Rettung für Puppe und Fotoapparat: Repair Café in Mainz am Freitag

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Freitag ist es wieder so weit, dann basteln zwischen 18.00 Uhr und 20.30 Uhr wieder viele rettende Hände an Dingen, die zwar die Aktivität eingestellt, aber ihren Geist noch nicht ausgehaucht haben: Der nostalgisch-geliebte Toaster, ein Fotoapprat oder CD-Player, und auch eine Puppe kann mal dabei sein. Und „Bastlen“ ist natürlich völlig despektierlich: Im Repair Café des Evangelischen Dekanats wird fachgerecht gerettet, was noch zu retten ist. Damit setzt das Repair Café einen Trend – und wirkt wider die „geplante Obsoleszenz“, das Verfallsdatum von Geräten.

Elektrogeräte zu reparieren, statt sie wegzuschmeißen, ist gerade voll im Trend. Die Idee kommt aus den Niederlanden, dort fand in Amsterdam im Oktober 2009 das erste Repair Café statt. Seitdem breitet sich die Idee wie eine Lawine über Deutschland, Großbritannien und die USA aus, sogar der arabische Sender Al Jazeera berichtete schon über die Idee. Und die ist ansteckend: In Alzey, Darmstadt und Idstein, überall entstehen seit 2013 Repair Cafés.

Und weil Mainz&-Erfinderin Gisela Kirschstein schon im Herbst 2013 über das Mainzer Reparatur Café berichtet hat, greift dieser Text auf die Reportagen zurück – wundert Euch also nicht, wenn der Stil ein bisschen anders ist, als Ihr das bei Mainz& gewöhnt seid. Aber man muss ja das Rad nicht immer neu erfinden 😉 Eines allerdings muss man tun: Die Geschichte auf den neuesten Stand bringen. Ist geschehen 😉

Repair Café: Vorreiter Mainz, Vorbild Niederlande

Vier Hände und eine Puppe - Repair Café in Mainz - Foto: gik

Vier Hände und eine Puppe – Repair Café in Mainz – Foto: gik

Freitagabend, kurz nach 18.00 Uhr. Im vierten Stock des Hauses der Evangelischen Kirche an der Mainzer Kaiserstraße ist bereits viel los. Dutzende von Besuchern drängen sich um die drei großen Tische – die einen reparieren, die anderen schauen zu. Seit April 2013 gibt es jetzt das Repair Café in Mainz, hier treffen sich Menschen, um etwas zu tun, das in unserer Gesellschaft völlig aus der Mode gekommen war: sie reparieren alte Gerätschaften.

„Wir waren die ersten in Rheinland-Pfalz“, sagt Gisela Apitzsch stolz. Apitzsch ist Referentin für gesellschaftliche Verantwortung im Mainzer Dekanat der evangelischen Kirche, sie initiierte das Café in Mainz. Im Vierwochen-Rhythmus finden Reparaturtreffen statt, mehr als 20 Reparateure gehören zum Team, mindestens 100 Besucher kommen pro Treffen.

Das Mainzer Repair Café, Konferenzraum, 4. Stock - Foto: gik

Das Mainzer Repair Café, Konferenzraum, 4. Stock – Foto: gik

Die kleine Zoe schaut vom Schoß ihrer Mutter gebannt auf den Tisch. Dort liegt Lena, ihre Lieblingspuppe, und die hat ein Bein verloren. „Die ist mir auf den Boden gefallen“, erzählt Zoe leise. Ein Geschenk vom Opa zum zweiten Geburtstag sei die Puppe gewesen, nun bangt die Achtjährige darum, ob es gelingt, die Puppe wieder ganz zu machen. Irma und Bernhard Kaiser geben alles. Mit vier Händen arbeiten sie an der Puppe, fügen einen Nagel ein, basteln am Gummiband, das das Bein halten soll.

Lieblingsstücke retten

Gebracht wird zu den Treffen alles nur Denkbare: Fernseher, Handy Toaster, Navigationsgeräte oder Bügeleisen – etwa 65 Prozent der Sachen können gerettet werden. Oft seien es geliebte alte Stücke, die Lieblingskassette, die im Recorder steckt, die alte Kuckucksuhr vom verstorbenen Ehemann, erzählt Apitzsch.

Am Tisch neben der Puppe bastelt ein junger Mann ganz versunken an einer einfachen Digitalkamera. Sie gehört Yannik, Zoes Bruder, der sie vergangenes Jahr zum Geburtstag bekam. Nun ist die Feder im Batteriefach abgebrochen, eine Kleinigkeit, die doch dafür sorgt, dass der Fotoapparat nicht mehr funktioniert. Warum kauft er sich nicht einfach einen neuen? „Ich mochte die Kamera eigentlich“, sagt Yannick, „und ich habe sie doch zum Geburtstag bekommen.“

„Die Arbeit liegt auf der Straße“

Reparieren und Parlieren - Heinrich Jung im Repair Café - Foto: gik

Reparieren und Parlieren – Heinrich Jung im Repair Café – Foto: gik

Reparieren statt Wegwerfen, Lieblingsstücke retten, Müll vermeiden – es ist ein ganz neuer Trend, der sich da über die Welt verbreitet, ein Gegenmodell zum modernen Konsumzwang und einer Wegwerfgesellschaft, die immer schneller immer neuere Geräte hervorbringt. Reparieren vor Wegwerfen – Heinrich Jung lebt dieses Motto schon seit 30 Jahren. 1983 gründete der Elektromeister seinen Reparaturservice „Blitzblume“, seitdem repariert er Waschmaschinen, Kühlschränke, Herde und Haushaltsgeräte und gibt nebenher kostenlose Ökotipps für den Haushalt.

