„Risiko zu groß“ – Schule sagt Besuch der Sonnenfinsternis ab

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Jetzt hat die Panik vor der Sonnenfinsternis wirklich ihren Höhepunkt erreicht: Eine Grundschule in Mainz hat den Besuch der Sonnernfinsternis-Aktion morgen vor dem Staatstheater kurzfristig abgesagt. Der Grund: Das Risiko sei zu hoch, dass die Schüler trotz Warnung und Information in die Sonne schauen und dabei Schäden erleiden könnten. Deshalb werde man morgen in der Schule bleiben. Das erzählte Astronomie-Experte Jan-David Förster am Abend Mainz& und sagte: „Das ist unfassbar.“

Bild Sonnenfinsternis

Gefahr SoFi? Nein, meint die AAG.

Förster ist Vorsitzender der Astronomischen Arbeitsgemeinschaft Mainz (AAG), die am Freitagvormittag ein gemeinsames Gucken der Sonnenfinsternis auf dem Gutenbergplatz veranstaltet. Die Lehrerin habe mit drei Klassen kommen wollen, nun aber abgesagt, berichtete Förster Mainz&. Man könne leider nicht kommen, weil es zu dem Thema eine Information des Ministeriums geben habe, die über die Schulleitung an alle Kollegen weitergegeben worden sei, schreibt die Lehrerin, deren Email uns vorliegt.

„Da herrscht Panik und Unwissen“, ärgerte sich Förster, „wer hat sich denn diesen Schwachsinn ausgedacht, wie kann man nur so dumm sein?“ sagte Förster. Ein direktes, längeres Schauen in die Sonne „kann man gar nicht aushalten, der Lidschlussreflex reicht da normalerweise völlig aus.“ Der was?

Ok, wir müssen zugeben, auch wir bei Mainz& haben die extensiven Warnungen vor der Gefahr der Sonne verbreitet, die sich auch noch stündlich zu überbieten schienen. Was wir damit natürlich nicht auslösen wollten ist, das, was genau jetzt passiert ist: Dass Betreuer – Lehrer oder Kindergärtnerinnen – ihre Schutzbefohlenen vor der Sonne wegsperren. Das hat gerade eine Schule in Münster angekündigt – und nun geschieht es offenbar auch in Mainz. Tja. So viel zu Warnungen.

Auge schützt sich durch Lidreflex

Tatsache ist, erklärte uns nun Förster, was eigentlich jeder weiß: Das Augenlid schließt reflexartig, wenn dem Auge Schaden droht – und das gilt natürlich erst Recht in Sachen Sonne. „Wenn ich Richtung Sonne blinzele, geht das Augenlid automatisch runter, weil sich der Körper schützt“, sagte Förster: „Sonst müssten Sie ja an einem strahlenden Sonnentag ständig auf den Boden gucken, weil Sie sonst blind werden.“ So werde die Gefahr aber momentan dargestellt, „das ist ja abstrus“, ärgerte sich der Experte.

Die offizielle Sofi-Brille ist natürlich der beste Schutz - Foto: gik

Die offizielle Sofi-Brille ist natürlich der beste Schutz – Foto: gik

Gefährlich werde es nur, wenn man mit Fingern und Streichhölzern zwischen den Augenlidern über Stunden in die Sonne schaue, „das kann man aber gar nicht.“ Gefährlich werde es hingegen, wenn man mit optischen Hilfsmitteln oder durch eine Kamera längere Zeit in die Sonne schaue. Gerade der Sucher einer Kamera bündele nämlich das Sonnenlicht, falle das dann auf die Netzhaut, könne das „hochgefährlich werden“, sagte Förster – schließlich gucke man dann ja ganz genau hin und mache dafür das Auge weit auf.

Dass die Lehrerin nun meine, sie könne mit ihren Schülern nicht vor die Tür gehen, hält Förster für überzogen: „Wenn man den Kindern sagt, sie sollen nicht in die Sonne gucken und sie tun es trotzdem, kann das kein Haftungsfall sein“, meinte er. Die Lehrerin jedenfalls habe die Kinder noch auf das Event vorbereitet, dann aber sei die Information aus dem Ministerium gekommen, nun seien die Kinder sehr enttäuscht. Die Sonnenfinsternis will die Lehrerin nun mit ihren Kindern im Internet verfolgen.

„Gesundheitshinweis“ aus dem Ministerium

Im Ministerium hieß es am Abend, ja, es gebe ein entsprechendes Schreiben, das sei aber „nur eine Information“ gewesen. Man habe „im Prinzip einen Gesundheitshinweis“ herausgeben, sagte eine Sprecherin Mainz&, dabei habe man „eins zu eins“ ein Schreiben des Bundesamtes für Strahlenschutz übernommen. Tatsächlich stehen in diesem Schreiben, das Ihr hier nachlesen könnt, Sätze wie diese:

„Schon ein kurzer Blick in die Sonne kann die Netzhaut des Auges so stark schädigen, dass die Sehkraft nachlässt oder ganz verloren geht. Der Körper gibt kein Warnsignal, denn Netzhautschäden verursachen keine Schmerzen: Wenn man sie bemerkt, ist es zu spät.“

Totale Sonnenfinsternis 2006 - Foto Michael Schmidt

Totale Sonnenfinsternis 2006 – Foto Michael Schmidt

Vor allen Dingen der Satz, der Körper gebe keine Warnhinweise kann leicht falsch verstanden werden – haben wir doch gerade die Sache mit dem Lidreflex gelernt 😉 Und bei allem Verständnis für Warnungen: was solche Sätze bei Lehrern oder Kindergärtnerinnen auslösen können, das hat offenbar niemand bedacht. Und seien wir mal ehrlich: Wenn ein Schreiben aus dem Ministerium an eine Schule geht – dann ist das nie nur einfach ein Hinweis.

Man habe ja auch eine gewisse Fürsorgepflicht und deshalb den Hinweis geben müssen, sagte die Ministeriumssprecherin. Sie finde es „total schade“, dass die Lehrerin daraus die Konsequenz gezogen habe, die Kinder in der Schule zu lassen. „Da wird gerade etwas sehr dramatisiert“, sagte sie. Das Schreiben sei aber keine Vorgabe und keine Regulierung gewesen. Man habe eben nicht sagen wollen „macht alle Läden runter“, fügte sie hinzu.

Förster sagte, natürlich müsse man gewisse Sicherheitsregeln einhalten. „Dafür sind wir ja eigentlich da, um den Leuten die Angst zu nehmen“, betonte er: „Mit uns auf der Seite ist man ja ständig unter Aufsicht.“

Info& auf Mainz&: Wenn Ihr Euch also trotzdem traut – die Astronomische Arbeitsgemeinschaft Mainz (AAG) lädt von 09.30 bis 12.00 Uhr auf dem Gutenbergplatz vor dem Theater zum gemeinsamen Sofi-Gucken. Dort gibt es geschützte Teleskope, Infos über die SoFi und Spezialbrillen zum Leihen. Weitere Informationen zur AAG findet Ihr unter www.astronomie-mainz.de oder hier auf Facebook. Informationen zur SoFi gibt es auch unter www.sofi2015.de. Den Mainz&-Bastelvorschlag für ein eigenes Sonnen-Teleskop findet Ihr hier.

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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