Schiffsanleger vor der Neustadt: Sieben Landestege und 7,5 Meter breite Fahrbrücke geplant – Wirtschaftsministerium geht von neun bis zehn Schiffen pro Tag aus

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Die geplanten Schiffsanleger am Mainzer Zollhafen könnten das Gesicht des Neustadt-Ufers deutlich stärker verändern, als bislang bekannt. Laut den Unterlagen für das Planfeststellungsverfahren sind allein vor der Südmole sieben Landestege für die Binnenschiffer geplant. Dazu würde zwischen der Freitreppe an der Caponniere und dem Gebäude Rheinkai 500 ein rund zwanzig Meter langer und 7,5 Meter breiter Stahlsteg mit drei Spuren als Autoabsetzanlage gebaut werden. Statt über den Rhein und auf die Insel Petersau könnten die Mainzer hier künftig direkt auf große Containerschiffe blicken, befürchtet die Bürgerinitiative Neustadt-Ufer. Am Mittwoch will die BI vor der Sitzung des Mainzer Stadtrats protestieren.

Visualisierung der geplanten Autoabsetzanlage vor der Mainzer Neustadt. – Grafik: BI Neustadt-Ufer

„Das wird ein massives Bauwerk aus Stahl“, sagt Torsten Kirchmann, Sprecher der Bürgerinitiative Neustadt-Ufer, über den geplanten Autoabsetzplatz direkt vor der Caponniere am Ufer der Mainzer Neustadt. Der Steg für die Autos der Binnenschiffer werde „von Weitem zu sehen sein“, sein Betrieb weithin schallen, glaubt Kirchmann, dazu sollen vor der Freitreppe „riesige Dalben“ in den Rhein gerammt werden – und all das in einer Denkmalschutzzone. „Man hat rein technisch gedacht und null Rücksicht genommen auf Menschen, Denkmalschutz und Lebensqualität“, kritisiert Kirchmann im Gespräch mit Mainz&: „Das wird ein maximaler Schaden für die Mainzer Neustadt.“

Tatsächlich sehen die Unterlagen des Planfeststellungsverfahrens umfangreiche Einbauten für die Schiffsliegeplätze vor dem ehemaligen Zollhafen vor: Für die dauerhaften Liegestationen entlang der Südmole plant die Wasser- und Schifffahrtsdirektion allein sieben Landgangstege. Die Stege sollen alle 70 Meter entstehen und zwischen 15 und 20 Meter weit in den Rhein hinein reichen. Die ein Meter breiten und nachts beleuchteten Stege sollen aus Gitterrosten bestehen, auf der Landseite sollen sie auf der alten Uferwand aufliegen.

Offizielle Pläne für die geplante Autoabsetzanlage vor der Mainzer Neustadt. – Grafik: Planfeststellungsunterlagen, Screenshot: gik

Auf der Wasserseite sollen die Stege auf zusätzlichen Stahlpfählen im Rhein ruhen, jeder Steg eine abwärtsführende Treppe erhalten, die im rechten Winkel vom Steg wegführt – um den Binnenschiffern unabhängig von der Wassertiefe einen sicheren Landgang zu ermöglichen. Sieben solcher Stege sollen eine variable Anlandemöglichkeit für drei bis vier Schiffe entlang der Kaimauer ermöglichen. Dazu sollen die Binnenschiffe auch hintereinander auf dem Rhein festmachen können, neun bis zehn Schiffe könnten das pro Tag werden, warnt die Bürgerinitiative: Ein Plan aus 2014 zeige genau das, sagt Kirchmann: „Aus dem Plan 2014 geht eindeutig hervor, dass da mindestens neun Schiffe liegen sollen.“

Die Zeichnung vom 30. Juni 2014 ist als „Vorentwurfszeichnung“ bezeichnet und wurde von einem Ingenieurbüro im Auftrag der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) gefertigt. Die hohe Frequenz belegten auch Unterlagen aus dem Mainzer Wirtschaftsministerium, betont Kirchmann. In dem Schreiben des Ministeriums an die WSV, das Mainz& exklusiv vorliegt, heißt es wörtlich, die Schiffsanlegeplätze im früheren Mainzer Zollhafen seien „von bis zu zehn Binnenschiffen täglich genutzt“ worden.

Die Liegeplätze seien für die Binnenschifffahrt besonders wertvoll, um gesetzlich vorgeschrieben Ruhezeiten einhalten, Personal wechseln und Besorgungsgänge durchführen zu können. Auch seien die Liegeplätze eine wichtige Pausenmöglichkeit vor der Durchfahrt des schwierigen Mittelrheintals, heißt es in dem Schreiben vom September 2018 weiter. Es sei daher „dringend geboten“, die Liegeplätze an der Südmole zu erhalten.

