Neuer Bibelturm-Vorschlag aus Frankfurt: Frankfurter Altstadt-Forum unterstützt „Nein“ zum Mainzer Bibelturm und legt Gegenentwurf vor

Alles&, Gutenberg&, Rathaus & andere Skandale 9 1468

In Sachen Mainzer Bibelturm melden sich nun sogar Bürger und Architekten aus Frankfurt zu Wort: Das Frankfurter Altstadt-Forum, eine Bürgerinitiative, die sich 2004 gegen eine moderne Bebauung der Frankfurter Altstadt gründete, erklärte nun ihre Solidarität mit den Gegnern des in Mainz geplanten Bibelturms. Wenige Tage vor dem Bürgerentscheid am kommenden Sonntag appellierte das Forum „eindringlich an die Mainzer Stadtpolitik, auf eine Bebauung des Liebfrauenplatzes zu verzichten“ und betonte, man hoffe am kommenden Sonntag auf ein „Nein“ der Mainzer zum Bibelturm. „Es gilt nun auch für die Mainzer Bürger, sich gemeinsam gegen schlechte Architektur zu wehren“, sagte der Altstadt-Forum-Initiator J. Eberhard Aha. Das Forum legte zudem einen Alternativentwurf vor – für einen Turm am Gutenberg-Museum in historisierter Form.

Visualisierte Ansicht der neuen-alten Frankfurter Altstadt. – Quelle: DomRömer GmbH

„Der geplante Bibelturm ist weder ein Turm, noch hat er etwas Anmutiges und Würdiges an sich, um der zu präsentierenden Kostbarkeiten gerecht zu werden“, sagte Aha in einer schriftlichen Pressemitteilung am Mittwoch. Der Turm sei „ein völlig unförmiges Aluminium-Monster, das den benachbarten Renaissancebau überragt und regelrecht verhöhnt.“ Aha warf dem Architekten des Bibelturms ferner vor, „keinerlei Sensibilität und Feingefühl für urbanes Gestalten zu besitzen.“

Das sei keine Ausnahme, betonte Aha zugleich: „So ist schon seit mehreren Jahren zu beobachten, dass ganz offensichtlich weite Teile der deutschen Architektenschaft in einer tiefen Ästhetik-Krise stecken.“ Die Schuld sucht Aha bei der „verkorksten Ausbildung“ der Architekten. „Eigentlich noch nie in der Geschichte haben sich Bürger so oft über schlechte Architektur und Bausünden beschwert, wie in der Jetztzeit“, sagte Aha, „dies sollte der gesamten Architektenschaft und insbesondere den Architektenkammern und dem Bund Deutscher Architekten zu denken geben.“ Diese aber weigerten sich, die „selbst erzeugte Architekturkrise zu reflektieren“, kritisierte Aha: „Stattdessen verschanzt man sich im Elfenbeinturm der Ignoranz und beschimpft Bürger als ahnungslose ‚Laien‘.“

Frankfurter Gegenentwurf zum Mainzer Bibelturm: ein Turm in historisierter Optik. – Quelle: Frankfurter AltstadtForum, Aha

Aha fordert zudem mehr Engagement zu Bewahrung traditioneller Architektur und verweist dabei auf die erfolgreiche Rekonstruktion der historischen Frankfurter Altstadt, die in diesen Tagen fertig gestellt wird. Dort wurde der Siegerentwurf eines Architektenwettbewerbs aus dem Jahr 2005 für einen modernen Großbau an der Stelle des Technischen Rathauses nach massiver Kritik von Bürgern sowie der SPD gekippt, danach kippte auch die Stimmung in Stadt und Rat – zugunsten einer Rekonstruktion der historischen Bebauung. Im Herbst 2006 dann führte die Stadt Frankfurt eine Planungswerkstatt durch, um die Bürger zu beteiligen, die Ergebnisse der Arbeitsgruppen flossen in die daraufhin beschlossenen Eckpunkte für die Bebauung ein – ähnlich wie beim ECE-Center auf der Ludwigsstraße.

