Wo einst der Entdecker der Kernspaltung forschte – Alte Kernchemie der Universität Mainz wird abgerissen – Auftakt für Neugestaltung der Campusmitte

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Hier forschte einst der Kernspaltungs-Entdecker Fritz Straßmann, hier wurde Forschungsgeschichte in Sachen Kernchemie geschrieben, ansehnlich waren die alten Chemiebarracken auf dem Campus der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität schon lange nicht mehr. Nun rückten die Bagger an, die alte Kernchemie ist bald Geschichte. Bis Sommer 2020 sollen die ersten drei Gebäude verschwinden, es ist der Auftakt zu einem umfangreichen Rückbauprogramm, das die Mainzer Universität attraktiver machen soll – und Raum schaffen für die visionäre „Neue Mitte“.

Mit dem Abriss des alten Werkstattgebäudes startete nun der Rückbau der früheren Kernchemie, des ehemaligen MPI für Chemie auf dem Mainzer Unicampus. – Foto: gik

Leer stehende Baracken, die Fenster mit Holzlatten vernagelt, die Grünflächen überwuchert – lange war die alte Chemie der Schandfleck auf dem Mainzer Universitätscampus. Mitten auf dem Gelände gelegen, zwischen NatFak, Muschel und neuer Chemie gammelten jahrelang ehemalige Werkstatt- und Bürogebäude vor sich hin – am Donnerstag begann mit dem Abriss der alten Chemie eine ganze Serie von Rückbauten auf dem Mainzer Unigelände. „Es ist der Auftakt einer Kette von Abrissen“, sagte der Geschäftsführer des Landesbetriebs Liegenschafts- und Baubetreuung (LBB), Holger Basten. Sie alle sollen Platz schaffen für die neue Mitte der Hochschule, eine Zukunftsvision von einem modernen Campus.

„Das ist ein guter Tag für die Hochschule“, sagte Universitätspräsident Georg Krausch mit Blick auf den großen Bagger, der sich systematisch durch die Wände des Altgebäudes fraß. Seit Jahren stand die alte Baracke leer, nun markiert sie den Anfang vom Ende der alten Chemie. Es ist wahrhaft historisches Gelände: In den drei Gebäuden am Becher-Weg forschte einst niemand geringeres als Fritz Straßmann, der gemeinsam mit Otto Hahn im Dezember 1938 die Kernspaltung entdeckte.

Das einstige Haupthaus der Kernchemie, das M-Haupt, soll bis Sommer 2020 fallen – Teile der alten Labore sind noch radioaktiv belastet. Hier könnte einmal die neue Zentralbibliothek entstehen. – Foto: gik

Es war Straßmann, der nach dem zweiten Weltkrieg im Jahr 1946 den Neuaufbau des chemischen Instituts organisierte – auf dem Campus der von den Alliierten wiedergegründeten Mainzer Universität. 1949 wurde das Mainzer Institut der inzwischen von Otto Hahn gegründeten Max-Planck-Gesellschaft angegliedert, die offizielle Einweihung des Mainzer MPI für Chemie erfolgte allerdings erst im Juli 1956. In Mainz forschte man weiter intensiv an Kernphysik und Kernchemie, bis heute nennt das Mainzer Max-Planck-Institut einen atomaren Forschungsreaktor sein eigen.

Die historischen Gebäude aber standen bereits seit Jahren leer, längst war das MPI 1985 in neue, moderne Gebäude nebenan auf dem Campus umgezogen. Das alte Werkstattgebäude war nun das erste der einstigen Gründungsgebäude, das am Donnerstag dem Bagger zum Opfer fiel. Bis zum Sommer sollen das in den 1930er Jahren erbaute Gebäude zurückgebaut sein, allein das kostet den Landesbetrieb Bauen (LBB) rund 500.000 Euro. Noch im Sommer soll dann der Rückbau des ehemaligen Chemie-Haupthauses M-Haupt gegenüber dem Philosophicum beginnen.

Das einstige Otto-Hahn-Gebäude des MPI für Chemie steht schon lange leer und wird in den nächsten Jahren ebenfalls abgerissen. – Foto: gik

Das ist alles andere als einfach: In dem Gebäude war einst die Kernchemie untergebracht, manche Räume sind bis heute chemisch oder sogar radioaktiv kontaminiert. Für die Maßnahme war deshalb eine gesonderte Rückbaugenehmigung durch das rheinland-pfälzische Umweltministerium erforderlich, zahlreiche Prüfungen und Genehmigungen durch externe Fachplaner und Gutachter nötig. Als erstes sollen denn auch die belasteten Materialien soweit wie nötig dekontaminiert und dann als Sonderabfälle in speziellen Behältern entsorgt werden.

Erst danach kann die konventionelle Schadstoffsanierung im M-Haupt von Materialien wie Asbest oder alter Mineralfaserdämmung begonnen werden, bevor der eigentliche Abriss startet. Gut ein Jahr Rückbauzeit veranschlagt der LBB denn auch, schon die Planungskosten verschlangen bisher rund drei Millionen Euro, die Entsorgungskosten werden auf noch einmal vier Millionen Euro geschätzt. „Auch für den darauf folgenden eigentlichen Rückbau ist mit einem Millionenbetrag zu rechnen“, sagte Basten – die Kosten trägt der LBB.

Geschwind frisst sich der Bagger durch die ehemalige Chemiebaracke – hier sollen zunächst Wiesen entstehen. – Foto: gik

Mitte 2020 sollen dann der Rückbau des alten Inter I-Hochhauses folgen, das ehemalige Wohnheim ist bereits entkernt und im inneren Schadstoffsaniert. Da das Gebäude mit seiner Höhe von rund 45 Metern nach der rheinland-pfälzischen Landesbauordnung als Hochhaus gilt, muss vor Beginn der Arbeiten eine Zustimmung bei der Bauaufsicht eingeholt werden. Die Entsorgung verbliebener Schadstoffe in der Fassade, stelle noch einmal besondere Anforderungen, hieß es weiter, das werde aktuell mit den zuständigen Behörden abgestimmt. Wahrscheinlich werde der Rückbau des Hochhauses etagenweise durchgeführt, da die Nachbargebäude zu dicht stehen. 2020 soll ebenfalls der Abbau des alten SB I gegenüber der Mensa folgen.

Und auch zwei weitere Gebäude der ehemaligen Kernchemie stehen auf der Abbruch-Liste – darunter das alte Otto-Hahn-Gebäude, in dem einst das MPI gegründet wurde. Was anstelle der Gebäude hier einmal entstehen soll, steht noch nicht fest, auf dem Gelände des alten M-Haupt wünscht sich die Uni möglichst bald den Bau einer neuen Zentralbibliothek, Auftakt zur „Neuen Mitte“ des Unicampus. Erst einmal aber werde es hier wohl Wiesen geben, sagte Krausch – und schon das werde „entscheidend zur Steigerung der Attraktivität unserer Universität beitragen.“

Info& auf Mainz&: Mehr zu den Plänen um die „neue Mitte“ und die neue Mainzer Zentralbibliothek lest Ihr hier bei Mainz&. Mehr zur Geschichte des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie lest Ihr hier beim MPI im Internet.

 

 

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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