Quantensprung für das RGZM – Neues Archäologisches Zentrum am Südbahnhof feierte Richtfest – Eröffnung 2020 geplant

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Es war ein großes Fest, und viele Mainzer kamen neugierig, um zu schauen: Seit 15 Monaten entsteht am südlichen Ausgang der Mainzer Altstadt ein völlig neuer Gebäudekomplex. Zwischen Museum für Antike Schifffahrt und Rheinstraße zogen Bauarbeiter ein gut hundert Meter langes Gebäude mit vier Stockwerken hoch – am Freitag feierte das neue Archäologische Zentrum Richtfest. Und dabei wurde klar: Hier entsteht ein imposantes neues Zentrum für die archäologische Forschung, aber auch ein neues Museum mit ganz besonderen und neuen Aus- und Einblicken – in die Menschheitsgeschichte ebenso wie für Mainz. 2020 ist die Eröffnung geplant – Mainz kann sich auf ein spannendes neues Museum mit Exponaten aus 2,6 Millionen Jahren Menschheitsgeschichte freuen, aber auch auf einen neuen Platz am Südrand der Altstadt.

Richtfest am Neubau des Archäologischen Zentrums im Süden der Mainzer Altstadt. – Foto: gik

95 Meter misst die Baukante entlang der Mainzer Rheinallee, 9.700 Quadratmeter Fläche soll einmal der Neubau des neuen Archäologischen Zentrums bieten. „Wir bauen hier etwas Besonderes, und wir bauen für eine besondere Einrichtung“, sagte Bauministerin Doris Ahnen (SPD) beim Richtfest am Freitag, „es war höchste Zeit, der Institution und dem Ruf der Stadt gerecht zu werden.“ In dem neuen Zentrum am Südbahnhof wird 2020 das Römisch-Germanische Zentralmuseum (RGZM) einziehen, das derzeit im Mainzer Schloss residiert.

Das Museum und vor allem seine Forschungswerkstätten genießen weltweit einen herausragenden Ruf: Hier wurde die Ausrüstung des Gletschermannes „Ötzi“ restauriert, werden wertvolle Schätze aufgearbeitet, und hier wurden die Mainzer Römerschiffe gesichert und im Museum für Antike Schifffahrt präsentiert. Doch in Mainz führte das Museum bisher eher ein Schattendasein, das aber wird sich nun grundlegend ändern: das neue Archäologische Zentrum will ein Zentrum für Wissensvermittlung und für Ausstellungen sein.

So soll das Archäologische Zentrum einmal von außen aussehen. – Visualisierung: Bernhardt und Partner Architekten Darmstadt

Der große Neubau unterteilt sich denn auch in öffentliche Flächen und Forschungsbereiche, ein großzügiges Treppenhaus, das Forum, verbindet den Bereich Forschung auf der linken Seite mit dem Museum zur Rechten.  Die Forscher freuen sich auf moderne Werkstätten und Büros, neue Flächen für die Goldschmiedewerkstätte, Zeichenräume und Restauratorenwerkstätten, für Tagungsräume und eine Forschungsbibliothek auf 9.000 Regalmetern, die zudem 80 moderne und helle Arbeitsplätze bekommt.

Im 2. Obergeschoss sind weitere Flächen für die Bibliothek geplant sowie Räume für die Museumspädagogik. Die Werkstätten und Labore sollen im Untergeschoss, im Erdgeschoss und im 1. Stock eine neue Heimat finden – auf der Betonplatte, auf der derzeit noch der große Baukran steht, soll in Zukunft der Computertomograph einen sicheren Standort finden.