„Von der Frankfurter Altstadt-Rekonstruktion ging seit 2007 ein Signal in die ganze Republik“, betonte Aha nun, auch als „Ermutigung an die Bürger, sich in die Stadtplanung einzumischen und sich nicht weiter von ignoranten ‚Experten‘ bevormunden zu lassen.“ Seither machten in Dresden, Potsdam, Berlin und anderen Städten Deutschlands „traumhaft schöne Rekonstruktionsprojekte von sich reden.“ Egal, wie das Mainzer Referendum ausgehe, es solle „der Startschuss sein für mehr Bürgerengagement zur Bewahrung der traditionellen Architektur in Mainz“, forderte der Frankfurter: Sonst werde Mainz weiter durch modernistische Bausünden zerstört.

Frankfurter Gegenentwurf zum Mainzer Bibelturm von oben: ein Turm in historisierter Optik. – Quelle: Frankfurter AltstadtForum, Aha

Das Frankfurter Altstadt-Forum appelliert daher eindringlich an die Mainzer Stadtpolitik, auf eine Bebauung des Liebfrauenplatzes zu verzichten, heißt es in der Mitteilung weiter. Dem Planungsbüro DFZ schreibe man ins Stammbuch, „sich ihrer Verantwortung als Architekten endlich bewusst zu werden und in historischen Innenstädten künftig auch dem Stil im Sinne des „New Urbanism“ zu folgen, wie er sich derzeit weltweit entwickelt.“

Wie ein solches Gebäude hätte aussehen können, wolle man indes mit einem eigenen Entwurf belegen, den man mit Architekten des Altstadt-Forums erarbeitet habe: Ein Turm im historisierten Renaissance-Stil. Wir dokumentieren im Folgenden die mit dem Entwurf mitgelieferte Beschreibung im Wortlaut, damit Ihr Euch ein eigenes Bild machen könnt:

„Baubeschreibung zum beiliegenden Entwurf:

Der Erweiterungsbau nimmt die architektonischen Stilmerkmale des Hauptgebäudes auf und fügt sich somit harmonisch in den Platz. Die Zugehörigkeit zum „Römischen Kaiser“ wird aufgrund des übernommenen Renaissance-Stils deutlich. Dennoch hat das Gebäude seine Eigenständigkeit, was insbesondere durch den markanten Turm mit der Rundkappe und der darauf befindlichen Skulptur deutlich wird. Die Skulptur bildet Martin Luther ab, der mit entschlossener Handbewegung die Bibel emporhält. Ein klarer Fingerzeig, wofür das Gebäude steht.

Frankfurter Gegenentwurf zum Mainzer Bibelturm: ein Turm in der Optik des Römischen Kaisers. – Quelle: Frankfurter AltstadtForum, Aha

Die große Porta an der Frontseite des dreigeschossigen Gebäudes dient überwiegend der Gliederung der Front und soll nur für Ausstellungswechsel oder zu besonderen Anlässen wie „Tage der offenen Tür“, Museumsfeste oder Stadtfeste geöffnet werden. Ähnlich wie bei der Heiligen Pforte im Petersdom, die auch nur zu besonderen Anlässen geöffnet wird. 

Besonders reizvoll für alle Mainz-Besucher wird die begehbare Dachterrasse im 3. Stock sein, über die man einen prächtigen Blick über den Liebfrauenplatz und Mainz genießen könnte und die für besondere Events und insbesondere auch für Trauungen genutzt werden könnte. Dafür eignet sich auch insbesondere der als Pavillon ausgeprägte Turm.

Die nach oben leicht getreppte Silhouette wurde der Grundform des Turms von Alexandria entlehnt und verleiht dem Gebäude durch die Verjüngung eine Leichtigkeit, die dem derzeitigen modernistischen Entwurf völlig abgeht. Das Raumangebot wird je nach Planung trotz niedrigerer Höhe kaum geringer sein, da durch die niedrigeren Decken weniger Treppenraum erforderlich ist und auf unnütze Lufträume verzichtet wird.“

Der Entwurf, betonte Aha schließlich noch, diene „lediglich der Anschauung“ – die beste Lösung an dem Liebfrauenplatz sei „keine Bebauung und eine Sanierung des Museums.“

