Genau heute in einer Woche entscheidet sich das Schicksal der Lesselallee. Ihr wisst ja, dabei geht es um die 74 mehr als einhundert Jahre alten Kastanien auf der Maaraue, die nach dem Willen des Wiesbadener Ordnungsdezernenten Oliver Franz (CDU) im Herbst der Kettensäge zum Opfer fallen sollen. Und seltsamerweise tut sich in der Sache so gar nichts. Deshalb warnen die Baumverteidiger nun die Politiker in Wiesbaden: Sollten die Bäume tatsächlich fallen, „werden die das bereuen“, sagte Marion Mück-Raab: „Hier droht Kostheim 21.“

Baumschützer Lesselallee: "Hier droht Kostheim 21"
Protest bislang vorwiegend am Zaun, doch das würde sich ändern, sollten die Bäume fallen – Foto: gik

Kostheim 21 ist natürlich eine Anspielung auf „Stuttgart 21“, den Bahnhofsneubau in Stuttgart, für den in der schwäbischen Hauptstadt alte Bäume fallen sollten. Alteingesessene Stuttgarter setzten sich schützend vor die Bäume, die CDU geführte Landesregierung fuhr schließlich Wasserwerfer gegen die Demonstranten auf und setzte Tränengas ein – das Bild eines älteren Mannes mit blutenden Augen ging durch die Republik.

„Die Bereitschaft, die Baumfällungen zu verhindern, ist groß“

Könnte wirklich so etwas in Kostheim wieder passieren? „Die Bereitschaft, die Baumfällungen zu verhindern, ist überraschend groß“, sagte Mück-Raab, parteiloses Mitglied des Ortsbeirats Mainz-Kostheim für den Arbeitskreis Umwelt und Frieden (AUF), Mainz&: „Die Leute meinen das wirklich ernst, dass sie die Bäume retten wollen.“ Mück-Raab berichtet von zahlreichen Anrufen und Gesprächen mit den Kostheimern über die Kastanienallee.““Die Leute weinen ja jetzt schon am Telefon, da ist eine wahnsinnige Emotionalität in dem Thema“, berichtet sie.

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Baumschützer Lesselallee: "Hier droht Kostheim 21"
Die Kostheimer werden sich gegen eine Fällung aufbäumen, kündigen sie an – Foto: gik

Mück-Raab: Anfragen aus dem ganzen Bundesgebiet

Denn die Kostheimer, sagt Mück-Raab, seien längst nicht mehr allein: Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), der Umweltverband Robin Wood, sogar der Bundesverband zum Erhalt von Alleen, all diese Gruppen solidarisierten sich inzwischen mit den Baumschützern.“Hier geht es nicht mehr um ein ‚paar Durchgeknallte‘ in Kostheim“, sagt Mück-Raab ironisch. Es gebe inzwischen ein überregionales Interesse daran, was mit den Kastanien passiere, so habe sich etwa eine Baumschutzinitiative aus Köln bei ihr gemeldet.

Die Stadt Wiesbaden will ja bekanntlich die Allee fällen, weil die Bäume vom Wurzelpilz Phytophthora befallen sind und krank seien. Doch das Fällen der kompletten Allee wird von keinem einzigen Baumgutachter befürwortet, nicht einmal der städtische Gutachter Roland Dengler sprach sich dafür aus. Stattdessen befürwortet auch Dengler inzwischen einen Kompromissvorschlag des BUND, der Allee eine dreijährige Schonfrist zu verschaffen und sie in dieser Zeit zu pflegen und zu beobachten.

Losem: SPD würde sofort Hand zu Kompromiss reichen

Selbst in der in Wiesbaden mitregierenden SPD sprechen sich inzwischen Politiker für diese dreijährige Denkpause aus. Der Kostheimer SPD-Ortsbeirat Walter Losem etwa unterstützt den BUND-Vorschlag und sagte Mainz&: „Die SPD würde die Hand zum Kompromiss sofort reichen.“ Bisher aber blockiere CDU-Mann Franz den Kompromiss, warum, scheint unklar zu sein.

Losem schlägt zudem vor, das Pflegegeld für die Lesselallee aus den Verfügungsmitteln des Ortsbeirats zur Verfügung zu stellen, 10.000 Euro schweben Losem dabei vor. Ziel: Die Denkpause soll nicht an den Pflegemitteln scheitern, denn auch die scheinen ein Problem darzustellen.

Förderverein zur Pflege der Bäume & Baumpaten geplant

„Ich würde sofort einen gemeinnützigen Förderverein für die Pflege der Bäume gründen“, bietet Mück-Raab für den Fall an, dass sich der Umweltausschuss für die Denkpause entscheidet. Baumpaten gebe es schließlich schon in vielen anderen Städten, „das würden wir auch in Kostheim machen.“ Dazu sie die Bereitschaft, für die Bäume zu spenden sehr hoch – schon jetzt fragten viele Bürger an. Auch könne man ja ein Kastanienblütenfest im Frühjahr ausrichten, um damit Gelder für die Allee zu sammeln.

Dazu sprechen sich die Wiesbadener Grünen inzwischen dafür aus, dass die Kastanienallee durchaus Lücken haben darf. Eine Allee mit gemischten Bäumen sei durchaus eine Möglichkeit, sagte die Fraktionschefin der Grünen im Wiesbadener Stadtrat, Christiane Hinninger, Mainz&. Alleen müssten heute nicht mehr so akkurat sein, wie man das früher gedacht habe.

Baumexperte: Allee muss nicht mehr zwingend einheitlich sein

Baumschützer Lesselallee: "Hier droht Kostheim 21"
Warnung an die Politik: Wir werden uns das merken… Schild „Dengler-Franz-Allee“ am Zaun vor dem Eingang der Lesselallee – Foto: gik

Dezernent Franz nämlich hält nach Mainz&-Informationen an der Idee einer Allee „mit Bäumen gleicher Baumart und gleichen Lebensalters“ fest, das schrieb Franz im Sommer dem BUND. Baumlücken mit anderen Baumarten „nachzubessern“ widerspreche dem. „Würde man diesem gedanklichen Ansatz folgen, müsste man Alleen nach einigen Jahrzehnten Standzeit komplett abräumen“, sagt dazu Baumexperte Marko Wäldchen. Die „mehrheitliche Praxis“ sei hingegen, Lücken durch Nachpflanzungen zu füllen.

In der Fachwelt werde zudem seit einiger Zeit über das „Dogma“ diskutiert, dass Alleen aus Bäumen gleicher Art gebildet werden müssten, sagt Wäldchen. Der Trend gehe in eine andere Richtung: hin zu einem Mischbestand. Dazu seien gerade alte und uralte Bäume wie die Kastanien in der Lesselallee wichtige Biotope für eine vielfältige Tierwelt, „die Beseitigung des Bestandes würde einen erheblichen ökologischen Verlust darstellen“, betonte der Experte.

Baumschützer: Fällpläne Fall für den Wahlkampf

„Rational kann man das Festhalten an den Fällplänen nicht mehr erklären“, sagt Mück-Raab deshalb. Möglicherweise spiele deshalb auch ein ganz anderes Datum in die Entscheidung mit rein: Die Kommunalwahl in Hessen 2016. Das seien nur noch anderthalb Jahre, sagt Mück-Raab, die Weichen für die Wahl würden jetzt schon gestellt. Sollten die Bäume fallen, „werden wir dafür sorgen, dass die regierende Parteien im Wiesbadener Rathaus dafür die Rechnung präsentiert bekommen“, sagt Mück-Raab: Für uns beginnt der Wahlkampf genau jetzt.“

 

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