Weintrends: Lust auf Experimente und alte Techniken im Weinbau

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Die ProWein ist die weltweit größte Fachbesucher-Messe für Wein, ihr Wochenende ein Treffen für Experten, Winzer, Journalisten und natürlich Geschäftsleute. Mainz& hat sich einen Tag ProWein gegönnt – und wir haben spannende neue Trends mitgebracht. Gerade die junge Winzergeneration steckt voller Experimente, und was uns natürlich besonders freut: auch viele Rheinhessen mischen fleißig mit. Und natürlich ist Innovation keine Domäne der jungen Winzer 😉

Weingut Sander Rotweincuvee GS Holzkelter

Weingut Sander Rotweincuvee GS Holzkelter

Und das haben wir gefunden: einen neuen Trend zu alten Weinbaumethoden, die Entdeckung der Langsamkeit und ganz viel Individualität. Da heißt der Rotwein beim rheinhessischen Bioweingut Sander „Holzkelter“, auf dem Etikett prangt tatsächlich eine alte Holzkelter. „Das Ding hatte 20 Jahre in der Ecke gestanden und keiner wollt’s“, erzählt Winzer Stefan Sander.

Der Großvater nutzte das alte Holzgerät noch regelmäßig, heute haben längst mechanische Pressen die alten Handgeräte verdrängt. Und doch grub Sander 2013 das alte Gefäß wieder aus, presste darin Rotweintrauben – und wurde mit einem samtig-weichen, rund-süffigen Rotwein belohnt.

Das ist typisch für die deutsche Weinszene im Jahr 2015: Die Weine werden immer individueller, und der Experimentiergeist der Winzer ist so hoch wie nie. Bei Sanders haben sie einen Sauvignon Blanc versektet, fast zwei Jahre lag der auf der Hefe. Das Ergebnis ist ein wunderbar-weicher vollmundig-spritziger Sekt geworden, nur, sicher sei das nicht gewesen, sagt Stefan Sander: „Am Anfang war er schrecklich.“

„Der Verbraucher möchte ausprobieren, mal hier, mal dort kaufen“, sagt Monika Reule, Geschäftsführerin des Deutschen Weininstituts (DWI), der Marketingorganisation der deutschen Winzer. Das scheint auch die Winzer zu beflügeln, sich Neuem zu stellen, individuellere Produkte zu entwickeln – beides dürfte sich gegenseitig bedingen. Das Pendel schlage wieder zurück zu traditionellen Anbaumethoden, und Bio-Wein habe sich etabliert, sagt Reule.

Dazu kommt ein neuer Trend zu veganen Weinen: Weine, die nicht mit Schönungsmitteln wie Eiweiß geklärt werden. „Die Schönung machen wir gar nicht mehr“, sagt Roland Hinkel vom Framersheimer Weingut Dr. Hinkel. Denselben Effekt könne man eigentlich ganz einfach „auf die alte Art und Weise erreichen“, sagt Hinkel – „mit Zeit.“ Weingut Hinkel allgemein

Beim Weingut Bercher am Kaiserstuhl legen sie ihren Spätburgunder einfach 20 Monate ins Holzfass, beim Weingut Siegrist in der Pfalz darf sogar der Riesling – Marke „Eigensinn“ – ins Holzfass und dort 12 oder gar 24 Monate reifen. Das mache die Weine einfach schöner, auch seien die stabiler, also weniger anfällig für ein zu schnelles Nachreifen, erzählt Weingutschef Bruno Schimpf. Die Altvorderen hätten es auch so gemacht, „und nicht alles davon war schlecht.“

Und noch eine Besonderheit haben sie hier: einen alten Weinberg, der „wurzelecht“ ist, also bei dem dieselbe Rebe vom Boden bis zur Spitze reicht. Das ist ungemein selten, wurden doch nach der Katastrophe mit der Reblaus Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts alle Reben „aufgepfropft“: Nachdem die Reblaus verheerende Schäden angerichtet hatte, importierten und züchteten die Forscher resistente Reben als Unterbau und setzten darauf die heimischen Rebsorten. Echte, homogene Stöcke haben seither Seltenheitswert.

Die neue Leichtigkeit des deutschen Weins: Winzer-Brüder Braunwell - Foto: Braunewell

Die neue Leichtigkeit des deutschen Weins: Winzer-Brüder Braunwell – Foto: Braunewell

Bei Siegrist beobachten sie die Pflanzen und stellten fest: Die Beeren sind kleiner, neigen weniger zur Edelfäule und gäre langsamer und „gelbfruchtiger“. Im 21. Jahrhundert wird auf einmal die Langsamkeit wieder entdeckt, immer mehr Winzer geben ihren Tropfen Zeit zu reifen – und verwehren sich damit der sonst so üblichen Markthektik, die den neuen Jahrgang am liebsten schon am Jahresende hätte.

Andere Winzer wie Christian Braunewell in Essenheim experimentieren mit Orange Wine, einer uralten Gärmethode, bei der Weißwein zusammen mit Schalen und Stilen vergärt. Heraus kommt ein orangefarbener Wein, der dem Geschmack antiker Weine wahrscheinlich ziemlich nahe kommt. So werden alte Weinbau-Techniken mit modernem Know How zu Experimenten in Sachen Weingeschmack.

Auch die Holzkelter bei Sanders barg einige Überraschungen: Die Reben wurden so nur ein einziges Mal gepresst und nicht – wie in den modernen Pressen – hin und her gekippt. Dadurch rieben die Trauben nicht so stark aneinander, am Ende hatte der Wein weniger Tannine, ist weicher, samtiger. Klarer sei der Most gewesen, der Saft habe sich leichter vom Fruchtfleisch trennen lassen, erzählt Sander.

800 Liter passten in einen Pressvorgang, „viel Gewalt, aber weniger Bewegung“, sagt der Winzer. Und dabei hatte doch nur der Lehrling gefragt, ob die neue Kelter kaputt sei. „Wir müssen mehr über die alten Techniken reden“, sagt Sander, „wir müssen die alte Weinkultur bewahren und zeigen, wie es geht.“

Info& auf Mainz&: Alle genannten Weingüter haben natürlich tolle Homepages mit weiteren Informationen, und hier findet Ihr sie: Bioweingut Sander in Mettenheim, Weingut Dr. Hinkel in Framersheim, Weingut Bercher am Kaiserstuhl, Weingut Siegrist in Leinsweiler in der Südpfalz und das Weingut Braunewell in Essenheim.

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

1 Kommentar

  1. Paul Laib Dienstag, 17. März 2015 at 9:34 -  Antworten

    Das alles zu lesen macht einfach das Herz froh :-))

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