Lange war Jung eine Art milde belächelter Exot, nun kann er sich auf einmal nicht mehr retten vor Anfragen. „Vor drei Jahren hat noch kein Hahn danach gekräht, jetzt ist das Reparieren ein echter Trend“, sagt Jung, während er im Reparatur Café eine Klemmlampe untersucht: „Die Arbeit liegt buchstäblich auf der Straße.“ Oft lohne sich die Reparatur eines alten Gerätes sogar mehr als die eines modernen, sagt er: „Was 30 Jahre gehalten hat, hat gute Chancen, auch noch länger zu halten.“

Geplante Obsolenszenz, der eingebaute Verfall

Dass moderne Geräte immer kurzlebiger werden, dafür gibt es ein Fachwort: „Geplante Obsoleszenz“ heißt es, wenn Geräte sozusagen mit vorzeitigem Verfallsdatum produziert werden. Beweisen lässt sich das meist nicht, die Tendenz dazu jedoch schon, wie eine Studie im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion ergab. „Die Vermutung liegt nahe, dass es Absicht ist“, sagt die Mainzer Grünen-Landtagsabgeordnete Nicole Müller-Orth, die selbst gelernte Elektromechanikerin ist.

Da werde eben Kunststoff statt Metall verbaut, oder der Akku in der elektrischen Zahnbürste so mit dem Gerät verschweißt, dass man ihn allein nicht mehr wechseln kann. „Das könnte man auch anders lösen“, sagt Müller-Orth, aber leider sei heute die Reparatur eines Gerätes oft teurer als ein Neukauf. Doch der moderne Konsum produziert vor allem eines: ein riesiges Abfallproblem.

Abhilfe gegen Schrottberge, und Anleitung für Junge

Puppe, fast fertig repariert von Irma und Bernhard Kaiser im Repair Café - Foto: gik

Puppe, fast fertig repariert von Irma und Bernhard Kaiser im Repair Café – Foto: gik

In Deutschland werden pro Jahr 700.000 Tonnen allein an Elektroschrott produziert, sagt Müller-Orth. Weltweit wächst der Müllberg, so eine Studie in der Zeitschrift „Nature“ pro Jahr um rund 3,5 Millionen Tonnen. „Das ist verdammt viel Zeug, wo tun wir das alles hin?“, fragt die Grünen-Politikerin, und fordert: „Wir müssen die Reparatur-Kultur wieder fördern.“

Im Repair Café tun sie genau das. Hier wird nämlich nicht nur repariert, sondern auch die Technik dazu an Interessierte weiter gegeben. „Es kommen auch viele Junge, die gucken wollen, wie das mit dem Reparieren geht“, sagt Jürgen Klute, gelernter Elektrotechniker und heute Unternehmensberater. Fürs Reparieren entwickele man mit der Zeit ein richtiges Gespür, sagt er, dazu komme der Reiz, wer gewinnt – Mensch oder Technik? Bernhard Kaiser nickt dazu, während er das Bein der Puppe behutsam wieder an seine Stelle schnappen lässt. Zoe guckt seelig – und drückt ihre Lena ganz fest an sich.

Werkstatt händeringend gesucht!

Beim Repair Café würden sie gerne noch mehr Menschen glücklich machen, und das auch mit großen Schränken oder anderen Möbeln. „Wir träumen von einem eigenen Zuhause, am liebsten einer großen Werkstatt“, sagt Apitzsch. Doch das ist in Mainz ausgesprochen schwierig, kein Wunder bei dem völlig unterversorgten Immobilienmarkt. In anderen Städten seien die Repair Cafés meist weiter, sagte Apitzsch, nur in Mainz – Fehlanzeige.

Also, kennt Ihr nicht jemanden, der jemanden kennt, der einen ungenutzten Werkstattraum hat? Dann bitte umgehend melden! Denn ein reapair Café in einem, Konferenzraum, das ist auch Dauer einfach keine Lösung. Und wer will schon einen Kleiderscharnk in den vierten Stock schleppen 😉

Info& auf Mainz&: Repair Café Mainz, Freitag, 24. Oktober, 2014, 18.00 Uhr bis 20.30 Uhr, Haus der Evangelischen Kirche, Kaiserstraße 37, 4. Stock. Repariert wird kostenlos, und damit auch ohne Garantie oder Gewährleistung. Ersatzteile müsst Ihr selbst finanzieren. Im Nebenraum findet die Kleidertausch-Aktion statt, dort könnt Ihr Unliebsames gegen neue Lieblingsstücke tauschen, eins zu eins. Nächster Termin im November: Freitag, 28.11.2014. Infos unter www.repaircafemainz.de oder auf Facebook.

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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