Sie sind ein Herzstück der Energiewende, eine saubere Energie, und dennoch wecken Windräder diffuse Ängste. Gerade ist die Aufstellung von Windrädern auf dem Taunuskamm nördlich von Wiesbaden heiß umstritten. Doch warum sich eigentlich vor Ort oft heftiger Widerstand regt, bleibt oft unklar. Denn an der sauberen Energie profitieren alle: Gemeinde, Bürger, Volkswirtschaft, Energieunternehme. Und es gelten strenge Abstandsregeln und Sicherheitsvorschriften.

Auf den Schwingen des Windrads - Reportage aus 140 Metern Höhe (€)
Auf den Schwingen des Windrads im Windpark Hohenahr – Foto: gik

Mainz&-Erfinderin Gisela Kirschstein hatte im April 2013 die Chance, ein Windrad im Windpark Hohenahr von einer ungewöhnlichen Perspektive zu erleben: Von oben. Ganz oben. Nicht nur in der Gondel – der Windrad-Kabine -, nein: obendrauf. Und sie kam völlig begeistert wieder, sorry Windkraftgegner 😉

Denn die leisen Riesen haben einen ganz eigenen Zauber, zumindest wenn man schwindelfrei ist 😉 Eine Reportage aus 140 Metern Höhe, Technik, und Kritik inklusive.

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Mann, ist das hoch. In 140 Metern Höhe strecken wir die Köpfe aus der Kabine des Windrads, und der Blick schweift ungehindert in alle Richtungen bis zum Horizont. Es ist ein Gefühl, als würde man schweben…

Unter uns liegt die Gemeinde Hohenahr, hinter uns drehen sich sacht die Rotorblätter, und wir klettern – gut gesichert – auf das Dach der Kabine. „Das ist unser tägliches Brot“, sagt Markus Druck. Unglücklich sieht er dabei nicht aus.

Auf den Schwingen des Windrads - Reportage aus 140 Metern Höhe (€)
Da geht’s gleich hoch: Windrad im Windpark Hohenahr – Foto: gik

Druck ist Mechaniker und wartet Windräder. Seit fünf Jahren betreut er die Anlagen der Wiesbadener Windkraftfirma Abowind, bis zu drei Windräder schaffen er und sein Kollege Björn Vogt am Tag. Heute ist Windrad Nummer zwei im Windpark Hohenahr an der Reihe. Sieben Windräder stehen hier insgesamt, errichtet wurden sie seit Februar 2012 auf der Gemarkung der Gemeinde Hohenahr.

Schon 2008 hatte das aus sechs Dörfern bestehende Hohenahr den Umbau der Energieversorgung beschlossen: Bis zum Jahr 2020 wollte man 20 Prozent aus Erneuerbaren Energien beziehen und dazu 20 Prozent an Energie einsparen, das war der Plan. „Den haben wir schon mehrfach übertroffen“, sagt der parteilose Bürgermeister Armin Frink. Während auf Landesebene und in vielen Kommunalparlamenten noch heftig über die Windenergie gestritten wird, machten sie in Hohenahr Nägel mit Köpfen – und stellten sieben Windräder in den Wald.

„Die Leute wollen die Energiewende“

Die Erschließung und Aufstellung übernahm die Firma Abowind, danach kaufte der Frankfurter Energieversorger Mainova den gesamten Park. „Hier in Hessen hat es ja lange Bedenken gegen die Windenergie gegeben“, sagt Mainova-Sprecher Thomas Breuer. Seit dem Hessischen Energiegipfel seien aber viele Bedenken „beiseite gestoßen“ worden. „Wir merken von Widerständen in den Kommunen nichts“, sagt er.

„Die Leute wollen die Energiewende“, betont auch Bürgermeister Frink, dem Windpark hätten im Gemeindeparlament alle zugestimmt: SPD, Grüne und auch die CDU. Mittels einer Energiegenossenschaft kauften sogar etwa einhundert Bürger und die Gemeinde selbst eines der sieben Windräder, Erfolgsbeteiligung inklusive.

Zu wenig Wind? I wo!

Auf den Schwingen des Windrads - Reportage aus 140 Metern Höhe (€)
Windräder Windpark Hohenahr – Foto: gik

Dass hier auf dem Land zu wenig Wind wehen könnte, das glaubt keiner. Die Windräder vom Typ Nordex N-117 können schon ab drei Metern Wind pro Sekunde Strom erzeugen. Bei einer Leistung von 2,4 Megawatt pro Rad, sollen insgesamt rund 44 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr fließen, das wäre Strom für 12.500 Haushalte. In Hohenahr selbst wohnen knapp 4.900 Menschen.

Drei Meter pro Sekunde, das ist eine leichte Brise, und so drehen sich die Rotorblätter der benachbarten Anlagen eher gemächlich im Wind. „Langsam? Das täuscht“, sagt Mechaniker Druck. Die Rotorblätter messen 117 Meter im Durchschnitt, an den äußeren Kanten sehe das mit der Geschwindigkeit schon anders aus.

