„Nur Wünsche von Investoren bedient“ – BI Ludwigsstraße kritisiert neues Konzept scharf – IHK: Chance für attraktives Zentrum

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Die Pläne für das neue Nutzungskonzept an der Mainzer Ludwigsstraße durch den Investor Dirk Gemünden sollen bereits am Mittwoch im Mainzer Stadtrat verabschiedet werden. Bislang überwogen die positiven Stimmungen zu dem vor zwei Wochen vorgestellten Konzept, die Industrie- und Handelskammer (IHK) sprach nun von einer „deutlichen Aufwertung“ und einem „neuen Anziehungspunkt für ein Stadterlebnis.“ Deutlich anders äußert sich hingegen die Bürgerinitiative Ludwigsstraße: Das neue Konzept sei „eine Bankrotterklärung der Stadtspitze“, hier würden ausschließlich „die Wünsche von Investoren bedient“, und das „ohne Kompromiss“ mit Architekten, Städtebauern oder Bürgern, erklärte die BI Ludwigsstraße. Die Kritik überrascht, hatte Investor Dirk Gemünden doch explizit betont, Meinungen von Anwohnern und Bürgern einbezogen zu haben und gerade Platzstruktur und Aufenthaltsqualität bewahren und steigern zu wollen.

Bedeutet das neue Nutzungskonzept für den Boulevard LU den Verlust der Plätze? Investor Gemünden will die Platzstruktur erhalten, die BI argwöhnt Verluste. – Foto: gik

Ende März hatte Investor Dirk Gemünden mit seiner Firma „Boulevard LU GmbH“ ein völlig neues Konzept zur Realisierung eines Einkaufszentrums an der Ludwigsstraße vorgestellt. Gemünden hatte gemeinsam mit der Rhein-Nahe-Sparkasse in den vergangenen Jahren das Karstadt-Kaufhaus sowie die angrenzenden Gebäude gekauft, nun präsentierte er ein Konzept, das den Dreiklang von Shoppen, Genuss und Kultur verbinden, die Ludwigsstraße in das Gebäude hinein öffnen und so einen urbanen Aufenthaltsraum schaffen soll.

Im Gegensatz zu früheren Plänen soll kein komplett geschlossener Baukomplex entstehen, der bis zur LU vorgezogen wird, der neue Bau soll vielmehr die alte Pavillonstruktur wiederspiegeln und eine Gestaltung mit Plätzen erlauben. Rund 15.000 Quadratmeter Einkaufen sollen insgesamt entstehen, Karstadt als Ankermieter erhalten bleiben, ein Hotel mit 150 Zimmern für weitere Frequenz sorgen. Highlights sind ferner eine riesige Dachterrasse, ein Popup Store-Konzept und ein moderner Logistik-Hub – ausführlich stellen wir Euch die Pläne hier bei Mainz& vor.

So sehen die Pläne des Investors Dirk Gemünden derzeit für ein neues Einkaufserlebnis an der LU aus. – Quelle: Boulevard LU

Die Bürgerinitiative Ludwigsstraße kritisierte nun, das neue Nutzungskonzept setzte „ausschließlich Ziele der wirtschaftlichen Verwertung des Areals durch die Investoren“ um und „zeichnet sich durch Beliebigkeit“ aus. Das Aufnehmen der Kammstruktur des Gebäudes „ist Augenwischerei, weder Bauhöhe noch Gebäudetiefe stehen in einer Beziehung zum Gutenbergplatz oder zum Bereich der Ludwigsstraße“, kritisierte die BI. Im Gegenteil zur bestehenden Bebauung „wird uns hier Licht und Luft genommen, das ist eine der denkbar schlechtesten Lösungen“, heißt es weiter.

Gemünden plane weiter „einen Klotz“ als Bebauung, Plätze sollten verkleinert werden, Wege wegfallen. „Statt die Aufenthaltsqualität der öffentlichen Fläche endlich zu erhöhen, sollen diese gerade nicht aufgewertet, sondern weiter flächenmäßig geschrumpft und damit für eine öffentliche Nutzung weitgehend entwertet werden“, kritisierte die BI. Damit würden die zentralen Vorgaben aus den einstigen Leitlinien zur Ludwigsstraßen-Bebauung, wie etwa die Forderung nach Kleinteiligkeit der Bebauung, eben nicht berücksichtigt.

Gestaltung von Grün und Sitzgelegenheiten „schlicht unmöglich“? So sieht die BI Ludwigsstraße die Pläne. – Modell: Boulevard LU, Foto: gik

Auf den verbleibenden Flächen sei eine Gestaltung mit Grünanlage und Sitzmöglichkeiten „schlicht unmöglich“, ebenso wie Gewerkschaftskundgebungen, Fastnachtsveranstaltungen oder ein Volksfest. Die Stadt habe „die Pflicht, die Begehrlichkeiten der Investoren zu begrenzen und angesichts des Klimawandels und der problematischen klimatischen Verhältnisse in der Innenstadt für Maßnahmen gegen die weitere Aufheizung und zur Verbesserung der Luftqualität zu sorgen“, so die BI weiter. Darauf verzichte man hier aber.

