Sensationelle „Moguntia“, starker „Obermessdiener“ – Mainz bleibt Mainz 2019 ist randvoll mit bissiger Polit-Kritik – Moderne Musikhits bleiben außen vor

Alles&, Narretei & andere Mainzer Spezialitäten, Rathaus & andere Skandale 6 2796

„Es ist etwas eingetreten, womit wir nie gerechnet hätten“, seufzt Lars Reichow: „Es gibt zu viele Narren auf der Erde, aber sie wissen alle nicht mehr, wann Aschermittwoch ist.“ Ja, die Mainzer Narren haben richtig viel zu tun, sie kommen kaum hinterher mit ihrer Polit-Kritik: Dieselgate und eine Kanzlerin in Altersteilzeit, „Kanalratte“ Donald Trump und braune Horden in Deutschlands Osten, dazu die Kirche und die Kinderlein – randvoll mit Politik kommt die Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz 2019“ am Freitagabend daher. Doch nicht alles lief glatt bei der Närrischen Generalprobe im Kurfürstlichen Schloss: Das Duo Merkel-AKK schwächelte, der Ton im Saal war so unterirdisch, dass das Publikum kaum was verstand, und nicht alles zündete, was als belebend gedacht war. So ist es die Politikkritik, die die Fernsehsitzung durch ihre vier Stunden trägt – und eine „Moguntia“ wird zum neuen, funkelnden Polit-Stern am närrischen Firmament.

Sensationeller Einstand in der Narren-Bütt: Johannes Bersch als „Moguntia“ lieferte am Mittwoch das Highlight der Sendung ab. – Foto: gik

Vier Stunden lang serviert der Südwestrundfunk das Narrenprogramm der Fernsehsitzung und deckt dabei ein breites Spektrum ab: Da gibt es den klassisch-gereimten Kokolores-Vortrag von Alexander Leber, der als „Polizist“ durch die Mainzer Straßen streift und Baustellen, Dieselfahrverbote, aber auch ziemlich altbackene Witze auf Kosten von weiblichem Aussehen im Notizblock hat.

In die Abteilung „klassisch“ gehört auch der Beginn: Thorsten Ranzenberger darf wieder einmal seine Hymne vom Schwellkopp-Träger darbieten, dazu tanzen die Markenzeichen der Mainzer Fastnacht live auf der Bühne und im Saal – ein stimmungsvolles Mainz-Bild zum Start der Sitzung wollten die Fernsehmacher schaffen. Doch die Sendungsmacher servieren dem Fernsehzuschauer damit das exakt gleiche Bild wie vor zwei Jahren – „Mainz bleibt Mainz“, so suggeriert es der Auftakt, hat nix Neues im Gepäck. Und auch im Verlauf der Sendung schaffen es die Fernsehmacher glatt, sämtliche Fastnachtshits der unglaublich regen närrischen Mainzer Musikszene beflissentlich zu ignorieren: Weder Oliver Mager noch „Handkäs‘ und sei Musigg“ noch die Bockius Brüder dürfen die Fernsehbühne rocken, die Mainzer Fastnachtsmusikszene bleibt komplett außen vor.

Das modernste Element werden so die Jungs vom Prinzengardeballett, die erstmals die närrische Fernsehrostra erklimmen und zu Thomas Neger und „Meenz bleibt Meenz“ die Beine schwingen – sehr zur Gaudi des Saals. Aus dem Saal heraus sollen die „Schnorreswackler“ Schwung ins Schloss bringen, bei der Närrischen Generalprobe am Mittwoch zündeten ihre zwei eigens für die Sitzung erstellten Neu-Kompositionen nur wenig, wohl wegen der massiven Tonprobleme im Saal. Die sorgten dafür, dass Texte nicht zu verstehen waren und das Publikum so über weite Strecken ratlos dasaß – was wiederum die Akteure auf der Bühne stark bremste.

Buntes Mainzer Bild, aber zugleich same procedure as 2017: Thorsten Ranzenberger eröffnet mit seinem Schwellkopp-Träger-Lied. – Foto: gik

„Wir müssen an der einen oder anderen Stelle an der Technik Veränderungen vornehmen“, räumte SWR-Redakteur Günter Dudek nach der Generalprobe ein. Man sei „unter Zeitdruck“ in die Sendung gegangen, an der Beschallung des Saales müsse man bis Freitag noch arbeiten. Besonders stark wirkten sich die Probleme auch auf Christian Schier und Martin Heininger mit ihrer furiosen „Schiri“-Klaumauk-Nummer aus. Anstatt von den Lachsalven des Saals getragen und angespornt zu werden, wie sonst bei jedem Auftritt, blieb die Nummer merklich hinter dem sonstigen Erfolg zurück – ein eindeutig technisches Problem.

