SPD und Grüne streiten über Doppeltraktion-Züge bei der Citybahn – SPD fordert von Eder: „Endlich Mainzer Interessen vertreten!“

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Dreieinhalb Monate vor der Kommunalwahl ist zwischen den Ampel-Koalitionären SPD und Grüne offener Streit über die Verkehrspolitik ausgebrochen. Die SPD Mainz-Altstadt forderte nun die Mainzer Verkehrsdezernentin Katrin Eder (Grüne) auf, „endlich Mainzer Interessen“ bei den CityBahn-Verhandlungen mit Wiesbaden zu vertreten. Anlass: Die geplante Citybahn soll mit sogenannten Doppeltraktion-Zügen fahren, um mehr Fahrgäste auf einen Schlag transportieren zu können. Doch die 70 Meter langen Züge stoßen auf heftige Kritik der Mainzer SPD: Die Langzüge passten nicht in die Mainzer Altstadt, für sie sei keine einzige Mainzer Haltestelle lang genug – sie müssten umgebaut oder gar verlegt werden, das könne man keinem Bürger erklären. Die Grünen – eigentlich Koalitionspartner im Rathaus – konterten postwendend, man brauche die Kapazitätssteigerung, die Doppeltraktion sei nötig – und die SPD nur schlechte Verlierer im Ortsbeirat.

Die Mainzer Haltestellen sind für die neue Citybahn aus Wiesbaden zu kurz, selbst die neu gebauten, warnt die Mainzer SPD – und spricht sich gegen Doppeltraktion-Züge aus. – Foto: gik

Die Citybahn ist ein Kernprojekt der Stadt Wiesbaden in ihrem Ziel, einen zu 100 Prozent emissionsfreien Nahverkehr zu erreichen. Schon 2022 sollen, so die Pläne der Wiesbadener, die ersten Bahnen über die Theodor-Heuss-Brücke rollen und Mainz und Wiesbaden verbinden. Doch ob das gelingt, wurde zuletzt immer unklarer – das Projekt stockt, der Gegenwind wächst. In Mainz war es bislang um die Citybahn vergleichsweise ruhig geblieben, nun aber prescht die Altstadt-SPD vor: „In die Mainzer Altstadt passen normale Straßenbahnen, aber keine 70 Meter langen Züge“, kritisierte nun Jürgen Hoffmann, Sprecher der SPD-Ortsbeiratsfraktion. Man wolle einen Straßenbahn-Ausbau „mit Maß“ – und eine Straßenbahn, die sich Mainz anpasse.

Auslöser für die Kritik waren offenbar Vorgänge im Ortsbeirat der Mainzer Altstadt. Ein SPD-Antrag zur Citybahn hatte dort keine Mehrheit gefunden, der SPD war das Thema aber zu wichtig, so machte sie ihre Kritik öffentlich. Die entzündet sich an den sogenannten Doppeltraktion-Zügen der Citybahn: Nach den Wiesbadener Plänen könnten die 70 Meter langen Doppelzüge gerade in Stoßzeiten bis zu 440 oder gar 480 Fahrgäste befördern und so enorme Kapazitätsvorsprünge vor Bussen erreichen, die 150 Fahrgäste befördern können.

Zum Vergleich: Die Mainzer Straßenbahnen sind in der Regel 30 Meter lang und können rund 175 Fahrgäste befördern. Die Wiesbadener Doppelzüge wären zwei mal 35 Meter lang, sie sollen dann rund 440 oder sogar 480 Fahrgäste transportieren können. Kritiker argwöhnen schon länger, die Kapazitäten der Citybahn seien zu optimistisch oder gar „zu schöngerechnet“ – erreichbar seien sie sowieso nur mit den 70 Meter langen Doppelzügen.

Für die von Wiesbaden geforderten 70 Meter langen Züge sei keine einzige Mainzer Haltestelle lang genug, warnt nun die Mainzer Altstadt-SPD, die Haltestellen müssten auf 80 bis 90 Meter Länge umgebaut, manche gar verlegt werden. „Dies gelte für zahlreiche Haltestellen, da die CityBahn nicht am Hauptbahnhof enden, sondern bis zur Hochschule und sinnvollerweise später auch in die Stadtteile weitergeführt werden solle“, betont Hoffmann. Sogar die Haltestellen der neuen Mainzelbahn müssten dann neugebaut werden, „solch unnötige Kosten und Baustellen könnte man keinem Bürger erklären.“

Ist die Citybahn zu lang für Mainz? Die Mainzer Straßenbahnen haben eine Länge von 30 Metern regulär. – Foto: Mainzer Mobilität

Die Forderung der Grünen, aus Platzmangel auf Haltestellen in der Altstadt zu verzichten, lehne man von Seiten der SPD klar ab, betonte zudem SPD-Stadtrat Andreas Behringer, und schimpfte: Bei der Diskussion im Ortsbeirat seien „Grüne ängstlich, CDU gespalten, der Rest uninformiert“ gewesen, und der grüne Ortsvorsteher habe geschwiegen. „Die CityBahn muss sich Mainz anpassen, nicht umgekehrt“, forderte Behringer. Wer Züge in die Altstadt „zwängen“ wolle, „hat aus dem Bibelturm-Desaster nichts gelernt.“