Info& auf Mainz&: Über die Rekonstruktion der Frankfurter historischen Altstadt hat Mainz& schon im April 2016 berichtet, den Artikel findet Ihr genau hier. Sehr ausführliche Informationen rund um die neue Frankfurter Mitte samt Fotos findet Ihr hier auf der offiziellen Homepage der DomRömer GmbH. Die Homepage des AlstadtForums Frankfurt gibt es hier. Der Gründer des Forums, der Designer J. Eberhard Aha, wird am Sonntag, den 15. April, abends auf der „Wahlparty“ der Bürgerinitiative Gutenberg Museum einen Vortrag über seine Vorstellungen halten. Ort Rathaus Mainz. Auch die Debatte um die Rolle von Architektur – moderner Gegenentwurf zur Vergangenheit oder historisierende Rekonstruktion – ist nicht neu, sie kam bereits vor zwei Jahren auf – was Ihr hier nachlesen könnt. Die Mainzer sind am 15. April aufgerufen, in einem Bürgerentscheid über den Bau des modernen Bibelturms als Erweiterung des Gutenberg Museums abzustimmen – hingehen!

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

9 Kommentare

  1. Heinz-Georg Diehl 12. April 2018 at 16:35 -  Antworten

    Mit seinem Renaissanceturm schickt uns Herr Aha zurück Richtung Mittelalter. Gutenberg wollte aber gerade heraus aus dem Mittelalter. Er war ein Avandgardist der mit seiner Erfindung die Tür zur Neuzeit aufstieß. Der Renaissanceturm des Herrn Aha ist eine einzige Baulüge, eine schlimme Kulissenschieberei für die man sich schämen muss. In Frankfurt hat es Altstadthäuser gegeben die man rekonstruieren konnte und in Berlin gab es das Schloss, dessen Fassade man zum Teil rekonstruieren konnte, aber auf dem Liebfraueneplatz gab es keine solchen Turm. Immerhin ist Herr Aha für einen Turm an diesem Platz! Man könnte ja vielleicht einen Architektenwettbewerb für den zu bauenden Turm ausschreiben.
    Das Ergebnis müsste dann von allen axeptiert werden.

  2. Nur mal so ein Gedanke 12. April 2018 at 21:27 -  Antworten

    Vielleicht sollte man das Ganze lieber nochmal ganz neu denken!
    Wäre es nicht viel angebrachter, das Gutenbergmuseum aus seinem (derzeitigen) Versteck herauszuholen und ihm einen wirklich würdigen u. repräsentativen Platz in der Stadt zu geben? … Z.B. das derzeit als Rathaus genutzte, von Arne Jacobsen entworfene, Gebäude am Rheinufer, das eh saniert werden muß?
    Das neu zu bauende Rathaus könnte dann vielleicht als (unterirdischer) Turm hinter dem Römischen Kaiser oder sonst wo in Brand-Nähe realisiert werden …

  3. Dagmar Kloos 12. April 2018 at 23:27 -  Antworten

    Herr Diehl, rechnen Sie die Renaissance zum Mittelalter? Ich glaube, gerade mit ihr begann die Neuzeit, daher ist ihre Argumentation hinfällig.

  4. Ingrid Pannhorst 13. April 2018 at 9:45 -  Antworten

    „Meiner ist schöner!“

    Die Provinzposse um das Phallussymbol steuert auf ihren Höhepunkt zu. Vielleicht ist es an der Zeit auch noch die Psychologen zu bemühen.
    Ganz gleich in welchem Gewand, ob schwerfällig „altdeutsch“ in behauenem Sandstein oder modisch unterkühlt im Buchstabenlook, der in sich gekehrte Trutzbau zielt in seiner Selbstbezogenheit nur auf Selbstwirkung und trägt in keiner Weise zu irgendeiner Art von Aufenthaltsqualität in seinem Umfeld bei.
    Hat sich irgendjemand schon ausgemalt, wie einladend eine Passage durch die Enge 20 m hoch aufragender Wände sein mag? Wie angenehm gestaltet sich für die Touristengruppe die Wartezeit in der trostlosen Gasse vor dem Museumseingang ungeschützt bei Regen oder in der Sommerhitze? Wie gestalte ich den Freiraum einer Museumslandschaft, damit ich dort gerne verweile? Eine Aufgabe, die mit den Herausforderungen der Klimawandelfolgen eine weitere wichtige Bedeutung gewinnt.
    Bauen an einem zentralen Platz wie dem Liebfrauenplatz sollte grundsätzlich vom Platz her und als Teil eines Ensembles gedacht und entwickelt werden. Die Erbauer des Gutenbergmuseums haben mit dem Innenhof, dem Café und den zum Platz sich öffnenden Toren meiner Ansicht nach die richtigen Strukturen geschaffen. Auf dieser Grundlage sollte sich das Museum weiterentwickeln. Im Süden zeigt man uns mit schattigen und grünen Innenhöfen, wie man Neugierde auf verborgene Schätze und Lust zum Verweilen weckt.
    In Mainz fehlt es gerade für das Herz der Stadt an kreativem und visionärem Denken, das vom Grundsatz her mit der Freiraumplanung beginnt.

