Sommer, Sonne, Rheinhessen und ein bisschen Fastnacht – So war der Rheinhessenumzug

Alles&, Narretei & andere Mainzer Spezialitäten 0 528

War das eine Party! Strahlender Sonnenschein, tiefblauer Himmel, 26 Grad – Petrus entschädigte die Mainzer am Sonntag mit Sonne satt für den ausgefallenen Rosenmontagszug am 8. Februar. Genau drei Monate später feierte Mainz eine große Sommerparty mit Festumzug. Es wurde am Ende eine Party zum 200. Geburtstag Rheinhessens, für den endlich aufgewachten Sommer und für die Mainzer selbst – und für die Fastnacht. Experiment gelungen: 180.000 Zuschauer kamen zum Rheinhessenumzug nach Mainz.

Die Schwellköppe eröffnen den Rheinhessenzug - Foto: gik

Schwellköppe im Mai auf der Kaiserstraße – der Rheinhessenumzug macht’s möglich – Foto: gik

Am Morgen war es erst noch verhalten losgegangen: Zum Muttertagsfrühstück auf dem Markt mit Bühnenprogramm kamen erst weniger Menschen. Gemütlich wurde auf dem Markt und am Höfchen der Tag eingeläutet und die Sonne genossen. So richtig strömten die Menschen dann ab 13.00 Uhr in die Stadt, richtig voll wurde es erst pünktlich zum Zug. Um 14.30 Uhr schallte das erste vorsichtige Helau durch die Straßen, ließen sich die ersten Musikzüge vernehmen.

In der Bauhofstraße richtiges Gewusel, hier stellte sich der Rheinhessenumzug auf. 2.222 Teilnehmer, 31 Wagen, davon zehn närrisch-politische Motivwagen und dazwischen viele fotografierende Zuschauer – dieser Umzug war ein gutes Stück anarchischer als der normale Rosenmontagszug. Dazu gehörte auch, dass die Stadt wesentlich weniger Absperrgitter aufgestellt hatte. Das Ergebnis: Der Zug stockte zu Beginn erst einmal oft, weil die Zuschauer den Weg versperrten.

Und was waren sie in Scharen gekommen! Schon auf der Kaiserstraße drängten sich die Familien in Scharen, es war fast voller als an Rosenmontag. Auf der Ludwigstraße und am Höfchen standen die Neugierigen dicht gedrängt hintereinander, alles verlief diszipliniert und bis zum späten Nachmittag ruhig, freute sich die Polizei.

Rheinhessenumzug - Flanieren auf der LU mit Dom breit

Flanieren auf der LU vor dem Rheinhessenumzug – Foto: gik

Um Punkt 15.00 Uhr war es dann so weit: Der Zug kam – endlich! Mit drei Monaten Verspätung setzte sich der Umzug in Bewegung… Es war am 8. Februar, als die Mainzer verwirrt auf der Straße standen und vergeblich auf den großen Fastnachtszug warteten. Orkantief Ruzicka hatte Böen mit Windstärke zehn geschickt, dem Mainzer Carnevals-Verein war das zu heikel – zum ersten Mal in der Geschichte des Mainzer Rosenmontagszuges sagte er einen Zug wegen Sturms ab. In der Mainzer Innenstadt wehte indes nur ein leises Lüftchen…

Danach begann schnell die Debatte: Nachholen oder nicht? Fastnacht im Mai – geht das? Darf man das?

As sich nun um 15.00 Uhr der Zug in Bewegung setzte, antworten die Mainzer mit „Helau“ – und mit Applaus. Es dürfte Balsam auf die Seelen des MCV gewesen sein. Man hatte sich schließlich dazu entschieden, einen Festumzug zum 200. Geburtstags Rheinhessens zu veranstalten, einen Rheinhessenumzug unter dem Motto „Rheinhessen lacht nach Fassenacht“. Unumstritten war das nicht: Eine ganze Reihe Mainzer Fastnachtsvereine ging nicht mit, in den sozialen Netzwerken war von Kommerz und „Geht gar nicht“ die Rede: Fastnacht lasse sich einfach nicht nachholen. „Passt nicht so…“, meinte ein Schwellkoppträger am Sonntag – nach Fastnacht fühlte sich das doch nicht richtig an.

Rheinhessenumzug - Schiff vorm Theater

Volles Haus zwei Stunden später beim Rheinhessenumzug vor dem Theater – Foto: gik

„Ich hätt’s nicht gebraucht“, meinte ein Mainzer am Sonntag, der von einem Balkon an der LU das Treiben verfolgte. Doch zugeben musste auch er: Die ausgelassene Feier bei bestem Wetter – scheee war sie schon. „Mainz grüßt Rio“, meinte der Zuschauer noch. In der Tat: Viele Zuschauer kamen leicht bekleidet, manche gar luftig-kostümiert. „Der 8. Mai hat sich gelohnt“, sagte ein erleichterter MCV-Präsident Richard Wagner Mainz&, und MCV-Sprecher Michael Bonewitz berichtete: „Den Leuten macht’s Spaß, wir erleben große Begeisterung.“

77 Zugnummern machten sich um Punkt 15.00 Uhr auf den 3,2 Kilometer kurzen Zugweg von der Kaiserstraße über die Große Bleiche zum Schillerplatz und die LU hinab zum Dom. Bonbons und andere Süßigkeiten flogen in dichten Schwaden – auch die Süßigkeiten waren im Februar in den Depots liegen geblieben. „Prima, wir hatten gerade keine mehr“, freute sich eine Zuschauerin über den süßen Regen im Mai.

Mit dabei: Fahnenschwinger und Gardeuniformen, aber auch Winzer, Flößer und historische Kostüme, doch eben auch Schwellköppe – und zehn Fastnachts-Motivwagen mit bissigen Karikaturen. Es war auch für diese Motive, dass sich der MCV schließlich doch entschloss, einen Zug im Mai zu veranstalten. Und so rollten dann doch noch die Hexe Pegida auf dem braunen Mob und die schöne Europa mit ihrem Fußfall vor dem türkischen Despoten Erdogan durch die Straßen.

Am Ende war es einfach eine wunderschöne Party, feierten die Mainzer ihre 200 Jahre junge Region, den endlich aufgetauchten Sommer, sich selbst – und ein bisschen auch die Fastnacht. Experiment gelungen, Wiederholung unwahrscheinlich. Aber wie sagte ein Zuschauer so schön: „Ein gutes Geschenk zum 200. Geburtstag.“

Wir haben für Euch schon mal die schönsten Bilder – bitteschön!

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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