Zentrenkonzept – Relikt der Vergangenheit oder hilfreich? – Runder Tisch debattiert über Nachteile – Matz will Wirtschaftsförderung ausbauen

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Wie aktuell ist das Zentrenkonzept von Mainz noch? Das Konzept soll den Einzelhandel in der Innenstadt vor dem Ausverkauf durch die „Grüne Wiese“ schützen, immer wieder wurde es in den vergangenen Jahren infrage gestellt – und immer wieder beharrte die Stadt darauf, an dem Zentrenkonzept festzuhalten. Nun startete die neue Mainzer Wirtschaftsdezernentin Manuela Matz (CDU) einen neuen Anlauf: „Wir wollen das aufgreifen, und wir müssen auch“, sagte Matz mit Blick auf die in der Vergangenheit teils heftige Kritik, und fügte hinzu: Ein Zentrenkonzept solle keine verhindernde, sondern eher eine fördernde Wirkung haben.

Wie attraktiv ist Einkaufen in Mainz wie hier am Brand noch? Wieder einmal streiten Interessengruppen in der Stadt über das Zentrenkonzept. – Foto: gik

Und daran gab es in der Vergangenheit heftige Zweifel: Das Zentrenkonzept sei „überholt“ und veraltet, es wirke „als reines Verhinderungskonzept“ und müsse „in der bestehenden Form abgeschafft“ werden, forderte die Vollversammlung der IHK im April 2017 in einer Resolution. Das Zentrenkonzept habe zuletzt konkrete Ansiedlungswünsche in Mainz verhindert, Mainz brauche dringend ein zeitgemäßes Einzelhandelskonzept.

Der damalige Mainzer Wirtschaftsdezernent Christopher Sitte (FDP) wies das entschieden zurück: Das Zentrenkonzept sei keineswegs rigide oder veraltet, sondern schütze die Innenstadt vor allzu großer Konkurrenz auf der grünen Wiese. Das Zentrenkonzept legt fest, welche Waren allein in der Innenstadt verkauft werden dürfen und begrenzt damit die Möglichkeiten für Geschäfte, sich auf der grünen Wiese anzusiedeln.

Die IHK forderte hingegen ein zeitgemäßes Konzept, von dem positive Ansiedlungsimpulse für Investoren ausgehen. Im Mittelpunkt müssten dabei die Bedürfnisse der Kunden stehen, die es an Mainz zu binden gelte. „An unseren Themen hat sich nichts geändert“, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Günter Jertz nun beim ersten Runden Tisch der Stadt Mainz. Die Erreichbarkeit und Attraktivität der Innenstadt müssten weiter verbessert werden, „die Parkgebühren sind unserer Meinung nach zu hoch“, bekräftigte er. Gefragt seien neue Ideen, um „die Stadt zum Leben zu bringen“ und spannende Einkaufserlebnisse zu schaffen. Ändern könne das aber nur die Politik, sagte Jertz.

Vor zwei Jahren gab es einen erheblichen Leerstand bei Geschäften in der Mainzer Altstadt. Das hat sich gewandelt, dennoch klagen viele Händler über Umsatzrückgang und hohe Mieten. – Foto: gik

Die neue Wirtschaftsdezernentin Manuela Matz (CDU) hatte nun zum ersten Mal einen Runden Tisch zum Zentrenkonzept zusammengerufen. Nach dem Vorbild der Stadt Köln solle dieser Runde Tisch das Konzept weiter entwickeln helfen, sagte Matz gegenüber Mainz&. Neue Vorschläge solle die Runde entwickeln – doch beim ersten Treffen zeigte sich: Neue Vorschläge sind (noch) rar.

