Silvesterfeuerwerk – schädlich oder schön? Debatte über Umweltschädlichkeit und Verbote der Knallerei zum Jahresende

Alles&, Drinnen & Draußen, Rathaus & andere Skandale 0 126

Alle Jahre wieder warnen Umweltverbände vor den Belastungen durch das Silvesterfeuerwerk, alle Jahre wieder stöhnen Tierbesitzer über die erschreckende Belastung für ihre geliebten Vierbeiner – doch in diesem Jahr ist alles irgendwie anders: Die Debatte über den Sinn und Unsinn von Silvesterfeuerwerken tobt wie nie zuvor. Der Grund: Die Debatte über Stickoxidbelastungen und dicke Luft in den Innenstädten hat das Bewusstsein geschärft. Nun fragen sich viele: Was für einen Sinn macht es eigentlich, Dieselfahrzeuge aus den Innenstädten auszusperren – und gleichzeitig an Silvester Tausende Tonnen Feinstaub in die Luft zu blasen? Und während die einen Verbote fordern, schimpfen die anderen, man lasse sich seine Tradition nicht nehmen – Mainz& hat die Fakten zur Debatte.

Knallend das neue Jahr begrüßen und das alte vertreiben – das ist guter Brauch in Deutschland. So gemalt allerdings fallen nur Profi-Feuerwerke aus – wie hier bei der Johannisnacht 2014 – Foto: gik

Zwischen 100 und 150 Millionen Euro jagen die Deutschen jedes Jahr zum Jahreswechsel an Silvesterfeuerwerk in die Luft, weiß das Umweltbundesamt. Dabei werden rund 4.500 Tonnen Feinstaub der Größe PM10 frei gesetzt – das entspricht in etwa 15,5 Prozent der jährlich im Straßenverkehr abgegebenen Feinstaubmenge und rund 2,25 Prozent aller PM10-Emissionen im Jahr überhaupt (Stand: 2016). Und das ist noch nicht alles: Ach Ultrafeinstaub wird durch Silvesterfeuerwerk in hohem Maße in die Luft geblasen – und der ist noch erheblich gefährlicher, als der grobe Feinstaub. Feinstaub nämlich kann ganz erhebliche Gesundheitsgefahren auslösen: Asthma, Bronchialerkrankungen, aber auch Lungenprobleme und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Ultrafeinstaub kann gar die Hirn-Blutschranke überwinden und in die Gefäße gelangen – mit unter Umständen erheblichen Folgen für Herz und Kreislauf.

Jeder kennt die Szenerie: Kurz nach Mitternacht – und oft schon in den Stunden davor – beginnt die Knallerei zum Jahreswechsel, schießen Raketen in die Luft und Böller über den Boden. Und kurz nach Mitternacht legt sich dann eine dichte Rauch- und Rußschicht über Mainz, bei Inversionswetterlage kann gar ein dichter, stinkender  Luftteppich entstehen, der nicht nur Asthmakranke zum Husten bringt.

1330 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft wurden laut Umweltbundesamt am 1.1.2018 um 1.00 Uhr in Fürth gemessen. Auch in Ingolstadt und Nürnberg lagen die Konzentrationen über 1000 Mikrogramm – zum Vergleich: der Tagesmittelwert für Feinstaub liegt bei 50 Mikrogramm. Die extrem erhöhten Konzentrationen an Silvester führten deshalb an mehr als ein Dutzend Stationen dazu, dass der Tagesmittelwert überschritten wurde, warnt das Bundesumweltamt.

Meist sieht es an Silvester eher so aus: Viel Rauch, viel Nebel und irgendwo dazwischen die Raketen – wie hier auf der Hechtseimer Höhe. – Foto: gik

Zum Jahreswechsel 2016/2017 war dies sogar an 129 der 320 Messstationen der Fall – der Grund: eine Inversionswetterlage mit wenig Wind. 2017 war die Lage besser, da ein kräftiger Wind den durch das Feuerwerk freigesetzten Feinstaub rasch in der Luft verteilte.

Die hohe Belastung für die Umwelt hat in diesem Jahr nun eine vehemente Debatte angestoßen: Soll Silvesterfeuerwerk in den Städten verboten werden? Im Fokus steht dabei das Kleinfeuerwerk von Privat, denn die private Knallerei verursacht noch erhebliche andere Probleme: Jedes Jahr landen bundesweit Dutzende von Menschen mit Verbrennungen, Augenverletzungen, abgerissenen Fingern, blutenden Verletzungen oder Hörschäden in der Notaufnahme – ausgelöst durch Feuerwerkskörper. In Deutschland erlitten jährlich 8.000 Menschen zu Silvester Verletzungen des Innenohrs durch Feuerwerkskörper, sagt das Umweltbundesamt unter Verweis auf das Deutsche Ärzteblatt: „Rund ein Drittel dieser Menschen behält bleibende Schäden, so eine Meldung im Deutschen Ärzteblatt im Jahre 2013.“

