Obstdiebe plündern Plantagen rund um Mainz – Polizei und Landwirte gehen mit neuem Konzept dagegen vor – Auch kleine Mengen sind Diebstahl

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Sie räumen 30 Kilogramm Kirschen oder 50 Kilogramm Aprikosen ab, fahren mit den Autos direkt in die Plantagen und fallen über die Bäume her – Obstdiebe plündern seit ein paar Wochen hemmungslos die Obstplantagen in Mainz-Finthen, Drais und dem angrenzenden Umland. „80 Kilo, 100 Kilo oder gar 120 Kilo sind keine Seltenheit“, sagt Thomas Sinner, Dienststellenleiter auf dem Lerchenberg, der zuständigen Polizeidienststelle in Mainz. Rund 20 Anzeigen hat die Polizei allein in den vergangenen sechs Wochen zur Anzeige gebracht. Das gilt auch für kleine Diebstahlmengen: Obstklau, warnt die Polizei, ist kein Kavaliersdelikt. Den Landwirten entstünden dabei Schäden in fünfstelliger Höhe über die Saison gerechnet. Mit einem neuen Konzept gehen Polizei und Landwirte deshalb nun gegen den Obstklau vor.

Die Mainzer Polizei geht derzeit verstärkt gegen Obstdiebe vor und warnt: Obstklau ist kein Kavaliersdelikt, – Foto: Polizei Mainz

Es war im Sommer 2017, als einem Obstbauern auf der Polizeiwache auf dem Lerchenberg der Kragen platzte: Einen Diebstahl von 50 Kilo Obst zeigte der Mann an – und schimpfte dabei gleichzeitig, dass den Landwirten niemand helfe. Bei der Polizei war das Erstaunen groß: „Uns war gar nicht klar, dass das eine Lage war“, sagt Sinner – schließlich waren zuvor über das ganze Jahr hinweg ganze drei Anzeigen wegen Obstdiebstahls eingegangen.

Also setzte sich die Polizei mit den Landwirten zusammen, und fand schnell heraus: „Pro Saison entsteht denen ein Schaden im niedrigen fünfstelligen Bereich“, erzählt Sinner. Auf einmal bekam das Problem Obstdiebstahl eine völlig neue Dimension, und die Polizei reagierte: ein Konzept wurde gemeinsam mit den Landwirten erstellt. „Wir haben die Obstplantagen kartographiert und in Sektoren eingeteilt, bestimmte Treffpunkte ausgemacht“, erklärt Sinner: „Dadurch ist es uns leichter möglich, uns zurecht zu finden und Treffer zu erzielen.“ Die Landwirte meldeten der Polizei jetzt, wo erntereifes Obst hänge, dort werde gezielt Streife gefahren.

Um Tatzeiten und Tatorte besser identifizieren zu können, bat die Polizei zudem die Landwirte um mehr Anzeigen – und stellte fest, dass denen das Verfahren zu bürokratisch war. Also wurde ein abgespecktes Formular gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft entwickelt, ein Formular für Massenkriminalität kommt jetzt zur Anwendung. „Jeder Landwirt in Finthen hat dieses Formular, es ist in fünf Minuten ausgefüllt und an die Polizei abgeschickt“, erläutert Markus Hochhaus, Vorsitzender des Bauernvereins Mainz-Finthen. Diese schriftliche Kurzvernehmung sei wesentlich unbürokratischer und daher eine schnelle Hilfe für die Landwirte. Das Ergebnis: Binnen weniger Tage stieg die Zahl der Anzeigen wegen Obstdiebstahls sprunghaft an, seit Mitte Juni erstellte die Polizei bereits 20 Strafanzeigen.

