Am Donnerstag findet ja die wichtige Begehung des Umweltausschusses in der Kastanienallee auf der Maaraue statt. Dort soll ab 16.00 Uhr der städtische Gutachter Roland Dengler erläutern, wie krank die mehr als 70 Kastanien sind, und warum er für eine Fällung plädiert. Wenn er das denn überhaupt tut… Derweil macht die Stadt Wiesbaden aus der Begehung eine heimliche Staatsaktion: Weder ein weiterer Baumfachmann, noch die Fraktionen im Ortsbeirat dürfen mit. Die Alleebefürworter argwöhnen deshalb: Dengler müsse offenbar vor neugierigen Fragen geschützt werden…

Lesselallee nah mit Banner Irren ist menschlich - Foto Kirschstein
Lesselallee nah mit Banner Irren ist menschlich – Foto Kirschstein

Den Eindruck gewinnt Mainz& inzwischen auch. Am Dienstag wollten wir nämlich gerne mit Gutachter Dengler persönlich sprechen, wir waren es nämlich Leid, nur über Dengler zu reden, anstatt mit ihm – das widerspricht übrigens journalistischen Standards. Also haben wir nun zum zweiten Mal in Denglers Büro angerufen, und dort hieß es zu unserem großen Erstaunen: „Wenn es um die Lesselallee geht, sagen wir nichts ohne Einverständnis der Stadt.“ Das Einverständnis brauche man im Übrigen „schwarz auf weiß“, und ja, „das ist so üblich.“

Daraufhin haben wir versucht, jemanden bei der Stadt zu finden, der diese Erlaubnis zum Gespräch geben darf – am Dienstagnachmittag gelang das vorerst nicht. War aber auch wirklich kurzfristig unsere Anfrage, das geben wir gerne zu. Vielleicht klappt es ja am Mittwoch.

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Redeverbot für Gutachter?

Der Vorgang an sich ist indes höchst ungewöhnlich: In 17 Jahren politischem Journalismus ist uns das noch nie vorgekommen. Behördenleitern, ja, Schulleitern auch, hier wird schon mal von der obersten Spitze – für gewöhnlich das Ministerium – untersagt, mit der Presse zu reden. In jedem Fall soll dann verhindert werden, dass unliebsame Tatsachen oder Details ans Licht der Öffentlichkeit gelangen. So weit so schlecht – aber normal.

Oberer Eingang zur Lesselallee mit Zaun und Plakat - Foto Kirschstein
Aufbäumen, dazu ruft die Initiative zur Rettung der Kstanienallee auf – Foto: gik

Dass aber ein unabhängiger Gutachter seine Gutachten nicht zum Besten geben darf – das ist ein starkes Stück, schließlich sind wir hier ja nicht vor Gericht. Wir möchten wirklich gerne wissen, wer das verfügt hat – oder wie Gutachter Dengler zu dieser Einschätzung der Lage kommt. Eine Verdacht liegt dabei nahe: Liest man Denglers Gutachten zur Lesselallee nämlich genau, stellt man fest, der Baumexperte  spricht sich mitnichten für eine Fällung der einhundert Jahre alten Kastanien aus….

Die Stadt Wiesbaden argumentiert aber seit März diesen Jahres damit, dass Dengler die mehr als 70 Kastanien auf der Maaraue als krank und geschädigt begutachtet hätte, deshalb habe man die Lesselallee als nicht mehr verkehrssicher absperren müssen. Nun will die Stadt die Kastanien im Herbst komplett fällen und durch Flatterulmen ersetzen. Allerdings gibt es an deren Eignung für den Hochwasser-Standort auf der Maaraue deutliche Zweifel – unter anderem von Gutachter Dengler persönlich. Könnt Ihr hier nachlesen: „Brauchen die Ulmen einen Deich?“

Teilnahme von Ortsbeiratsmitgliedern abgelehnt

Die Gegner der Fällpläne werfen dem Wiesbadener Ordnungsdezernenten Oliver Franz (CDU) inzwischen vor, „den städtischen Gutachter vor kritischen und fachkundigen Nachfragen in der Öffentlichkeit abzuschirmen.“ Eine Begehung nicht-öffentlich zu gestalten, sei völlig unüblich, auch Denglers unentschuldigtes Fernbleiben im Umweltausschuss sei seltsam gewesen, sagt Marion Mück-Raab, parteilose Vertreterin der AUF im Ortsbeirat Kostheim und Initiatorin einer Facebook-Seite gegen die Fällpläne: Franz‘ agieren erinnere an „Tricksereien wie von Hütchenspielern.“

Schild Lesselallee Denkverbot - Foto privat
Schild Lesselallee Denkverbot – Foto privat

Harte Vorwürfe, aber tatsächlich verhält sich der Dezernent sehr heimlichtuerisch: Franz lehnte am Dienstag sowohl die Teilnahme von Mitgliedern des Kostheimer Ortsbeirats an der Begehung ab, trotz der ausdrücklichen Bitte darum – und er untersagte dem Vorsitzenden des Umweltausschusses Ronny Maritzen (Grüne), einen fachkundigen Begleiter mitzunehmen. Maritzen wollte sich von dem Baumsachverständigen Marko Wäldchen begleiten lassen, das habe Franz aus formalen Gründen abgelehnt, sagte er Mainz&.

