Shopping-Center an der LU stockt weiter – BI: Investoren dürfen Stadtplanung nicht bestimmen

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Das Shopping-Center an der Ludwigsstraße in Mainz kommt auch im Jahr 2017 nicht in die Gänge: Der einstige Projektentwickler ECE sei „der Bremsklotz, der den Zug aufhält“, klagte jüngst Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) in einem Interview mit der Allgemeinen Zeitung. Eigentlich wollte ECE gemeinsam mit dem Bauunternehmer Gemünden nun endlich das Einkaufszentrum an der LU auf den Weg bringen – doch ECE kann sich offenbar nicht mit den Karstadt-Eigentümern über die Zukunft des Kaufhauses einigen. Der SWR spekuliert gar, ECE wolle sich aus dem Projekt komplett zurückziehen. Gut so, findet die Bürgerinitiative (BI) Ludwigsstraße – und fordert die Stadt eindringlich auf, endlich eigene Pläne für die LU zu entwickeln. „Das Stadtbild kann nicht durch Interessen von Investoren bestimmt werden“, sagt BI-Sprecher Hartwig Daniels.

Ziemlich unscharf ist noch immer die Zukunft des Karstadts in Mainz und des Shopping-Centers an der LU. – Foto: gik

Es ist wahrlich eine Neverending-Story: Seit mindestens fünf Jahren ringt die Stadt Mainz nun mit der Entwicklung der Ludwigsstraße, der Hamburger Shoppingcenter-Experte ECE wollte am Herzstück von Mainz einen 28.000 Quadratmeter großen Konsumtempel bauen – die Stadtspitze war begeistert. Doch daraus wurde nie etwas: Trotz monatelanger Verhandlungen, trotz großzügigen Entgegenkommens – ECE baute nie. Das Geschäftsmodell Großmall begann zu bröckeln, inzwischen haben sich die Hamburger davon verabschiedet. Im August 2015 kündigte ECE dann nach langem Hin und Her an, doch keine Mall in Mainz bauen zu wollen – stattdessen tat man sich mit dem Ingelheimer Bauunternehmer Dirk Gemünden zusammen, der im September 2015 das Gebäude der Deutschen Bank gekauft hatte.

Ebling schimpft auf ECE, der Investor will angeblich verkaufen

Gemünden wollte ein Einkaufszentrum an der LU gemeinsam mit ECE entwickeln und betonte noch im August 2016, bis zu seinem Geburtstag im März 2017 müsse eine Lösung her. Nun ist März, und Ebling klagt, er habe seit September von den Herren von ECE nichts mehr gehört – es habe sich „seines Wissens auch nichts Nennenswertes getan.“ ECE bekleckere sich nicht gerade mit Ruhm, schimpfte der OB, und sei nicht einmal in der Lage, das Mietverhältnis mit ECE zu lösen. Bereits vergangenen Sommer hatte Gemünden berichtet, ECE versuche dem Kaufhaus derzeit eine Alternativfläche in Mainz schmackhaft zu machen – offenbar ohne Erfolg. Ob ECE aufgebe, wenn das nicht gelinge – auf diese Frage wollte Gemünden damals nicht antworten, fabulierte nur von „Sternstunde“ und „funkelnden Sternen.“

Die schöne neue Einkaufswelt von ECE auf der LU, sie kommt wohl doch nicht. – Screenshot der Projektseite von ECE

Nun scheint die Sternstunde näher zu rücken: Der SWR will erfahren haben, dass ECE kein Interesse mehr an dem Geschäftshaus habe, es liefen Gespräche mit anderen Investoren, die das Projekt von ECE übernehmen könnten. Demnach könnte nun sogar Karstadt selbst die Zügel in die Hand nehmen und etwas Neues entwickeln. „An diesen Überlegungen könnte etwas dran sein, weil Karstadt auch in anderen Städten dabei ist, die Filialen auszubauen und attraktiver zu gestalten“, schreibt der SWR weiter.

Ebling zeigte sich im Interview sauer und enttäuscht: Ausgerechnet die einstigen Helfer erwiesen sich nun als Hemmschuh, das sei wie die Geschichte von König Midas – nur umgedreht: „Nichts, was die anfassen, wird heute noch zu Gold.“ Die massive Polemik des OBs zeige, „dass er nicht davon ausgeht, mit ECE als Verhandlungspartner noch einmal am Tisch zu sitzen“, kommentiert das Hartwig Daniels von der BI Ludwigsstraße und fügt hinzu: „Gut so.“ Mit ECE wären die Vorgaben des Stadtrats von einer kleinteiligen Bebauung mit Branchenmix und Wohnungen „zu keinem Zeitpunkt umzusetzen“ gewesen. Man habe sich „von einem äußerst unprofessionell agierenden Investor jahrelang durch die Manege führen lassen“, kritisiert Daniels.

