Profis in der Fernsehfastnacht: Reichow löst Debatte aus – KCK und CCW präsentieren in Gemeinschaftssitzung tolle Redner und großes Fastnachtskaleidoskop

Alles&, Narretei & andere Mainzer Spezialitäten 0 596

Die Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz“ erlebte einen ungewöhnlichen Moment: Ausgerechnet bei Profi-Kabarettist Lars Reichow fiel vergangenen Freitag die Stimmung im Saal in den Keller. Das war nicht nur an den Fernsehbildschirmen deutlich wahrzunehmen, gleich mehrere Zuschauer, die live im Saal dabei waren, bestätigten dies: „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagte einer. Auch zuvor schon hatte Detlev Schönauer mit seinem Bio-Lehrer deutlich weniger punkten können als in den Jahren zuvor – die Auftritte der beiden Profis lösten umgehend eine Debatte in Mainz aus: Braucht die Fernsehfastnacht Profis?

Fiel am Freitag bei der Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz“ im Saal beim Publikum durch: Kabarett-Profi Lars Reichow. – Foto: gik

Es ist eine Debatte, die so alt ist wie die Mainzer Fastnacht: Soll man Profis auf der Fastnachtsbühne, gar der heiligen Fernsehbühne „Mainz bleibt Mainz“ zulassen – oder zugunsten sogenannter „Laien-Redner“ verbannen? Nur: Die Grenzen zwischen Profitum und Laienauftritt waren in der Mainzer Fastnacht schon immer fließend. Tobias Mann, Ramon Chormann, auch Margit Sponheimer selbst und nicht zuletzt Herbert Bonewitz – nicht wenige Kabarettisten oder Comedians begannen ihre Laufbahn auf der Mainzer Fastnachtsbühne und schafften von dort den Sprung in die Kleinkunstsäle der Republik.

Für Ärger aber sorgt, wenn Profis von außen scheinbar Laien vorgezogen werden – so wird es in diesem Jahr mit Schönauer und Reichow diskutiert. Beide hatten offenbar Wildcards für die Fernsehsitzung – und das ging nach hinten los. „Der hat mir nicht gefallen“, schrieben Zuschauer etwa auf Twitter, „Wolle mer’n eroilosse?“ Den Bio-Lehrer? Kann man den auch wieder rauslasse?“, twitterte eine Anna. Schönauer war bereits während der Kampagne in manchen Sälen weitaus weniger angekommen als in den Vorjahren, seinem Bio-Lehrer fehlte das neue, zündende Element.

Auch Detlev Schönauer blieb als Bio-Lehrer in diesem Jahr eher farblos und sorgte für einen Stimmungsabfall in der Fernsehsitzung. – Foto: gik

Reichow hingegen löste mit seinem Auftritt bei „Mainz bleibt Mainz“ fast schon einen Shitstorm aus, da fielen Worte wie „peinlich“, „unterirdisch“ und „Tiefpunkt“ – der Kabarettist fiel zum Großteil bei den Zuschauern durch. „Stimmung fällt bei Reichow in den Keller“, schrieb gar die Mainzer CDU-Chefin Sabine Flegel auf Facebook. Dabei hatte die Mutter aller Fernsehsitzungen einmal einen einfachen Anspruch: Das beste abzubilden, was die Mainzer Fastnacht in den Sälen der Saison zu bieten hat. Doch davon entfernt sich die Fernsehsitzung zunehmend – Beispiel gefällig?

 

Da trafen sich am 28. Januar die Fastnachtsvereine Karneval Club Kastel (KCK) und Carneval Club Weisenau (CCW) zur großen Gemeinschaftssitzung in der Mainzer Rheingoldhalle. Sechseinhalb Stunden lang entfaltete sich da ein Best of der beiden Vereine – wie schon eine Woche zuvor bei GCV und Eiskalten Brüdern wurde es ein Feuerwerk hervorragender Narretei. Da servierten die Eisbären eine bunte Musik-Revue von Elvis bis Elton John, brachte Thorsten Ranzenberger als trauriger Narr den Saal zum Schmelzen und zeigte Gunther Raubach eine durch den Kamprad-Tod unversehens höchst aktuelle Ikea-Shopping-Nummer – und kam dabei ganz ohne peinlich anrührende Witze aus.

„Hoppes“ Hansi Greb reiste närrisch in diesem Jahr nach Rom, herrlich das Humba nachts um halb drei vor dem Vatikan. Greb ist natürlich ein alter Stammgast der Fernsehbühne, sein Vortrag kam womöglich nicht ganz an vorige Jahre heran – ein Garant für gute Stimmung ist er aber immer.

Fantastischer Auftritt als Red-Akteur bei der Gemeinschaftssitzung von KCK und CCW: Rüdiger Schlesinger. – Foto: gik

 

Vor allem aber zeigten, KCK und CCW, dass die Mainzer Narrenszene längst viel mehr politische Redner zu bieten hat, die in hohem Maße das Rüstzeug für die Fernsehbühne mitbrächten. Da sezierte Rüdiger Schlesinger als Red-Akteur souverän, mit spitzer Feder und höchst gekonnten Reimen, die Politschwätzer des Jahres und legte sogar eins ums andere Mal eine Gesangseinlage ein: „Er kann in drei Sekunden fünf mal lügen, kann Mauern bauen bis zum Firmament“, besang Schlesinger da etwa US-Präsident Donald Trump und hängt gleich noch ein eindringliches Plädoyer für die Demokratie an – der „Guddi Gutenberg“ hätte es kaum besser gekonnt. Phantastisch noch die Roboter-Einlage: Wer die Bundespolitik so treffsicher glossieren und dabei auch noch rappen und das Publikum mitnehmen kann – der gehört schlicht und ergreifend auf die Fernsehbühne.

