„Wir Gunsenumer sind die scheenste Leit“ – GCV und Eiskalte Brüder feiern erstmals gemeinsame Sitzung

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Es ist im Jahr 1961, und der Gonsenheimer Carneval-Verein (GCV) und die Eiskalten Brüder sind sich spinnefeind. Man beharkt sich, beschimpft sich – und kämpft um Sitzungstermine. Da bleibt dem Ortsvorsteher nur, Freundschaft zu befehlen: „Spätestens 2018 muss dieser Freundschaftsprozess mit einer großen Sitzung gefeiert werden!“ Gesagt, getan: Zur großen Gemeinschaftssitzung trafen sich am Samstag die beiden närrischen Schwergewichte GCV und Eiskalte Brüder, und die Rheingoldhalle hatte nicht genügend Plätze, alle aufzunehmen, die dabei sein wollten. 2.500 Besucher durften schließlich eine Sitzung voller Höhepunkte genießen nach dem Motto: „Geteilte Freude ist doppelte Freude.“

Gemeinsame Sitzung, gemeinsames Logo – und ansonsten alles im Doppelpack: GCV und Eiskalte Brüder feiern erste Gemeinschaftssitzung in der Rheingoldhalle. – Foto: gik

Der Anlass: die Eiskalten Brüder werden in dieser Kampagne 125 Jahre alt. Dass sie damit ein Jahr jünger sind als der Nachbarverein GCV, wird wohl immer ein Stachel im Fleisch der „Eiskalten“ bleiben. Dabei hat sich der einst als eher rustikal-bäuerlicher Gegenverein zum bürgerlichen GCV längst von der Konkurrenz des Nachbarvereins freigeschwommen und spätestens mit der 1962 gestarteten Sitzung „Alt Gunsenum“ ein echtes Highlight der Mainzer Narrenszene ins Leben gerufen.

Mit dieser Gründung – und dem daraus resultierenden Streit – ging denn auch das Vorspiel zur ersten Gemeinschaftssitzung der beiden Vereine los. „Neandertaler“, „Haufen Mist“, da flogen die Schimpfworte nur so durch die Wirtsstube, und der Friedensbefehl des Ortsvorstehers wird kommentiert mit den Worten: „Bevor das wirklich wahr ist, wird eine Frau Bundeskanzlerin und Mainz spielt eine Klasse über Kaiserslautern!“

Toller Auftakt mit Paco und Paco. – Foto: gik

Nun, da wären wir also: Eine Frau ist seit zwölf Jahren Bundeskanzlerin, Mainz 05 spielt (noch) in der Liga über dem 1. FC Kaiserslautern – und GCV und Eiskalte feiern gemeinsam Fastnacht. „Früher war’n die unverträglich, heute ist ja alles möglich“, reimt da flugs Sitzungspräsident Nummer eins, der „Eiskalte“ Andreas Schmitt zum Auftakt: „Gemeinschaftssitzung, das ist stark, das trifft die Alten bis ins Mark. So lassen wir im Narrenhaus, gemeinsam hier die Wutz eraus.“

Und genau das taten Eiskalte und GCV dann in den kommenden sechseinhalb Stunden. „Verdammt, ich lieb‘ dich“, sangen Paco und Paco gleich mal zum Auftakt, mit ihrer herrlich närrischen Hommage ans Bier vollbrachten sie das Kunststück, den eiskalten Saal gleich zu Anfang zum Kochen zu bringen. „Komm mit ins Allnaturaland und ignorier‘ die Preise“, sangen die beiden Lehrer Gerhard und Christian Carra süffisant, eine herrlich gesungene Glosse über vegane Verirrungszeiten. Der verdiente Lohn: gleich die ersten Standing Ovations und Zugabe-Rufe.