BI fordert städtebaulichen Wettbewerb für die LU

Die BI Ludwigsstraße fordert einen städtebaulichen Wettbewerb für die LU. – Foto: gik

Die BI fordert nun von der Stadt, endlich selbst aktiv zu werden und städtebauliche Pläne für das Herzstück von Mainz zu entwickeln. „Wir erwarten, dass die Stadt ihre Verantwortung wahrnimmt und den Planungsprozess aktiv gestaltet“, betonte Daniels: „Den neuen Partnern muss gesagt werden, was die Stadt an dieser historisch so wichtigen Stelle unserer Stadt erwartet, um eine wirkliche städtebauliche Aufwertung der Ludwigsstraße zu realisieren.“ Die Stadt dürfe sich nicht länger darauf beschränken, „das Baurecht an die Wünsche der Investoren anzupassen“ – ein städtebaulicher Wettbewerb für das gesamte Gebiet zur Qualitätssicherung weiterer Planungen sei überfällig und dringend notwendig.

„Es ist für uns unbegreiflich, dass für Projekte wie etwa Zollhafen und Heiligkreuzareal städtebauliche- und Architekturwettbewerbe ausgeschrieben wurden, an der Ludwigsstraße, dem Herzen unserer Altstadt, jedoch nicht“, kritisiert die BI weiter. Hier solle eine „Zahnlückenbebauung“, ja eine „Briefmarkenplanung“ durch einzelne Grundstücksbesitzer ermöglicht werden, „das ist schlicht verantwortungslos.“ Die fruchtlosen Verhandlungen hinter verschlossenen Türen mit ECE hätten die Stadterneuerung an der LU „um Jahre verzögert“. Ein „erneuter Reinfall“ müsse nun unbedingt vermieden werden. „Das sollte zukünftig durch einen transparenten Dialog zwischen Bürgerschaft, Stadt und Investoren“ geschehen, heißt es weiter. Das Baurecht und der Hebel des öffentlichen Eigentums gebe der Stadt ausreichende Möglichkeiten, mit den Investoren zu einer guten Lösung zu kommen.

ÖDP: Baurecht schaffen, endlich eigenes Gesamtkonzept entwickeln

Ein Gesamtkonzept für die LU fordert unter anderem auch die ÖDP, – Foto: gik

Es brauche „endlich einen Bebauungsplan“ für die LU, forderte auch die Bauexpertin der ÖDP,  Ingrid Pannhorst, „statt die Planungshoheit für unsere Stadt de facto in blindem Vertrauen einem einzigen Investor zu überlassen.“ Das Vorgehen, auf die Vorschläge des Investors zu warten, habe zu „Stillstand und einem trostlosen Bild im Kern unserer Stadt“ geführt. Nach zwei Wettbewerben, acht Ludwigsstraßenforen, einer Reihe von Gutachten und rund fünf Jahren ergebnisloser Verhandlungen stehe die Stadt nun wieder am Anfang. Das wäre „genügend Zeit gewesen, ein stimmiges Gesamtkonzept für die Ludwigsstraße zu entwickeln“, betonte Pannhorst – und für einen Investor geltendes Baurecht zu schaffen. OB Ebling solle „seine Energie auf konkrete Vorschläge für die Entwicklung im Herzen unserer Stadt konzentrieren“, verlangt ÖDP-Fraktionschef Claudius Moseler, anstatt „jetzt die beleidigte Leberwurst zu geben und so zu tun, als hätte er keinerlei Einfluss auf die Geschicke an der Ludwigsstraße.“

Schmankerl am Rande: Auf der Homepage von ECE wird noch ein „Geschäftshaus Ludwigsstraße Mainz“ mit 16.000 Quadratmeter Größe und einem Investitionsvolumen von 75 Millionen Euro angepriesen. Das Projekt sei „in Planung“ steht da – „Eröffnung: 2019.“

Info& auf Mainz&: Die ausführlichen Pläne und Ideen des Bauunternehmers Dirk Gemünden für die LU könnt Ihr noch einmal in dem Mainz&-Artikel „Keine Riesenmall an der LU“ nachlesen, um den Kauf der deutschen Bank durch Gemünden geht es in diesem Artikel. Den SWR-Bericht über den möglichen Ausstieg von ECE findet Ihr hier, Infos von der BI Ludwigsstraße hier im Internet und hier bei Mainz&.

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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