Peronospora: Ökowinzer fürchten um Ernte – Land erlaubt Hilfsmittel im Versuch

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Die Weinernte der Ökowinzer ist in Gefahr, die Peronospora droht den jungen Trauben den Garaus zu machen. 50 Prozent oder sogar mehr, so hoch schätzen Biowinzer derzeit die drohenden Ernteausfälle durch den Pilz, der gemeinhin falscher Mehltau genannt wird. Abhilfe würde ein einfaches Mittel schaffen: Kalium-Phosphonat. Diese Art Kaliumsalz könnte den Reben helfen und gilt als ökologisch völlig unbedenklich. Trotzdem verbot die EU 2013 den Einsatz im Ökoweinbau. Nun versucht das Land Rheinland-Pfalz einen Ausweg durch die Hintertür – und meldete einen wissenschaftlichen Versuch an.

Weinreben Sven Leiner

Ökoweinberg in der Pfalz – diese Reben sind wunderbar gesund – Foto: gik

„Die Lage ist extrem angespannt, es drohen bundesweit Ernteausfälle“, sagt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut in Mainz: „Das Problem ist der Dauerregen der vergangenen Wochen.“ Falscher Mehltau nämlich mag es feucht und warm, vor allem die Feuchtigkeit war zuletzt reichlich vorhanden. Ergebnis: Die Peronospora blüht.

„Die Situation ist äußerst dramatisch, wir haben starken Befall an den Blättern, Tendenz steigend“, sagt Michael Albrecht, Ökowinzer in Eltville im Rheingau und Vorsitzender von Ecovin im Rheingau und an der Hessischen Bergstraße. „Ich fahre jeden zweiten Tag angsterfüllt in den Weinberg“, sagt Albrecht: „Ich hoffe, dass wir mit 20-30 Prozent Ausfall hinkommen…“ Vielen Kollegen aber drohten Ernteausfälle von bis zu 50 Prozent, das sei absolut existenzbedrohend.

Das Problem dabei: Während konventionell arbeitende Winzer gegen den falschen Mehltau mit chemischen Mitteln vorgehen können, ist das den Biowinzern verwehrt. Als Bekämpfungsmittel steht ihnen nur Kupfer zur Verfügung, der aber wird nur äußerlich auf die Blätter aufgebracht – und durch den Regen eigentlich sofort wieder abgewaschen.

Rebentwicklung

Sich öffnende Rebblüte – Foto: DWI

„Peronospora dringt durch die Spaltöffnung in Blätter und kann auch die Blüten befallen“, erklärt Büscher. Das sei gerade jetzt besonders dramatisch: Die Rebblüte steht vor der Tür, wirft die Blüte dann die schützende Kappe ab, sind die jungen Trauben dem Pilz schutzlos ausgeliefert. „Wenn die befallen sind, ist die Traube für dieses Jahr kaputt, es gibt dann keinen Ertrag“, sagt Büscher.

Das Bizarre dabei: Ein Mittel, das bis 2013 offiziell für den Ökoweinbau zugelassen war, könnte nun die Ernte der Ökowinzer retten – doch der Einsatz von Kalium-Phosphonaten ist strikt verboten. „Schwachsinn“, nennt das Albrecht, denn Kalium-Phosphonate seien „ökologisch völlig unbedenklich und etwa so gefährlich wie Kochsalz.“ Das Mittel wirkt von innen und stärkt die Abwehrkräfte der Pflanze, genau als Stärkungsmittel war es auch bis 2013 zugelassen – dann Verbot die EU den Einsatz im Bioweinbau.

Einen sachlichen Grund gebe es dafür nicht, sagt Albrecht, nur einen politischen: Weil den südlichen Weinbauländern wie Italien und Spanien erheblich höhere Kupfermengen erlaubt sind, fürchteten diese eine Reduzierung der Kupfergrenzwerte, falls Kalium-Phosphonat erlaubt bleibe. „Dass es brenzlig werden kann, wissen wir seit 2014“, sagt Albrecht, „wir haben früh gewarnt, dass wir gegen den Pilz nichts in der Hand haben – passiert ist nichts.“

Stilleben mit Kuhhörnern bei Lotte Pfeffer

Biowein, Kuhhörner, Natur im Weinberg – das ist Biowein beim Ecowinzer – Foto: gik

In Rheinland-Pfalz heißt es, Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne) habe sich seit 2014 mehrfach bei der EU für die Wiederzulassung des Mittels eingesetzt – immer vergeblich. „Die südeuropäischen Staaten sind nicht bereit, unseren Vorstoß zu unterstützten, das Mittel weider zuzulassen“, sagte der neue rheinland-pfälzische Weinbauminister Volker Wissing (FDP) am Donnerstag Mainz&.