Doppeltes Protokoll mit Andreas Keim und Erhard Grom. – Foto: gik

In der Folge sah die Rheingoldhalle doppelt: zwei Sitzungspräsidenten, zwei Sitzungen, zwei Protokolle. „Hinter mir ich doppelt seh'“, spottet der Eiskalte-Prokoller Andreas Keim – denn auch das Komitee war doppelt vertreten: 22 Komiteeter saßen der Sitzung vor, gut, dass die Bühne der Rheingoldhalle so lang ist… No GroKo, no KoKo, no Jamaika – Keim nimmt die Politik aufs Korn, rappt gar und singt und übergibt dann an GCV-Protokoller Erhard Grom. Der Meister hängt sein furioses Protokoll von dieser Saison einfach hinten dran, und das in voller Länge. Ein wenig mehr Gemeinsamkeit hätte da gut getan, aber es war ja auch die erste Gemeinschaftssitzung 😉

Richtig gut klappt dagegen schon das Zusammenspiel der beiden Sitzungspräsidenten: Andreas Schmitt (Eiskalte) und Sebastian Grom (GCV) teilen sich einträchtig Schelle und Mikrofon, und der große Sitzungspräsident Schmitt zollt dem wesentlich jüngeren Kollegen zwischendurch sichtlich Anerkennung. Vor allem, als Grom am Ende deutlich eine Lanze bricht für die Meinungsfreiheit aus der Narrenbütt – aber dazu später mehr.

Erst einmal folgt ein munteres Wechselspiel an Fastnachtsnummern aus den Sitzungen von GCV und Eiskalten Brüdern. „Katrin, bau mir en Baustell“‚ singen die Bockius-Brüder, woraufhin sich die „Eiskalte“ Sabine Pelz einer anderen Großbaustelle widmet: Von den „Schicksalsjahren eines Rathauses“ berichtet die Chefhostess. „Unser Rathaus wurde erbaut im Stil des klassischen Depressionismus“, erklärt die Pelz und geht auf große Narrenführung durchs Beamtengefängnis, Warnung inklusive: „Wenn wir jetzt nichts mache, kommen noch die Leichen aus dem Keller.“ Wenn es je Zeit für die Rückkehr einer Frau auf die Fernsehbühne war, dann mit diesem Vortrag.

Eiskalte Eisbären tauen Elvis auf… – Foto: gik

Der GCV schickt dagegen „Schiffsschaukelbremser“ Hans-Peter Betz ins Rennen und den großartigen Werner Renkes. Dessen feinsinnige Polit-Witze brauchen zwar zu Beginn etwas länger, um im Saal zu zünden, dann aber gibt es stehende Ovationen. Überhaupt zeigen die Gunsenumer, dass man die Rheingoldhalle sehr wohl zum Kochen bringen kann: Dafür sorgen nicht zuletzt die beiden Balletts, das GCV-Ballett mit seiner schmissigen Disco-Nummer und die Tanzgruppe Fantasy, die wieder einmal grandiose Bilder rund um Feen, Elfen und den ewigen Kampf Gut gegen Böse auf die Bühne zaubert. Sonderaktionen allerdings gibt es nur ein einziges Mal: Der GCV hat sein Backesgarde-Trio fürs Jubiläum reaktiviert, und die drei Alten gratulieren ganz passend mit der Hymne des Abends: „Mir Gunsenumer sind die scheenste Leut“ schallt es aus 2.500 Kehlen, da bebt die Rheingoldhalle.

Überhaupt sind es die Gesangsnummern, die das Publikum aus dem Häuschen und auf die Stühle bringen. Die Schnorreswackler treiben den Saal mit ihrem närrischen Bundestag und dem genialen Becher-Song in ein furioses Finale vor der Pause – so gut, staunt da manch ein Besucher, seien die Schnorreswackler noch nie gewesen. Das Pendant der Eiskalten heißt Eisbären, und die bunte Truppe legt nach der Pause mit ihrem bunten Reigen auf der Suche nach dem König von Mainz die schwungvolle Grundlage für die weitere Sitzung. Die hat längst Verspätung und fordert durchaus Stehvermögen.