„Wir reden also nicht über zwei, drei Schiffchen pro Tag, sondern von massiven Schiffsbewegungen“, betont Kirchmann. Die Zeichnung belege zudem, dass die Stadt Mainz schon 2014 von dem möglichen Umfang der Schiffsanleger-Frequenz gewusst habe – trotzdem habe der Stadtrat dem Projekt zugestimmt und die Schiffsanleger „direkt vor ein Wohngebiet gelegt“, kritisiert der BI-Sprecher.

Offizielle Vorentwurfszeichnung vom 30.06.2014 der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung zu den Schiffsanlegern an der Südmole des Zollhafens mit neun Binnenschiffen plus Autoabsetzanlage. – Screenshot: gik

Die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) plant entlang der Südmole des ehemaligen Zollhafens Schiffsanlegeplätze für drei bis vier Binnenschiffe entlang der Kaimauer. Die Liegeplätze würden dringend für die Schifffahrt benötigt und beruhten zudem auf einer langen Tradition an dem Standort, argumentiert die Verwaltung. Landstrom soll zudem sicher stellen, dass die Schiffe eben nicht ihre bordeigenen Dieselmotoren nutzten, sondern den leisen Elektrostrom.

Geplant wurden die Liegeplätze 2013 nach dem Start der Verlagerung des Mainzer Zollhafens. Seither sind auf der Südmole mehrere große Bauwerke mit Wohnungen im gehobenen Preissegment entstanden, teilweise – wie der Rheinkai 500 – nur wenige Meter von der Uferkante und den künftigen Schiffsliegeplätzen entfernt. Die Stadt argumentiert, die Käufer der Wohnungen hätten eben in den Bebauungsplan schauen müssen. Allerdings sind auf den dort verfügbaren Karten die Schiffsanleger nur mit den Worten „Schiffsliegeplätze“ ausgezeichnet – Landestege sind hier ebenso wenig eingezeichnet wie vor der Mauer liegende Schiffe, im Gegensatz zur Karte von 2014.

Die Anwohner des neuen Zollhafens, aber auch der Taunusstraße der Mainzer Neustadt sowie des Feldbergplatzes befürchten nun erheblich steigende Lärm- und Schadstoffemissionen. Lärmberechnungen von 2014 zeigten, dass „die Lärmwerte an einigen Punkten nachts mit bis zu 56 Dezibel gerissen werden“, sagt Kirchmann. Erlaubt seien in dem offiziell als Mischgebiet ausgewiesenen Bereich aber maximal 45 Dezibel. Besonders hoher Lärm werde durch die Autoabsetzanlage verursacht, wenn die Binnenschiffer ihre Fahrzeuge per Kran auf der Landungsbrücke deponierten, sagt Kirchmann.

Diese Fahrzeugbrücke soll zwischen der heutigen Freitreppe und dem Gebäude Rheinkai 500 entstehen, die Stahlkonstruktion eine Breite von 7,50 Metern haben. Die Breite sei nötig, um ein Fahrzeug auch diagonal mit ausreichendem Sicherheitsabstand zu dem seitlichen Geländer absetzen zu können, heißt es in den Planunterlagen. Auch erlaubten die Abmessungen den Einsatz eines Mobilkrans mit einer Aufstellfläche von zehn mal sechs Metern. Die Brücke soll zudem rund 19 Meter weit in den Rhein hinein ragen, auch hier würde am Ende im rechten Winkel eine Treppe nach unten zum Wasser führen.

Offizielle Karte des Bebauungsplans für das neue Wohngebiet im ehemaligen Zollhafen, hier der Bereich Südmole. Die Schiffsanleger sind lediglich zweimal mit einem Wort eingetragen. – Screenshot: gik

„Der Lärm trifft exakt die Anwohner der Taunusstraße und des Feldbergplatzes“, sagt Kirchmann. Dazu sei die Anlage auch explizit als Havariestelle ausgewiesen – hier sollten nach Angaben der WSV Schiffe mit Motorschaden oder aber Schiffe nach Bränden zu Reparaturzwecken festmachen. „Ein brennender Kohlefrachter, wie gerade heute auf dem Rhein bei Duisburg, würde dann genau dorthin geschleppt“, warnt Kirchmann: „Welchen Sinn macht es denn, ein brennendes Schiff genau vor der Neustadt anlegen zu lassen?“

