Universitätsmedizin Mainz tief in roten Zahlen: Minus von 26,1 Millionen Euro – Personal, Rückstellungen, Strukturdefizite

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Die Universitätsmedizin Mainz steckt tief in Finanzproblemen: 2016 machte das einzige Uniklinikum von Rheinland-Pfalz ein Minus von 26,1 Millionen Euro, im Vorjahr waren es noch 6,2 Millionen Euro Minus gewesen. Die Gründe sind offenbar vielfältig: Höhere Instandhaltungskosten als erwartet, gestiegene Personalkosten, teure Spezialbehandlungen sowie Rückstellungen wegen Streitigkeiten über Abrechnungen schlugen negativ zu Buche. Auch von „systembedingten Defiziten in der Notfallversorgung und in den Hochschulambulanzen“ sowie Zinsen für laufende Betriebsmittelkredite nannte das Klinikum bei der Vorstellung seiner Jahresbilanz. Damit steckt die Universitätsmedizin tiefer in den roten Zahlen als je zuvor – kein gutes Zeichen.

Spitzenmedizin in der Mainzer Universitätsklinik – das Klinikum rutschte 2016 aber tief in die roten Zahlen. – Foto: Unimedizin Mainz

Und dabei war man 2016 noch voller Optimismus gewesen: Von einem sinkenden Defizit war die Rede gewesen, von Investitionen in neue Forschungszentren und eine verstärkte Konzentration auf Hochleistungsmedizin, die mehr Einnahmen bringen sollte. Von einem Strategiekonzept und einem Bau-Masterplan schwärmte Wissenschafts-Staatssekretär und Aufsichtsratschef Salvatore Barbaro vor einem Jahr – in diesem Jahr äußerte sich der Chef aus der Landesregierung deutlich schmallippiger: Barbaro sprach in der verbreiteten Pressemitteilung lediglich von „einer Reihe von Maßnahmen“, die in Mainz gegen das Defizit ergriffen werden sollten – welche genau, darüber schwieg sich die Pressemitteilung aus.

Stattdessen forderte Barbaro mehr Engagement vom Bund: Die Universitätsmedizin müsse als Einrichtung der Maximalversorgung viele Funktionen eines Stadtkrankenhauses übernehmen, jedoch mit dem Aufwand eines Maximalversorgers im Rücken. Die dadurch entstehenden Kosten würden aus der Krankenversorgung nicht gedeckt, sagte Barbaro, das Land könne für dieses Defizit aber nicht aufkommen – gefragt seien „gesundheitspolitische Weichenstellungen“ in Berlin. Wissenschaftsminister Konrad Wolf (SPD) wiederum verwies auf das Investitionspaket des Landes, mit dem die Universitätsmedizin unterstützt werde.

Die Uniklinik selbst spricht von „Sondereffekten“, die das massive Defizit ausgelöst hätten – und das, obwohl mehr Patienten denn je zuvor behandelt wurden. Die Zahl der stationären Patienten stieg demnach 2016 auf 68.090, im Jahr zuvor waren es noch 65.361 gewesen. Dazu wurden in den Hochschulambulanzen im vergangenen Jahr 94.311 Patienten versorgt, eine deutliche Steigerung gegenüber den rund 88.727 Patienten im Jahr 2015. Nach wie vor wurden davon nur 83.000 Fälle durch die gesetzlichen Krankenkassen finanziert – ein Grund für das anhaltende Minus. Dazu kam, dass die Klinik weiter steigenden Zuspruch durch ambulante Patienten mit besonders schweren und komplexen sowie seltenen Erkrankungen hat. Die Abrechnung verschiedener hochspezialisierter Leistungen oder seltener Erkrankungen stieg so von 25.640 ambulanten Fällen in 2015 auf 27.460 Fälle in 2016 an.

So stiegen denn auch die Erlöse des Klinikums aus Krankenhausleistungen weiter an: Von 374 Millionen Euro in 2015 auf rund 390 Millionen Euro in 2016, das entsprach einer Steigerung um 4,3 Prozent. Der Case-Mix-Index, ein Maß für den Schweregrad der erfolgten Behandlungen, sei mit 1,46 nahezu unverändert  geblieben (2015: 1,47). Doch die gestiegene Zahl der Patienten machte auch Neueinstellungen beim Personal nötig, so wurden 2016 im Durchschnitt 82 Vollkräfte mehr beschäftigt als im Jahr zuvor – vornehmlich im patientennahen Bereich. Waren 2015 noch 5.566 Vollkräfte im Einsatz, so stieg ihre Zahl in 2016 auf 5.648 Vollkräfte. Die Zahl der Mitarbeiter lag damit in 2016 im Jahresschnitt bei 7.801 zu 7.674 in 2015.