  5. Heinz-Grorg Diehl 13. April 2018 at 13:10 -  Antworten

    Frau Kloos, sie haben recht und deswegen habe ich aucch geschrieben „zurück Richting Mittelalter“. Immerhin liegt die Renaissance schon 500 Jahre zurück! Und die Verkleinerung des Liebfrauenplatzes ist zur Zeit ein Mittel zum Zweck. Leider stehen auf dem Liebfrauenplatz nur der Dom mit seinen Domhäusern und der Römische Kaiser als historische wertvolle Bauwerke. Alles andere ist Nachkriegsarchitektur. Na ja…
    Man kann darüber streiten, ob da ein Turm hingehört und ob dieser Turm gerade die passende Architektur hat. Aber über Kunst, und Architektur gehört dazu, lässt sich nicht abstimmen. Die Pariser waren vehement gegen den Eiffelturm. Die Stadt beschloss das Monstrum nach der Weltausstellung abzureisen. Eiffel und ein paar Avvangardisten setzten es durch, dass er heute noch steht. Eine Sinfonie aus Eisen und ein Symbol für Paris und ganz Frankreich.Übrigens ein Turm ohne praktischen Nutzen, so wie die Osttürme des Mainzer Domes. Diese Türme sind reine „Treppentürme“, sie haben nicht mal Glocken. Aber sie haben eine hohe Symbolkraft!

  6. Jürgen Kunzmann 13. April 2018 at 15:12 -  Antworten

    Ich bin zwar auch gegen den Bibelturm in der Mainzer Facon, aber dieser Entwurf passt genau so wenig in das Liebfrauenplatz-Ensemble.
    Lasst uns lieber überdenken, wie das Museum aufgewertet würde, wäre es in den repräsentativen „Römischen Kaiser“ integriert. Dort sind etliche Hundert Quadratmeter Fläche derzeit von Büros und Achiven belegt, die genau so gut an anderer Stelle sein könnten.

  7. Heinz-Grorg Diehl 13. April 2018 at 19:20 -  Antworten

    Dem Gedanken,, das Rarhaus zum Gutenbergzentrum auszubauen, das die Geschichte des Buchdrucks bis hin zur Digitalisierung beheimatet und nicht nur musealen Charakter hat, sondern in Verbindung mit einer Hochschule für Digitalisierung diesem Zentrum weitreichende Aufgaben für Zukunftsentwicklung zuordnet, finde ich gut. Die Sanierung des Rathaus wird nicht viel weniger als 100 Mio € kosten. Das kann die Stadt kaum leisten. Aber eine neue Trägerschaft des Gutenbergmusseums von Stadt, Land und Bund könnte das. Der derzeitige Standort des Museums im Hinterhof des Römischen Kaisers könnte für den Bau eines exellenten Hotels (war er früher schon mal) abgeben oder eine wunderbare Wohnlage. Das Geld könnte die Stadt als ihr Anteil für das neue Gutenbergzentrums im Rathaus einbringen. Ersatz für das Rathaus könnte ein Neubau an der Peterskirche sein. Die repräsentativen Räume der Stadt ( Stadtvorsrand, Stadtrat, Hauptamt, Standesamt) könnten im Schloss sein.
    Aber da müsste die Stadt anfangen völlig beu zu denken.

  8. Hartwig Daniels 14. April 2018 at 9:24 -  Antworten

    Eine gelungene Satire. Ein Bibelturm als Laubsägearbeit. Aber am besten finde ich den Gutenberg oben drauf, der mit der Bibel nach dem Dom schmeißt. Wie man von der BI hört es geht um „das Mainzer Lebensgefühl“. Passt. Fassenacht ganzjährig.

  9. Norbert Lowin 14. April 2018 at 21:16 -  Antworten

    Der Frankfurter „Gegenentwurf“ zum Mainzer Bibeltreppenhausturm kann eigentlich nur Satire sein.

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