Das Zentrenkonzept werde benötigt, schließlich gebe es weiter Leerstände in der Innenstadt, sagte Martin Lepold, Vorsitzender der Werbegemeinschaft der Mainzer Einzelhändler: „Wir warnen, ohne Not daran zu gehen.“ – „Wir begrüßen das Zentrenkonzept sehr“, hieß es auch von der Handwerkskammer. Gerade Metzger, Bäcker und andere Handwerks-Geschäfte seien üblicherweise in Stadtzentren angesiedelt, mit ihnen stünden und fielen auch lebendige Ortszentren. Gleichzeitig musste die Geschäftsführerin der Handwerkskammer aber auch einräumen: Das Sterben der kleinen Läden habe mehr mit Nachwuchsmangel zu tun als mit dem Konzept.

„Metzger und Bäcker sind auch in der Neustadt weg – trotz Zentrenkonzept“, sagte Karsten Lange vom Gewerbeverein Mainzer Neustadt und CDU-Stadtrat: „Das hat nichts dazu beigetragen, diese Läden bei uns zu erhalten.“ Das Zentrenkonzept sei „ein Relikt der Vergangenheit“, sagte Lange, „wer glaubt, damit noch irgendetwas in der Stadt halten zu können, ist auf dem Holzweg.“

Gerade in der Mainzer Neustadt habe sich das Zentrenkonzept „als Hemmnis für wohnortnahe Versorgung erwiesen“, sagte Lange. Den Discountern Lidl und Aldi sei in der nördlichen Neustadt Nähe Bismarckring eine Erweiterung verweigert worden, obwohl sie eine wichtige Versorgungsfunktion für den Stadtbereich hätten. „Das Areal wird künftig eine zentrale Rolle spielen, weil dort der neue Nordstadt-Bahnhof hinkommt“, sagte Lange, „wenn wir Lidl und Aldi dort halten wollen, müssen wir ihnen etwas bieten.“

Großes Problem in der Großen Langgasse zurzeit: Die Läden sind für die Kunden hinter der Großbaustelle kaum zu finden. – Foto: gik

Und auch sonst stehe das Zentrenkonzept diametral den Zielen entgegen, die es eigentlich bewirken solle: „Ich kenne keinen Geschäftsmann in der Neustadt, der findet, das Zentrenkonzept wäre positiv für uns“, betonte Lange. Und es sei doch „völlig egal, ob wir in Hechtsheim oder Wiesbaden jemanden ansiedeln – der Effekt für die Innenstadt ist derselbe.“ Tatsächlich klagten die Einzelhänder weiter über schwindende Kundenfrequenz.

„Die Lage ist schwierig, gerade auch mit den Baustellen“, sagte Jan Sebastian, Inhaber des Juweliergeschäfts Willenberg und Vorsitzender des Einzelhandelsverbandes Mittelrhein-Rheinhessen-Pfalz, und prophezeite: „Es werden noch mehr Einzelhändler verschwinden.“ In den vergangenen Jahren hatten bereits eine ganze Reihe alteingesessener Einzelhändler ihre Pforten für immer geschlossen.

Schon im November 2017 hatte Sebastian gewarnt, die Geschäftsleute rund um Schillerstraße und Große Langgasse litten wegen der Baustellen stark, viele Menschen des Umlandes seien wegen Staus und verstopfter Straßen nicht mehr nach Mainz und in die Schillerstraße gekommen. „Die Händler, die nicht nur von der Mainzer Bevölkerung leben, haben diese Abschottung der Innenstadt schmerzlich gespürt“, betonte Sebastian damals im Gespräch mit Mainz&. „Der ÖPNV in Mainz ist viel zu teuer, es braucht auch günstigere Parkgebühren“, betonte Sebastian nun erneut zwei weitere wichtige Punkte aus Sicht der Einzelhändler. Die Stadt hatte zum Oktober 2015 die Parkgebühren teils deutlich erhöht, gesenkt wurden sie trotz Protesten nie.

„Uns fehlt eine Willkommenskultur in der Altstadt“, nannte Anke Weishaupt von der IG Historische Altstadt einen weiteren Kritikpunkt: „Die Leute können nicht in Ruhe über die Straße gehen, man fühlt sich nicht wohl es gibt kein Konzept.“ Grund sei der starke Lieferverkehr und Radverkehr sogar in Straßen wie der Augustinerstraße, „die Leute können nicht mal in Ruhe aus dem Geschäft gehen“, sagte Weishaupt.