Auch Bernhard Knab brillierte in diesem Jahr mit einem ganz starken Vortrag. Der „Deutsche Michel“ sprach Klartext über GroKo und KaKa, AfD, Erdogan, Trump und den G20-Gipfel, Knab schaute wahrhaft „dem Volk aufs Maul“, wie es in der Mainzer Fastnacht gute alte Narrentradition ist und sparte auch nicht mit Rat: „Zeigt Geschlossenheit im Land, das Hin und Her nicht imposant“, mahnte der „Michel“ – ein starker Vortrag der alten Polit-Narrenschule und eine Identifikationsfigur auch für Zuschauer bundesweit.

Große Maske, tolle Rolle, hervorragend gespielt, frenetisch gefeiert: Markus Weber als „Fräulein Baumann“. – Foto: gik

Auch Sänger Andy Ost wurde mit seinem „Humortrainer“ politisch, was seiner Nummer ausgesprochen gut bekam. Sein fantastisches „Born on Rosenmonday“ aber hätte im Jubiläumsjahr von Fastnachtsikone Margit Sponheimer ganz klar ein Anwärter für die Fernsehsitzung sein müssen – Ost aber kam ebenso wenig zum Zuge, wie etwa Thomas Neger mit seiner Hommage „Wenn Margit singt…“

 

Stattdessen durften die Altrheinstromer einen Ultra-Kurz-Auftritt in der Fernsehsitzung absolvieren, der weder dem Potenzial der Gesangstruppe gerecht wurde, noch den Zuschauern – die Schnellnummer trog eher zum Eindruck der Gehetztheit bei „Mainz bleibt Mainz“ bei, den viele Zuschauer in sozialen Netzwerken äußerten.

Bei KCK und CCW tummelt sich auch Woody Feldmann, die Comedian brachte wieder einmal mit ihrer unverwechselbaren Art, mit ihrer grandiosen Stimme und einer Ode an den Thermomix den Saal zum Beben. Auch Feldmann ist ein Profi-Comedian, einen Anspruch auf die Fernsehsitzung erhebt die Hessin deswegen aber noch lange nicht – sie würde auch kaum als typisch meenzerischer Fastnachtsvortrag durchgehen.

Hervorragend als „Deutscher Michel“ unterwegs: Bernhard Knab bei KCK und CCW. – Foto: gik

Doch ein anderer Halbprofi schafft genau das: Markus Weber, Apotheker von der Bergstraße, hat mit seinem „Fräulein Baumann“ ein große Narrenfigur geschaffen. Weber spielt die 113 Jahre alte Lady mit sensationeller Maske, Mimik und Stimmfärbung, vom letzten Detail des Kostüms bis hin zu Bewegungen und Sprachmelodie stimmt da alles. Und wenn „Fräulein Baumann“ die Asche aus der Urne des Verstorbenen zum Streuen gegen Glatteis nimmt, bleibt im Saal kein Auge trocken. Er habe sein „Fräulein Baumann“ eigens für die Fastnacht geschaffen und greife damit die alte Mainzer Fastnachtstradition des Mannes in Frauenkleidern auf, erzählt Weber im Gespräch mit Mainz& – die aber ist seit den legendären Putzfrauen Fraa Babbisch und Fraa Struwwelich verwaist.

Die Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz“ verzeichnete in diesem Jahr einen besonders hohen Zulauf junger Zuschauer: 850.000 Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren, 9,6 Prozent Marktanteil in dieser Zielgruppe – so viele junge wie lange nicht mehr schalteten die ehrwürdige Mutter aller Fastnachtssitzungen ein. Zum Abräumer des Abends wurde denn auch einer der jüngsten Teilnehmer: Florian Sitte markierte mit seiner „Angela Merkel“ das absolute Highlight der Sitzung, dicht gefolgt von den Schnorreswacklern.

Insgesamt schalteten 6,42 Millionen Menschen die Mainzer Sitzung ein, etwas weniger als ein Jahr zuvor beim SWR – die Sendung rockten nun schon zum zweiten Mal nach den „Tramps vun de Palz“ junge, innovative Nicht-Profis. Auch in den übrigen Vereinen hat die Mainzer Fastnacht eine Fülle kreativer Aktiver zu bieten – wir sagen nur RotRockRapper, Bockius Brothers und und und. Zeit, dass „Mainz bleibt Mainz“ wieder abbildet, was die Mainzer Fastnacht zu bieten hat. Und das war jetzt der Kommentar-Satz zur Analyse.

Info& auf Mainz&: Mehr zum Programm der Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz“ 2018 lest Ihr hier auf Mainz&, und hier unseren Bericht von der Generalprobe der Fernsehsitzung am Mittwoch vor Fastnacht. Lust auf mehr innovative, hochkarätige Fastnacht? Dann schaut mal hier beim GCV vorbei.

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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