Lange Gesichter bei der Bilanzpressekonferenz der Unimedizin Mainz am Dienstag: Vorstandsvorsitzender Norbert Pfeiffer (links) und Aufsichtsratschef Salvatore Barbaro (rechts). – Foto: Peter Pulkowski, Unimedizin

In der Folge stiegen die Personalkosten der Universitätsmedizin deutlich an, auch weil Tarifsteigerungen höhere Gehälter nach sich zogen. Auch mussten für neue Gebäude mehr Reinigungskräfte engagiert werden. Doch auch andere Posten schlugen  negativ zu Buche: Bei den Instandhaltungen hätten sich unvorhersehbare Mehrausgaben in Höhe von 1,7 Millionen Euro ergeben, heißt es in der Bilanz weiter. Im Rahmen einer Schwerpunktprüfung seien „langjährige Forderungen und Verbindlichkeiten korrigiert“ worden, das habe zu einem Fehlbetrag von rund fünf Millionen Euro geführt. Zudem musste die Universitätsmedizin eine Rücklage von acht Millionen Euro bilden, weil man sich mit einem langjährigen Kooperationspartner sowie mit einigen Kostenträgern über die Vergütung streitet – es drohen Rückforderungen.

Dazu brachen der Unimedizin Drittmittelgelder weg: 2016 warb die Universitätsmedizin Drittmittel in Höhe von etwa 45,8 Millionen Euro ein, das war aber ein Rückgang von 4,8 Millionen Euro gegenüber 2015. Und allein die Zinsbelastung für laufende Betriebsmittelkredite beträgt etwa 450.000 Euro – eine Folge des bereits seit Jahren andauernden Defizits der Klinik. Die speisen sich vor allem auch aus „systembedingten Defiziten in der Notfallversorgung und in den Hochschulambulanzen“, heißt es weiter: So sei alleine die internistische Notaufnahme im vergangenen Jahr mit 3,4 Millionen Euro defizitär gewesen, bei den Hochschulambulanzen seien es eine Million Euro Minus – der Grund: nicht ausreichende Fallvergütungen. Aus den tatsächlich anfallenden Kosten entstehe eine weitere Belastung von mehreren Millionen Euro – gerade bei den besonders aufwendigen und teuren Behandlungen könne es zu einer geschätzten Unterdeckung von bis zu 100.000 Euro pro Patient kommen

Die Mainzer Uniklinik ist ein Großbetrieb aus 60 verschiedenen Kliniken. – Fotos: Jahresbericht Universitätsmedizin 2015

„Wir waren im Jahr 2016 mit einer ganzen Reihe von Herausforderungen konfrontiert, die sich negativ in unserem Jahresergebnis niedergeschlagen haben“, räumte denn auch der Medizinische Vorstand Norbert Pfeiffer ein. Im Rahmen der neuen strategischen Ausrichtung erarbeite man derzeit einen Maßnahmenkatalog, um Projekte „zu priorisieren und anzustoßen.“ So solle etwa das Problem der über das Gelände verteilten Notaufnahmen mit einem neuen Zentralgebäude gelöst werden. Als Beispiel für ein gelungenes Umsteuern nannte Pfeiffer die ambulante Medizin: Mit dem neuen Sozialpädiatrischen Zentrum sei es nun möglich, ambulante Patientenfälle in der Kinder- und Jugendmedizin auf einer angemessen Grundlage abzurechnen und somit die Erlöse in diesem Bereich zu steigern.

Die finanzielle Lage bleibe angespannt, man werde das Defizit nun „Stück für Stück abarbeiten“, sagte auch Elke Frank, Kaufmännischer Vorstand der Universitätsmedizin Mainz. Die Uniklinik bringe gerade „zahlreiche Maßnahmen auf den Weg, um unsere Erlöse weiter zu steigern und die Kosteneffizienz zu erhöhen“, das werde schrittweise über mehrere Jahre geschehen. „Wir haben nicht die eine große Stellschraube, an der wir drehen können“, sagte Frank.

2016 habe es aber auch zahlreiche Erfolge gegeben, betonte die Unimedizin zudem: In der Onkologie gelang die Auszeichnung als Onkologisches Spitzenzentrum, ein hochmoderner Neubau für die Rhythmologie wurde bezogen, und es gelang die erste Kunstherz-Implantation in Mainz. Das Herzzentrum Mainz wurde gegründet, die Rudolf Frey Lernklinik eröffnet und in den Neurowissenschaften ein neuer Sonderforschungsbereich zur Resilienz eingeworben. Für Projekte zu neuen Versorgungsformen in den Bereichen Orthopädie, Rheumatologie, Lebererkrankungen und Arzneimittelsicherheit bei Kindern fließen zudem künftig zehn Millionen Euro der bundesweit 225 Millionen Euro Fördergelder nach Mainz. Besonders stolz ist man auf ein weiteres Großereignis: Der Tag der offenen Tür am 3. Juli 2017 lockte mehrere tausend interessierte Besucher an.

Info& auf Mainz&: Zum Vergleich: Unseren Bericht vom Jahresergebnis 2015 findet Ihr hier bei Mainz&. Die Jahresberichte der Universitätsmedizin Mainz aus den Vorjahren findet Ihr hier im Internet, die Startseite des Klinikums findet Ihr genau hier.

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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