„Wir brauchen eine andere Ansiedlungspolitik, eine Bedarfsanalyse“, forderte Sebastian. Die Qualität der Händler in seinem Umfeld rund um den Schillerplatz habe „enorm nachgelassen.“ Ein attraktiver Branchenmix sei ungeheuer wichtig für eine attraktive Einkaufsstadt, hieß es weiter, „man muss Unternehmen auch proaktiv ansprechen, die kommen nicht von alleine“, sagte eine Teilnehmerin: „In anderen Städten kümmern sich 20 Leute um die Innenstadt“ – in Mainz seien es zwei.

Der beliebte Sportmarkt Decathlon wollte sich schon lange in Mainz ansiedeln – gekommen ist er nie. Hauptgrund: Das Mainzer Zentrenkonzept. – Foto: Decathlon

„Es gibt jedes Jahr viele Anfragen von ansiedlungswilligen Unternehmen bei uns“, sagte Stephan Kerbeck, Leiter des Stadtentwicklungsamtes, und musste einräumen: „Viele können wir erfüllen, es müssen aber auch welche abgelehnt werden.“ Ein ganz wichtiges Argument sei dabei stets: „die gehen sonst nach Hessen“, sagte Kerbeck, „und das ist ja auch passiert.“ Die Wiesbadener Äppelallee sei für Mainz „ein großes Ärgernis“, sagte Kerbeck, und räumt ein: Wenn es ein Produkt „auf absehbare Zeit“ in der Innenstadt nicht zu kaufen gebe, müsse man neu über eine Veränderung des Zentrenkonzeptes nachdenken. So gebe es die Überlegung, eine neue Untersuchung auf den Weg zu bringen, um zu eruieren was fehle – etwa im Bereich Sportläden.

„Wir müssen uns klar machen, warum geht der Kunde einkaufen“, bilanzierte am Ende Matz: „Es ist auch der Ruf nach Attraktivitätssteigerung, nach einem Einkaufserlebnis für alle.“ Ein Zentrenkonzept sei „ein massiver Eingriff in die Gewerbefreiheit“, wenn es nicht mehr richtig wirke, „müssen wir uns fragen: wie kann man es besser machen“, betonte sie. Der Kunde müsse die Sortimente, die er wolle, auch vorfinden, betonte die Dezernentin, „denn am Ende entscheidet nicht die Baupolitik oder der Verband, sondern der Kunde, ob man Umsatz macht.“ Und eine konkrete Konsequenz zog sie am Ende dann auch noch: „Die Wirtschaftsförderung muss viel stärker aufgebaut und erhöht werden“, versprach Matz, „das habe ich mir auf die Fahnen geschrieben.“

Info& auf Mainz&: Die Debatte um das Mainzer Zentrenkonzept tobt schon lange – einen umfangreichen Artikel dazu findet Ihr etwa hier bei Mainz&. Die Kritik am Zentrenkontzept könnt Ihr hier noch einmal nachlesen. Ein großes Problem für Einzelhändler ist der Online-Handel im Internet. Warum aber immer mehr Menschen im Internet einkaufen – und warum es dafür sogar gutre Gründe geben kann, das haben wir im August 2016 mal polemisch aufgeschrieben: Warum ich notgedrungen dauernd im Internet einkaufe – Danke Einzelhandel!

 

Über den Autor / 

Gisela Kirschstein

Gisela Kirschstein ist die Erfinderin von Mainz&, langjährige Journalistin, Filmemacherin & Buchautorin. In Mainz zuhause, schreibt sie am liebsten Geschichten über Menschen, Wein & Kurioses, und frönt im Hauptberuf ihrer Leidenschaft als politische Korrespondentin, in Hessen & Rheinland-Pfalz. Bekannt ist sie seit 1997 unter dem Kürzel gik.

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