„Wir sind nach wie vor der Meinung, diese Anlegestellen gehören nicht in Wohngebiete“, betont Kirchmann. Die Anlegestellen direkt vor einer Grünanlage, neben Spielplätzen, Schulen und Kindergärten, sei nicht akzeptabel. Die Stadt sei in der Pflicht, nach Alternativen zu suchen, genau das sei bislang nicht geschehen. „Ohne eine echte Umweltverträglichkeitsprüfung erfüllt die Stadt ihre Vorsorgepflicht gegenüber ihren Bürgern nicht“, fordert Kirchmann – die aber sei bislang weiter nicht geplant. Die Stadt Mainz hatte in ihrer Stellungnahme zum Planfeststellungsverfahren im November 2018 selbst Gutachten zu Schadstoffen und Lärmemissionen gefordert. Die Beurteilungen der Auswirkungen durch den Betrieb der Autoabsetzanlage auf die Nachbarschaft „wurde in den Planunterlagen noch nicht ausreichend berücksichtigt.“

Info& auf Mainz&: Ausführliche Informationen zu den geplanten Schiffsanlegestellen vor dem ehemaligen Mainzer Zollhafen und der Mainzer Neustadt findet Ihr hier bei Mainz&. Die BI Neustadt-Ufer findet Ihr hier im Internet. Die Nöte der Binnenschiffer auf dem Rhein wegen fehlender Anlegestellen schildern wir hier.

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

2 Kommentare

  1. Karin Scheubner 13. Februar 2019 at 10:41 -  Antworten

    Hallo Frau Kirschstein,
    ich habe gerade Ihren neuen Beitrag über die zukünftigen Schiffsliegestellen gelesen. Ich kann nur den Kopf schütteln!
    Zunächst zum aktuellen Thema, das gestern brennende Frachtschiff bei Duisburg. Zum Glück wurde niemand der Crew verletzt; das ist erst mal das Wichtigste!
    Sie glauben aber doch selbst nicht, dass ein brennendes Schiff direkt vor Wohnungen gelegt werden würde.
    Genauso, wenn es in einer der Wohnungen oder das Haus würde, dürfte auch kein Schiff anlegen, weil Schiff und Besatzung dann gefährdet wären.

    Wer schützt uns eigentlich vor Lärm der Anwohner, wenn sie feiern möchten, oder unsere Schiffe mit Eiern, Glasflaschen, etc. bewerfen? Wie Sie längst wissen, müssen wir die vorgeschriebenen Ruhezeiten einzuhalten, müssen am Tag einkaufen, zum Arzt, oder möchten ganz einfach in Mainz Essen gehen, ein Kino besuchen, usw.

    Zu den Autosteigern: Das An- oder von Bordnehmen eines Autos geht ganz schnell und ist so gut wie geräuschlos. Das wird seit ca. 35 Jahren so praktiziert, es geht ruckzuck, und wenn wir dann unseren Strom von Stromtankstellen nehmen können, hört man noch dazu kaum etwas. In der Regel wird der Autokran schon während der Fahrt für das An- oder Von-Bordnehmen vorbereitet. Der Schiffsmotor muss nach dem Anlegen nicht mehr laufen. Sehr oft stehen an Autosteigern Leute mit Kindern (oder ohne) und beobachten den Vorgang mit großem Interesse. Es werden Fragen gestellt, die wir immer gern beantworten.

    Den Rhein, die größte europäische Wasserstraße, gibt’s schon immer, Schiffe ebenfalls und Liegestellen genauso.
    Wir haben nichts dagegen, wenn Leute sich eine Wohnung direkt am Rheinufer kaufen.
    Unser Motto ist „Leben und leben lassen“.

    Mit freundlichen Grüßen
    Karin Scheubner

    • Gisela Kirschstein 13. Februar 2019 at 14:00 -  Antworten

      Liebe Frau Scheubner, die Angaben zu der Havarie-Stelle sind keine Erfindung und auch keine Horrorszenarien – sondern offizielle (!) Angaben aus den Planfeststellungsunterlagen sowie von Verantwortlichen der WSV persönlich. Und ja, da war auch von brennenden Schiffen genau an dieser Stelle die Rede, das hat sich niemand ausgedacht. Insofern muss ich erst einmal davon ausgehen, dass man genau das tun würde. Auch die Lärmangaben kommen aus offiziellen Unterlagen – und da wird in offiziellen (!) Lärmgutachten von 56 Dezibel bei Nacht (!) ausgegangen. Warum die Gutachten das angeben, weiß ich auch nicht, ich werde aber die nächsten Tage noch weiter darüber berichten.

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