Seit dem 15. Dezember 2019 gilt in Mainz ein neuer Fahrplan, das Konstrukt von Bussen und Bahnen in Mainz stößt aber beleibe nicht nur auf Freude: Die ÖDP zitierte am Mittwoch im Mainzer Stadtrat eine ganze Reihe von Kritikpunkten, die in den vergangenen Wochen die Politiker erreichten. Ausdünnung des Nachtverkehrs und von Mainzelbahn-Linien, die Erreichbarkeit von Drais und dem Finther Ortskern, verkürzte Linien, mangelhafte Verknüpfung mit den Bahnen nach Frankfurt – es gebe eben auch „zahlreiche Mängel, die aus unserer Sicht korrigiert und verbessert werden müssen“, forderte Moseler. Die ÖDP hatte deshalb beantragt, eine groß angelegte Evaluation des Fahrplans durchzuführen, die Ampel-Fraktionen lehnten das ab, der Antrag wurde in den Ausschuss überwiesen. Die Kritik beruhe doch nur auf „Stimmen und Fehleinschätzungen“, sagte FDP-Stadtrat Walter Koppius.

Bus der Mainzer Mobilität am Mainzer Hauptbahnhof. - Foto: gik
Bus der Mainzer Mobilität am Mainzer Hauptbahnhof. – Foto: gik

Mit dem neuen Fahrplan hatte die Mainzer Mobilität umfangreiche Neuerungen eingeführt, Linien verdichtet, wo viel Nachfrage war – aber auch Angebote gestrichen, wo nur wenige Fahrgäste mitrollten. „Zweifelsohne ist die Einführung einiger neuer Buslinien ein Gewinn für den ÖPNV in Mainz, es gibt aber auch zahlreiche Mängel“, betonte nun die ÖDP in einem Antrag für den Mainzer Stadtrat. „Ich war ein bisschen enttäuscht über die vielen Beschwerden, die wir bekommen haben“, sagte ÖDP-Chef Claudius Moseler , „offenbar wurde an einigen Stellen gespart.“ Auch gebe es Debatten in Ortsbeiräten.

Als Beispiele nannte Moseler eine verschlechterte Erreichbarkeit von Drais in den Randzeiten, eine schlechtere Anbindung des Finther Ortskerns, verkürzte Linien und den Wegfall von Straßenbahnfahrten in den Nachtstunden, gerade auf den Linien der Mainzelbahn. Auf manch einer Linie gebe es jetzt neuerdings nur noch Halb-Stunden-Takte, an eine Verknüpfung mit den S-Bahnen nach Frankfurt sei offenbar nicht gedacht worden. „Vor dem Hintergrund des beschlossenen Klimanotstandes ist es wichtig, dass die Mainzer Mobilität ihre Angebote konsequent ausbaut anstatt sie zu reduzieren“, betonte die ÖDP. Das Angebot müsse „deutlich an Attraktivität gewinnen und endlich einen Anreiz zum Umsteigen auf den ÖPNV darstellen.“

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Die Mainzelbahn auf den Lechenberg wurde gerade in den Randstunden und in der Nacht deutlich ausgedünnt. - Foto: gik
Die Mainzelbahn auf den Lechenberg wurde gerade in den Randstunden und in der Nacht deutlich ausgedünnt. – Foto: gik

Die ÖDP schlug deshalb eine große Veranstaltung zur Evaluation des neuen Fahrplans vor, und zwar mit den Mitgliedern des Fahrgastbeirats, den Stadtratsfraktionen, den Ortsbeiräten sowie den Ortsvorstehern. Ziel solle sein, die aktuellen Mängel möglichst zeitnah zu beseitigen. Die Fraktionen des Ampel-Bündnisses lehnten das indes ab: „Wir haben mit dem neuen Fahrplan eine Verbesserung der Fahrten von vier Prozent erreicht“, sagte Grünen-Stadtrat David Nierhoff: „Wir sind große Schritte nach vorne gegangen.“ Die Fahrplanänderung sei die größte seit vielen Jahren gewesen, Änderungen seien bereits „im Fluss und im Gang.“

„Wir haben vollstes Vertrauen in die Arbeit der MVG und Mainzer Mobilität“, sagte Corinne Herbst für die SPD, die größte Fahrplanumstellung seit fast 20 Jahren habe doch „fast reibungslos geklappt.“ Da die Ressourcen „alles andere als unendlich sind“, sei eben eine Abwägung nötig. Eine Verlängerung der Taktzeiten von 7,5 auf 15 Minuten „ist doch eher ein Luxusproblem“, fand Herbst, zu einem Fahrplanwechsel gehöre eben auch „die Umstellung der Fahrgäste dazu.“

Das neue Fahrplankonzept sei in einem mehrstufigen Verfahren über zwei Jahre erarbeitet worden, betonte auch Walter Koppius für die FDP, es mache doch „keinen Sinn“, das schon nach sechs Wochen zu überarbeiten. Die Kritik „beruht doch lediglich auf der Basis von Beschwerden und Stimmen, also auf der Basis von Fehleinschätzungen“, sagte Koppius weiter, der ÖPNV könne „eben keine individuelle Mobilität bieten.“

