Neue Fluglärmkarten für die Region – Kontrolle für Lärmobergrenze damit möglich

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Das ist nichts weniger als eine Revolution in Sachen Fluglärmberechnung: Bei der kommunalen Initiative „Zukunft Rhein-Main“ ist am Mittwoch das „Kommunale Fluglärmmonitoring“ vorgestellt worden. Der etwas sperrige Begriff bezeichnet nichts weniger, als eine neue Form der Fluglärmberechnung, die auf realen Flugbewegungen basiert. Aus Werten, wie hoch und wo genau ein Flugzeug fliegt, werden Lärmkarten berechnet – und die sind um ein Vielfaches genauer als die Karten des Flughafenbetreibers Fraport. Und so taucht Mainz nun zum ersten Mal auf einer offiziellen Fluglärmkarte als betroffene Kommune auf….

Karte DFLD Flugspuren Region Frankfurt 14.10.15

Aktuelle Flugspurenkarte der Region Frankfurt beim DFLD vom 14. Oktober 2015

Die Mainzer kennen diese Karten eigentlich schon: Der Deutsche Fluglärmdienst (DFLD) ermittelt schon seit Jahren höchst genau Werte von Flugspuren und real existierendem Fluglärm, Mainz&-Leser kennen den Link zur Homepage www.dfld.de unter den Fluglärmtexten 😉 Hier könnt Ihr nach Regionen sortiert beeindruckende Flugspurenkarten ansehen, und das sogar für live, sowie die verschiedensten Mess- und Lärmwerte anzeigen lassen.

Auf Lärmkarten der Fraport endet der Fluglärm weiter am Rhein

Horst Weise, Vorsitzender, Gründer und Mastermind hinter dem DFLD, aber tut noch mehr: Im Auftrag der Zukunftsinitiative Rhein-Main (ZRM), dem Zusammenschluss Fluglärm geplagter Kommunen, hat der Mann seit fünf Jahren gesammelt und gerechnet. „Der Ausgangspunkt war: es gab nichts“, sagte Weise am Mittwoch bei einer Sitzung des ZRM. Flugdaten wurden von der Deutschen Flugsicherung „wie militärische Geheimnisse behandelt, und Rohdaten gab’s schon gar nicht.“

Dazu setzten alle Lärmkarten erst bei 55 Dezibel Lärm an, das Ergebnis: der Fluglärm endete auf den Karten des Flughafen-Betreibers Fraport immer kurz vor dem Rhein. Mainz kam auf den Karten als Fluglärm geplagte Kommune gar nicht vor – der Realität am Mainzer Himmel spottete das schon lange Hohn. Natürlich galt das entsprechend auch für Kommunen im Osten des Flughafens. Im Fraport-Messystem Franom kommen diese „geringer belasteten“ Regionen bis heute nicht vor – der Lärm endet im Fall Mainz weiter schlagartig am Rhein – was Ihr hier nachprüfen könnt. Praktisch, nicht wahr?

Lärmkarten ab 40 Dezibel zeigen enorme Verlärmung der Region

Weise hat das nun gründlich geändert: „Wir haben als erster Akteur den Lärm bis zu 40 Dezibel herunter ausgerechnet“, erklärt Weise. Damit ergeben sich erstmals Karten, die den Radius von Fluglärm von Bad Kreuznach im Westen bis Bad Orb im Osten ziehen, und von Lorsch im Süden bis Usingen im Norden. Ergebnis: Die Belastung mit Fluglärm durch den Frankfurter Flughafen reicht viel, viel weiter, als offizielle Karten das bisher zeigen – etwa bis nach Bayern im Raum Aschaffenburg hinein.

Rushour am Himmel über Mainz

Realität bei Ostwind: Rushour am Himmel über Mainz – Foto: gik

Dazu legte Weise den neuen Karten die realen Flugwegen der Flugzeuge zugrunde. Messstationen des DFLD erfassen nämlich die Transponder-Daten von Flugzeugen, die diese ständig abgeben – so wurde etwa die Flugkurve des verlorenen Indonesischen Flugzeugs MH 370 berechnet. Die Daten zeigen an, wo genau ein Flugzeug lang fliegt und wie hoch es ist – daraus kann Weise – verkürzt gesagt – dann den entstehenden Lärm berechnen.

In Wirklichkeit wird viel niedriger geflogen und oft abgewichen

Ein Ergebnis dieser Transponder-Daten: Während die herkömmlichen Karten die Flugbewegungen als einfache Linie zeigen, werde in Wirklichkeit oft kilometer weit gestreut geflogen, sagt Weise. Das gelte nicht nur für Abweichungen nach rechts und links – bei Anflügen zum Flughafen werde oft über 90 bis 100 (!) Kilometer lang nur auf 4.000 Fuß geflogen, das entspricht rund 1.200 Metern oder 1,2 Kilometern. Anders gesagt: die Flieger sind im Anflug viel zu niedrig, genau das, was die Mainzer schon seit Jahren mit eigenen Augen sehen. Nun lassen sich diese realen Beobachtungen auch in realen Daten abbilden – ein Meilenstein in Sachen Fluglärmbekämpfung.