Maritzen: Allee wird „niedergedenglert“

„Das ist für mich ein weiterer Beweis dafür, dass dem Dezernat nichts an einem fairen Verfahren liegt“, sagte Maritzen. Es finde keine Bürgerbeteiligung statt, andere Meinungen würden nicht beachtet. „Es geht darum, die Allee zu fällen, koste es, was es wolle“, sagte Maritzen, seine einzige Erklärung sei: „Jemand will eine andere Nutzung für die Maaraue“ als die jetzige als Lanschaftsschutz- und Erholungsgebiet. „Die Allee wird niedergedenglert“, kritisierte Maritzen. Ob dieses Attribut dem Gutachter gefällt?

Und die Vorwürfe werden schärfer: „Der Verdacht, dass es sich bei dem städtischen Gutachter Roland Dengler um einen von der Stadt gezielt eingekauften Gutachter handeln könnte, lässt sich kaum noch von der Hand weisen“, sagt Mück-Raab. Was befürchte Dezernent Franz denn, wenn Dengler mit einem Fachkollegen über den Zustand der Lesselallee diskutieren würde?“Unangenehme Fragen?“ fragt Mück-Raab.

Mück-Raab: Dengler wird vor Fragen geschützt

Oberer Eingang zur Lesselallee mit Zaun - Foto Kirschstein
Kein Eingang zur Lesselallee – Foto Kirschstein

Das ist in der Tat eine gute Frage, fehlte Dengler ja auch schon in der Sitzung des Umweltausschusses mit Baumexperte Ulrich Weihs – auch dort wurde über die inhaltlichen Aussagen Denglers nicht diskutiert, das könnt Ihr hier nachlesen.

Wir haben daraufhin mal den Baumgutachter Marko Wäldchen angerufen, weil wir wissen wollten, was die Teilnahme des Mannes denn so brisant machen könnte. Wäldchen ist ein ausgewiesener und vereidigter Sachgutachter für Bäume, und dazu ein Spezialist für alte Bäume und Alleen. Alte Alleen, sagte Wäldchen Mainz&, seien wichtige Biotope, hätten die Fähigkeit, Feinstäube zu binden und sorgten insgesamt für ein besseres Klima.

Baumgutachter Wäldchen: „Maulkorb“ unüblich

„Das Ziel einer solchen Allee muss die Erhaltung sein, gerade im Bereich einer Großstadt“, sagte Wäldchen, und wir ahnen langsam, warum diese Meinung in Wiesbaden nicht gehört werden will. Das Absägen eines Baumes, sagte Wäldchen weiter, “ ist das letzte aller Mittel – davor muss ich geprüft haben, ob ich denn eine Alternative habe.“ Wäldchen ist übrigens seit 1990 Gutachter für die Gesundheit und Verkehrssicherheit von Bäumen und Mitautor der gültigen Richtlinie für Baumuntersuchungen.

Die Tatsache, dass Kollege Dengler angeblich nur nach Genehmigung reden dürfe, erstaunte Wäldchen: „Nach meiner Erfahrung ist das nicht üblich, dass einem Sachverständigen ein Maulkorb verhängt wird“, sagte er Mainz&. „Wenn ich als Gutachter eine gezielte Frage fachlicher Art gestellt bekomme, dann habe ich ja erst einmal nicht eine Abwehrhaltung“, meinte er. Und es seien ja sehr viele Menschen für den Erhalt der Allee, von Seiten der Stadt werde aber offenbar „vehement das Ziel verfolgt, diese Allee zu beseitigen.“ Okay, wir wissen, was man gegen Herrn Wäldchen hat 😉

Mück-Raab: OB Gerich muss „unseriöses Spektakel beenden“

Mück-Raab spricht inzwischen von einem „unseriösen Spektakel“, das Dezernent Franz den Bürgern von Kostheim, aber auch dem städtischen Umweltausschuss biete. Franz beschädige damit “ die politische Kultur und das Vertrauen in Politik und Verwaltung in Wiesbaden nachhaltig“, dem dürften der Magistrat der Stadt Wiesbaden, aber auch Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) nicht länger tatenlos zuschauen. Haben wir hiermit weitergereicht 😉

Info& auf Mainz&: Die Initiative gegen die Fällung der mehr als 70 Kastanien auf der Maaraue ruft für den Donnerstag ab 15.00 Uhr zu Protestaktionen rund um die Begehung auf. Geplant sind Proteste an dem Zaun, der die Lesselallee seit März absperrt sowie eine Demonstration durch Kostheim. Für 19.00 Uhr ist eine Bürgerinformation im Kostheimer Bürgerhaus angesetzt. Dort will Dezernent Oliver Franz dann über die Pläne zur Lesselallee informieren, angeblich soll auch Gutachter Dengler dabei sein. Wir sind gespannt 😉

Mehr& auf Mainz&: Das ganze Interview mit dem Baumexperten Marko Wäldchen lest Ihr morgen auf Mainz&.

1 KOMMENTAR

  1. Gefälligkeits-Gutachter Roland Dengler (Berlin-Prenzlauer Berg 2008: 686 Traubenkirschen, Landesgartenschau Kitzingen 2009: 55 Pappeln, Halle 2012: 210 Bäume…usw.) scheint als „Konfliktmanger“ noch zu üben. So bietet er auf seiner Hompage „Mediatoring bei Baumkonflikten“…“zwischen Fachämtern und Bürgerinitiativen“ an…“Aus dieser Tätigkeit konnten wir zahlreiche Erfahrungen zur Konflikt-vermeidung und -bewältigung gewinnen.“ – Seine jetzige Konfliktvermeidung läßt tief blicken. Die BI`s ließen sich wohl nicht so einfach mediatoren!

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