Und so war es in erster Linie die bissige Politikkritik, die die Mainzer Fernsehsendung durch die vier Stunden trägt. Da serviert gleich zu Beginn Erhard Grom ein starkes und höchst unterhaltsames Protokoll und reißt den Saal von den Sitzen, wenn er „die Kanalratte aus Washington“ in die Mainzer Kanalisation schickt – beim nächsten US-Präsidenten lassen wir in Mainz die Kanaldeckel offen und drücken feste die Spülung… Auch Lars Reichow gibt gegen Ende Gott, Trump und der Welt jede Menge Spitzen mit.

Zu Hochform läuft „Obermessdiener“ Andreas Schmitt auf: Über abgeschlaffte Fußballer wettert der gewichtige Schlussredner, und über „Nazifratzen“ und „faule Eier, im Land bekannt als Münzenmeier“. Und der Obermessdiener fordert eine Kirche ohne Zölibat und Missbrauchs-Priester ins Kittchen: „Erneuert die Kirche, ehrt so seinen Namen, gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit Amen!“

Hatten noch Mühe bei ihrem tollen Duett: Helmut Schlösser als „AKK“ und Florian Sitte als „Angela Merkel“ – Foto: gik

So politisch sind die Zeiten, dass selbst „Musiktherapeut“ Andy Ost politisch wird, es bekommt seinem schwungvollen Vortrag ausgesprochen gut. „Lehrer“ Detlev Schönauer wiederum ist ebenfalls deutlich bissiger als in den Vorjahren, und schließt nun seinerseits seinen Vortrag mit einer wunderschönen Mainz-Hymne nach „My Way“-Vorbild – Politik und Kokolores gehen in Mainz zunehmend eine Melange ein. Reinen Klaumauk bietet da noch Jürgen Wiesmann als „Party-Muffel“ – närrische Comedy auf Top-Niveau. Die Mainzer Hofsänger dagegen widmen sich statt der Politik dem Hofsänger-Casting und erleben es tatsächlich, dass gleich beim ersten Part der Saal fröhlich mitsingt – verstanden hat man sie sogar auch.

Das eigentliche Gipfeltreffen der Sendung hingegen schwächelte am Mittwoch noch deutlich: Florian Sitte legt zwar erneut eine ganz starke „Angela Merkel“-Parodie hin, die Kanzlerin in Altersteilzeit, die in ihren alten Aktenordnern ihre nie umgesetzten Vorhaben aus ihrer Anfangszeit findet, ist großes Narrenkino. Doch das Zwiegespräch mit Nachfolgerin AKK alias Helmut Schlösser blieb bei der Generalprobe reichlich blass. Der grandiose Helmut Schlösser als „AKK“ startet zwar pfiffig mit dem Saarländer Schwenkgrill – „damit kann ich aus der GroKo ausschwenken und bei schwierigen Themen umschwenken“ – doch dann fehlten der Nummer Tempo, Timing und Biss. Man werde gemeinsam überlegen, „wie wir das kompakter und homogener zusammenbringen“, sagte Dudek hinterher – die Nummer soll kürzer und pointierter werden.

Auch die zwei grantelnden Alten aus der Loge, Christian Schier und Michael Emrich, taten sich schwer. Vor zwei Jahren führte der SWR die Lästereien aus der Loge als neues Element ein, um die starre Abfolge von Nummer auf Nummer aufzubrechen. Doch was vor zwei Jahren glänzend funktionierte, wurde nun schon zur Routine, und man fragte sich angesichts des Polit-Feuerwerks auf der großen Bühne: Braucht es wirklich noch weitere Feinstaub-Kalauer von der Seite? Schade, die feinsinnige Bespiegelung der Narretei selbst wie vor zwei Jahren fand nicht mehr Recht statt. Damals lästerten Emrich und Schier noch darüber, dass keine einzige Frau auf der Bühne steht, dieses Jahr kommt das Thema gar nicht mehr vor – und Frauen auch nicht in die Bütt. Allein in den Balletts findet Frauenpower statt, allen voran „Fantasy“ mit ihrer grandiosen Afrika-Show.