Die BI argwöhnt zudem, der Domblick vom Schillerplatz aus werde durch die neue Bebauung in Frage gestellt, hier werde mit mehr als 12,50 Meter Höhe geplant. Boulevard LU-Geschäftsführer Albrecht Graf von Pfeil hatte im Mainz&-Gespräch explizit versichert, die Pläne orientierten sich an eben den 12,50 Metern Höhe, die der Mainzer Stadtrat in seinem Beschluss vorsehe.

Die Bürgerinitiative kritisierte zudem scharf das Vorgehen von Oberbürgermeister Michael Ebling und Baudezernenten Marianne Grosse (beide SPD). „Nach Jahren des Stillstands versuchen Investor und Verwaltung nun in geheimem Zusammenwirken Fakten zu schaffen“, heißt es in der Mitteilung weiter. Durch den gemeinsamen Presseauftritt bei der Vorstellung des Konzeptes sollten „die demokratisch legitimierten Mandatsträger, die städtischen Gremien und die Bürgerschaft überrumpelt werden“, das sei keinerlei Transparenz.

Investor Gemünden will aus dem alten Karstadt-Sport (links) ein modernes Einkaufserlebnis machen – und hofft mit seinem Konzept, auch die Eigentümer des Leuchter-Pavillons (rechts) überzeugen zu können. – Foto: gik

„Besonders krass und undemokratisch“ sei es, sich vom noch amtierenden Mainzer Stadtrat und seinen Ausschüssen „ganz kurz vor der Kommunalwahl noch einen zustimmenden Grundsatzbeschluss besorgen zu wollen“, schimpft die BI weiter: „Diese Aufgabe ist eindeutig dem neuen Stadtrat nach der Kommunalwahl am 26. Mai 2019 zu überlassen.“ Sollten die Fraktionen des Stadtrats das „mit sich machen lassen, käme es einer demütigenden Selbstentmachtung gleich.“

Lob von der IHK: Zukunftsfähiges Konzept, neuer Anziehungspunkt für Mainz

Auch die CDU-Opposition hatte dieses Vorgehen der Stadtspitze als „Affront“ gegenüber Bürgern und Bürgerinitiative bezeichnet, das Nutzungskonzept insgesamt aber begrüßt. Lob für die neuen Pläne kam nun auch von der IHK, die von einem „zukunftsfähigen Konzept“ sprach, um die Einkaufsstadt Mainz angesichts des Strukturwandels im Handel und des Standortwettbewerbs im Rhein-Main Gebiet wieder attraktiver zu machen. „Der Erlebnischarakter des neuen Quartiers und seine bauliche Umsetzung werden zu einer deutlichen Aufwertung der gesamten Innenstadt führen“, sagte IHK-Präsident Dr. Engelbert J. Günster.

Der geplante Mix aus Handel, Genuss und Kultur gehe „über einen reinen Hot Spot für den Einzelhandel weit hinaus“ und schaffe mit Eventflächen, einem Hotel und dem Erhalt von Parkfläche „einen neuen Anziehungspunkt für Stadterlebnis und Tourismus“, lobte Günster weiter. Der Handel stehe vor großen Herausforderungen durch Online-Handel und die gestiegene Attraktivität benachbarter Einkaufsstädte, das neue Konzept könne die Besucherfrequenz im Stadtzentrum von Mainz erhöhen.

Günster erinnerte daran, dass die Zentralität der Mainzer Innenstadt seit 2003 um 16 Indexpunkte abgenommen hat. Derzeit entspreche das jährlich vom Einzelhandel erzielte Umsatzwachstum pro Einwohner um 0,2 Prozent nur noch einem Fünftel des bundesweiten Durchschnitts. Mit dem Erhalt von Plätzen und Baumbepflanzung entstehe gerade kein „Viertel im Viertel“, betonte auch IHK- Hauptgeschäftsführer Günter Jertz. Dazu setze der Projektentwickler „auf Integration“ und habe frühzeitig Einigung mit beteiligen Eigentümern und Mietern erzielt. „Das ist ein starkes Signal an alle Innenstadt-Akteure, jetzt gemeinsam an einem Strang für ein noch attraktiveres, lebenswerteres Zentrum zu ziehen“, sagte Jertz.

Info& auf Mainz&: Mehr zum neuen Konzept für den Boulevard LU lest Ihr ausführlich hier bei Mainz&, die Reaktionen, die uns gleich danach erreichten, fassen wir hier zusammen.

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

1 Kommentar

  1. Hartmut Rencker 16. April 2019 at 17:13 -  Antworten

    Stradtentwicklung nach Investorengunst. War es jemals anders? Schlimmstes Beispiel ist die bahntechnisch völlig verfehlte Geldverbrennung in den weniger leistungsfähigen Tiefbahnhof Stuttgart 21. Hintergrund ist alleine die Bodenspekulation um das weitläufige Gleisgelände.

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