Auch privates Feuerwerk kann schon sein… – Foto: gik

Vor allem Haustiere leiden zudem unter der dauerhaften Knallkulisse: Katzen, Hunde, Vögel verkriechen sich unter Betten oder sind zitternde Nervenbündel, darf man den Kommentarspalten in sozialen Netzwerken glauben. Der Naturschutzbund in Hessen warnt, Gartenvögel würden durch die Knallerei erheblich aufgeschreckt und verbrauchten durch das wilde Umherfliegen viel kostbare Energie mitten im Winter. Der NABU bittet deshalb darum, kein Feuerwerk in der Nähe von Wäldern, in öffentlichen Grünanlagen und Gärten anzuzünden – ein eher frommer Wunsch.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) fordert das Gegenteil: „Wir möchten eine Verschiebung der Feuerwerksaktivitäten raus aus der Innenstadt“, sagte DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch nun kurz vor Silvester. Angesichts der alljährlich hohen Feinstaubbelastung durch Silvesterfeuerwerk fordere man die Kommunen auf, in allen Städten mit hoher Luftbelastung zentrale und professionell veranstaltete Feuerwerke außerhalb der sensiblen Zonen zu veranstalten. Ein Silvesterfeuerwerk gehöre für viele Menschen zum Jahreswechsel, „und so soll es auch bleiben“, betonte Resch. Sinnvoll sei aber, die Aktivitäten auf Flächen am Stadtrand zu verlagern, wo die Menschen ihre Feuerwerkskörper abfeuern könnten. Besser noch: „ein professionelles Feuerwerk außerhalb sensibler Zonen, an dem sich alle erfreuen können und welches kaum Feinstaub erzeugt.“

Ein öffentliches Feuerwerk oder eine professionelle Pyro-Show seien nämlich nicht nur sicherer, betonte die DUH: „Diese belasten die Umwelt auch weniger, da hier meist andere Feuerwerksbatterien zum Einsatz kommen.“ Der Verein fordert deshalb ein Verbot für Silvesterböller und mit Schwarzpulver getriebene Raketen, die für die extremen Feinstaubwerte aber auch für viele Brände und Verletzungen verantwortlich seien. Im Ausland sei das bereits Praxis, auch werde dort privates Feuerwerk in der Silvesternacht zusehend kritisch gesehen: So sei es unter anderem in Paris verboten, Feuerwerkskörper oder Böller zu verkaufen und abzufeuern. In Dänemark und Slowenien seien Verkauf, Besitz und Verwendung von Knallkörpern generell verboten.

… hinterlässt aber auch eine Menge Müll. – Foto: privat

Tatsächlich hat inzwischen auch eine ganze Reihe von Städten in Deutschland Begrenzungen oder sogar Verbote von Silvesterfeuerwerk in ihren Innenstädten ausgesprochen: gerade gab die Stadt Hannover eine große Verbotszone in der Altstadt bekannt. Auch Konstanz erließ ein Verbot – nach einem durch Raketen ausgelösten Brand in der historischen Altstadt, Verbote gibt es nach Angaben der DUH auch in Goslar, Bremen, Bielefeld, Straubing oder Ravensburg.

In Mainz steht ein flächendeckendes Verbot derzeit nicht zur Debatte, tatsächlich gibt es aber auch in Mainz Verbtoszonen für Feuerwerk – und das schon seit Jahren: Das Abbrennen von pyrotechnischen Gegenständen ist in der unmittelbaren Nähe von Kirchen, Krankenhäusern, Kinder- und Altersheimen sowie Reet- und Fachwerkhäusern grundsätzlich verboten, betont die Stadt Mainz – damit gilt das Verbot etwa auch in der Mainzer Augustinerstraße und im Kirschgarten. Festgestellte Verstöße können mit einer Geldbuße von bis zu 50.000 Euro geahndet werden. Dazu ist das Abbrennen von Silvesterfeuerwerk NUR am 31. Dezember und am 1. Januar erlaubt – so sind die Regeln.

Großes Spektakel, große Attraktion: das Silvesterfeuerwerk über der Harbour Bridge in Sydney, hier im Jahr 2008. – Foto: gik

Das Landeskriminalamt (LKA) Rheinland-Pfalzwarnt indes wie jedes Jahr wieder vor selbstgebastelten oder illegalen Feuerwerkskörpern – ihre Benutzung kann lebensgefährlich sein. Legale Feuerwerkskörper erkennt man an dem CE-Kennzeichen und der dazugehörigen Identifikationsnummer auf der Packung. „Fehlen diese, sollte man von einem Kauf oder einer Verwendung absehen“, betont LKA-Sprengstoffexperte Udo Jastrzembsky. Illegale Pyrotechnik enthalte in der Regel einen sogenannten Knallsatz, der bei der Reaktion eine
Explosionsenergie entwickele, die mit gewerblichem Sprengstoff vergleichbar sei. Selbst kleine Mengen könnten deshalb zu erheblichen Verletzungen führen. Weitere Gefahren entstünden durch Abdichtungsmaterialien, die Splitter bilden können.

