„Wenn wir gut sind, sieht man uns nicht“ – Büttenschieber, Mikrofonträger, Regisseur, Hunderte heimliche Helfer tragen die Mainzer Fastnacht

Alles&, Narretei & andere Mainzer Spezialitäten 0 614

Wenn sich heute im Mainzer Schloss bei „Mainz bleibt Mainz“ alle Augen auf die Stars der Fernsehfastnacht richten, sind sie nicht zu sehen: die Büttenschieber und Requisitenbereitsteller, die Getränkehostessen und die Mikrofonträger. Seit Wochen tummeln sich Hunderte von Menschen jedes Wochenende in Mainz hinter Kulissen und Technikpulten, fahren Blumen oder reißen Eintrittskarten ab, organisieren Brötchen, Orden und das Bier. Applaus kriegen sie selten, und doch bliebe ohne sie die Bühne dunkel und stumm. Mainz& wollte wissen: Wie geht es hinter den Kulissen einer Fastnachtssitzung zu? Wer sind die heimlichen Helfer der Mainzer Fastnacht? Der Gonsenheimer Carnevals-Verein (GCV) hat uns ins Gedränge zwischen Maske, Requisite und Bühnenaufgang mitgenommen.

Der Gang hinter der großen Fastnachtsbühne: Beim GCV geht es hinter dem Vorhang familiär zu. – Foto: gik

„Diese Ecke hat schon viel gesehen“, sagt Stephan Schuth: Guddi Gutenberg stand hier schon und Herbert Bonewitz, Tobias Mann und Aca & Pella. Eben tigert Michael Emrich im engen Gang auf und ab, der Altmeister der Mainzer Fastnacht ist doch tatsächlich noch vor jedem Auftritt nervös. „Das muss so“, sagt Protokoller Erhard Grom, ebenfalls nicht gerade die Ruhe in Person, „man muss richtig angespannt sein, sonst wird das nix.“ Wir stehen in einem engen und sehr prosaischen Gang zwischen hohen Holzpanelen, kaum zwei Personen breit. Auf der anderen Seite der Wand: der Komiteetisch und die Bühne, ein Eigenbau. Jedes Jahr verwandelt das Bauteam des GCV die große Gonsenheimer Turnhalle in eine Narhalla mit Bühne, Gängen und Technikraum.

Links vom Gang eine niedrige Nische. Ein Schwebebalken steht da, und ein paar Fußballtore, daneben haben die Damen von der Maske drei winzige Tische geklemmt. Das Ballett wird schon mal geschminkt, dabei sind die Mädels erst in ein paar Stunden an der Reihe. „Hier ist immer ordentlich was los hinter der Bühne“, erklärt Schuth, Vorstandsmitglied beim GCV: „60 bis 70 Leute turnen hier den Abend über schon rum.“

Der GCV gehört zu den vier große Fastnachtsvereinen in Mainz, wer hier auftritt, gehört zur Crème der Mainzer Fastnachtsszene, hat sogar Chancen auf die Fernsehfastnacht. „Der Werner ist der wichtigste Mann hier“, sagt Schuth, „egal ob Ballettmädchen oder Rednerstar – beim Werner sind alle gleich.“

GCV-Sitzung läuft, Protokoller Erhard Grom lugt nervös durch den Vorhang auf die Bühne in der Gonsenheimer Turnhalle. – Foto: gik

Werner Weyreuther ist der Herrscher über die drei großen Kühlschränke und über den Provianttisch hinter der Bühne. Der 76-Jährige hat heute Geburtstag, trotzdem steht er hier in dem winzigen Kabuff und spült Gläser und sorgt sich, dass nichts fehlt. Wenn der Vortrag mal schief geht, ein Redner patzt, Werner hat immer eine hilfreiche Schulter. Klar stehe er hier hinter der Bühne, wo denn sonst, sagt der Jubilar fest: „Wir sind doch eine Familie hier.“

Noch ist der Vorhang zu, auf dem Komiteetisch legen sie jetzt die Sträuße zurecht. Unter dem Platz des Sitzungspräsidenten steht doch tatsächlich eine Thermoskanne, nanu? „Ich trinke heute Abend Tee“, sagt Sebastian Grom, der Mann an der Schelle kämpft gegen eine Erkältung an. Die Kampagne ist lang, acht Sitzungen veranstaltet allein der GCV. Draußen sammelt sich die Füsiliergarde, gleich ist Einmarsch. „Wo ist das Gebläse?“ fragt das „Einhorn“, Andreas Müller ist gleich beim Eröffnungsspiel mit dabei – danach wird er für den Rest des Abends Bütt und Zubehör auf die Bühne bringen, schnell, diskret und präzise.