Flieger überm Mainzer Dom 3

Irgendwie kommen die Flieger immer tiefer über den Dom.. – Foto: gik

Dazu verknüpfte Weise diese realen Daten erstmals mit der exakten Einwohnerzahl der Menschen darunter. Das sei neu, sagt Weise, das Umwelthaus in Frankfurt etwa – eine unter anderem von der Fraport mitgetragenen Einrichtung – operiere „mit gekauften Einwohnerzahlen“, sagt Weise, „wir hingegen konnten die realen Zahlen der Einwohnermeldeämter verwenden.“ Das sei nicht einfach gewesen, man habe aber alle Kommunen und ihre Ämter angeschrieben, das dürfte eine Heidenarbeit gewesen sein… Im Ergebnis können die Karten nun aber die Zahl der vom Lärm betroffenen Menschen genau beziffern – unangenehme Ergebnisse für die Fraport, aber auch das Land Hessen.

16 Hochleistungsrechner für die Daten, Schweizer bestätigen Verfahren

Anspruchsvoll für die Berechnungen waren aber auch die Anforderungen an die Technik: 16 Hochleistungsrechner habe man für die Berechnungen angemietet, berichtet Weise. Zum ersten Mal sei das 2013 durchgeführt worden, seither habe es sechs bis sieben Durchläufe gegeben. Durchgerechnet wurden die Daten der sechs verkehrsreichsten Monate Mai bis Oktober eines Jahres, das entsprach knapp 500.000 Flugbewegungen. Wir ziehen den Hut vor dieser technischen Meisterleistung!

Im Übrigen habe der DFLD das gesamte Verfahren zur Überprüfung zur Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt EMPA in der Schweiz geschickt, berichtete Weise – die hätten die Richtigkeit des Verfahrens bestätigt. Im Juni dieses Jahres wurde das Pilotprojekt abgeschlossen, heraus kamen Karten für die Jahre 2008 und 2012. Jede Kommune im ZRM bekam für diese Jahre am Mittwoch eigene Karten für ihr Gebiet übergeben – und dazu die Rohdaten in elektronischer Form. Damit kann jede Kommune nun sogar genau Daten für einzelne Bereiche ihres Gebietes berechnen – Weise demonstrierte das am Beispiel der Mainzer Uniklinik.

DFLD Vergleichskarte Fluglärm 2008 - 2012

Die neue Vergleichskarte für Fluglärm zeigt die Zunahme und Abnahme in 2012 zu 2008 – Foto: gik

Erstmals offiziell gerechnete Vergleichskarte Fluglärm 2008-2012

Eines der wichtigsten Ergebnisse: erstmals gibt es jetzt Vergleichskarten des Fluglärms für die Jahre 2008 und 2012 – also für die Zeit vor der Einweihung der neuen Nordwestlandebahn im Jahr 2011 und danach. Die Karte zeigt – Ihr ahnt es schon – eine deutlich großflächigere Verlärmung der Region als alle Offiziellen es bisher zugeben wollen. In praktisch allen Teilen von Mainz etwa ist es deutlich lauter geworden, in einem dicken Streifen Höhe Oberstadt sogar um mehr als 4,5 Dezibel (lila Bereich)! In einem kleinen Streifen über Hechtsheim ist es dagegen sogar ein bisschen leiser geworden (grüner Streifen), was vor allem an der größeren Streuung der Flieger nach rechts und links liegt.

Für die Politik sind die Ergebnisse in jedem Fall Sprengstoff: „Wir haben hier ein nachvollziehbares Kontrollinstrument entlang der Ist-Spuren geschaffen“, schwärmte die Mainzer Umweltdezernentin Katrin Eder (Grüne). Und mit dem „Kommunalen Fluglärmmonitoring“ könne in Zukunft auch eine mögliche Lärmobergrenzen überwacht werden – die ZRM-Kommunen fordern eine Reduzierung von 0,4 Dezibel, pro Jahr wohlgemerkt. Das sei laut Deutschem Luft- und Raumfahrtzentrum schon jetzt technisch machbar, betonte Eder. Ob so eine Reduzierung eingehalten werde, das ließe sich nun mit dem neuen Berechnungsverfahren kontrollieren.