Die Polizei rät deshalb, Silvesterfeuerwerk nur in regulären Geschäften, etwa in Supermärkten, zu kaufen, die Gebrauchsanleitung aufmerksam zu lesen und konsequent einzuhalten. Es sollten nur Feuerwerkskörper verwendet werden, die optisch keine Mängel erkennen lassen, fehlgezündete Feuerwerkskörper und Blindgänger auf keinen Fall wieder anzünden, sondern entsorgen. Ferner gilt, Feuerwerkskörper nur auf ebenen und freien Flächen abzubrennen und einen ausreichenden Sicherheitsabstand zu Personen und Gebäuden einzuhalten – bitte achtet darauf, dass weder Äste noch Balkone in der Nähe sind. Jedes Jahr nämlich gibt es Brände auf Balkonen in der Mainzer Neustadt, das muss ja nicht sein. Das Werfen von Böllern mitten in Menschenmengen sollte ohnehin tabu sein – es ist unsinnig und zudem hochgefährlich. Und wenn Ihr Raketen abschießt, nehmt eine geeignete „Rampe“ mit – ein schwere Flasche ist da immer eine gute Wahl.

Info& auf Mainz&: Die Informationen des Bundesumweltamtes zumSilvesterfeuerwerk und dem Feinstaub könnt Ihr hier noch einmal nachlesen. Bleibt die Frage: Braucht man das überhaupt? Immer mehr Menschen verweigern sich dem Konsum- und Knallrausch, ein Beispiel dafür findet Ihr unter anderem in dieser Facebook-Gruppe.

Kommentar& auf Mainz&: Ein zentrales Großfeuerwerk an Silvester statt privater Böllerei!

Keine Frage: Die Knallerei an Silvester macht Spaß – und sie beruht auf uralten Traditionen. Das alte Jahr mit Feuer und Krach auszutreiben ist etwas, das Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen getan haben. Und es ist doch auch gar nichts einzuwenden gegen die leuchtenden Blumen am Nachthimmel die Ahs und Ohs, Staunen und Freude auslösen. Nur, seien wir mal ehrlich: Die private Böllerei hat damit praktisch nichts mehr gemein.

Mainz kann auch Feuerwerk: Hier bei der Johannisnacht 2017 über den Dächern der Stadt. – Foto: gik

Bereits Tage vor der Silvesternacht beginnt der Terror des Krach und Bumm irgendwo in den Straßen, weil irgendwelche Deppen nicht an sich halten können oder es lustig finden, schon mal Menschen zu erschrecken – was sie Tieren oder auch Menschen, die Krieg erlebt haben, damit antun, ist ihnen Wurscht. Meine Mutter, im Zweiten Weltkrieg groß geworden, zuckt noch heute jedes Mal bei einem dieser Bumms zusammen, und was die Böller bei Hunden, Katzen, Pferden und anderen tierischen Gefährten anrichten, kann man sich in diversen Foren in sozialen Netzwerken zu Gemüte führen.

Und dann sind da noch die ungeheuren Müllberge, die wir Deutschen durch die Knallerei verursachen – noch Tage später liegen Raketen und Scherben in den Straßen und Rinnsteinen. Wir sind schockiert über Plastik in den Weltmeeren, aber ballern Tausende Tonnen Plastik, Papier und Partikel an Silvester in die Umwelt? Da passt was nicht (mehr) zusammen, von der enormen Feinstaubbelastung gar nicht zu reden: Wer je hustend im Qualm am Ufer der Mainzer Neustadt gestanden oder tagelang versucht hat, den Gestank aus der Wohnung zu kriegen, weiß: Das kann nicht gesund sein.

Warum also machen wir es nicht wie in anderen Ländern? Eine zentrale Feier mit großem Feuerwerk würde doch wirklich reichen und eine Stadt wie Mainz glücklich machen – die Johannisnacht und die Sommerlichter sind beredete Beispiele dafür. Die Finanzierung ließe sich mit Sicherheit durch Spenden erreichen. Was für eine Attraktion das sein könnte, zeigen Städte wie Sydney: Das Feuerwerk über der Harbour Bridge gehört zu den schönsten Ereignissen, die man an Silvester erleben kann – und zu Füßen der Brücke habe ich niemanden der Hunderttausenden gesehen, der eine private Ballerei vermisst hätte. Eine zentrale Feier wäre zeitgemäß. sicherer und umweltschonender – wer es dann noch immer nicht lassen kann, für den sind Böllerzonen am Stadtrand gar keine schlechte Idee.

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

Leave a reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Unser Tipp für Euch!

Datenschutzerklärung

 

Werbung auf Mainz&

Kauf mir ’n Kaffee!

Kaffee ist das Lebenselixier für Journalisten – und auch für Mainz&. Du findest gut, was ich hier schreibe, poste, mache? Kauf Mainz& 'n Kaffee, und verleih uns zusätzlichen Schwung!

Mainz& unterstützen

Mainz& abonnieren!

Keinen Artikel von Mainz& mehr verpassen - mit unserem Newsletter! Einfach eine gültige Email-Adresse eintragen und die Bestellung noch einmal bestätigen! Kein Spam, jederzeit kündbar, Mainz& pur!
%d Bloggern gefällt das: