„Wenn jemand am Telefon Geld verlangt – auflegen!“ – Anrufe durch falsche Polizeibeamte haben dramatisch zugenommen – Polizei warnt vor Betrugsmasche

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Schon im Dezember 2017 warnte das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz massiv vor Betrügern, die sich am Telefon für Polizeibeamte ausgeben und Geld und Wertsachen erbeuten wollen, nun erneuerten die Ermittler noch einmal ganz deutlich ihre Warnungen: Anrufe falscher Polizeibeamter haben seit 2017 dramatisch zugenommen. Der Raum Mainz ist besonders betroffen, sieben versuche gab es hier allein in der vergangenen Woche – einer davon war erfolgreich: mehrere tausend Euro erbeuteten die Betrüger. Die Täter sind hochprofessionell agierende Banden, deren Drahtzieher im Ausland sitzen, die Opfer fast immer alleinstehende Senioren zwischen 70 und 80 Jahren. Und die werden am Telefon massiv eingeschüchtert, in Angst versetzt und unter Druck gesetzt. Dabei gibt es eine einfache Gegenstrategie: „Wenn jemand am Telefon – egal mit welcher Story – Geld verlangt: Auflegen“, sagt Gerhard Jost von der Kriminalinspektion Kaiserslautern: „Die echte Polizei holt kein Geld bei Ihnen ab, und sie ruft auch niemals von einer Rufnummer mit der 110 an.“

Betrüger geben sich am Telefon derzeit wieder verstärkt als Polizeibeamte aus und versuchen so, an Geld und Wertgegenstände von Senioren zu kommen. – Foto: Polizei Mainz

Der Mann am Telefon ist sehr entschieden und wortgewandt. Ein Einbrecher sei in der Nachbarschaft festgenommen worden, auf der bei ihm gefundenen Liste stehe auch der Name der Seniorin, ein Einbruch drohe – die Polizei werde gleich kommen, und die Wertsachen in Gewahrsam nehmen, zur Sicherheit natürlich. Mit gezielten Fragen erkunden die Betrüger am Telefon das Umfeld, suggerieren, sie seien Polizeibeamte, bringen schnell in Erfahrung: Lebt das Opfer allein? Hat es Geld oder Wertsachen im Haus? „Da fallen Sätze wie: Gehen Sie jetzt bitte zum Safe, nehmen Sie das Geld heraus und zählen Sie es“, berichtet Jost, so erkundeten die Täter den Umfang der Beute. „Ältere Menschen haben mehr Vertrauen in Behörden und Polizei, das nutzen die Täter gezielt aus“, sagt Jost. Alleinstehende wiederum könnten sich nicht mal eben beim Partner rückversichern und so wieder zur Besinnung kommen – die Betrüger verstrickten ihre Opfer regelrecht in die Betrugsgeschichte.

1.811 solcher Anrufsfälle zählte das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz allein schon in diesem Jahr bis zum 21. Juni, damit gibt es schon jetzt praktisch doppelt so viele dieser Betrugsanrufe wie im Vorjahr: 2017 waren es 1.584 im gesamten Jahr. In 27 Fällen waren die Täter in diesem Jahr bereits erfolgreich: die Geschädigten übergaben ihnen Wertsachen oder hohe Geldbeträge, entweder direkt an der Haustür, in manchen Fällen sogar in Beuteln am Gartenzaun. 1,5 Millionen Euro wurden so schon in diesem Jahr erbeutet. Die höchste Beutesumme, abgeschöpft in 2017, betrug 350.000 Euro. Für die Opfer ist der Verlust dramatisch: „Die Ersparnisse eines ganzen Lebens werden herausgegeben“, warnt Jost. Und die Zahl der Opfer steige.

„Es handelt sich um einen besonders schweren Fall des Diebstahls und des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs“, stellt Ralf Durben. Leiter der Kriminalinspektion Wittlich, klar. Dahinter steckten hochprofessionelle Banden, in Wittlich konnten sie kürzlich eine solche Bande enttarnen: Die Drahtzieher saßen in Callcentern in der Türkei, von dort telefonierten Männer, die ein akzentfreies Hochdeutsch sprechen, Listen in Deutschland ab. Zielgruppe seien Senioren zwischen 70 und 80 Jahren, die allein lebten, oft würden Menschen mit altdeutschen Namen in kleineren Orten herausgefiltert, berichtet Durben.

Tatort Telefon: Wenn jemand von Euch am Telefon Geld will, den Ihr nicht kennt – auflegen! – Foto: gik

Besonders perfide: Mithilfe kleiner technischer Hilfsprogramme – „Spoofing“ – manipulieren die Anrufer die Telefonleitung so, dass beim Angerufenen eine Nummer mit der „110“ im Display erscheint. „Die Opfer glauben, das sei die echte Polizei mit der 110“, sagt Jost, auch würden im Hintergrund scheinbar Funkgespräche und eine Stimmkulisse wie auf einer Wache eingespielt. Dabei benutze die Polizei niemals den Notruf „110“, um selbst Anrufe zu tätigen, warnt Jost: „Das ist niemals die echte Polizei!“

Die echte Polizei frage auch niemals am Telefon nach Geld oder Wertsachen, warnen die Ermittler, schon gar nicht verlange sie, dass man ihnen dieselben übergebe. Doch genau das tun die Anrufer: Es gebe eine Einbruchsserie,  werde da suggeriert, die „Polizei“ befürchte nun, dass bei den Senioren eingebrochen werde, deshalb müsse man sich um die Wertsachen der Senioren „kümmern“. Oft folge jetzt das Angebot vorbeizukommen, um die Wertsachen in Empfang zu nehmen und sicher aufzubewahren, solange die vermeintlichen Täter noch aktiv seien, warnt das Landeskriminalamt. Wenig später erscheine dann ein Täter an der Wohnanschrift des Opfers, weise sich durch das Vorzeigen eines gefälschten Polizeiausweises aus und bitte darum, ihm jetzt das Bargeld und die Wertsachen auszuhändigen. Als Variante suggerierten die Anrufer, das Geld des Opfers sei auch auf der Bank nicht sicher, dort gebe es „Maulwürfe“, man müsse das Geld schnellstmöglich abholen.

Wenn Euch etwas komisch vorkommt: auflegen vor die Tür gehen, andere Menschen fragen – und die Polizei anrufen! – Foto: Polizei Mainz

„Die Opfer halten sich für dumm oder einfältig, das sind sie aber nicht“, betont Experte Jost: Die Täter seien hochgeschult und hätten auf alles eine Antwort, die Opfer würden so lange getriezt, bis die so in der Geschichte gefangen seien, dass sie kooperierten. „Arbeiten Sie mit uns zusammen, übergeben Sie uns das Geld!“ – so werde Druck aufgebaut. Frage das Opfer kritisch nach, werde das Opfer unter Druck gesetzt, den Anforderungen unverzüglich nachzukommen und über das Geschehen stillzuschweigen, so dass angeblich laufende Ermittlungen nicht behindert würden. Habe das Opfer eingewilligt, werde es zudem erneut mit Anrufen bombardiert, bis zu einhundert Stück könnten das sein, sagt Jost. Das Ziel: das Opfer nicht zum Nachdenken kommen lassen, es zu beschäftigen, bis die Abholer einträfen. „Die Opfer werden überrumpelt, eingeschüchtert, manchmal auch bedroht, sagt Jost. Am Ende seien die Opfer so gefangen in der Geschichte, dass keine Zweifel mehr aufkämen.

Die Experten raten deshalb unter allen Umständen: Wenn irgendjemand am Telefon plötzlich Geld verlangt, egal mit welcher Geschichte, egal wie glaubhaft – sofort auflegen. Das sei keineswegs unhöflich, sondern vielmehr sehr klug. „Grundsätzlich gilt: immer nachdenken“, betont Jost: „Die Polizei holt kein Geld bei Ihnen ab, die Polizei bittet Sie auch nicht, mit eigenem Geld eine Falle zu stellen.“ Schon gar nicht lasse sich die echte Polizei Geld einfach durchs Fenster zuwerfen oder am Gartenzaun deponieren – auch das sei schon geschehen. „Lassen Sie sich immer Dienstmarke und Ausweis zeigen“, rät Jost, gerade auch wenn jemand vor der Tür stehe.

„Wenn Sie nicht sicher sind, ob da echte Polizei bei Ihnen vor der Tür steht, machen Sie die Tür zu und rufen Sie uns an“, rät der Präventionsexperte des LKA, Michael Krausch: „Wir finden das nicht unhöflich.“ Sich bei der richtigen Polizei rückzuversichern, „haben Sie mir gerade Kollegen geschickt?“, sei vielmehr sehr klug, falsche Polizeibeamte seien dann meist sehr schnell „über die Berge“. Überhaupt bittet das LKA um Mithilfe, um den betrügerischen Banden das Handwerk zu legen: Hatte man einen solchen Anruf, sollte man erst auflegen und dann die richtige Polizei informieren – aber bloß nicht mit der Rückruftaste am Telefon. Mit der könne man direkt wieder bei den Betrügern landen, warnt Krausch: „Wählen Sie aktiv die 110 neu, dann kommen Sie bei der echten Polizei heraus.“

In jedem Fall gilt: Anzeige erstatten, egal ob man Opfer wurde oder es „nur“ ein Anrufversuch war, damit die Ermittler die Täter verfolgen können. Unbedingt misstrauisch sein, gerade wenn es um Geld geht. Und vor allem gelte als oberste Regel, sagt Krausch: „Übergeben Sie niemals Geld an Unbekannte!“

Info& auf Mainz&: Wegen der stark gestiegenen Fälle hat das LKA Rheinland-Pfalz seine Informationskampagne zum Thema falsche Polizeibeamte noch einmal verstärkt. Unter www.polizei-beratung.de findet Ihr Informationsmaterial zum Thema, bei der rheinland-pfälzischen Polizei zudem eine praktische Infokarte zum Aufstellen, die man sich nehemn das Telefon stellen kann – als Erinnerung daran, Betrügern nicht zu trauen. Wo genau Ihr die Klappkarte bestellen könnt, konnten wir leider auf der Internetseite nicht herausfinden, wir hoffen mal, das kommt noch. In jedem Fall sollten die Seniorensicherheitsberater in Eurem Stadtteil Bescheid wissen – mehr zu denen findet Ihr hier. Noch mehr Informationen  zu den falschen Polizeibeamten lest Ihr hier bei Mainz&. Bitte klärt auch Eure Umgebung und Senioren in der Nachbarschaft über die Betrugsmasche auf!

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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