Geniale Schnorreswackler als Mafia. – Foto: gik

Wer da nicht brilliant auf dem Punkt ist, hat es schwer. Gerd Emrich dringt mit seinem sprachlichen Feuerwerk an Fernsehsendungen nicht mehr recht durch. Das Publikum will Feiern und tut es mit Thorsten Ranzenberger und seinem Hit „Ich wär‘ so gern ein Schwellkoppträger“. Drei Schwergewichte rocken am Ende den Saal: Das GCV-Duo Martin Heininger und Christian Schier sorgt für Lachsalven mit ihrer verzweifelten Suche nach einem sozialkritisch-ethisch-korrekten Sauflied und rocken natürlich am Ende mit dem Hähnchengrill ab.

Und dann brennt der Obermessdiener noch ein furioses Feuerwerk ab, schmeißt im rasanten Galopp seine Sätze in den Saal, vom neuen Bischof über den Fußball bis hin zum geplanten Bibelturm am Gutenberg-Museum. „Macht Meenz nicht zum Betonbunker der Republik“, mahnt da der Schmitt: „Gebt der Stadt ihr Gesicht zurück, ehrt so die Druckkunst und Gutenbergs Namen – und baut nicht so einen Scheissdreck, in Ewigkeit Amen!“

Große Narrenkunst: Andreas Schmitt als Obermessdiener und zugleich Sitzungspräsident, hier beim Finale mit Co-Sitzungspräsident Sebastian Grom. – Foto: gik

Vor allem aber macht Andreas Schmitt da weiter, wo er in der vergangenen Kampagne aufgehört hat: Mit beißender Kritik an braunen Umtrieben und der AfD. „Ihr könnt mich weiter nachts anrufe und Drohbriefe schreibe, wir lassen uns nicht in die Ecke treibe“, schreibt der Obermessdiener denen ins Stammbuch, die bis heute die Mainzer Narren wegen ihrer Kritik aus der Bütt bedrohen. Die Drohungen zeigten doch nur, wes Geistes Kind diese Leute seien. „Das ist und bleibt braune Bagage“, wettert der Schmitt mit Blick auf AfD-Abgeordnete im Bundestag, „und diese Bagage jagen wir aus dem Tempel.“

„Du wirst nachts angerufen, du wirst bedroht, umso beeindruckender, dass du hier so in die Bütt gehst“, zollte ihm da im Anschluss GCV-Sitzungspräsident Grom Respekt, „und von hier eine Botschaft in die Welt schickst: Mainz ist und bleibt bunt!“ Und der nicht besonders groß gewachsene Grom sicherte seinem Kollegen zu: „Wir stehen mit allem, was wir haben, hinter dir, und ich kann mich auch ganz groß machen, wenn es sein muss.“ Tosender Applaus im Saal zeigte an: die Narren sahen es genauso.

Um Viertel vor eins machten sich die beiden Vereine dann gemeinschaftlich auf ins große Finale mit Heile Gänsje, Humba und Meenz bleibt Meenz. „Dann ist Fassenacht in Meenz“, jubelten Saal und Bühne einträchtig, und wer hier noch GCV und wer Eiskalt war, war nicht mehr zu unterscheiden. „Ich verspreche ihnen“, sagte denn auch Andreas Schmitt, „das war keine Eintagsfliege, wir kommen wieder – GCV und Eiskalte gemeinsam.“

Info& auf Mainz&: Ihr vermisst mehr Details zu den GCV-Vorträgen? Kein Problem: hier steht unser Bericht von der diesjährigen GCV-Sitzung. Das Baustellen-Lied der Bockius-Brüder, den Schwellkoppträger-Song von Thorsten Ranzenberger und natürlich den Cupsong der Schnorreswackler (und noch viel mehr!) findet Ihr auf unserem Mainz&-Youtube-Kanal.

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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