Mehr Busse, mehr Bahnen, das wünschen sich Benutzer des ÖPNV - in Mainz gab's nun ganze vier Prozent mehr Angebot. - Foto: gik
Mehr Busse, mehr Bahnen, das wünschen sich Benutzer des ÖPNV – in Mainz gibt’s nun ganze vier Prozent mehr Angebot. – Foto: gik

Unterstützung für die Haltung der ÖDP kam indes von der CDU: „Seit der Umstellung des Fahrplans häufen sich die Beschwerden“, sagte CDU-Verkehrsexperte Thomas Gerster, der neue Fahrplan sei „alles andere als ein Meilenstein, höchstens ein Steinchen.“ Viele alte Linien würden vermisst, die neuen Querverbindungen würden stellenweise noch komplett leer fahren und offenbar nicht wirklich angenommen. Angesichts der Klimakrise sei aber eine „erhebliche Mehraufstellung nötig“, betonte Gerster.

„Der Frust ist für mich sehr gut nachvollziehbar“, sagte auch Carmen Mauerer von der Linken: „Was sich wirtschaftlich nicht lohnt, fällt weg, das ist ein Unding.“ Gerade jetzt wo die Stadt den Klimanotstand ausgerufen habe und Fahrverbote einführe, „wird das Angebot des ÖPNV stellenweise ausgedünnt und die Mobilität autoloser Menschen beschnitten“, kritisierte sie. Gerade ein gut ausgebauter Nachtverkehr etwa sei „ein wichtiger Baustein dafür, dass Menschen kein Auto brauchen“, betonte Mauerer. Das Problem seien die fehlenden Geldmittel für ein breiteres, durchgängiges Angebot in Mainz.

Das bestätigte Verkehrsdezernentin Katrin Eder (Grüne): Der städtische Zuschuss für den ÖPNV in Mainz sei auf 16,9 Millionen Euro gedeckelt, „da kann man nur umschichten“, sagte Eder. Die neue Ampel-Koalition aus Grünen, SPD und FDP hat in ihrem Koalitionsvertrag keine Anhebung dieses Deckels oder steigende Investitionen in den ÖPNV vorgesehen. Eder sagte weiter, die Stadt empfinde die Proteste aber „als relativ gering im Vergleich dazu, dass wir alles umgewirbelt haben.“ Wo es viele Fahrgäste gebe, sei das Angebot verstärkt worden, auch sei begonnen worden umzusteuern. So gebe es jetzt wieder Buslinien, um die erste S-Bahn in Richtung Frankfurt am frühen Morgen erreichen zu können.

„Es ist ein lernendes System, wir gucken, wo Proteste angemessen sind, um dann nachzusteuern“, sagte Eder. In einer großen Sitzung des Verkehrsausschusses wolle man sich am 19. März Zeit für eine Aussprache zum neuen Fahrplan nehmen. Der Antrag der ÖDP wurde am Ende mit den Stimmen der Ampel-Fraktionen in den Ausschuss überwiesen.

Info& auf Mainz&: Mehr zum neuen Fahrplan lest Ihr hier bei Mainz&, scharfe Kritik an der Ausdünnung des Nachtverkehrs kam bereits von den Mainzer Gastwirten – mehr dazu lest Ihr hier.

Zusatz& auf Mainz&: Wir hatten zuerst nur berichtet, dass Grüne, SPD und FDP den Antrag komplett abgelehnt hätten, das war so nicht ganz richtig – tatsächlich wurde er in den Verkehrsausschuss zur weiteren Beratung überwiesen. Das aber war akkustisch auf der Pressetribüne nicht zu verstehen gewesen. Wir haben das geändert, aber trotzdem an der Formulierung „lehnen ab“ festgehalten – die Aussagen der Vertreter der Ampel-Fraktionen rechtfertigt diese Formulierung in vollem Umfang. Dazu kommt: In den vergangenen fünf Jahren wurden immer wieder Anträge in die Ausschüsse überwiesen – von keinem einzigen hat man hinterher wieder etwas gehört. Es sei denn, er stammte von SPD oder Grünen oder FDP. Für Anträge der Opposition war hingegen dort bisher immer  Endstation. Von Vertretern der Grünen wurde übrigens sofort die Gelegenheit ergriffen, uns auf Twitter Falschdarstellungen und Voreingenommenheit zu unterstellen.

1 KOMMENTAR

  1. Der ÖPNV ist ein Element der Daseinsvorsorge. Wirtschaftliche Erwägungen müssen deshalb nachrangig sein. Dennoch kann nicht jeder Leerlauf ungeprüft beibehalten werden. Es ist nun mal die Quadratur des Kreises.
    Ein Sonderfall mag der mit der Straßenbahn nur halb angeschlossene Lerchenberg sein. Entsprechend meiner Erwartung wurde die Überversorgung ausgedünnt, nicht nur nachts.

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