So soll einmal das neue Forum mit großem Treppenhaus des Archäologisches Zentrums aussehen. – Visualisierung: Bernhardt und Partner Architekten Darmstadt

Im Erdgeschoss entsteht zudem eine Fläche für Sonderausstellungen, hier finden Besucher künftig auch ein Café und einen Museumshop. Über eine imposante Treppe geht es dann nach rechts in den Museumsbereich. Auf drei Stockwerken und 3.000 Quadratmetern Fläche wird hier eine völlig neu konzipierte Dauerausstellung mit Exponaten aus 2,6 Millionen Jahren Menschheitsgeschichte entstehen. Riesige Fenster gewähren ganz besondere Ausblicke auf die Rheinallee und in Richtung Mainzer Innenstadt. Nach außen soll der Bau aus Stahlbeton eine vorgehängte Ziegelfassade erhalten, antike römische Ziegel wurden dafür als Vorbild genommen. Der Rotton der Fassade soll dem Museum für Antike Schifffahrt angepasst werden, damit ein harmonisches Ensemble entsteht. Das große Flachdach soll teilweise begrünt werden, der Platz vor dem neuen Zentrum ein attraktiver Raum zum Verweilen und für Feste werden.

Der Neubau sei denn auch „ein Stück Stadtreparatur“, sagte Ahnen, der aber auch „hervorragenden Städtebau“ verwirkliche. „Wir verbinden große Hoffnungen damit“, sagte der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD), Mainz gewinne „ein Stück Qualität im öffentlichen Raum“ und „ein kulturpolitisches Element, das prägend sein wird.“ Der Neubau stärke Rheinland-Pfalz als Wissenschaftsstandort und werde zu einer neuen Wahrnehmung des Museums weit über den Standort Mainz hinaus führen, sagte Wissenschaftsminister Konrad Wolf (SPD). „In Zeiten wie diesen“ sei es ganz neu notwendig, darum zu werben, dass wissenschaftliche Ergebnisse die Grundlage echten Wissens seien, mahnte Wolf zugleich: „Die Vermittlung von Wissenschaft, warum deren Ergebnisse glaubhaft sind und nicht einfach abgetan werden oder alternativen Fakten gegenübergestellt werden können“, sagte Wolf, „dieses Werben spielt heute eine große Rolle.“

Zurzeit sieht das Treppenhaus im Rohbau noch so aus. Die großzügige Treppe soll einmal zum Verweilen einladen. – Foto: gik

Der Minister erinnerte auch an die „lange Willensbildung“, die der Realisierung voraus ging – ursprünglich sollte das Archäologische Zentrum bereits in diesem Jahr seine Tore öffnen. Tatsächlich verzögerte sich die Fertigstellung immer wieder, seit dem Spatenstich vor 15 Monaten unter anderem wegen aufwändiger Gründungsarbeiten: 380 Gründungspfähle mussten den Bau in Rheinnähe sichern, die gesamte Entwässerung des Baufeldes erneuert werden. Dazu gruben die Archäologen unter ihrem neuen Heim monatelang spannende Grabungsfunde aus, darunter zahlreiche Festungsmauern, mittelalterliche Steinkugeln und das barocke Neutor.

„Ich bin sicher, dass der Neubau die Zukunft der wissenschaftlichen Einrichtung und des Museusm in positiver Weise prägen wird“, sagte Wolf – die alten Räume des RGZM seien nicht gerade eine optimale Umgebung für Forschung und Ausstellungen. Der Neubau werde zu einer Aufbruchstimmug führen im Institut selbst, und zu einer neuen Wahrnehmung seiner Arbeit in Mainz und weit darüber hinaus. 51,4 Millionen Euro lässt sich das Land Rheinland-Pfalz den Neubau kosten, das RGZM ist zudem eines von acht Forschungsmuseen der Leibniz-Gesellschaft und wird künftig das Leibniz-Forschungszentrum für Archäologie werden. Das Mainzer Haus stehe im besonderen Maße für den Dreiklang der Forschung, Sammlung und Vermittlung, sagte die Vize-Präsidentin der Leibniz-Gemeinschaft, Katrin Böhning-Gaese, und schwärmte: „Zu sehen, wie das RGZM jetzt konkrete Formen annimmt, ist wunderbar.“

Die neuen Räume für die neue Dauerausstellung des Archäologischen Zentrums, hier das 1. OG. – Foto: gik

