Am morgigen Dienstag wird ja im Umweltausschuss in Wiesbaden über die derzeitige Wiesbadener Gretchenfrage entschieden: Wie hältst Du es mit dem Fällen? To be or not to be, Fällen oder Nicht-Fällen – das Ringen um die Zukunft der 74 Kastanien nimmt geradezu dramatische Züge an. Kurz vor der Entscheidung meldet sich nun noch einmal einer der Baumexperten zu Wort: Ulrich Weihs, Baumprofessor aus Göttingen, ist extrem besorgt, und er ist wütend. „Was da gerade passiert, ist eine Ungeheuerlichkeit“, sagte Weihs Mainz&: „Wenn diese alte, wertvolle Allee gefällt wird, dann wäre das Baumfrevel.“

Lesselallee blühend ohne Zaun - Foto privat
Allee sein oder Nicht-Allee sein? So blühend stand die Lesselallee noch in diesem Frühjahr da – Foto: privat

Starke Worte, die der Baumexperte explizit zum Zitat frei gab, das zeigt, wie ernst die Sache inzwischen genommen wird. Denn bislang sieht es so aus, als würden CDU und SPD alle Augen und Ohren verschließen und blind der Forderung nach dem Fällen der Kastanien nachkommen. Am Freitag unterstrichen Ordnungsdezernent Oliver Franz (CDU) und der städtische Gutachter Roland Dengler in der Lesselallee noch einmal ihre Argumente: Die Bäume seien krank, es drohe Astbruch, die Allee müsse gefällt werden.

Noch einmal auf Krankheit gepocht

Leider konnte Mainz& ausgerechnet an diesem Termin nicht teilnehmen, weil zeitgleich der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) seine Modelle für Lärmpausen am Frankfurter Flughafen vorstellte… Und leider hat uns das Wirtschaftsdezernat nicht, wie versprochen, am Freitag angerufen. Sehr schade. So müssen wir auf die Berichte der Kollegen zurückgreifen, die da waren.

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Dargestellt wurde offenbar noch einmal, wie der Phytophthora-Pilz die Wurzeln schädige und die Vitalität der Bäume beeinträchtige, dass Astbruch drohe, weil die Äste zu steil in den Himmel ragten und nicht dick genug geworden seien. Die Rede war wohl von Trieben, die nur noch um fünf Zentimeter länger wurden, und von einer Jahresringanalyse, die einen plötzlichen Abbruch zeige, all dies dargelegt von Dengler.

Befallene Kastanie Lesellallee Kostheim - Foto: Stadt Wiesbaden
Schadstellen wie diese wurden offenbar beim Termin in der Lesselallee gezeigt – Foto: Stadt Wiesbaden

Weihs: „Da ist nichts dran!“

„Ich könnte den Kollegen Dengler widerlegen, aber die Stimmen, die sich für die Allee einsetzen, werden ja gar nicht gehört“, sagte Weihs Mainz&. Die Diskussion um die Kastanien werde schon lange nicht mehr fachlich geführt, „das kann so nicht sein“, ärgerte er sich, und betonte: An dem Kranksein der Allee sei – von einzelnen Bäumen abgesehen -, „da ist nichts dran!“

Stattdessen, sagte Weihs, werde offenbar „nach Krankheit um Krankheit gesucht“, um die Allee als krank und fällenswert hinzustellen. Dazu passt, dass die Bürgerinitiative „Rettet unsere Kastanien“ am Freitag in einer Pressemitteilung orakelte, Dezernent Franz hätte weitere Untersuchungen in Auftrag gegeben – dieses Mal über das Bakterium Pseudomonas syringae. Das Bakterium soll blutende Stellen an Stamm und Ästen hinterlassen und zum Absterben der Bäume führen.

Gab Franz weitere Untersuchung zu Pseudomonas in Auftrag – ergebnislos?

