Wir müssen jetzt mal feierlich werden, aber der Anlass ist ja auch ein sensationeller: Das Open Ohr ist 40 Jahre alte geworden, deshalb ganz feierlich ein „Herzlicher Glückwunsch!“ 40 Jahre, ist das Open Ohr also alt geworden? Nix da, das Open Ohr ist unbeirrt jung, aber nie beliebig, und seine Themenauswahl trifft immer wieder den Nerv der Zeit. Wie dieses Jahr: „Krieg und Frieden“ ist das Thema, das Motto singt leise mit dem alten Kinderlied „Maikäfer, flieg!“

40 Jahre Open Ohr - Happy Birthday!
Open Ohr at its best – Foto: Open Ohr

Nein, angepasst ist „das Ohr“ nie gewesen, meist gegen den Strich gebürstet und gerade mit seinem aktuellen Thema generationsübergreifend-alterslos. Und deswegen – oder trotzdem? – kamen am Samstag auf die Zitadelle eine Menge zum Gratulieren:  „Herzlichen Glückwunsch!“ – „Alles Gute!“ – „Weiter so!“ hallte es durch das Kleine Zelt. Das Open Ohr feierte Geburtstag, und die Feier zeigte: Das Festival hat die politische Kultur in Mainz entscheidend geprägt.

40 Jahre Open Ohr - Happy Birthday!
Geburtstagssekt fürs Open Ohr – Foto: gik

Praktisch jeder der heute politisch Verantwortlichen hatte da eine persönliche Open Ohr-Geschichte zu erzählen: „Es war ein junger Juso-Vorsitzender namens Michael E. in Mainz, der dachte, es wäre am Besten, wenn man die Wirtschaft verstaatlicht, und der eine Juso-Vorsitzende namens Doris Ahnen politisch bekämpfte, weil er sie für Rechtsaußen hielt“, sagte ein groß gewachsener Mann, den Ihr wahrscheinlich schon mühelos als Michael Ebling identifiziert habt.

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Ebling ist heute Oberbürgermeister der Stadt Mainz und ein SPD-Politiker, den man nun wirklich nicht Linksaußen nennen kann 😉 Aber wie viele hier hat auch Ebling auf dem Open Ohr Politik gelernt: Diskutieren, sich auseinander setzen, Kompromisse finden. Unabdingbar sei es für das Open Ohr aber, „dass es sich politisch reiben muss, dass ein bisschen Nonkonformismus wichtig ist“, sagte Ebling. Und dafür sei dem Festival die Unterstützung der Stadt Mainz auch in Zukunft sicher.

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Schlamm, Style und sehr viel Substance Open Ohr 2003 – Foto: gik

Das war ein großes Wort, denn schließlich musste es 1995 noch eine Demonstration für den Erhalt des Open Ohrs geben. „Das war meine erste Demo“, erinnerte sich Nora Weisbrod, die mit gerade 30 Jahren schon eine erfahrene Moderatorin von sozialen Veranstaltungen (Ein Tag für Afrika) ist, und für die Projektgruppe sprach. Und da sie an Pfingsten geboren sei, könne sie auch auf 30 Jahre Open Ohr zurückgucken. „Als Kind sind es die Erinnerungen, wie wir auf der Hauptwiese unter einer großen Plastikplanen saßen – und es schüttete um uns herum“, erzählte Weisbrod: „Irgendwie waren die vier Pfingsttage anders..“

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Schwendter (+1913) und Schröder, Die Macher des Open Ohr 1975 – Foto: gik

In der Tat. Der Regen und der Schlamm gehören zum Open Ohr wie die Politik und die Musik. Und gerade diese Mischung sei es, die das Festival so einzigartig mache, war man sich einig. „Dieses Festival hat ein Them a“, sagte Tom Schröder, Festivalmacher der ersten Stunde, und genau das sei seine wichtigste Besonderheit. Dazu komme die Kombination aus Stadt Mainz plus Freier Projektgruppe, das sei bundesweit einmalig, „und das funktioniert nur in Mainz so.“ Ganz nebenbei lernte Schröder auf dem allerersten Open Ohr 1975 seine Frau kennen – er wird nicht der einzige und beileibe nicht der letzte gewesen sein 😉