Das dürfte vor allem besonders für eine an diesem Tag gelten: Der Neubau sei „ein Quantensprung“ für das RGZM, schwärmte Direktorin Alexandra Busch. Der Neubau biete die Chance, das RGZM völlig neu zu positionieren, sowohl in der Forschung, als auch bei der Wissensvermittlung. 1852 wurde das RGZM; in Mainz gegründet, 220.000 Objekte umfassen seine wissenschaftlichen Sammlungen – die Exponate reichen vom Beginn der Menschheitsgeschichte bis ins hohe Mittelalter. „Ziel unserer Forschung ist es, menschliches Verhalten und Handeln sowie die Entwicklung und Veränderung von Gesellschaften zu verstehen“, sagte Busch. Dabei untersuche man grundlegende Fragen der Menschheitsgeschichte, von der Evolution unseres Verhaltens bis hin zu komplexen gesellschaftlichen Systemen und Mensch-Umwelt-Beziehungen.

Und genau diese Forschungsarbeit will das RGZM künftig in dem neuen Zentrum deutlich besser sichtbar machen,. Eine umfassendes Gesamtkonzeption wurde entwickelt, das Archäologische Zentrum zum außerschulischen Lernort für alle Altersgruppen werden. „In der neuen Dauerausstellung wird es um menschliches Handeln gehen“, sagte Busch: Menschliches Handeln solle im Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen personaler und sozialer Identität, zwischen Autonomie, individuellen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Rahmensetzungen beleuchtet werden. So sollen auch gesellschaftliche Veränderungen deutlich werden und den Besuchern Erfahrungsräume geboten werden, „die es ermöglichen, kulturelles Erbe und die daraus abgeleitete Forschung als Ressource für ihr Leben in der Gegenwart zu begreifen“, sagte Busch.

Neue Perspektiven und neue Einsichten und Ausblicke – genau das will das neue RGZM künftig vermitteln. – Foto: gik

Bis zu Einzug und Eröffnung gebe es allerdings noch viel zu tun, sagte Busch weiter, „ich kann Ihnen aber versichern: wir können es kaum erwarten!“ Ein erster großer Schritt dorthin wurde mit dem Richtfest gemacht – der Polier wünschte dem Bau und seinen Menschen Gottes Segen und zerschmetterte nach altem Brauch Weinglas und Weinflasche am Fuß des neuen Baus. Dass es sich dabei um einen fränkischen Bocksbeutel handelte, die Mainzer werden es verschmerzen.

Info& auf Mainz&: Mehr zum Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz findet Ihr auf der Internetseite des Museums genau hier. Schon jetzt öffnet sich das RGZM zunehmend den Besuchern: Bei den noch neuen After-Work-Abenden im RGZM im Schloss und im Museum für Antike Schifffahrt könnt Ihr hinter die Kulissen der Forschungsarbeit gucken und zum Feierabend natürlich ein gutes Glas Wein genießen.

Der nächste After-Work-Abend ist am Donnerstag, den 13. September 2018, von 18.00 bis 21.00 Uhr im Museum für Antike Schifffahrt, Thema ist dann Holzkonservierung. Zudem sind Interessierte eingeladen, beim #AfterWorkSketching Objekte im Museum zu zeichnen. Und vom 10. bis 16. September und vom 5.-11. November 2018 gibt es im RGZM Veranstaltungen rund um das Thema Restaurierung: In Vorträgen, Werkstattführungen, After Work-Veranstaltungen im Museum für Antike Schiffahrt und Familiensonntagen wird gezeigt, welche Rolle die Restaurierung bei der Erschließung von Objekten als historische Quelle spielt. Alle Termine rund um die Frage „Was erzählt uns Kulturgut“, findet Ihr hier auf der Seite des RGZM.

 

 

 

 

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

1 Kommentar

  1. Julia Felsgraf 19. August 2018 at 10:05 -  Antworten

    Kann es sein, dass nicht nur in der Rheinallee sondern auch in der Rheinstraße ein „Archäologisches Zentrum“ Richtfest feierte?

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