„Uns wurde zugetragen, dass er (Anmerkung: Franz) Untersuchungen habe durchführen lassen, denen zufolge die Bäume von Pseudomonas befallen sein sollen“, heißt es in der Mitteilung von der Bürgerinitiative, der AUF und der Kostheimer SPD. Von der Untersuchung war aber offenbar beim Termin vor Ort ebenso wenig die Rede, wie von Pseudomonas, zu dem Baumexperte Weihs wissen wollte: „Wurde es nun gefunden, oder nicht?“ Das konnten wir natürlich auch nicht beantworten 😉

Lesselallee nah mit Banner Irren ist menschlich - Foto Kirschstein
Letzte Hoffnung: Der Appell an die Vernunft – Foto: gik

Der Göttinger Baumprofessor hatte ja bekanntlich die Lesselallee im Auftrag der Wiesbadener Grünen untersucht, seine Expertise wurde ebenso vom Tisch gewischt wie die Einschätzungen weiterer Experten. Weihs aber erhebt inzwischen sogar den Vorwurf, hier werde „verschleiert“ und getäuscht: „Ich kann nicht verstehen, warum man so eine intransparente Diskussion führt.“ Erst sei es um normalen Astbruch gegangen, jetzt gehe es auf einmal um Grünastbruch und Sommerbruch. „Da stimmt doch was hinten und vorne nicht“, krisitierte Weihs.

Weihs: Flatterulmen? „Absolute Schnapsidee!“

Und was die Neupflanzungen der Flatterulmen angeht, das sei, sagte Weihs, „eine absolute Schnapsidee!“ Ulmen seien derzeit hochgradig von der Ulmenkrankheit betroffen, man könne die Bäume dagegen zwar „impfen, aber das ist sehr aufwändig“, sagte Weihs weiter. Die Kastanien durch die Flatterulmen zu ersetzen „hieße, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.“

Konferenz in der Lesselallee Franz und Dengler - Foto: gik
Bei der Begehung der Lesselallee Ende Juli mit Gutachter Dengler (2.v.l.) und Ordnungsdezernent Franz (3.v.l.) – Foto: gik

Na, das ist ja allerliebst: Uralte Kastanien werden gefällt, weil sie ein bisschen krank sind, und dafür Ulmen gepflanzt, die mit großer Sicherheit sofort wieder eingehen? „Ich weiß nicht, wer auf die Idee gekommen ist“, sagte Weihs, der noch hinzufügte: „Da sollen doch alle mal ihren normalen Verstand einschalten.“

Kastanien als Totholz für Delkenheimer Kiesgruben

Bei den Baumverteidigern herrscht derweil angespannte Wut: „Die Mehrheit im Umweltausschuss wird die Fällung beschließen“, ist sich BI-Sprecherin Marion Mück-Raab sicher. Dazu würde passen, dass die Allgemeine Zeitung am Samstag schrieb, die alten Kastanien sollten an den Delkenheimer Kiesgruben als Totholz für Insekten landen.

„Stadtrat Oliver Franz und Gutachter Roland Dengler läuten das Ende der alten Kastanienbäume ein“, schreibt der Kollege, und das finden wir doch sehr bemerkenswert, dass so etwas schon vor der Beschlussfassung eines demokratischen Gremiums feststeht…

„Die Bäume sind öffentliches Eigentum, die sind unheimlich viel Wert“, sagte Weihs übrigens noch: „Da könnte man vielleicht sogar Schadensersatz verlangen.“ Fest steht für ihn aber: Würden die uralten Bäume gefällt, „nur weil einer hier etwas durchsetzen will, dann wäre das Baumfrevel.“

Info& auf Mainz&: Mainz& ist natürlich am Dienstag live für Euch vor Ort dabei, die Sitzung des Umweltausschusses beginnt um 17.00 Uhr. Alle Entwicklungen zur Lesselallee könnt Ihr natürlich auf Mainz& nachlesen. Eine Zusammenfassung gibt es hier, um den Kompromissvorschlag des BUND für eine dreijährige Denkpause geht es hier.

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