der Verhinderer und Blockierer zugeschoben. „Wir waren nie die Verhinderer“, sagte nun Jürgen Weidmann, Sprecher des Bündnisses „Nix in den (Mainzer) Sand setzen“, Mainz&. Im Gegenteil: „Unser Ziel war immer, nicht klagen zu müssen, sondern einen Kompromiss zu finden“, sagt Weidmann, „gerade um schnelle Planungen zu ermöglichen.“ Nanu – Naturschützer, die gar keine Verhinderer sind? 😉

Spaziergang mit Jürgen Weidmann in der Dünenlandschaft Mainzer Sand - Foto: gik

Spaziergang mit Jürgen Weidmann in der Dünenlandschaft Mainzer Sand – Foto: gik

Alle reden über das Naturschutzgebiet Mainzer Sand und seine Beschützer – Mainz& redet mit ihnen. Der Mainzer Sand ist ein einmaliges Naturschutzgebiet, das auf Sand gebaut ist – auf Flugsand nämlich. Vor gut 11.500 Jahren entstanden die Wanderdünen zwischen Rhein und Ingelheim, heute wachsen in diesem Gebiet seltene Pflanzen aus drei Hemisphären: den pannonischen Steppen im Osten, dem Mittelmeerraum und der Atlantikküste. In dieser Zusammensetzung sei das europaweit einzigartig , betont Weidmann.

Doch der Große Sand ist bedroht, betont Weidmann, durch Neubaugebiete, Nitrate aus der Luft – und durch die Autobahn. Die bringe jetzt schon Belastungen in den Mainzer Sand, nicht nur durch Abgase, sondern auch durch Sprühnebel der Scheiben-Wischanlagen und den Resten von Streusalz. Eine Böschung, bewachsen mit Büschen und kleinen Bäumen, trennt die Fahrbahnen vom Naturschutzgebiet.

Weidmann auf der Brücke über die A 643, der rote Pfeil zeigt die Erweiterung der Autobahn - Foto: gik

Weidmann auf der Brücke über die A 643, der rote Pfeil zeigt die Erweiterung der Autobahn – Foto: gik

Fallen die Böschung weg, würden die Belastungen weiter ins Naturschutzgebiet getragen, befürchtet Weidmann – der Mainzer Sand würde noch weiter schrumpfen. Allerdings räumt Weidmann auch ein, dass die Erweiterung der A643 lediglich einen Geländefraß von fünf Meter rechts sowie links der Autobahn bedeute. Doch warum brauche es diesen Geländeverlust überhaupt, fragt Weidmann – wo es doch gute Alternativen gebe, und die seien auch noch billiger.

2011 wurde nämlich vom Land Rheinland-Pfalz ein Runder Tisch eingerichtet, um alle Beteiligten an der Autobahnerweiterung zusammen zu bringen. In diesem Gremium habe man die „4+2“-Lösung vorgeschlagen, berichtet Weidmann, also vier Fahrspuren plus zwei Standstreifen, die in Stoßzeiten als dritte Fahrbahn genutzt werden. Dazu schlugen die Naturschützer Flüsterasphalt und Tempo 80 zur Lärmreduzierung vor – und andere praktische Maßnahmen.

Die Autobahn wird nämlich von 20.000 Fahrzeugen pro Tag weniger benutzt, als die Schiersteiner Brücke, ein sechsspuriger Ausbau sei deshalb nicht vonnöten, argumentiert Weidmann – was auch deutlich billiger wäre. Deutschland brauche doch dringend mehr Geld für die marode Infrastruktur – also warum werde es hier unnütz rausgeballert?

Schmetterling Bläuling auf Sandsilberscharte im Mainzer Sand - Foto: Weidmann

Schmetterling Bläuling auf Sandsilberscharte im Mainzer Sand – Foto: Weidmann

Und der Naturschützer betont, ihm tue jeder Autofahrer Leid, der wegen der gesperrten Schiersteiner Brücke jetzt im Stau stehe – aber für den Unfall an der Brücke seien nun wirklich nicht die Naturschützer verantwortlich. Und die Planung des Autobahnausbaus? „Wir waren nie gegen den Ausbau der Brücke“, betont Weidmann, der Naturschutz habe keine Planungen verhindert.