Auch Erdbeeren werden gerne von den Feldern gestohlen, derzeit stehen vor allem Kirschen und Aprikosen im Fokus der Diebe. – Foto: gik

„Es geht uns darum, diejenigen zu erwischen, die über die berühmte Handvoll Obst hinweg abräumen“, betont Sinner. Es gebe nämlich ganze Gruppen, „die fahren mit ein bis zwei Pkw in die Plantagen, bringen Helfer mit und räumen im Hundert-Kilo-Bereich ab“, schildert Sinner die Situation. So räumten Diebe in der Nacht vom 2. auf den 3. Juli in Essenheim rund 30 Kilo Süßkirschen ab, am 1. Juli pflückte eine Gruppe aus Männern, Frauen und Kindern rund 14 Kilo Aprikosen in einer Plantage in Mainz-Finthen. In den mitgeführten Tüten und Tragetaschen stellte die Polizei zudem 18 Kilo Kirschen fest, die von einer Plantage im Bereich des Layenhofs stammten.

„Das sind ja Mengen, die kriege ich im privaten Bereich gar nicht verarbeitet“, sagt Sinner, ein solcher Diebstahl habe gewerbliche Züge. Was die Obstdiebe mit dem Diebesgut genau anstellten, sei noch unklar, sagte der Erste Polizeihauptkommissar, die Vermutung ist aber, dass das Obst an Straßenverkaufsständen weiterverkauft werde. Dazu passt wohl auch, dass viele der Autos nicht aus Mainz kämen, zum Teil seien die Fahrzeuge mit hessischen Kennzeichen versehen. Das neue Konzept sei da sehr hilfreich, Dank der neuen Sektoreneinteilung „haben wir recht gute Reaktionszeiten und können die Täter in der Regel noch antreffen“, sagt Sinner.

Doch da sind auch noch zwei andere Tätergruppe in Sachen Obstdiebstahl: So wurde am Sonntag ein Paar in den Feldern zwischen Finthen und Wackernheim angetroffen, die in einer Plastiktüte und einer Tupperdose ein paar Kilo Kirschen und Pflaumen mit sich führten. Das Paar gab an, die Früchte nur vom Boden aufgehoben zu haben – auch das aber sei ein Diebstahl, betont Sinner: „Die Bauern verwerten auch, was auf dem Boden liegt, und es liegt ja auch auf ihrem Grund und Boden.“ Und schließlich gibt es die Spaziergänger, die einfach mal ein paar Früchte pflücken, auch das aber geht nicht.

Diebstahl sei kein Kavaliersdelikt, warnen Polizei und auch die Stadt Mainz: „Die Mainzer Landwirte sind zu Recht nicht mehr länger bereit, stillschweigend den Diebstahl ihres Eigentums von den Feldern hinzunehmen“, betont der Mainzer Ordnungsdezernent Christopher Sitte (FDP). Wer als Spaziergänger einen Obstdieb auf frischer Tat ertappe, solle deshalb die Polizei oder das Ordnungsamt anzurufen oder einen Landwirt im Ort informieren.

„Es geht nicht darum, den Spaziergänger zu kriminalisieren, der sich drei Kirschen abpflückt“, betont Polizeichef Sinner, allerdings ärgere die Bauern auch dieser Mini-Diebstahl: Mal ein paar Kirschen seien zwar zu verkraften, aber jeden Tag eine Tüte, „das ist jedes Mal ein Griff ins Portemonnaie der Landwirte“, sagt Sinner. So solle mit der jetzigen Kampagne auch Bewusstsein dafür geweckt werden, dass auch der harmlose Spaziergänger, der sich ein bisschen Obst greife, die Bauern schädige. Deshalb werde die Polizei auch in den kommenden Wochen wachsam bleiben und jeden Diebstahl zur Anzeige bringen, sagte Sinner: „Wir machen das, bis der letzte Apfel geerntet ist.“

Info& auf Mainz&: Hinweise zu möglichen Diebstählen von Obst könnt Ihr bei der Polizeiinspektion 3 auf dem Mainzer Lerchenberg unter der Rufnummer 06131 und dann 65-4310 loswerden, oder auch per E-Mail unter pimainz3(at)polizei.rlp.de.

 

 

 

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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