Die Büttenschieber und Mikrofonträger vom Bühnenteam des GCV in Aktion. – Foto: gik

Elf Mann sind sie beim Team hinter der Bühne, jeder weiß hier genau, was wann passieren muss. „Es gibt vor allem eine Regel“, sagt Niklas Hohmann: „Wer was rausbringt, holt es auch wieder rein.“ Seit 15 Jahren schon ist er Mitglied des Bühnenteams beim GCV, mit 15 fing er damit an. „Wir bekommen viel Dank und Anerkennung“, sagt er stolz: „Die Aktiven wissen, sie können sich zu 100 Prozent auf uns verlassen, das vermittelt Sicherheit.“

19.23 Uhr, der Einmarsch ist im vollen Gange. Das winzige Treppenhaus dröhnt von den Trommeln der Garde, das Komitee hat Platz genommen. Regisseur Uli Jörg Hofmann beobachtet aufmerksam Bühne, Saal und Fernseher. Ein Saallicht hinten will nicht ausgehen, per Funk kommuniziert Hofmann mit dem Technikpult hinten im Saal. Letztes Jahr fiel mal die gesamte Lichtanlage aus, da war schnelles Agieren angesagt. „Unser Team ist so gut aufgestellt“, sagt Hofmann gelassen, „wir haben Elektriker und Ingenieure, da ist für jede Eventualität was dabei.“

Gut gelauntes GCV-Bühnenteam (von links): Patrick Hellmold, Andreas Müller, Frank Becker, Regisseur Uli Hofmann und Dennis Rosskopp. – Foto: gik

Hofmann lenkt die GCV-Sitzungen nun schon in seiner 10. Kampagne als Regisseur, im richtigen Leben ist der Diplom-Geograph Projektmanager. „Da ich nicht singen kann und Schreiben auch nicht mein Ding ist, mache ich das hier“, sagt Hofmann: „Die Orga, das ist mein Ding.“ Dutzende, Hunderte dieser Helfer hinter den Kulissen gibt es in der Mainzer Fastnacht. Ohne sie würde keine Sitzung stattfinden, kein Scheinwerferlicht erstrahlen, kein Zuschauer seinen Platz finden.

Wilfried Hellmold steht schon mittags um 14.00 Uhr in der Turnhalle. Die Tische müssen gerichtet werden, das Kartenteam klebt die Nummern auf die Sitzplätze, ordnet Deckchen, legt Programme aus. „Wir holen die Blumensträuße ab und die Präsente für die Aktiven“, erzählt Hellmold, „wir lotsen die Leute am Abend zu ihren Tischen und sagen dem Sitzungspräsidenten, welche Ehrengäste im Saal sind.“ Speditionskaufmann war Hellmold bis zur Rente, nun ist er Teil des sechsköpfigen Einlassteams. Da erlebe man so einiges, sagt Hellmold, einmal mussten sie sogar jemanden abweisen, der mit einer echten Axt in den Saal wollte.

Maske neben Schwebebalken und Fußballtor: Der Raum hinter der Bühne beim GCV ist eng. – Foto: gik

Beim Bühnenteam erlauben sie sich schon mal den einen oder anderen Streich. „Dem Betz haben wir bei der letzten Sitzung mal Gurkenwasser hingestellt“, erzählt Ohler mit einem Grinsen, „und dem Christoph Seib mal eine Schnabeltasse.“ Das beste Team der Stadt seien sie, sagen sie stolz, der GCV stellt deshalb auch das Regie- und Bühnenteam bei „Mainz bleibt Mainz“ hinter den Kulissen. „Da musst Du auf Kommando raus“, erzählt Jens Ohler, die stoppen richtig die Zeit, geben Dir ein Zeichen, wenn die Kamera woanders ist.“ Vor drei, vier Jahren klappte das Timing einmal nicht, Andreas Müller verbrachte den halben Vortrag von Lars Reichow genau hinter dessen großer Kulissenwand, mucksmäuschenstill, bis er davonhuschen konnte. „Wenn wir gut sind“, sagt Ohler, „dann sieht man uns nicht.“

Info& auf Mainz&: Mehr zur Fernsehfastnacht „Mainz bleibt Mainz“ lest Ihr hier bei Mainz&, unseren Bericht von der Sitzung des GCV im Jahr 2019 gibt es genau hier. Und ganz aktuell erreicht uns gerade noch das Bild hier: das komplette Bühnenteam vom GCV bei „Mainz bleibt Mainz“ 2019!

Bühnenteam des GCV bei Mainz bleibt Mainz 2019 – Foto: GCV

 

 

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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