Deshalb versucht es das Land nun durch die Hintertür: Ein „wissenschaftlicher Versuch“ soll den Weg ebnen, Kalium-Phosphonat doch noch einsetzen zu dürfen. So erlaubte das Land Mitte Juni bereits seinem Staatsweingut in Bad Kreuznach die Verwendung des Mittels und öffnete diesen Versuch am Dienstag für alle Ökowinzer in Rheinland-Pfalz. Das Experiment wurde bei der EU angemeldet in der Hoffnung, die Kommission drückt für dieses Jahr ein Auge zu.

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Wo der Klatschmohn zwischen den Reben wächst, da sind Biowinzer aktiv – Foto: DWI

Doch das Risiko ist weiter hoch: Stimmt die EU nicht zu, verlieren die Betriebe, die Kalium-Phosphonate eingestezt haben, ihre Öko-Lizenz – mindestens für dieses Jahr und mindestens für die Flächen, auf denen es eingesetzt wurde. Kommt es ganz dicke, ist die Zertifizierung für Ökoweinbau ganz weg – und die Betriebe müssen die dreijährige Umstellungsphase wieder von neuem beginnen. Viele Betriebe würden das wohl nicht überleben. Stimmt die EU zu, wäre nur die Ernte 2016 nicht ökologisch verkaufbar, aber immerhin gerettet.

Dass die EU zustimme, sei noch ungewiss, ein Erfolg könne nicht garantiert werden, räumte Wissing auch ein. Jeder Betrieb müsse deshalb selbst entscheiden, ob er an dem Versuch teilnehmen wolle. „Aber wir können den Betrieben wenigstens die Chance geben, die Ernte zu retten“, sagte Wissing, „es gibt zumindest die Hoffnung, dass der Biostatus nicht verloren geht.“

Winzer Albrecht reicht das nicht: „Wir bräuchten eine Notfallverordnung oder eine sofortige und vor allem sanktionslose Ausnahmegenehmigung“, fordert er, die Politik müsse sich gegen die EU durchsetzen und notfalls einen Alleingang wagen. „Es kommt jetzt drauf an, ob die Politik einen A… in der Hose hat“, schimpft er, „ob man sagt, unsere Winzer sind uns etwas Wert.“

Winzer Albrecht im Weinberg - Foto Weingut Hirt-Albrecht

Ökowinzer Michael Albrecht in seinem Weinberg bei Eltville – Foto: Weingut Hirth-Albrecht

Doch so einfach sei das nicht, sagt Wissing: „Wir können nicht einfach das EU-Recht ändern“, sagte der Minister Mainz&, eine Freigabe „wäre die Aufforderung zum Rechtsbruch“ und könnte Strafzahlungen für Deutschland bedeuten – und sogar die Rückzahlungen der EU-Subventionen für Bioweinbau für drei volle Jahre.

Und dann ist da noch die Frage der Märkte: Können die Ökowinzer ihre Tropfen nicht mehr als bio verkaufen, droht ihnen der Verlust der Kunden – und ihrer Marktanteile. Denn Bio ist gefragt wie nie, die Verbraucher schätzen die meist hohe Qualität der Weine. Nicht umsonst setzen Spitzenwinzer des VDP seit Jahren bereits auf die biologische Schiene – die Weine werden komplexer, hochwertiger, spannender. Freuen würden sich die Südländer: „Je weniger wir produzieren, umso mehr können die verkaufen“, sagte Wissing noch, „und das können wir nicht wollen.“

Info& auf Mainz&: Die Pressemitteilung des Landes zum Versuch mit Kalium-Phosphonaten findet Ihr hier im Internet. Ecovin, den Verband der Ökowinzer, findet Ihr hier, das Weingut Hirth-Albrecht in Eltville genau hier.

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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