Zum Highlight der Sitzung wurde denn auch ein Newcomer: Johannes Bersch legt als „Moguntia“ einen so furiosen politischen Rundumschlag hin, dass der Saal tobt und sich gar Sitzungspräsident Andreas Schmitt vor Bersch verneigt: „Ein Rolf Braun und ein Jürgen Dietz“, sagte der Schmitt in Anspielung auf verstorbene Größen der Mainzer Polit-Fastnacht, „die gucken jetzt von oben zu und applaudieren Dir.“

Info& auf Mainz&: Was der SWR mit dem Wechselspiel zwischen Politik und Rednern ursprünglich geplant hatte lest Ihr hier bei Mainz&. Dort verraten wir Euch auch, welche Promis zur Fernsehsitzung kommen. Mainz bleibt Mainz 2019 wird am Freitag, den 1. März, ab 20.15 Uhr live im Ersten übertragen. Unsere traditionelle Bildergalerie müssen wir leider aus Technikgründen nachliefern. Dafür haben wir einen Sonder-Korrespondenten mitgenommen: Marco Silbernagel hat für uns die Kokolores-Sparte unter die Lupe genommen, das Ergebnis lest Ihr hier auf Mainz&. Und wenn Ihr heute Abend „Mainz bleibt Mainz“ schaut – achtet mal auf die Helfer im Hintergrund. Mainz& hat die Kulissenschieber und Mikrofonträger, die Regisseure und Organisateure mal hinter den Kulissen begleitete: „Die heimliche Helfer der Mainzer Fastnacht“ lest Ihr hier.

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

6 Kommentare

  1. J. Henze 3. März 2019 at 13:44 -  Antworten

    „Da serviert gleich zu Beginn Erhard Grom ein starkes und höchst unterhaltsames Protokoll und reißt den Saal von den Sitzen, wenn er „die Kanalratte aus Washington“ in die Mainzer Kanalisation schickt – beim nächsten US-Präsidenten lassen wir in Mainz die Kanaldeckel offen und drücken feste die Spülung… Auch Lars Reichow gibt gegen Ende Gott, Trump und der Welt jede Menge Spitzen mit.“
    Originell wie Hausstaub. Hat da wirklich jemand gelacht?

    • Gisela Kirschstein 3. März 2019 at 15:19 -  Antworten

      Oh ja. Ein ganzer Saal. Wie zuvor schon eine ganze Stadt auf diversen Sitzungen. Und Millionen an den Bildschirmen.

  2. KY 3. März 2019 at 16:15 -  Antworten

    Generalprobe….heißt Probe, weil es eine Probe ist und keine Vorführung…
    Wer mal einen unreifen Handkäs gegessen hat, weis warum es Zeit braucht für den Meenzer Genuß!
    …und der Genuß im Saal war am Freitag spürbar…

    Kann ich nur an Alle Mitwirkenden sagen…: DANKE!

    • Gisela Kirschstein 3. März 2019 at 19:06 -  Antworten

      Hallo KY, die Generalprobe von Mainz bleibt Mainz heißt eigentlich nur Generalprobe – tatsächlich ist sie eine vollwertige Fernsehsitzung, die im gleichen Tempo und mit der gleichen Wertigkeit wie die reguläre Sitzung über die Bühne geht. Und die vom Fernsehen aufgezeichnet wird, um im Falle eines Stromausfalls oder ähnlicher Probleme am fastnachtsfreitag dann statt der Livesitzung eingespielt zu werden. Insofern ist die „Generalprobe“ eben keine Probe, sondern reale Sitzung – und so ein Chaos wie vergangenen Mittwoch haben wir dabei selten erlebt… Was sich ja auch in der Fernsehsitzung selbst fortsetzte: erhebliche Tonprobleme, Kameraprobleme, Probleme mit dem Schnitt, etc.

  3. Patrick 4. März 2019 at 20:12 -  Antworten

    Sehr gute Sitzung. Nur der Schönauer gehört da nicht hin. Der ist nicht umsonst im Saarland von den Fernsehsitzungen weg rationalisiert worden. Einmal Saarländer einmal Mainzer. Das ist unglaubwürdig was der macht.

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