„Die Berufung in die Projektgruppe war für mich damals eine Ehre“, sagte Günter Beck, gelernter Sozialarbeiter und lange Jahre Mitorganisator des Open Ohrs. Auch Beck gehört zu jenen, die mit dem Festival groß wurden, seit sie Teenager waren. „Ich bin fünf Tage von zuhause verschwunden, so wie meine Söhne heute“, sagte Beck, und dass es das Schönste gewesen sei, „dass wir am Donnerstag Zelte im Graben aufgebaut haben.“ Da gab es lauten Applaus, denn das Zelten im Graben ist heute verboten…

„Dieses Festival“, warb Beck dann noch für Engagement pro Festival, „ist auch ein gutes Erlebnis fürs spätere Leben – vielleicht bin ich auch ein Beispiel dafür.“ Sprach der Grünen-Politiker, der inzwischen Bürgermeister und Finanzdezernent von Mainz ist. Ja, das Open Ohr hat auch Karrieren gemacht in dieser Stadt, und weil die früheren Macher heute die Oberen von Mainz sind, würde „selbst die CDU heute nicht mehr vorschlagen, das Open Ohr zu beschränken“, sagte Ebling.

Und Sozialdezernent Kurt Merkator (SPD) betonte, das Festival machten drei Dinge aus: Das Publikum, der Ort auf der

Zitadelle und die besondere Kombination aus städtischer Verantwortung und der unabhängigen Projektgruppe – „das machen wir weiter so“, versprach Merkator. Vom Kommerzialisieren aber, „da lasst die Finger davon“, mahnte der Dezernent. Vielleicht sei das Festival doch ein wenig harmloser geworden – „oder die Politiker toleranter“, sinnierte er.

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Auch früher wollte nicht jeder nur diskutieren… Open Ohr 1987 – Foto: gik

Der heutige SWR-Journalist Thomas Leif sprach gar, das Open Ohr sei heute „die Johannisnacht des alternativen Milieus…“ Da wurde das Open Ohr ganz typisch, als sich eine Diskussion entwickelte, ob die Gesellschaft „müde“ gworden sei, ob der deutschen Gesellschaft „der Aufruhr“ fehle (Leif), oder ob nicht jede Generation das Recht auf eine eigenen politische Orientierung  habe.

Also alles gut mit dem Open Ohr? „So viel Weihrauch war selten“, sagte sehr trocken Kalle Schlieker, Vorsitzender des Open Ohr-Fördervereins. Ja, es gebe viele Anekdoten zu erzählen, von Jutta Ranke-Heinemann, die ihr umstrittenes Buch „Eunuchen für das Himmelreich“ vorstellte, von CDU-Mann Heiner Geißler, der sich der Diskussion stellte. „Provokation und kulturelle Zumutung, das wollen wir“, betonte Schlieker, das aber sei nicht einfacher geworden. Es sei heute schwieriger, Leute zu finden, die das Festival mit organisierten, und das auch mal über mehrere Jahre hinweg: „Das ist ein Riesenproblem.“

Vielleicht habe das Festival keine echten Gegner mehr, vielleicht sei es eine Oase, aber es werde heute von Sicherheitsauflagen erdrückt, der Etat für die Künstler schrumpfe jedes Jahr weiter. „Der Spielraum, ein Programm auf die Beine zu stellen, wird immer enger“, warnte Schlieker und appellierte an die Politik, das Festival nicht zu vergessen: „Denkt daran, dass wir Pfingsten hier das Festival haben..“, sagte Schlieker, dann könne man in zehn Jahren gerne das 50. feiern – „und dann darf auch wieder ein bisschen Weihrauch sein.“

Info& auf Mainz&: Mehr zum Open Ohr lest Ihr auf Mainz&, nämlich hier. Über den Open Ohr Verein und seine 10 Thesen, warum es das Open Ohr braucht, lest Ihr hier.

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