Womit wir beim Thema Kosten wären: Was das Pilotprojekt bisher kostete, darüber gab es am Mittwoch schwankende Angaben, die Rede war aber von bis zu 50.000 Euro. „Wir würden gerne Jahr für Jahr die Daten vom Vorjahr berechnen“, sagte Weise. Doch dafür ist das Geld bisher nicht da. „Wir sehen die Finanzierung beim Land Hessen“, sagte Eder. Na, das dürfte aber eine spannende Debatte im Nachbarland geben… Aber was ist eigentlich mit dem Land Rheinland-Pfalz? Liefert das Kommunale Fluglärmmonitoring doch erstmals handfeste Belege für den Fluglärm diesseits des Rheins? Ja, sagte Eder noch, „gute Idee…“ 2016 sind bekanntlich Landtagswahlen 😉

Info& auf Mainz&: Die gesamten Karten aus Weises Vortrag gibt es leider nicht frei zugänglich im Internet. Die Kommunen, speziell Mainz, wollen die Ergebnisse für ihre eigenen Orte in gesonderten Pressekonferenzen vorstellen und bewerten. Mainz will das in den kommenden vier Wochen tun. Die hier gezeigte Lärm-Vergleichskarte gibt’s exklusiv für einige wenige Medien der Region – darunter Mainz&. Den Deutschen Fluglärmdienst findet Ihr hier, zur Regionalkarte für Frankfurt geht es ohne Umwege hier entlang. Einfach Messwerte oder Flugspuren anklicken und unten auf „Weiter“ klicken.

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

5 Kommentare

  1. Paul Laib 15. Oktober 2015 at 15:45 -  Antworten

    Dankeschön liebe gik für diesen umfangreichen sehr informativen Bericht.

    Bürgerinitiative gegen Fluglärm Mainz-Lerchenberg

  2. Horst Weise 17. Oktober 2015 at 1:41 -  Antworten

    Liebe Frau Kirschstein,

    es gibt zwei Schreibfehler in dem Artikel:
    „… 4.000 Fuß geflogen, das entspricht rund 1.200 Kilometern“. Das sind natürlich „Meter“ statt „Kilometer“.

    Und im letzten Absatz heißt es „Das Deutsche Fluglärmforum“ statt „Der „Deutsche Fluglärmdienst“.

    Ansonsten: Vielen Dank für den Artikel und ein schönes Wochenende !!!

    • Gisela Kirschstein 19. Oktober 2015 at 0:27 -  Antworten

      Lieber Herr Weise, oh sorry, wird natürlich geändert! 1.200 Kilometer hoch – schön wär’s 😉

  3. Manfred & Verona 20. Oktober 2015 at 13:27 -  Antworten

    Vielen Dank für Ihre aufschlußreiche Reportage. Bitte nicht vergessen: Statt sich seinerzeit gegen den weiteren Ausbau des Frankfurter Flughafens auszusprechen und gemeinsam mit der Region ein absolutes Nachtflugverbot von 22.00 – 06.00 Uhr zu fordern, ging die Landesregierung von Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) auf Tauchstation und ließ somit die vom Ausbau gesundheitlich und wirtschaftlich bedrohten Bürgerinnen und Bürger in Rheinhessen schmählich im Stich. Erst das Stillhalten der Landesregierung von Ministerpräsident Kurt Beck (SPD), das einer stillschweigenden Zustimmung zum Ausbau des Frankfurter Flughafens entsprach, brachte die Konzerne Fraport und Lufthansa in die komfortable Lage, zum Nachteil und Schaden der Menschen in Rheinhessen schalten und walten zu können und ihre Vorhaben zügig durchzusetzen. Auch die Zustimmung des rot-grünen von Landrat Claus Schick (SPD) geführten Landkreises Mainz-Bingen zum Ausbau des Frankfurter Flughafens war für die betroffenen Bürgerinnen und Bürger keine Hilfe.

    • Gisela Kirschstein 20. Oktober 2015 at 15:37 -  Antworten

      Genau so wars! Und das ist keinesfalls vergessen – die sehr unrühmliche Rolle von Rheinland-Pfalz habe ich auch schon mehrfach auf Mainz& thematisiert 😉 Geht aber dann doch nicht in jedem Artikel 😉 Und ich werde nie vergessen, wie ich auf der Pressetribüne des Mainzer Landtags saß, und Kurt Beck im Jahre 2001 am Rednerpult flammende Loblieder auf den Flughafen-Ausbau sang. Ich wäre ihm am liebsten von der Tribüne aus an den Hals gesprungen. Denn mir war damals schon klar: Beck und Kollegen ignorierten in haarsträubender Weise die Auswirkungen für Mainz. Das dann einen Großteil des Lärms abbekam… Jahre später hat mir Kurt Beck übrigens mal persönlich gestanden, dass er das im Nachhinein als einen Fehler erkannt hat. Nur – das nützt jetzt nix mehr.

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