Die konterten prompt: „Im Gegensatz zur Verweigerungshaltung der SPD, kämpfen wir GRÜNE für saubere Luft in der Altstadt“, sagte Brian Huck, grüner Ortsvorsteher in der Altstadt. Die Grünen wollten „zukunftsfeste Alternativen anbieten, die auch in Stoßzeiten eine komfortable Fahrt ermöglichen.“ Eine neue Straßenbahntrasse werde für weniger Durchgangsverkehr durch die Altstadt sorgen, auch wäre es sinnvoll, über die Theodor-Heuss-Brücke mehr Menschen in weniger Fahrzeugen zu transportieren. Erst Mitte Januar hatte ein Beteiligungsworkshop eine Route über die Große Bleiche als beste Verbindung durch die Mainzer City empfohlen.

Mit der Großen Bleiche stehe zudem eine Strecke zur Diskussion, die eine gerade und direkte Verbindung vom Münsterplatz bis nach Mainz-Kastel und Biebrich biete. „Niemand plant, die Straßenbahn durch verwinkelte Altstadtgassen zu bauen“, sagte Huck. Wo es derzeit gar keine Straßenbahnhaltestellen gebe, „müssen neue gebaut werden, die der Nachfrage auf dieser hochfrequentierten Strecke gewachsen sind.“ Bislang steht der Vorschlag einer Citybahn-Trasse von der Brücke in direkter Linie durch die Gro0e Bleiche zum Bahnhof vor, Haltestellen sind entlang dieser Strecke bislang nur wenige geplant – die Rede ist von maximal zwei Haltestellen.

„Ich kann verstehen, dass es für die SPD gerade im Vorfeld des Kommunalwahlkampfs frustrierend ist, wenn ihr Antrag im Ortsbeirat keine Mehrheit gefunden hat“, schoss Huck zudem in Richtung SPD. Es sei aber „besser, man trägt dazu bei, dass die Citybahn überhaupt kommt, als mit Schreckensszenarien sie zu verhindern.“ Die Grünen seien in ihrer Haltung pro Straßenbahn und pro ÖPNV klar.

Die Citybahn auf der Großen Bleiche – bei dieser Visualisierung ist die Haltestelle am Landesmuseum aber bisher reine Fiktion. – Grafik: Citybahn GmbH

Pikant an der Sache: Huck tritt im Mai erneute als Ortsvorsteher-Kandidat der Grünen an, der SPD-Mann Behringer indes würde ihn gerne als Ortsvorsteher ablösen. Die Mainzer SPD hatte sich vor gut drei Wochen erstmals vorsichtig-kritisch zur Citybahn geäußert: Man wolle die Chancen der Bahn „noch besser ausloten“, sagte SPD-Chef Marc Bleicher. Zugleich betonte er, für die Mainzer SPD habe sich in den vergangenen Wochen „allerdings herauskristallisiert, dass die City-Bahn nach Mainz nur ohne die sogenannte Doppeltraktion passe.“ Die SPD begleite das Projekt positiv, wolle aber „die Verträglichkeit mit den Gegebenheiten in der Mainzer Innenstadt und die Akzeptanz in der Bevölkerung nicht gefährden.“

Die Grünen hingegen stellten sich Ende Januar voll hinter das Projekt Citybahn  – und sprachen sich dabei auch klar für die Doppeltraktion-Züge aus: „Wir brauchen eine deutliche Kapazitätserhöhung im ÖPNV“, Doppelbahnen seien nicht nur sinnvoll, sondern auch nötig, sagte Grünen-Fraktionschefin Sylvia Köbler-Gross, Grünen-Spitzenkandidatin für die Kommunalwahl.  Planungen für solche Projekte seien Planungen für die nächsten 50 Jahre und müssen deshalb steigende Bedarfe berücksichtigen. Ohne ÖPNV würde die Theodor-Heuss-Brücke schon heute verkehrlich kollabieren, in einer eng verflochtenen Metropolregion würden zukünftig aber noch mehr Menschen die Brücken queren wollen und müssen. „Hier ist die Citybahn mit 440 Passagieren pro Fahrt in Doppeltraktion ein entscheidender Baustein, damit die Innenstadt nicht im Stau erstickt“, sagte Köbler-Gross. Die Chance der Citybahn dürfe man „nicht durch Mutlosigkeit und Kleingeistigkeit verschenken.“

„Die CityBahn-Träume der Grünen erinnern an überdimensionierte Industriepolitik vergangener Jahrzehnte“, schimpfte hingegen Behringer. Verkehrsdezernentin Eder müsse endlich anfangen, die Interessen der Mainzer gegenüber den Wiesbadenern zu vertreten.

Info& auf Mainz&: Mehr zu den Planungen rund um die Citybahn findet Ihr ausführlich hier bei Mainz&, die Kritik an den Langzügen gibt es schon länger – mehr dazu findet Ihr hier bei Mainz&.

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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