Werden die Naturschützer denn nun gegen den vom Bund verfügten sechsspurigen Ausbau klagen? „Vielleicht“, sagt Weidmann vorsichtig – und deutet an, es könne Kompromisslinien geben. Ein Verzicht auf eine durchgehende Lärmschutzwand könnte helfen, denn die würde wohl das Mikroklima des Mainzer Sands empfindlich stören, wenn nicht drastisch schädigen.

Unser Eindruck: Das Bündnis „Nix in den (Mainzer) Sand setzen“ wäre durchaus zu Kompromissen bereit – auch wenn es schwer fällt. Denn bisher schon haben die Naturschützer Ja zu Kompromissen gesagt, die zulasten des Naturschutzgebietes gehen. Doch wenn die Politik aktiv auf die Naturschützer zugehen würde – und zwar der Bund! – hier wäre noch was zu machen.

Bisher hat die Politik nämlich – wie so oft – die praktischen Vorschläge der Naturschützer dankend angenommen, aber nur wenig davon umgesetzt – dabei handelt es sich um kreative und spannende Ideen. Also müssen wir mal wieder empfehlen: Redet mit den Leuten! Hört Ihnen zu, nehmt sie ernst – und verhandelt mit ihnen auf Augenhöhe. Dann klappt’s auch mit dem Ausbau ohne Klagen…

Info& auf Mainz&: Mehr über den Mainzer Sand und das Bündnis für den Erhalt findet Ihr auf dieser Internetseite, dort seht Ihr auch, wer alles Mitglied im Bündnis ist. Auch der AK Umwelt Mombach ist hier naturschützend aktiv, wie genau, seht Ihr hier. Mehr über den Mainzer Sand, die Ideen der Naturschützer und das Problem der Schiersteiner Brücke lest Ihr heute in der großen Mainz&-Premium-Geschichte „Wir waren nie die Verhinderer“ – Bündnis Mainzer Sand will Natur bewahren und Verkehr fließen lassen (€). Über den Mainzer Sand gibt es übrigens auch ein Fotobuch von Herbert Immekus und Dr. Joachim Wolf, Informationen dazu findet Ihr auf der Seite des AK Umwelt, genau hier.

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

3 Kommentare

  1. Norbert Lowin Dienstag, 24. März 2015 at 21:57 -  Antworten

    Das Gelände des Naturschutzgebiets ist 127 ha groß. Direkt angrenzend liegt der circa 700 ha große Lennebergwald. Er steht ebenfalls unter Naturschutz und weist teilweise die gleiche Flora und Fauna auf.

    Großer Mainzer Sand 127 ha gleich 1.270.000 m² – Der Flächenmehrverbrauch durch die Gonsenheimer Lösung gegenüber der sinnlosen 4+2 Lösung wäre bei rund 4Km x 50cm = 2.000 m² – Das ist rund 0,157% Mehrverbrauch. Hinzukommen permanente Folgekosten zur Wartung der mechanischen und elektronischen Anlagen, zuzüglich benötigte Mitarbeiter dafür. Wer das als Übermäßigen Flächenverbrauch, oder gar Gefahr für den Erhalt des Mainzer Sands darstellt hat offensichtlich jeden Sinn für die Realität verloren.

    Übrigens, seit dem Jahr 1798 bis heute wird das Gelände auch militärisch genutzt. Die größte Gefahr für den Erhalt des Status quo des Gonsenheimer Sandes ist heute die fast nicht zu kanalisierende Überdüngung durch Vogel- und Hundekot.

    • Gisela Kirschstein Mittwoch, 25. März 2015 at 0:45 -  Antworten

      Interessante Rechnung…. Aber ich glaube, der Mainzer Sand wird nicht mehr militärisch genutzt, das wurde in den 1990er Jahren beendet.

  2. Norbert Lowin Mittwoch, 25. März 2015 at 12:35 -  Antworten

    Liebe Frau Kirschstein da haben Sie leider nicht recht. Auch heute kommen noch Amerikaner u.a. aus Erbenheim hierher. Diese lange militärische Nutzung hat übrigens den „Mainzer Sand“ in der heutigen Form erhalten. Der Bewuchs wird seit rund zweihundert Jahren entfernt bzw. kleingehalten.
    Sonst wäre der Mainzer Sand im angrenzenden Gonsenheimer Wald schon lange aufgegangen, der ja die gleiche Flora und Fauna aufweist.
    Wir sehen, alles hängt mit allem zusammen.

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