Aufzug im Stahlkäfig rattert in die Höhe

Zwei- bis viermal pro Jahr wird ein Windrad kontrolliert, der Check fängt bei den Zufahrtswegen an, geht über die Trafostation bis zur Windradspitze. Wer hinauf will, muss einen Klettergurt tragen, in alten Anlagen führt dann eine endlose Treppe hinauf. Uns trägt ein enger Stahlkäfig in die Höhe, in fünf Minuten ruckelt er in der Mitte des Windrads langsam bis zur Kabine auf 140 Meter Höhe.

Auf den Schwingen des Windrads - Reportage aus 140 Metern Höhe (€)
Aufzug im Inneren des Windrads – Foto: gik

Die „Gondel“, wie sie die Techniker nennen, ist etwa zehn Meter lang und vier Meter breit – und vollgestopft mit Technik. Das Getriebe macht aus einer Drehung der Rotorblätter 98 Umdrehungen, über eine Kupplung geht es Richtung Generator, der den Strom erzeugt. Und eine eigene Bremse gibt es auch: „Im Notfall knallt die zu“, sagt Druck.

„Sitzt da oben einer und steuert?“

Ein Notfall, das kann ein Orkan sein, dann muss sich die Anlage abstellen, sonst können sich die Rotorblätter im Extremfall so weit biegen, dass sie gegen den Turm schlagen. Einmal hat Druck eine solche „Ramme“ schon erlebt, „schön ist anders“, sagt er nur. Kleine Messgeräte oben auf der Gondel vermerken permanent Windstärke und Richtung, Rad und Gondel richten sich automatisch danach aus. „Wir werden dann schon mal gefragt, ob da oben einer drin sitzt, der steuert“, berichtet Druck schmunzelnd.

Hoch oben auf der Gondel hat man das Gefühl zu schweben, die Rotorblätter sind ein wenig wie Vogelschwingen geformt. So müssen Vögel die Welt sehen, denkt man, doch Frank Henning beruhigt: „So hoch kommen die Greifvögel in der Regel gar nicht.“

Drei Jahre Fledermäuse-Messen für den Artenschutz

Auf den Schwingen des Windrads - Reportage aus 140 Metern Höhe (€)
Auf den Schwingen des Windrads – Foto: gik

Der Diplom-Biologe ist für den Artenschutz zuständig, an diesem Tag lässt er an zwei Rädern Fledermaus-Messgeräte einbauen. Das warme Metall der Windräder ziehe Insekten an und damit womöglich Fledermäuse – untersucht habe das bisher aber noch keiner, sagt Henning. Deshalb soll nun drei Jahre lang gemessen werden, ob Fledermäuse so hoch um die Anlagen herum jagen, dass sie vielleicht durch die Rotoren gefährdet werden.

Die Windkraft im Wald, politisch ist sie hoch umstritten. Kritiker sprechen von Verschandelung der Landschaft und Lebensraumzerstörung für die Tiere. Biologe Henning beruhigt: Rehe, Füchse, Wildkatzen, „die interessiert die Windräder nicht.“ Die Leute seien gegen die Windkraft, „weil sie dagegen sind“, sagt er – der Artenschutz werde dann vorgeschoben, dabei würden viel mehr Tiere an Sendemasten oder durch den Verkehr getötet.

Abstand, Pacht – und ein Windkraftfest

In Hohenahr verweisen sie stolz auf den Abstand von 1.450 Metern zur Bebauung. Und dann sind da noch die finanziellen Vorteile: 210.000 Euro an Mindestpacht fließen pro Jahr in die Gemeindekasse, später kommen noch Gewerbesteuern von bis zu 150.000 Euro jährlich dazu. „Ökologie funktioniert nur mit Ökonomie“, betont Frink. Und die Begeisterung in Hohenahr sei so groß, dass es am 8. Juni sogar ein Windparkfest gibt. Hubschrauber-Rundflüge um die Windräder organisiere er jetzt schon zum zweiten Mal – und wöchentlich Führungen. „Da kommt schon wieder eine Gruppe zur Besichtigung“, sagt Frink, und verabschiedet sich.

Mehr& auf Mainz&:

Energieerzeuger Mainova – Die Frankfurter Firma Mainova versorgt rund eine Million Menschen in der Rhein-Main-Region und darüber hinaus mit Strom, Wärme und Wasser. Größte Anteilseigner sind die Stadtwerke Frankfurt (75,2 Prozent) und die Thüga AG (24,4 Prozent). Seit 2010 setzt die Mainova gezielt auf Erneuerbare Energien und besitzt inzwischen vier Windparks. Bis 2015 sollen weitere elf Windparks dazu kommen. Von rund 400.000 Kunden im Bereich Strom beziehen etwa 20.000 den Ökostromtarif „Nova Natur“.

Abowind – Die Wiesbadener Firma Abowind zählt zu den Pionieren der Windkraftnutzung in Deutschland. Das Unternehmen hat seit seiner Gründung 1996 insgesamt 313 Windkraftanlagen weltweit mit einer Gesamtleistung von 540 Megawatt ans Netz gebracht. In Hessen stehen davon 58 Windräder mit einer Gesamtleistung von rund 87 Megawatt. In Planung sind eigenen Angaben zufolge derzeit 102 Windkraftanlagen in 16 Gemeinden.

 

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